Fr, 07:00 Uhr
04.04.2014
Lichtblick: Überraschungen
Ich liebe es, Menschen mit der Bibel zu überraschen. Wenn ein junges Paar zu mir kommt und heiraten will, sage ich: Suchen Sie sich selber einen Trauspruch raus. Im Internet finden Sie viele gute Vorschläge...
Manche finden dieses schöne Bibelwort aus dem Buch Ruth: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.
Ich frage dann: Raten Sie mal: Wer sagt das zu wem: Sie zu ihm oder er zu ihr? Scheinbar gibt es nur zwei Möglichkeiten – aber dann kommt die große Überraschung: Es geht gar nicht um ein Eheversprechen!
Die Schwiegertochter sagt es zu ihrer Schwiegermutter! – und das auch noch freiwillig! Da ist nicht selten das Erstaunen groß. Schließlich haben die beiden ein Bibelwort für sich herausgesucht. Für sich und ihre Liebe! Was um alles in der Welt hat da die Schwiegermutter verloren? Was ist dran an diesen Worten der Ruth, dass sich Menschen bis heute davon berühren lassen? Zunächst einmal ist das Buch Ruth so ganz anders als die beiden Bücher vorher.
Es ist ein Buch voller Alltag. Ein Alltag, der uns im Osten auch noch sehr nahe ist. Noomi war mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen aus Bethlehem in Israel in das Nachbarland Moab ausgewandert. Der Grund war eine Hungersnot. Heutzutage heißt das Wirtschaftskrise. Wie viele kennen wir, die auch wegen wirtschaftlicher Gründe aus ihrem Heimatort wegziehen, um woanders eine Arbeit zu finden.
Aber statt Wohlstand erwartet die Familie der Ruth dort ein schweres Schicksal.
Zunächst stirbt Noomis Mann. Sie ist nun allein mit ihren Söhnen. Die beiden Söhne heiraten. Ruth und Orpa heißen die beiden Frauen. Aber nach zehn Jahren sterben die beiden Söhne auch. Nun stehen die drei Frauen alleine da. Es ist ein Buch voller Alltag. Aber auch voller Schicksal. Wo ist Gott in diesem Buch zu finden? Kein großes Wunder wird berichtet.
Die Sonne steht nicht einen ganzen Tag lang still wie im Buch Josua, als der Heerführer befiehlt: Sonne, steh still!
Aber uns könnte das Herz still stehen, wenn wir vom Unglück der drei Frauen Noomi, Ruth und Orpa lesen. Kurz hintereinander sterben ihre Männer und sie stehen als Witwen hilflos da – ohne Ernährer und ohne Beschützer. Wie hilflos Witwen damals waren, ist uns heute nicht so deutlich.
Es gibt im Buch Ruth auch keinen Superhelden wie den Richter Gideon, der mit bloßen Händen einen Löwen zerreißt. Aber wir ahnen, wie es dieser Mutter namens Noomi das Herz zerrissen hat, als sie nach ihrem Mann auch noch ihre beiden Söhne verliert.
Noomi sieht in Moab keine Perspektive mehr und zieht zurück nach Bethlehem – in den Ort, aus dem sie vor Jahren mit ihrem Mann weggezogen ist. Die Schwiegertöchter begleiten sie bis zur Grenze. Orpa entschließt sich, in ihrem Land Moab und bei ihrer Verwandtschaft zu bleiben. Sie kehrt an der Grenze um.
Aber Ruth weigert sich, ihre Schwiegermutter zu verlassen. Als Noomi ihr eindringlich nahelegt, sich um sich selber zu kümmern und einen Mann zu suchen und eine neue Familie zu gründen, da wird die Schwiegertochter gefühlt ein bisschen patzig:
Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.
Sie schwört es ihrer Schwiegermutter: Ich bleibe bei Dir und lasse Dich nicht im Stich! Und wenn ich dieses feste Versprechen nicht einhalte, soll Gott mich bestrafen! Was imponiert an diesen Worten, dass man sie als Trauspruch will?
