Mi, 15:07 Uhr
04.10.2000
Ehrenamtliches Engagement in Nordhäuser Theater gewürdigt
Nordhausen (nnz). Die Stadt Nordhausen hatte zum 10. Jahrestag der deutschen Einheit viele ehrenamtlich tätigen Nordhäuser in das Theater zu einer Festveranstaltung eingeladen. Über 80 Vereine der Stadt folgten der Einladung durch Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD). Ein buntes Programm, dass durch Jugendgruppen bis hin zu einer Aufführung des Seniorenbegegnungszentrums gestaltet wurde, gab der Veranstaltung einen würdigen und passenden Rahmen. nnz veröffentlicht nachfolgen die Festrede von Barbara Rinke:
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
seien Sie herzlich willkommen an diesem Abend des 3. Oktober des Jahres 2000 hier im Theater Nordhausen. Beim Nachdenken über die Art und Weise, wie wir den 10. Geburtstag der neuen deutschen Republik begehen sollten, wurde mir schnell klar: Es muss etwas anderes sein als das bloße Singen der Hymne und der Streit darüber, wer die deutsche Einheit nun herbeigeführt hat. Denn ich denke, eins ist klar - das waren wir, die Ostdeutschen. Und diesen Anspruch lassen wir uns von niemandem streitig machen.
Meine Gedanken zu diesem Tag habe ich unter einen Ausspruch von Daniel Goeudevert gestellt "Mit Träumen beginnt die Realität". Und diese Träume begannen lange bevor die Politiker vor die Herausforderung der Gestaltung der deutschen Einheit gestellt worden sind. Viele Jahre bevor Politiker handelten, gab es mutige Arbeiter und Intellektuelle in Polen, die die Solidarnocs gründeten, gab es die Charta 77 mit Vaclav Havel in Prag, gingen die Ideen von Glasnost und Perestroika um die ganze Welt und es gab die vielen namenlosen Bürgerinnen und Bürger, die mit Gebeten und Kerzen, mit Geduld und Zähigkeit, mit aufrechtem Gang und Angstlosigkeit an der Verwirklichung ihrer Träume arbeiteten. Deshalb gilt heute an diesem Tag vor allen Dingen denen die Ehre, die den demokratischen Wandel seit dieser Zeit wesentlich mitgeprägt haben. Dank ihrer Besonnenheit und Verantwortung gelang die Wende zur Freiheit in Frieden.
10 Jahre sind eine lange Zeit. Für viele offenbar lang genug, um sich rückschauend mit dem Blick auf die Oberfläche zu begnügen. Wer weiß noch, was am 3. Oktober 1990 geschah, wer erinnert sich noch, dass wir damals zum Beitragsgebiet erklärt wurden, dass eine gesamtdeutsche Verfassung im Bereich des Möglichen lag? Inzwischen hat sich der 3. Oktober längst in den Freizeitköpfen verfestigt, nicht als Tag des sich Vergewisserns, ob wir auf dem richtigen Weg sind, sondern als ein Feiertag, der zum festen FREIE - TAGE - BESITZSTAND der Republik zählt. Die deutsche Vereinigung ist zum mühsamen Alltag geworden. Die Freudentränen vom 9.November 89 sind rasch im Sog der Vereinigungsbürokratie getrocknet. Auch in der vereinigten Republik gilt wieder der Satz "Privat geht vor Katastrophe".
Lassen Sie mich einen nüchternen Rückblick versuchen, denn wer die Zukunft gestalten will, darf die Vergangenheit nicht vergessen. Er muss die Wurzeln kennen, aus denen er kommt, aus denen sich unser Leben entfaltet.
Der bekannte Physiotherapeut Hans-Joachim Maaz schrieb 1990 in einem kritischen Buch über die damalige Gefühlsentwicklung der Menschen in der DDR "Alles wird anders! Ich muss mich für eine neue Zeitung entscheiden, muss Versicherungen abschließen, die Verwaltung meiner ganzen Existenz neu regeln, das ist alles lästig, vielfach verwirrend und verbunden mit einem Wust an Bürokratie, mit viel Zeit, Verunsicherung durch Unkenntnis und mit der Erfahrung, viele Fehler zu machen. Ich fühle mich wie ein Schüler, andere wissen alles besser und das kränkt mich sehr. Unser bisheriges Lebens gilt nichts mehr, durch die neuen Maßstäbe wird alles entwertet" - Ende des Zitats.
