Fr, 18:26 Uhr
07.02.2014
Ein Rebell im Tabakspeicher
Das Lutherjahr, das 2017 weltweit begangen wird, schickt seit geraumer Zeit seine Boten voraus. Nordhausen will da nicht abseits stehen. Schon gar nicht das Museum Tabakspeicher. Am Donnerstagabend stand der streitbare Wittenberger Mönch namens Martin Luther im Fokus eines Vortrages, den auch die nnz verfolgte...
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Kunst, Gott und die Welt" beleuchtete Prof. Dr. Heinz Schilling Luther und dessen Wirken im Kontext seiner Zeit. Sein sehr in die Tiefe gehender Vortrag mit dem Titel "Der Rebell Martin Luther – Vom Katholizismus zum Protestantismus" offenbarte die Entwicklung Luthers vom strebsamen Religionsschüler bis hin zum aufmüpfigen Mönch und sowohl streitbaren wie widersprüchlichen Theologen.
In seinem anderthalbstündigen Ausführungen stellte der Philosoph, Soziologe und Sachbuchautor Heinz Schilling eingangs die Frage nach der Bedeutung des Reformators nicht nur für die mitteleuropäische protestantische Kirche sondern auch für die Sekulargesellschaft. Und meinte wörtlich: "Luther ist viel zu wichtig für die deutsche Gesellschaft, als dass man ihn der evangelischen Kirche allein überlassen sollte."
Im Jahr 2008 haben durch einen EKD-Beschluss die Vorbereitungen auf das Luther-Gedenken begonnen, welches mit einem immer stärken werdenden Luther-Kult vor allem in Wittenberg und weiteren thüringischen wie sachsen-anhaltinischen Städten einher geht. Luther werde zu einem Ivent, bedauerte Schilling. Der Gastredner blickte auf 500 Jahre Reformationsgeschichte und konstatierte, dass die jeweiligen zeitgeschichtlichen Epochen sich das Recht nahmen, jeweils einen Luther zu formen, der ihnen genehm war, obwohl er "oft quer zur eigenen Zeit" lag. Luther entstammte einer Unternehmerfamilie. In der Herrschaft des Kaisers und der weltlichen Fürsten sah er eine von Gott gewollte Obrigkeit, selbst wenn sie "böse und ungerecht ist". Stand er anfangs auch auf Seiten Thomas Müntzers und anerkannte die berechtigten Anliegen und das Aufbegehren der Bauern gegen Hartherzigkeit und Ungerechtigkeit des Adels, so schlug seine Haltung gegenüber den Unterdrückten bald in Feindschaft um. Gewalt und Aufruhr waren nicht seins, denn das sei "ein Werk des Teufels". Er forderte die Fürsten unabhängig von ihrer Konfession dazu auf, den Bauernaufstand mit aller Gewalt niederzuschlagen. Die taten das schließlich auch.
Hingegen sagte er dem frevelhaften Treiben der katholischen Kirchenfürsten, die "Wasser predigen und heimlich Wein trinken" den Kampf an und war in seiner Wortwahl nicht zimperlich, galt als "Stachel im Fleisch der kathiolischen Kirche". Den Papst bezeichnete Luther als "die wilde Sau in Rom". Luthers Widersprüchlichkeit zeigte sich auch einerseits in seiner gelebten Frömmigkeit und zum anderen in seinem Hass auf die Juden, die er vertrieben wissen wollte.
Gleiches galt für die Türken, die er auschließlich mit dem Islam gleichsetzte. Die seien Feinde Christi. Auch seine Einstellung zu den Frauen war aus heutiger Sicht völlig unakzeptabel. Er sah in ihnen Wesen, die der Hölle nahe sind. Und im Priesteramt konnte er sie sich deshalb schon gar nicht vorstellen.
Schilling resümierte, Luther habe immer eine posive und eine negative Seite gehabt. Man müsse ihn immer im Lichte der damaligen Zeit sehen. So sei Luthers Welt für uns heute eine fremde Welt und nicht die unsrige. Der Referent rief dazu auf, das bevorstehende Jubiläum "500 Jahre Reformation" zur Aufarbeitung zu nutzen und eine differenzierte Betrachtung der Person Luther und dessen Wirken zuzulassen.