Wir spüren die tiefe Verbundenheit hinter diesen Worten. Diese Verbundenheit wünscht sich jeder Mensch für sein Leben. Das wünschen wir uns auch für unsere Ehen. Ruth mach durch ihren Schwur deutlich, was eine tragfähige Liebe auszeichnet: DU stehst an erster Stelle.
Das ist das Geheimnis einer gelingenden Beziehung:
das DU – der / die andere – nicht das ICH steht an erster Stelle.
Ruth denkt zuerst an ihre Schwiegermutter. Damals gab es keine staatliche Rente. Eine Witwe war mittellos – es sei denn, sie fand noch einen Mann, der sie heiratete.
Ruth ist auch Witwe. Sie hat selber genug Probleme! Aber sie will sich um ihre alte Schwiegermutter kümmern und sie versorgen. Sie stellt ihre eigenen Probleme hinten an. Sie trifft dafür eine folgenschwere Entscheidung: Sie verlässt das Gewohnte. Sie verlässt ihre Heimat, ihre Verwandten.
Alles um ihrer Schwiegermutter willen. Auch, was sie seelisch auf sich nimmt, ist alles andere als leicht. Denn Noomi ist so vom Leben enttäuscht, dass sie sich einen anderen Namen gibt: Denn kaum war sie in Bethlehem angekommen, versetzte die Nachricht von ihrer Rückkehr die ganze Stadt in Aufregung. Die Frauen riefen laut: Ja, ist es möglich? Kann das Noomi sein?! Sie aber entgegnete nur: Nennt mich nicht mehr ‚Noomi‘, nennt mich ‚Mara‘, denn der Herr hat mein Leben bitter gemacht. Wir hatten alles, als wir von hier fortzogen, doch jetzt hat mich der Herr mit nichts zurückkehren lassen. Warum solltet ihr mich also noch ‚Noomi‘ nennen? Schließlich hat sich der Allmächtige gegen mich gewandt und mir nur Unglück zu gedacht!
Typisch verbitterter Mensch: Noomi und ihre Familie sind aus Bethlehem weggezogen, weil sie nicht genug hatten. Jetzt ist auf einmal das Schlechte von Damals besser als das Heute! Der Name Noomi bedeutet die Holde. Also war sie eine schöne, anmutige Frau gewesen.
Vielleicht von den anderen Frauen beneidet? Aber nun sagt sie: Ich bin nicht mehr ‚Noomi‘, die Holde, sondern ‚Mara‘, die Verbitterte! Ich glaube, wir ahnen, was Ruth da auf sich genommen hat, als sie ihrer Schwiegermutter schwor, bei ihr zu bleiben. Denn verbitterte Menschen sind schwer zu ertragen.
Wir können nur Bewunderung für Ruth empfinden. Aber noch mehr wundere ich mich, dass sie sogar die Religion wechselt!
Wie gesagt, Ruth ist Moabiterin. Sie kannte andere Götter, bevor sie ihren ersten Mann heiratete, den Mann aus Israel, der an den HERRN, den Gott Israels glaubte. Nun aber erlebt sie das Leid, dass erst ihr Schwiegervater stirbt – der auch an diesen Gott glaubte. Dann sterben ihr Mann und ihr Schwager.
Wie viele Menschen klagen bei so einem Schicksal: Da kann es keinen Gott geben! Na gut, zur Zeit Ruths war der Atheismus noch nicht erfunden. Jedes Volk hatte seine Götter. Aber Ruth hätte auch sagen können: Dieser Gott meines Mannes und meiner Schwiegereltern taugt auch nicht viel!
Aber sie ist anders. Wir wissen nicht, was sie bewegt hat, an den Gott Israels zu glauben. Wir erfahren nicht warum sie bereit ist, sich dem Gott hinzugeben, dem wir auch vertrauen.
Aber sie schwört ihrer Schwiegermutter einen Eid – und gibt sich mit diesem Eid nicht nur ihrer Schwiegermutter hin. Sie gibt sich dem Gott der Israeliten hin. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Und das trotz ihres Leides. Trotz der Fragen an das Schicksal, die sie sicher auch hatte. Irgendetwas war am Glauben Israels, das sie angezogen hat.
