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Fr, 10:44 Uhr
22.11.2013

Gipsabbau im Hot Spot der Artenvielfalt?

Unter anderem für die Rüdigsdorfer Schweiz übernahm Bodo Schwarzberg im Auftrag der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG) die Kartierung der Rote-Liste- und der nach der EU-Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) besonders geschützten Farn- und Blütenpflanzenarten. Er berichtet in der nnz...


Fest steht, dass das Naturschutzgebiet und die es unmittelbar umgebenden Bereiche zu den artenreichsten Thüringens zählen. Laut KORSCH et al (2002) „Verbreitungsatlas der Farn- und BlütenpflanzenThüringens“ (Jena), beherbergt die entsprechende Rasterfläche, der Viertelquadrant 4430/42, genau 650 Arten, - das ist tatsächlich der ZWEiTHÖCHSTE Wert für den Freistaat.

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Darunter befinden sich laut Kartierungsunterlagen der TLUG 42 Arten der Thüringer Roten Liste, also in ihrem Bestand bedrohte Arten, was ebenso ein Spitzenwert ist. Ein Viertelquadrant misst etwa 2,6 x 2,6 Kilometer. Mit anderen Worten: In Thüringen gibt es nur ein Gebiet der genannten Größe, in dem pro Flächeneinheit noch mehr höhere Pflanzenarten vorkommen, die Rüdigsdorfer Schweiz zählt zu den absoluten Hot Pots der Artenvielfalt in Thüringen. Und genau hier wollen einige Unbelehrbare Gips abbauen. Allein auf Grund des ausgesprochen hohen Reichtums an Tier- und Pflanzenarten aber verbietet sich im Dreieck Petersdorf-Rüdigsdorf-Krimderode jeglicher zerstörerische Eingriff.

Dabei ist aus der Nichtausweisung von Flächen im Landkreis Nordhausen als Schutzgebiete wie im Falle der anvisierten Abbaufläche, keinerlei Aussage über den Grad der Biodiversität ableitbar, durchaus aber über den Grad wirtschaftlicher Interessen. Naturschutzgebiete werden vom Menschen eingerichtet. Und es fällt im Landkreis auf, dass man sich dort, wo (möglicherweise) Bergbauinteressen und Naturschutzinteressen zusammenfallen, oftmals gegen eine Ausweisung entschied, diese offensichtlich gar nicht erst verfolgt wurde oder diese verschleppte.

Insbesondere das Harzfelder Holz wartet bis heute auf eine Erklärung zum NSG: Auch hier würde die Industrie zu gern ihr Zerstörungswerk beginnen.
Dieses Misstrauen gegenüber den Verantwortungsträgern bleibt also angebracht: Wir haben also einzelne Flächen außerhalb unserer Schutzgebiete, deren Artenvielfalt mit denen innerhalb der Schutzgebiete mindestens vergleichbar ist. Das betrifft auch die nach nnz-Informationen nicht zum NSG gehörenden Flächen in der Rüdigsdorfer Schweiz, um die es gegenwärtig geht, bei deren Anblick in den Augen der Gipsmanager also Dollarzeichen blitzen.

Wenn die Gipsindustrie daher nun sagen würden, dass ja das NSG selbst unangetastet bleibt, so irrt sie gewaltig. Die Fläche im Raum Winkelberg, die hier zur Diskussion steht, grenzt meines Wissens unmittelbar an das Schutzgebiet. Es wären großflächige Beeinträchtigungen durch Lärm, Abgase und Staub zu erwarten. Jeder, der die Straße von Woffleben nach Cleysingen benutzt, kennt den schlimmen Anblick gipsmehl- überzogener Pflanzen. Jeder weiß, dass sich die Folgen auch eines „begenzten“ Abbaus nicht beschränken lassen.

Ein Abbau lässt sich aber auch aus einem anderen Grund nicht wirklich begrenzen: Ein Eingriff dieser Art in die Rüdigsdorfer Schweiz wäre ein schlimmer Türöffner für weitere Gelüste der Bergbaufirmen, die ja auf großen eigenen Bergwerksflächen sitzen und jederzeit Abbauanträge stellen könnten. Klappt es nämlich hier, dann dürfte es auch anderswo im Landkreis klappen, - so denken die Manager. Wir dürfen diesen Firmen keine Handbreit Landkreisfläche mehr gewähren und uns auf keine, wirklich keine Deals einlassen.

Beginnen die Firmen einmal irgendwo mit dem Abbau, steht das Arteninventar und die Landschaft einer ganzen Region vor einem mittel- und langfristigen Desaster. Kompromisse müssen daher unbedingt ausgeschlossen werden, von so genannten Neuverritzungen ganz zu schweigen.