Der katholischen Kirche empfahl er, alle aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und Religionsgemeinschaften zu respektieren und anzuerkennen. Zugleich warnte er vor einer Verklärung des Reformators. Es schloss sich eine lebhafte Diskussion an, die das oft widersprüchliche Handeln Luthers noch einmal deutlich machte.
Hans-Georg Backhaus
Autor: redIm Rahmen der Veranstaltungsreihe "Kunst, Gott und die Welt" beleuchtete Prof. Dr. Heinz Schilling Luther und dessen Wirken im Kontext seiner Zeit. Sein sehr in die Tiefe gehender Vortrag mit dem Titel "Der Rebell Martin Luther – Vom Katholizismus zum Protestantismus" offenbarte die Entwicklung Luthers vom strebsamen Religionsschüler bis hin zum aufmüpfigen Mönch und sowohl streitbaren wie widersprüchlichen Theologen.
In seinem anderthalbstündigen Ausführungen stellte der Philosoph, Soziologe und Sachbuchautor Heinz Schilling eingangs die Frage nach der Bedeutung des Reformators nicht nur für die mitteleuropäische protestantische Kirche sondern auch für die Sekulargesellschaft. Und meinte wörtlich: "Luther ist viel zu wichtig für die deutsche Gesellschaft, als dass man ihn der evangelischen Kirche allein überlassen sollte."
Im Jahr 2008 haben durch einen EKD-Beschluss die Vorbereitungen auf das Luther-Gedenken begonnen, welches mit einem immer stärken werdenden Luther-Kult vor allem in Wittenberg und weiteren thüringischen wie sachsen-anhaltinischen Städten einher geht. Luther werde zu einem Ivent, bedauerte Schilling. Der Gastredner blickte auf 500 Jahre Reformationsgeschichte und konstatierte, dass die jeweiligen zeitgeschichtlichen Epochen sich das Recht nahmen, jeweils einen Luther zu formen, der ihnen genehm war, obwohl er "oft quer zur eigenen Zeit" lag. Luther entstammte einer Unternehmerfamilie. In der Herrschaft des Kaisers und der weltlichen Fürsten sah er eine von Gott gewollte Obrigkeit, selbst wenn sie "böse und ungerecht ist". Stand er anfangs auch auf Seiten Thomas Müntzers und anerkannte die berechtigten Anliegen und das Aufbegehren der Bauern gegen Hartherzigkeit und Ungerechtigkeit des Adels, so schlug seine Haltung gegenüber den Unterdrückten bald in Feindschaft um. Gewalt und Aufruhr waren nicht seins, denn das sei "ein Werk des Teufels". Er forderte die Fürsten unabhängig von ihrer Konfession dazu auf, den Bauernaufstand mit aller Gewalt niederzuschlagen. Die taten das schließlich auch.
Hingegen sagte er dem frevelhaften Treiben der katholischen Kirchenfürsten, die "Wasser predigen und heimlich Wein trinken" den Kampf an und war in seiner Wortwahl nicht zimperlich, galt als "Stachel im Fleisch der kathiolischen Kirche". Den Papst bezeichnete Luther als "die wilde Sau in Rom". Luthers Widersprüchlichkeit zeigte sich auch einerseits in seiner gelebten Frömmigkeit und zum anderen in seinem Hass auf die Juden, die er vertrieben wissen wollte.
Gleiches galt für die Türken, die er auschließlich mit dem Islam gleichsetzte. Die seien Feinde Christi. Auch seine Einstellung zu den Frauen war aus heutiger Sicht völlig unakzeptabel. Er sah in ihnen Wesen, die der Hölle nahe sind. Und im Priesteramt konnte er sie sich deshalb schon gar nicht vorstellen.
Schilling resümierte, Luther habe immer eine posive und eine negative Seite gehabt. Man müsse ihn immer im Lichte der damaligen Zeit sehen. So sei Luthers Welt für uns heute eine fremde Welt und nicht die unsrige. Der Referent rief dazu auf, das bevorstehende Jubiläum "500 Jahre Reformation" zur Aufarbeitung zu nutzen und eine differenzierte Betrachtung der Person Luther und dessen Wirken zuzulassen.
Der katholischen Kirche empfahl er, alle aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und Religionsgemeinschaften zu respektieren und anzuerkennen. Zugleich warnte er vor einer Verklärung des Reformators. Es schloss sich eine lebhafte Diskussion an, die das oft widersprüchliche Handeln Luthers noch einmal deutlich machte.
Hans-Georg Backhaus