An Ruth können wir ganz neu lernen: Leid und schwere Schicksale sind ein Grund zum Zweifeln – aber kein Hindernis, um trotzdem zu vertrauen:
Gott ist nahe. Im Alltag, im Leid, im Leben und im Sterben.
Bleiben wir noch ein bisschen bei dem Thema: Gott ist auch mitten in unserem Alltag erfahrbar. Zum Alltag der Witwen gehörte es, dass sie selbst sehen mussten, wie sie klar kommen. Vor allem, wenn sie keine Kinder hatten, die für sie sorgten. Im Gesetz, das Mose Israel gab, war vorgeschrieben, dass bei der Ernte die Felder nicht zu 100% bis auf den letzten Halm und das letzte Korn abgeerntet werden sollten. Was an den Rändern stand oder vergessen wurde, sollte den Witwen und Waisen gehören.
Ruth muss in Bethlehem aufgefallen sein als schöne Frau. Das kommt zwischen den Zeilen mal durch. Aber sie wartet nicht, dass ihr jemand Almosen bringt, sondern sie macht sich auf den Weg um Ähren aufzusammeln, die liegen bleiben und nach dem Gesetz den Witwen gehören.
Und diese harte Arbeit nimmt Ruth für sich und ihre Schwiegermutter auf sich. Sei sammelt die abgefallenen Ähren ein. Zufällig gehörte dieser Acker Boas, der aus der Familie Elimelechs war.
Was für ein Zufall! Luther übersetzt: es traf sich, dass dies Feld dem Boas gehörte, der von dem Geschlecht Elimelechs war, in einer anderen Übersetzung steht: Dabei fügte es sich so, dass sie auf ein Feld geriet, das Boas gehörte, dem Verwandten von Elimelech.
Es traf sich, es fügte sich – hier wird angedeutet, es geht um mehr als bloßen Zufall. Gott steht dahinter. Mitten in dieser schweren Arbeit in der Hitze des Tages spinnt Gott leise Fäden.
Denn auf diesen Feldern begegnet Ruth Boas. Er wird auf sie aufmerksam und es scheint sich zwischen den beiden etwas anzubahnen. Denn er bietet ihr an, mit seinen Arbeitern zu essen und zu trinken. Außerdem gibt er die Devise aus: Behandelt sie freundlich! Lasst ein bisschen mehr liegen für sie. Und wehe, einer von euch kommt ihr dumm! Na, werden die Knechte gedacht haben, der Chef ist ganz schön hingerissen von der Frau. Ob sich da was anbahnt? Was sich anbahnt ist erst einmal: am Abend hat Ruth ein Efa Ähren aufgesammelt. Das waren 40 Liter.
Wenn ich mich nicht täusche, fast ein Zentner. Das musste sie nun nach Hause bringen. Sie und ihre Schwiegermutter waren an diesem Abend und darüber hinaus gut versorgt. Denn Ruth war von Boas höchstpersönlich eingeladen worden, weiter auf seinen Feldern Ähren aufzusammeln.
Und Noomi ahnt, dass sich ganz sacht am Horizont ein Hoffnungsschimmer zeigt. Denn Boas gehört zu den Lösern. Im Buch Die Geschichte wird uns erklärt, was ein Löser ist: Die Familie Elimelechs besaß noch einen Acker in der Gemarkung von Bethlehem. Nach jüdischem Gesetz muss der Grundbesitz einer Familie bleiben, wenn er aus irgendeiner Not heraus verkauft werden musste. Daher ist der nächste Verwandte einer solchen Familie verpflichtet, diesen Grundbesitz zu erwerben – ihn auszulösen. Und das ist der Löser. Gleichzeitig ging er auch die Verpflichtung ein, die zurückgebliebenen weiblichen Erben zu versorgen (bzw. zu heiraten).
Boas gehört zu den Lösern. Ein Hoffnungsschimmer, ahnt Noomi. Könnte es sein, dass sich hier etwas anbahnt, – dass Gott hier etwas anbahnt, um Noomi und Ruth aus ihrer Tiefe herauszuholen? Es traf sich – es fügte sich: Gott fügte es.