Das traf die Gefühlslage vieler Menschen - zum einen glücklich über die neue Freiheit, zum anderen schon wieder ferngesteuert, diesmal aus dem Westen. Da gab es bittere Wahrheiten. Einige davon standen im Einigungsvertrag. Bald wusste fast jeder, was Rückgabe vor Entschädigung bedeutete. Nach Öffnung der Stasi-Unterlagen erfuhren wir aus westdeutschen Medien, wie unser Leben wirklich gewesen sein sollte und oft genug verschlug es uns die Sprache. 1993 sorgte wieder erstarktes ostdeutsches Selbstvertrauen bundesweit für Aufsehen. Aus Gründen der Marktbereinigung schließt die Kasseler Kali und Salz AG den rentablen Thomas-Müntzer-Schacht in Bischofferode. Der halbjährige Hungerstreik der Kalikumpel bleibt ohne Erfolg. Ministerpräsident Bernhard Vogel spricht von der "Fratze des Kapitalismus" - ein Lehrstück über den Primat der Wirtschaft vor der Politik. Und mancher von uns erinnerte sich an Schulweisheiten, die längst verdrängt waren.
Obwohl viele Menschen diese Gefühlslage teilten, sahen sie mutig nach vorn, bewiesen Mut und Unternehmergeist, sahen nicht weg von den Problemen, sondern packten sie an. So wurden wir zu einer großen Lerngemeinschaft, die heute auf eine erstaunliche Erfolgsbilanz zurücksehen kann.
Nach 10 Jahren im vereinten Deutschland sehen unsere Städte und Dörfer anders aus. Der neue Glanz, in dem so viele Häuser jetzt erstrahlen, ist ein Beleg dafür. In einer unglaublichen Anstrengung der Menschen in Ostdeutschland wurde das gesamte Leben umgestaltet. Und an dieser Stelle möchte ich auch allen danken, die aus den alten Bundesländern zu uns kamen und uns mit Rat und Tat zur Seite standen. Es gab auch andere. Aber denen gebührt heute keine Aufmerksamkeit. Die Infrastruktur wurde verbessert. Es wurden Straßen erneuert, Kläranlagen gebaut, Telefonnetze erneuert, moderne Stadtwerke entstanden, Eigenheime entstanden, Wohnungen wurden saniert, Einkaufszentren schossen aus dem Boden hervor, Blockheizkraftwerke und Windparks zeugen von ökologischer Weitsicht, Kindergärten wurden rekonstruiert und nicht zuletzt wurden die historischen Stadtkerne vor dem drohenden Verfall bewahrt. All das geschah auch in Nordhausen. Darüber sind wir glücklich. Weiterhin wurden neue Gymnasien gebaut, entstanden Sporthallen, Freizeitzentren, Hotels und Kegelbahnen, Jugendklubs und Altenheime, Museum und Bibliothek wurden renoviert, wurde die Sanierung des Hallenbades in Angriff genommen, fährt die erste neue Straßenbahn in Nordhausen. Besonders glücklich waren wir als 1998 die Fachhochschule Nordhausen ihre Tore öffnete. Ist doch die Einheit von Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft und Kultur eine neue Chance für unsere gesamte Region. Und wie selbstverständlich studieren hier junge Menschen aus allen Teilen Deutschlands. Aber es wurde nicht nur gebaut. 10 Jahre Deutsche Einheit bedeuten zu aller erst und vor allem 10 Jahre äußere und innere Bewegungsfreiheit. Wir konnten endlich mit eigenen Augen sehen, was wir sonst nur aus dem Fernsehen kannten und aus Brieffreundschaften konnten echte Begegnungen werden. So blieb die Städtepartnerschaft mit Charleville-Mezieres keine Einbahnstraße mehr. Es begann ein regelmäßiger Austausch und es kamen neue Partnerschaften hinzu: Bet Shemesh, Bochum, Ostrow-Wielkopolski. Dieser regelmäßige Austausch über die Grenzen hinweg eröffnet neue Wege und lässt aus Fremden Vertrautes werden. Inzwischen ist es selbstverständlich geworden, dass unsere Kinder im Ausland lernen und studieren können. Vieles habe ich bei dieser Aufzählung vergessen. Nicht alles kann genannt werden.
