Sa, 08:31 Uhr
19.04.2014
Die Prosa Sarah Kirschs
Am kommenden Samstag (26. April) werden im Geburtshaus der vor einem Jahr am 5. Mai verstorbenen Dichterin Sarah Kirsch ab 14.30 Uhr ihre Prosatexte erklingen. Bis dato wurde sie von den Mitgliedern des Fördervereins überwiegend als Lyrikerin vorgestellt, was auch allgemein als ihre große Stärke angesehen wird...
Eigentlich schreibe ich immer, ließ die Kirsch die Leser in einem Prosatext wissen. Nach ihrem Tod wollen zahlreiche an ihr Interessierte verstärkt wissen, wie sie gelebt hat. In ihren erzählenden Texten liest man darüber etwas mehr als in der Lyrik. Allerdings ist es ein Trugschluss zu denken, da erfahre man ihr Leben in den tatsächlichen Abläufen. Sie ist immer eine Literatin.
Wir stellen am Sonnabend folgende Bücher vor: Die Pantherfrau, Schwingrasen, Tatarenhochzeit, La Pagerie und Allerleih-Rauh. Sarah Kirsch hat in ihren jungen Jahren auch als Journalistin gearbeitet. Von dieser Art der Herangehensweise zeugt die Pantherfrau. Dieses Buch entstand auf Anregung des Aufbau Verlages Berlin und Weimar, erschien im Frühsommer 1974 und war nach wenigen Tagen vergriffen. Bereits im Herbst kam die zweite Auflage heraus. 1975 erschienen diese Fünf Erzählungen aus dem Kassettenrecorder in einer westdeutschen Lizenzausgabe, fanden aber damals dort kaum Resonanz.
Die Methode Sarah Kirschs, mit Tonbandaufzeichnungen Literatur zu schaffen, war in der DDR etwas Neues. Der Text steht zwischen der literarischen Porträtliteratur und der Dokumentar-literatur. 1971/72 war die junge Frau mit dem Kassettenrecorder unterwegs gewesen und hatte mit fünf sehr unterschiedlichen Frauen gesprochen, sie hätte, so ihre Verlautbarung, das Gesprochene nicht verändert. Aber, das wirkt nur so, die Autorin tritt nicht völlig in den Hintergrund. In Limlingerode wird die Titelgeschichte einer Dompteuse in Auszügen vorgestellt. Mit dieser Schreibweise wurde Sarah Kirsch für mehrere Schriftstellerinnen Vorbild, z. B. für Maxie Wanders Guten Morgen, Du Schöne.
In Schwingrasen erfahren wir etwas über Sarah Kirschs Zeit in Halle, wo sie ihren Mann Rainer Kirsch kennenlernte und bei ihr das Dichten seinen Anfang nahm in der Rathausstraße 7, im Hinterhof, im Seitenflügel rechts über einer Weinkelterei, deren Gerüche sie begleiteten. Ins Stuckgewölb ... Es handelte sich um hohe Räume mit gebogenen Fenstern, durch die das Mondlicht jetzt fiel ... Die gekachelte Herrschaftsküche in H. mit dem Geruch der Weinkelterei.
Fischerinsel in Berlin (Foto: Archiv Kneffel)
Wir erleben mit, wie sich die Liebe abkühlt, sie nennt ihn Prinz Herzlos. Um ihm zu entkommen, verlegt sie, wenn irgend möglich, ihr Schreibzimmer von der Rathausstraße auf den unweit der Wohnung gelegenen Stadtgottesacker aus der Renaissance, in die Nähe eines Grabsteins, den ein üppiger Orangenbaum schmückt.
Sarah Kirsch zog es nach ihrer Scheidung von Rainer Kirsch nach Ost-Berlin, dort lebte der Vater ihres noch ungeborenen Kindes, Karl Mickel, ein Stückeschreiber, Librettist, Dramaturg am Berliner Ensemble, an der Staatsoper in Berlin und anderen Häusern. Die Verbindung dauerte, von Höhen und Tiefen gekennzeichnet, bis Anfang 1974. Die ihr Kind Erwartende lebte anfangs sehr spartanisch am Prenzlauer Berg. Anfang der 1970-er Jahre wurden die Hochhäuser auf der Fischerinsel, dem südlichen Teil der Spreeinsel im Berliner Bezirk Mitte, erbaut und Mutter und Sohn Moritz erhielten eine Zweizimmerwohnung in der Nr. 9, 17. Stock. Oder schnell in die Wohnmaschine Fischerinsel mal rein – da fällt mir ne Gänsehaut zu und das Würgen sitzt mir im Halse ... Kein Verständnis für Beton niemals und nirgends.
Rathausstraße Halle (Foto: Archiv Kneffel)
Im Bändchen Tatarenhochzeit, den Prosaminiaturen von ihrem Leben Mitte der 1970-er Jahre in Ostberlin, verbindet Sarah Kirsch ihr autobiographisches Erzählen über diese für sie ziemlich dramatisch ablaufende Lebensphase, geschickt mit ihrer von Franz Fühmann angeregten Tatarenhochzeit, die sie aus dem Russischen übertragen hat.
In La Pagerie schwärmt sie von einer Reise mit ihrem neuen Lebensgefährten, einem Tonsetzer, durch das südliche Frankreich. Sie leben auf einem Schlösschen in der Provence, ... einer Landschaft, in der Geschichte noch lebendig ist. In Allerleih-Rauh springt sie vom Leben in Tielenhemme im Norden der BRD, einer im ersten Betrachten eintönigen Landschaft, zurück in das in der DDR. Besonders erinnert sie sich an einen Sommer in Mecklenburg.