Der Gott fügte es, den Ruth zunächst nicht kannte. Den sie aber durch ihre erste Ehe kennenlernte.
Der Gott, der sie nicht vor dem Leid bewahrte.
Der Gott, dem sie sich trotzdem anvertraute mit den Worten: Dein Gott ist mein Gott.
Der Gott fügt und führt, der ihre Treue nicht vergisst und ihr nun zur Zuflucht wird. Wie sagt Boas zu ihr bei ihrer ersten Begegnung: Boas wusste um Ruth, bevor er sie traf auf seinen Feldern. Im ganzen Ort erzählte man von ihr, ihrer Treue zur Schwiegermutter, ihrer Schönheit – und dass sie den Glauben gewechselt hat. Er sagt zu ihr: Mir ist alles erzählt worden, was Du für Deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hast… Möge dir Gott deine Güte
vergelten und dich für alles belohnen, was du getan hast, er, der Gott Israels, unter dessen Flügeln du Zuflucht gesucht hast.
Wir könnten über die Geschichte der Ruth noch viel Schönes sagen und auch manches zum Schmunzeln finden. Nicht zuletzt die Szene in der Nacht, als Ruth sich zu den Füßen des Boas legt. Um Mitternacht wird er munter und kriegt einen Schreck: Da liegt eine Frau.
Auch über Schönheit und Kosmetik könnte viel Gutes gesagt werden.
Das entscheidende ist dieses Mal für mich: Gott ist da – mitten in Leid und schweren Schicksalen und mitten im Alltag der kleinen Leute. Bei allem, was uns beschwert, lässt er uns nicht allein.
Auch wenn das Leid der Noomi und der Ruth nicht erklärt wird. Aber Gott bringt Klärung in dieses Leben. Klärung in dem Sinn: Dass sich der Horizont des Lebens weitet. Gott vergisst die nicht, die ihm treu sind so wie Ruth.
Nachdem Boas als Löser alle rechtlichen Fragen geklärt hat, heiratet er Ruth. Sie bekommen ein Kind mit Namen Obed. Dieser kleine Kerl nimmt die Verbitterung von Noomi – er wird ihr Trost.
Aber Gottes Pläne, das, was ER fügt, reicht noch weiter, als wir ahnen können. Denn Obed wird der Vater Isais. Der wiederum war der Vater des späteren Königs David. Und viele Generationen später wird in dieser Linie der eine Löser geboren – der Erlöser. Jesus von Nazareth, der aus dem Hause und Geschlechte Davids war… In armem Verhältnissen in Bethlehem geboren wird er einer, der den Menschen wie kein zweiter die Liebe Gottes nahe brachte.
Ruth zeigte ihre Liebe zu ihrer Schwiegermutter mit dem Versprechen: Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen… Jesus hat diese Worte der Ruth noch viel drastischer gelebt. Seine Heimat war der Himmel – die Dimension Gottes.
Er hat sich entschieden, den Himmel zu verlassen um mit uns Menschen dieses Leben auf der Erde zu teilen. Um mit uns zu gehen durch alles, was das Leben mit sich bringt – bis zum Tod am Kreuz. Damit hat ER uns gezeigt, wie groß Gottes Liebe zu uns ist.
Denn durch seinen Tod am Kreuz finden alle, die das wollen, Vergebung ihrer Schuld. Darum ist ER der Löser, der Erlöser. Und Erlösung bedeutet nicht einfach nur: Wir sterben mal am Ende unseres Lebens – und dann ist alles aus und vorbei! Sondern: Wir werden von der Schuld erlöst. Und sie kann uns auch im Tod und nach dem Sterben nicht mehr von Gott und seiner Liebe trennen.
Erlösung anders zu verstehen bedeutet, das Leben und das Sterben sinnloses zu nennen. Weil Jesus von den Toten auferstanden ist, gibt es immer wieder Kraft zu einem neuen Anfang. Das Buch Ruth erzählt uns: Gott ist ein Gott des Alltags und der kleinen Leute.
Das Evangelium sagt uns: In Jesus gilt das für uns alle. ER ist unser Löser. ER wurde einer von uns. Bleibt nur die Frage, ob wir auch zu ihm voller Vertrauen sagen: Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen. Amen.