Die 10 Jahre könnten sich wie eine reine Erfolgsgeschichte anhören, wäre da nicht das große Problem der Arbeit. Von 40.000 Arbeitsplätzen vor der Wende im Kreis unterlagen 35.000 dem Strukturwandel, d. h. nicht, sie entfielen ganz, aber in irgend einer Form entstanden sie neu. Sei es durch Betriebszusammenlegungen oder durch Übernahme. Da gleicht es trotzdem einem Wunder, dass heute allein in unserer Stadt wieder 24.000 Menschen einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz haben und dass inzwischen über 10.000 Einpendler in unserer Stadt eine Arbeit finden. Dennoch bleibt die Arbeitslosenquote von 17 Prozent das Schmerzlichste der nicht eingelösten Versprechen der Wiedervereinigung. Dass die Krise der Arbeitsgesellschaft an die Fundamente unseres Menschseins rührt, können viele bestätigen, die in diesen Jahren einen Arbeitsplatz verloren haben oder um ihn bangen müssen. Wir werden zunehmend begreifen, dass eine durchgängige Vollbeschäftigungsbiografie nicht mehr der Normalfall sein wird. Und da sind wir spätestens in Gesamtdeutschland angekommen.
Der Wert unseres Lebens wird nicht auf der Karriereleiter, sondern liegt begründet in der Würde des Menschen, in der Würde jedes einzelnen und hier darf der Markt nicht hineinregieren, denn für ihn zählt nur, was sich auch zählen lässt. Werte wie Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit sind ihm fremd. Das ist Aufgabe der Politik und jedes einzelnen mündigen Bürgers.
Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, haben in den letzten 10 Jahren durch Ihr ehrenamtliches Engagement bewiesen, dass es sich lohnt, unser Gemeinwesen mit zu gestalten. Sie haben Ihr Wissen, Ihre Kraft, Ihre Zeit und manchmal auch ein Stück Herzblut mit eingebracht, damit das Leben in Nordhausen schöner, reicher und bunter wird. In über 80 Vereinen arbeiten Menschen ehrenamtlich zusammen. Das ist ein großer Reichtum und durch nichts zu ersetzen. Wir haben unglaublich viel geschaffen in dieser ersten Dekade des neuen Deutschlands und es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns. Das soll uns Ansporn sein, weiterzumachen. Mit Tatkraft, Freude und manchmal auch einen Schuss Humor sollten wir die nächste Etappe angehen.
Werden Sie nicht müde. Der Widerspruch zwischen Wollen und Vollbringen, zwischen Schein und Sein, zwischen hohem Anspruch und ausbleibender Einlösung darf uns nicht lähmen. Meine Damen und Herren, mit Träumen beginnt die Realität.
Wie sonst soll es uns gelingen, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint.
Autor: psgMeine sehr geehrten Damen und Herren,
seien Sie herzlich willkommen an diesem Abend des 3. Oktober des Jahres 2000 hier im Theater Nordhausen. Beim Nachdenken über die Art und Weise, wie wir den 10. Geburtstag der neuen deutschen Republik begehen sollten, wurde mir schnell klar: Es muss etwas anderes sein als das bloße Singen der Hymne und der Streit darüber, wer die deutsche Einheit nun herbeigeführt hat. Denn ich denke, eins ist klar - das waren wir, die Ostdeutschen. Und diesen Anspruch lassen wir uns von niemandem streitig machen.
Meine Gedanken zu diesem Tag habe ich unter einen Ausspruch von Daniel Goeudevert gestellt "Mit Träumen beginnt die Realität". Und diese Träume begannen lange bevor die Politiker vor die Herausforderung der Gestaltung der deutschen Einheit gestellt worden sind. Viele Jahre bevor Politiker handelten, gab es mutige Arbeiter und Intellektuelle in Polen, die die Solidarnocs gründeten, gab es die Charta 77 mit Vaclav Havel in Prag, gingen die Ideen von Glasnost und Perestroika um die ganze Welt und es gab die vielen namenlosen Bürgerinnen und Bürger, die mit Gebeten und Kerzen, mit Geduld und Zähigkeit, mit aufrechtem Gang und Angstlosigkeit an der Verwirklichung ihrer Träume arbeiteten. Deshalb gilt heute an diesem Tag vor allen Dingen denen die Ehre, die den demokratischen Wandel seit dieser Zeit wesentlich mitgeprägt haben. Dank ihrer Besonnenheit und Verantwortung gelang die Wende zur Freiheit in Frieden.