Heidelore Kneffel
Autor: redEigentlich schreibe ich immer, ließ die Kirsch die Leser in einem Prosatext wissen. Nach ihrem Tod wollen zahlreiche an ihr Interessierte verstärkt wissen, wie sie gelebt hat. In ihren erzählenden Texten liest man darüber etwas mehr als in der Lyrik. Allerdings ist es ein Trugschluss zu denken, da erfahre man ihr Leben in den tatsächlichen Abläufen. Sie ist immer eine Literatin.
Wir stellen am Sonnabend folgende Bücher vor: Die Pantherfrau, Schwingrasen, Tatarenhochzeit, La Pagerie und Allerleih-Rauh. Sarah Kirsch hat in ihren jungen Jahren auch als Journalistin gearbeitet. Von dieser Art der Herangehensweise zeugt die Pantherfrau. Dieses Buch entstand auf Anregung des Aufbau Verlages Berlin und Weimar, erschien im Frühsommer 1974 und war nach wenigen Tagen vergriffen. Bereits im Herbst kam die zweite Auflage heraus. 1975 erschienen diese Fünf Erzählungen aus dem Kassettenrecorder in einer westdeutschen Lizenzausgabe, fanden aber damals dort kaum Resonanz.
Die Methode Sarah Kirschs, mit Tonbandaufzeichnungen Literatur zu schaffen, war in der DDR etwas Neues. Der Text steht zwischen der literarischen Porträtliteratur und der Dokumentar-literatur. 1971/72 war die junge Frau mit dem Kassettenrecorder unterwegs gewesen und hatte mit fünf sehr unterschiedlichen Frauen gesprochen, sie hätte, so ihre Verlautbarung, das Gesprochene nicht verändert. Aber, das wirkt nur so, die Autorin tritt nicht völlig in den Hintergrund. In Limlingerode wird die Titelgeschichte einer Dompteuse in Auszügen vorgestellt. Mit dieser Schreibweise wurde Sarah Kirsch für mehrere Schriftstellerinnen Vorbild, z. B. für Maxie Wanders Guten Morgen, Du Schöne.
In Schwingrasen erfahren wir etwas über Sarah Kirschs Zeit in Halle, wo sie ihren Mann Rainer Kirsch kennenlernte und bei ihr das Dichten seinen Anfang nahm in der Rathausstraße 7, im Hinterhof, im Seitenflügel rechts über einer Weinkelterei, deren Gerüche sie begleiteten. Ins Stuckgewölb ... Es handelte sich um hohe Räume mit gebogenen Fenstern, durch die das Mondlicht jetzt fiel ... Die gekachelte Herrschaftsküche in H. mit dem Geruch der Weinkelterei.
Fischerinsel in Berlin (Foto: Archiv Kneffel)
Wir erleben mit, wie sich die Liebe abkühlt, sie nennt ihn Prinz Herzlos. Um ihm zu entkommen, verlegt sie, wenn irgend möglich, ihr Schreibzimmer von der Rathausstraße auf den unweit der Wohnung gelegenen Stadtgottesacker aus der Renaissance, in die Nähe eines Grabsteins, den ein üppiger Orangenbaum schmückt. Sarah Kirsch zog es nach ihrer Scheidung von Rainer Kirsch nach Ost-Berlin, dort lebte der Vater ihres noch ungeborenen Kindes, Karl Mickel, ein Stückeschreiber, Librettist, Dramaturg am Berliner Ensemble, an der Staatsoper in Berlin und anderen Häusern. Die Verbindung dauerte, von Höhen und Tiefen gekennzeichnet, bis Anfang 1974. Die ihr Kind Erwartende lebte anfangs sehr spartanisch am Prenzlauer Berg. Anfang der 1970-er Jahre wurden die Hochhäuser auf der Fischerinsel, dem südlichen Teil der Spreeinsel im Berliner Bezirk Mitte, erbaut und Mutter und Sohn Moritz erhielten eine Zweizimmerwohnung in der Nr. 9, 17. Stock. Oder schnell in die Wohnmaschine Fischerinsel mal rein – da fällt mir ne Gänsehaut zu und das Würgen sitzt mir im Halse ... Kein Verständnis für Beton niemals und nirgends.
Rathausstraße Halle (Foto: Archiv Kneffel)
Im Bändchen Tatarenhochzeit, den Prosaminiaturen von ihrem Leben Mitte der 1970-er Jahre in Ostberlin, verbindet Sarah Kirsch ihr autobiographisches Erzählen über diese für sie ziemlich dramatisch ablaufende Lebensphase, geschickt mit ihrer von Franz Fühmann angeregten Tatarenhochzeit, die sie aus dem Russischen übertragen hat. In La Pagerie schwärmt sie von einer Reise mit ihrem neuen Lebensgefährten, einem Tonsetzer, durch das südliche Frankreich. Sie leben auf einem Schlösschen in der Provence, ... einer Landschaft, in der Geschichte noch lebendig ist. In Allerleih-Rauh springt sie vom Leben in Tielenhemme im Norden der BRD, einer im ersten Betrachten eintönigen Landschaft, zurück in das in der DDR. Besonders erinnert sie sich an einen Sommer in Mecklenburg.
Heidelore Kneffel