Pfarrer Reinhard Süpke, Oldisleben
Autor: redManche finden dieses schöne Bibelwort aus dem Buch Ruth: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.
Ich frage dann: Raten Sie mal: Wer sagt das zu wem: Sie zu ihm oder er zu ihr? Scheinbar gibt es nur zwei Möglichkeiten – aber dann kommt die große Überraschung: Es geht gar nicht um ein Eheversprechen!
Die Schwiegertochter sagt es zu ihrer Schwiegermutter! – und das auch noch freiwillig! Da ist nicht selten das Erstaunen groß. Schließlich haben die beiden ein Bibelwort für sich herausgesucht. Für sich und ihre Liebe! Was um alles in der Welt hat da die Schwiegermutter verloren? Was ist dran an diesen Worten der Ruth, dass sich Menschen bis heute davon berühren lassen? Zunächst einmal ist das Buch Ruth so ganz anders als die beiden Bücher vorher.
Es ist ein Buch voller Alltag. Ein Alltag, der uns im Osten auch noch sehr nahe ist. Noomi war mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen aus Bethlehem in Israel in das Nachbarland Moab ausgewandert. Der Grund war eine Hungersnot. Heutzutage heißt das Wirtschaftskrise. Wie viele kennen wir, die auch wegen wirtschaftlicher Gründe aus ihrem Heimatort wegziehen, um woanders eine Arbeit zu finden.
Aber statt Wohlstand erwartet die Familie der Ruth dort ein schweres Schicksal.
Zunächst stirbt Noomis Mann. Sie ist nun allein mit ihren Söhnen. Die beiden Söhne heiraten. Ruth und Orpa heißen die beiden Frauen. Aber nach zehn Jahren sterben die beiden Söhne auch. Nun stehen die drei Frauen alleine da. Es ist ein Buch voller Alltag. Aber auch voller Schicksal. Wo ist Gott in diesem Buch zu finden? Kein großes Wunder wird berichtet.
Die Sonne steht nicht einen ganzen Tag lang still wie im Buch Josua, als der Heerführer befiehlt: Sonne, steh still!
Aber uns könnte das Herz still stehen, wenn wir vom Unglück der drei Frauen Noomi, Ruth und Orpa lesen. Kurz hintereinander sterben ihre Männer und sie stehen als Witwen hilflos da – ohne Ernährer und ohne Beschützer. Wie hilflos Witwen damals waren, ist uns heute nicht so deutlich.
Es gibt im Buch Ruth auch keinen Superhelden wie den Richter Gideon, der mit bloßen Händen einen Löwen zerreißt. Aber wir ahnen, wie es dieser Mutter namens Noomi das Herz zerrissen hat, als sie nach ihrem Mann auch noch ihre beiden Söhne verliert.
Noomi sieht in Moab keine Perspektive mehr und zieht zurück nach Bethlehem – in den Ort, aus dem sie vor Jahren mit ihrem Mann weggezogen ist. Die Schwiegertöchter begleiten sie bis zur Grenze. Orpa entschließt sich, in ihrem Land Moab und bei ihrer Verwandtschaft zu bleiben. Sie kehrt an der Grenze um.
Aber Ruth weigert sich, ihre Schwiegermutter zu verlassen. Als Noomi ihr eindringlich nahelegt, sich um sich selber zu kümmern und einen Mann zu suchen und eine neue Familie zu gründen, da wird die Schwiegertochter gefühlt ein bisschen patzig:
Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.
Sie schwört es ihrer Schwiegermutter: Ich bleibe bei Dir und lasse Dich nicht im Stich! Und wenn ich dieses feste Versprechen nicht einhalte, soll Gott mich bestrafen! Was imponiert an diesen Worten, dass man sie als Trauspruch will?
Wir spüren die tiefe Verbundenheit hinter diesen Worten. Diese Verbundenheit wünscht sich jeder Mensch für sein Leben. Das wünschen wir uns auch für unsere Ehen. Ruth mach durch ihren Schwur deutlich, was eine tragfähige Liebe auszeichnet: DU stehst an erster Stelle.