10 Jahre sind eine lange Zeit. Für viele offenbar lang genug, um sich rückschauend mit dem Blick auf die Oberfläche zu begnügen. Wer weiß noch, was am 3. Oktober 1990 geschah, wer erinnert sich noch, dass wir damals zum Beitragsgebiet erklärt wurden, dass eine gesamtdeutsche Verfassung im Bereich des Möglichen lag? Inzwischen hat sich der 3. Oktober längst in den Freizeitköpfen verfestigt, nicht als Tag des sich Vergewisserns, ob wir auf dem richtigen Weg sind, sondern als ein Feiertag, der zum festen FREIE - TAGE - BESITZSTAND der Republik zählt. Die deutsche Vereinigung ist zum mühsamen Alltag geworden. Die Freudentränen vom 9.November 89 sind rasch im Sog der Vereinigungsbürokratie getrocknet. Auch in der vereinigten Republik gilt wieder der Satz "Privat geht vor Katastrophe".
Lassen Sie mich einen nüchternen Rückblick versuchen, denn wer die Zukunft gestalten will, darf die Vergangenheit nicht vergessen. Er muss die Wurzeln kennen, aus denen er kommt, aus denen sich unser Leben entfaltet.
Der bekannte Physiotherapeut Hans-Joachim Maaz schrieb 1990 in einem kritischen Buch über die damalige Gefühlsentwicklung der Menschen in der DDR "Alles wird anders! Ich muss mich für eine neue Zeitung entscheiden, muss Versicherungen abschließen, die Verwaltung meiner ganzen Existenz neu regeln, das ist alles lästig, vielfach verwirrend und verbunden mit einem Wust an Bürokratie, mit viel Zeit, Verunsicherung durch Unkenntnis und mit der Erfahrung, viele Fehler zu machen. Ich fühle mich wie ein Schüler, andere wissen alles besser und das kränkt mich sehr. Unser bisheriges Lebens gilt nichts mehr, durch die neuen Maßstäbe wird alles entwertet" - Ende des Zitats.
Das traf die Gefühlslage vieler Menschen - zum einen glücklich über die neue Freiheit, zum anderen schon wieder ferngesteuert, diesmal aus dem Westen. Da gab es bittere Wahrheiten. Einige davon standen im Einigungsvertrag. Bald wusste fast jeder, was Rückgabe vor Entschädigung bedeutete. Nach Öffnung der Stasi-Unterlagen erfuhren wir aus westdeutschen Medien, wie unser Leben wirklich gewesen sein sollte und oft genug verschlug es uns die Sprache. 1993 sorgte wieder erstarktes ostdeutsches Selbstvertrauen bundesweit für Aufsehen. Aus Gründen der Marktbereinigung schließt die Kasseler Kali und Salz AG den rentablen Thomas-Müntzer-Schacht in Bischofferode. Der halbjährige Hungerstreik der Kalikumpel bleibt ohne Erfolg. Ministerpräsident Bernhard Vogel spricht von der "Fratze des Kapitalismus" - ein Lehrstück über den Primat der Wirtschaft vor der Politik. Und mancher von uns erinnerte sich an Schulweisheiten, die längst verdrängt waren.
Obwohl viele Menschen diese Gefühlslage teilten, sahen sie mutig nach vorn, bewiesen Mut und Unternehmergeist, sahen nicht weg von den Problemen, sondern packten sie an. So wurden wir zu einer großen Lerngemeinschaft, die heute auf eine erstaunliche Erfolgsbilanz zurücksehen kann.