Das ist das Geheimnis einer gelingenden Beziehung:
das DU – der / die andere – nicht das ICH steht an erster Stelle.
Ruth denkt zuerst an ihre Schwiegermutter. Damals gab es keine staatliche Rente. Eine Witwe war mittellos – es sei denn, sie fand noch einen Mann, der sie heiratete.
Ruth ist auch Witwe. Sie hat selber genug Probleme! Aber sie will sich um ihre alte Schwiegermutter kümmern und sie versorgen. Sie stellt ihre eigenen Probleme hinten an. Sie trifft dafür eine folgenschwere Entscheidung: Sie verlässt das Gewohnte. Sie verlässt ihre Heimat, ihre Verwandten.
Alles um ihrer Schwiegermutter willen. Auch, was sie seelisch auf sich nimmt, ist alles andere als leicht. Denn Noomi ist so vom Leben enttäuscht, dass sie sich einen anderen Namen gibt: Denn kaum war sie in Bethlehem angekommen, versetzte die Nachricht von ihrer Rückkehr die ganze Stadt in Aufregung. Die Frauen riefen laut: Ja, ist es möglich? Kann das Noomi sein?! Sie aber entgegnete nur: Nennt mich nicht mehr ‚Noomi‘, nennt mich ‚Mara‘, denn der Herr hat mein Leben bitter gemacht. Wir hatten alles, als wir von hier fortzogen, doch jetzt hat mich der Herr mit nichts zurückkehren lassen. Warum solltet ihr mich also noch ‚Noomi‘ nennen? Schließlich hat sich der Allmächtige gegen mich gewandt und mir nur Unglück zu gedacht!
Typisch verbitterter Mensch: Noomi und ihre Familie sind aus Bethlehem weggezogen, weil sie nicht genug hatten. Jetzt ist auf einmal das Schlechte von Damals besser als das Heute! Der Name Noomi bedeutet die Holde. Also war sie eine schöne, anmutige Frau gewesen.
Vielleicht von den anderen Frauen beneidet? Aber nun sagt sie: Ich bin nicht mehr ‚Noomi‘, die Holde, sondern ‚Mara‘, die Verbitterte! Ich glaube, wir ahnen, was Ruth da auf sich genommen hat, als sie ihrer Schwiegermutter schwor, bei ihr zu bleiben. Denn verbitterte Menschen sind schwer zu ertragen.
Wir können nur Bewunderung für Ruth empfinden. Aber noch mehr wundere ich mich, dass sie sogar die Religion wechselt!
Wie gesagt, Ruth ist Moabiterin. Sie kannte andere Götter, bevor sie ihren ersten Mann heiratete, den Mann aus Israel, der an den HERRN, den Gott Israels glaubte. Nun aber erlebt sie das Leid, dass erst ihr Schwiegervater stirbt – der auch an diesen Gott glaubte. Dann sterben ihr Mann und ihr Schwager.
Wie viele Menschen klagen bei so einem Schicksal: Da kann es keinen Gott geben! Na gut, zur Zeit Ruths war der Atheismus noch nicht erfunden. Jedes Volk hatte seine Götter. Aber Ruth hätte auch sagen können: Dieser Gott meines Mannes und meiner Schwiegereltern taugt auch nicht viel!
Aber sie ist anders. Wir wissen nicht, was sie bewegt hat, an den Gott Israels zu glauben. Wir erfahren nicht warum sie bereit ist, sich dem Gott hinzugeben, dem wir auch vertrauen.
Aber sie schwört ihrer Schwiegermutter einen Eid – und gibt sich mit diesem Eid nicht nur ihrer Schwiegermutter hin. Sie gibt sich dem Gott der Israeliten hin. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Und das trotz ihres Leides. Trotz der Fragen an das Schicksal, die sie sicher auch hatte. Irgendetwas war am Glauben Israels, das sie angezogen hat.
An Ruth können wir ganz neu lernen: Leid und schwere Schicksale sind ein Grund zum Zweifeln – aber kein Hindernis, um trotzdem zu vertrauen:
Gott ist nahe. Im Alltag, im Leid, im Leben und im Sterben.
Bleiben wir noch ein bisschen bei dem Thema: Gott ist auch mitten in unserem Alltag erfahrbar. Zum Alltag der Witwen gehörte es, dass sie selbst sehen mussten, wie sie klar kommen. Vor allem, wenn sie keine Kinder hatten, die für sie sorgten. Im Gesetz, das Mose Israel gab, war vorgeschrieben, dass bei der Ernte die Felder nicht zu 100% bis auf den letzten Halm und das letzte Korn abgeerntet werden sollten. Was an den Rändern stand oder vergessen wurde, sollte den Witwen und Waisen gehören.
Ruth muss in Bethlehem aufgefallen sein als schöne Frau. Das kommt zwischen den Zeilen mal durch. Aber sie wartet nicht, dass ihr jemand Almosen bringt, sondern sie macht sich auf den Weg um Ähren aufzusammeln, die liegen bleiben und nach dem Gesetz den Witwen gehören.
Und diese harte Arbeit nimmt Ruth für sich und ihre Schwiegermutter auf sich. Sei sammelt die abgefallenen Ähren ein. Zufällig gehörte dieser Acker Boas, der aus der Familie Elimelechs war.
Was für ein Zufall! Luther übersetzt: es traf sich, dass dies Feld dem Boas gehörte, der von dem Geschlecht Elimelechs war, in einer anderen Übersetzung steht: Dabei fügte es sich so, dass sie auf ein Feld geriet, das Boas gehörte, dem Verwandten von Elimelech.
Es traf sich, es fügte sich – hier wird angedeutet, es geht um mehr als bloßen Zufall. Gott steht dahinter. Mitten in dieser schweren Arbeit in der Hitze des Tages spinnt Gott leise Fäden.
Denn auf diesen Feldern begegnet Ruth Boas. Er wird auf sie aufmerksam und es scheint sich zwischen den beiden etwas anzubahnen. Denn er bietet ihr an, mit seinen Arbeitern zu essen und zu trinken. Außerdem gibt er die Devise aus: Behandelt sie freundlich! Lasst ein bisschen mehr liegen für sie. Und wehe, einer von euch kommt ihr dumm! Na, werden die Knechte gedacht haben, der Chef ist ganz schön hingerissen von der Frau. Ob sich da was anbahnt? Was sich anbahnt ist erst einmal: am Abend hat Ruth ein Efa Ähren aufgesammelt. Das waren 40 Liter.
Wenn ich mich nicht täusche, fast ein Zentner. Das musste sie nun nach Hause bringen. Sie und ihre Schwiegermutter waren an diesem Abend und darüber hinaus gut versorgt. Denn Ruth war von Boas höchstpersönlich eingeladen worden, weiter auf seinen Feldern Ähren aufzusammeln.
Und Noomi ahnt, dass sich ganz sacht am Horizont ein Hoffnungsschimmer zeigt. Denn Boas gehört zu den Lösern. Im Buch Die Geschichte wird uns erklärt, was ein Löser ist: Die Familie Elimelechs besaß noch einen Acker in der Gemarkung von Bethlehem. Nach jüdischem Gesetz muss der Grundbesitz einer Familie bleiben, wenn er aus irgendeiner Not heraus verkauft werden musste. Daher ist der nächste Verwandte einer solchen Familie verpflichtet, diesen Grundbesitz zu erwerben – ihn auszulösen. Und das ist der Löser. Gleichzeitig ging er auch die Verpflichtung ein, die zurückgebliebenen weiblichen Erben zu versorgen (bzw. zu heiraten).
Boas gehört zu den Lösern. Ein Hoffnungsschimmer, ahnt Noomi. Könnte es sein, dass sich hier etwas anbahnt, – dass Gott hier etwas anbahnt, um Noomi und Ruth aus ihrer Tiefe herauszuholen? Es traf sich – es fügte sich: Gott fügte es.
Der Gott fügte es, den Ruth zunächst nicht kannte. Den sie aber durch ihre erste Ehe kennenlernte.
Der Gott, der sie nicht vor dem Leid bewahrte.