Nach 10 Jahren im vereinten Deutschland sehen unsere Städte und Dörfer anders aus. Der neue Glanz, in dem so viele Häuser jetzt erstrahlen, ist ein Beleg dafür. In einer unglaublichen Anstrengung der Menschen in Ostdeutschland wurde das gesamte Leben umgestaltet. Und an dieser Stelle möchte ich auch allen danken, die aus den alten Bundesländern zu uns kamen und uns mit Rat und Tat zur Seite standen. Es gab auch andere. Aber denen gebührt heute keine Aufmerksamkeit. Die Infrastruktur wurde verbessert. Es wurden Straßen erneuert, Kläranlagen gebaut, Telefonnetze erneuert, moderne Stadtwerke entstanden, Eigenheime entstanden, Wohnungen wurden saniert, Einkaufszentren schossen aus dem Boden hervor, Blockheizkraftwerke und Windparks zeugen von ökologischer Weitsicht, Kindergärten wurden rekonstruiert und nicht zuletzt wurden die historischen Stadtkerne vor dem drohenden Verfall bewahrt. All das geschah auch in Nordhausen. Darüber sind wir glücklich. Weiterhin wurden neue Gymnasien gebaut, entstanden Sporthallen, Freizeitzentren, Hotels und Kegelbahnen, Jugendklubs und Altenheime, Museum und Bibliothek wurden renoviert, wurde die Sanierung des Hallenbades in Angriff genommen, fährt die erste neue Straßenbahn in Nordhausen. Besonders glücklich waren wir als 1998 die Fachhochschule Nordhausen ihre Tore öffnete. Ist doch die Einheit von Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft und Kultur eine neue Chance für unsere gesamte Region. Und wie selbstverständlich studieren hier junge Menschen aus allen Teilen Deutschlands. Aber es wurde nicht nur gebaut. 10 Jahre Deutsche Einheit bedeuten zu aller erst und vor allem 10 Jahre äußere und innere Bewegungsfreiheit. Wir konnten endlich mit eigenen Augen sehen, was wir sonst nur aus dem Fernsehen kannten und aus Brieffreundschaften konnten echte Begegnungen werden. So blieb die Städtepartnerschaft mit Charleville-Mezieres keine Einbahnstraße mehr. Es begann ein regelmäßiger Austausch und es kamen neue Partnerschaften hinzu: Bet Shemesh, Bochum, Ostrow-Wielkopolski. Dieser regelmäßige Austausch über die Grenzen hinweg eröffnet neue Wege und lässt aus Fremden Vertrautes werden. Inzwischen ist es selbstverständlich geworden, dass unsere Kinder im Ausland lernen und studieren können. Vieles habe ich bei dieser Aufzählung vergessen. Nicht alles kann genannt werden.
Die 10 Jahre könnten sich wie eine reine Erfolgsgeschichte anhören, wäre da nicht das große Problem der Arbeit. Von 40.000 Arbeitsplätzen vor der Wende im Kreis unterlagen 35.000 dem Strukturwandel, d. h. nicht, sie entfielen ganz, aber in irgend einer Form entstanden sie neu. Sei es durch Betriebszusammenlegungen oder durch Übernahme. Da gleicht es trotzdem einem Wunder, dass heute allein in unserer Stadt wieder 24.000 Menschen einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz haben und dass inzwischen über 10.000 Einpendler in unserer Stadt eine Arbeit finden. Dennoch bleibt die Arbeitslosenquote von 17 Prozent das Schmerzlichste der nicht eingelösten Versprechen der Wiedervereinigung. Dass die Krise der Arbeitsgesellschaft an die Fundamente unseres Menschseins rührt, können viele bestätigen, die in diesen Jahren einen Arbeitsplatz verloren haben oder um ihn bangen müssen. Wir werden zunehmend begreifen, dass eine durchgängige Vollbeschäftigungsbiografie nicht mehr der Normalfall sein wird. Und da sind wir spätestens in Gesamtdeutschland angekommen.
Der Wert unseres Lebens wird nicht auf der Karriereleiter, sondern liegt begründet in der Würde des Menschen, in der Würde jedes einzelnen und hier darf der Markt nicht hineinregieren, denn für ihn zählt nur, was sich auch zählen lässt. Werte wie Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit sind ihm fremd. Das ist Aufgabe der Politik und jedes einzelnen mündigen Bürgers.
Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, haben in den letzten 10 Jahren durch Ihr ehrenamtliches Engagement bewiesen, dass es sich lohnt, unser Gemeinwesen mit zu gestalten. Sie haben Ihr Wissen, Ihre Kraft, Ihre Zeit und manchmal auch ein Stück Herzblut mit eingebracht, damit das Leben in Nordhausen schöner, reicher und bunter wird. In über 80 Vereinen arbeiten Menschen ehrenamtlich zusammen. Das ist ein großer Reichtum und durch nichts zu ersetzen. Wir haben unglaublich viel geschaffen in dieser ersten Dekade des neuen Deutschlands und es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns. Das soll uns Ansporn sein, weiterzumachen. Mit Tatkraft, Freude und manchmal auch einen Schuss Humor sollten wir die nächste Etappe angehen.
Werden Sie nicht müde. Der Widerspruch zwischen Wollen und Vollbringen, zwischen Schein und Sein, zwischen hohem Anspruch und ausbleibender Einlösung darf uns nicht lähmen. Meine Damen und Herren, mit Träumen beginnt die Realität.
Wie sonst soll es uns gelingen, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint.