Der Gott, dem sie sich trotzdem anvertraute mit den Worten: Dein Gott ist mein Gott.
Der Gott fügt und führt, der ihre Treue nicht vergisst und ihr nun zur Zuflucht wird. Wie sagt Boas zu ihr bei ihrer ersten Begegnung: Boas wusste um Ruth, bevor er sie traf auf seinen Feldern. Im ganzen Ort erzählte man von ihr, ihrer Treue zur Schwiegermutter, ihrer Schönheit – und dass sie den Glauben gewechselt hat. Er sagt zu ihr: Mir ist alles erzählt worden, was Du für Deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hast… Möge dir Gott deine Güte
vergelten und dich für alles belohnen, was du getan hast, er, der Gott Israels, unter dessen Flügeln du Zuflucht gesucht hast.
Wir könnten über die Geschichte der Ruth noch viel Schönes sagen und auch manches zum Schmunzeln finden. Nicht zuletzt die Szene in der Nacht, als Ruth sich zu den Füßen des Boas legt. Um Mitternacht wird er munter und kriegt einen Schreck: Da liegt eine Frau.
Auch über Schönheit und Kosmetik könnte viel Gutes gesagt werden.
Das entscheidende ist dieses Mal für mich: Gott ist da – mitten in Leid und schweren Schicksalen und mitten im Alltag der kleinen Leute. Bei allem, was uns beschwert, lässt er uns nicht allein.
Auch wenn das Leid der Noomi und der Ruth nicht erklärt wird. Aber Gott bringt Klärung in dieses Leben. Klärung in dem Sinn: Dass sich der Horizont des Lebens weitet. Gott vergisst die nicht, die ihm treu sind so wie Ruth.
Nachdem Boas als Löser alle rechtlichen Fragen geklärt hat, heiratet er Ruth. Sie bekommen ein Kind mit Namen Obed. Dieser kleine Kerl nimmt die Verbitterung von Noomi – er wird ihr Trost.
Aber Gottes Pläne, das, was ER fügt, reicht noch weiter, als wir ahnen können. Denn Obed wird der Vater Isais. Der wiederum war der Vater des späteren Königs David. Und viele Generationen später wird in dieser Linie der eine Löser geboren – der Erlöser. Jesus von Nazareth, der aus dem Hause und Geschlechte Davids war… In armem Verhältnissen in Bethlehem geboren wird er einer, der den Menschen wie kein zweiter die Liebe Gottes nahe brachte.
Ruth zeigte ihre Liebe zu ihrer Schwiegermutter mit dem Versprechen: Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen… Jesus hat diese Worte der Ruth noch viel drastischer gelebt. Seine Heimat war der Himmel – die Dimension Gottes.
Er hat sich entschieden, den Himmel zu verlassen um mit uns Menschen dieses Leben auf der Erde zu teilen. Um mit uns zu gehen durch alles, was das Leben mit sich bringt – bis zum Tod am Kreuz. Damit hat ER uns gezeigt, wie groß Gottes Liebe zu uns ist.
Denn durch seinen Tod am Kreuz finden alle, die das wollen, Vergebung ihrer Schuld. Darum ist ER der Löser, der Erlöser. Und Erlösung bedeutet nicht einfach nur: Wir sterben mal am Ende unseres Lebens – und dann ist alles aus und vorbei! Sondern: Wir werden von der Schuld erlöst. Und sie kann uns auch im Tod und nach dem Sterben nicht mehr von Gott und seiner Liebe trennen.
Erlösung anders zu verstehen bedeutet, das Leben und das Sterben sinnloses zu nennen. Weil Jesus von den Toten auferstanden ist, gibt es immer wieder Kraft zu einem neuen Anfang. Das Buch Ruth erzählt uns: Gott ist ein Gott des Alltags und der kleinen Leute.
Das Evangelium sagt uns: In Jesus gilt das für uns alle. ER ist unser Löser. ER wurde einer von uns. Bleibt nur die Frage, ob wir auch zu ihm voller Vertrauen sagen: Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen. Amen.
Pfarrer Reinhard Süpke, Oldisleben