Zum Abschluss einige Beispiele für Orchideen-Arten der Rüdigsdorfer Schweiz, die ich im Gebiet kartiert habe und die unmittelbar oder mittelbar von einem Abbau betroffen oder langfristig durch Pläne oder Gelüste der Industrie gefährdet sind bzw. Vergessen wir nicht, dass bereits mit dem Kohnstein ein Gebiet mit einer ausgesprochen hohen Artenvielfalt den Bergbauinteressen zum Opfer fiel.

Bitte unterschreiben Sie daher die in der nnz veröffentlichte Petition und finden Sie sich am Sonnabend in der Rüdigsdorfer Schweiz zum Protest gegen die Abbaupläne ein.
Vom Abbau betroffen (Foto: B. Schwarzberg)
Vom Abbau betroffen (Foto: B. Schwarzberg)
Vom Abbau betroffen (Foto: B. Schwarzberg)
Vom Abbau betroffen (Foto: B. Schwarzberg)
Vom Abbau betroffen (Foto: B. Schwarzberg)
Vom Abbau betroffen (Foto: B. Schwarzberg)
Die ausgewählten Arten heißen in der angegebenen Reihenfolge: Breitblättriges Knabenkraut, Fliegen-Ragwurz, Stattliches Knabenkraut, Helm-Knabenkraut, Blasses Knabenkraut, Purpur-Knabenkraut.
Autor: red

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Kommentare
Paulinchen
22.11.2013, 11:38 Uhr
Guten Tag Herr Schwarzberg,
Nichts gegen Ihre Untersuchungen in dieser Region. Nur es befremdet mich durchaus schon, dass die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG) Sie nicht auch mit der Untersuchung des "Alten Stolberg" (Bereich Stempeda) beauftragt hat.

Können Sie vielleicht mal herausfinden, ob dort nun schon alles für die Firma Knaus Rottleberode (Gipsabbau) in den berühmten trockenen Tüchern ist? Mir ist, wie ich schon mal geschrieben habe, dass hier nur eine seltene Art von Fledermäusen gezählt wurde. Diese sollen dann wohl "umgezogen" werden.
Freidenker 1304
22.11.2013, 11:55 Uhr
Kein neuer Raum für Gipsabbau !
Um es mal vorwegzunehmen: Ich bin nicht grundsätzlich gegen Bergbau. Dieser muss sein und kann auch in unserer Region stattfinden. Untertage und Übertage. Aber man muss Interessen abwiegen. Und der Erhalt einer schützenswerten Landschaft muss den Profitinteressen vorgehen ! Einmal zerstört, für immer weg und für Jahrhunderte ein Schandfleck! Siehe die riesigen hässlichen Abbauflächen in Niedersachswerfen und Osterode. Wann wurde in Osterode das letzte mal abgebaut, wie lange ist dies her? Und wie sieht es heute noch aus? Jeder Firma, die sich mit späterer Renaturierung herausreden will, muss gesagt werden, das entspricht nicht der Realität! Wenn sich ein Abbau nicht mehr lohnt, geht man fast immer in Konkurs! Fakt! Nach dem Motto:"Und nach uns die Sintflut!" Da fragt man sich, warum baut man denn nicht die vorhandenen Flächen weiter ab? Oft wird dann abwiegelt, mit den Ausreden wie "unrentabel", "nicht geklärte Besitzverhältnisse" usw. Und viele überregionalen politische Vertreter verweisen auf das Bergbaurecht und beschwichtigen (oder sollte ich meinen "verdummen")den Bürger. Meiner Meinung nach sollte ein vorhandener Abbau ausgeschöpft werden. Und ständig ein gewisser Prozentsatz vom Gewinn als eine Art Steuer den Unternehmen abgezweigt werden, um auch im Konkursfall damit eine Renaturisierung durchführen zu können. In Niedersachswerfen heißt das bei der endgültigen Stilllegung der Abbaufläche, das der Stufenhang begradigt und mit etwas Mutterboden überdeckt wird. Den Rest macht die Natur alleine. Und wegen des Neuabbaues: Stadt und Landkreis wehren sich gegen die Erweiterung des Abbaus. Warum werden die Bürger nicht daran beteiligt? Eine großangelegte Unterschriftensammlung gegen eine weitere Zerstörung der Südharzlandschaft sollte den Volkswillen bekunden !
Wolfi65
22.11.2013, 12:38 Uhr
Auch für Herrn Schwarzberg gilt...
Es geht in erster Linie um Arbeitsplätze und Profit und nicht um Tier- und Pflanzenwelt. Wen interessiert eine vom Gipsmehl überzogene Lupine? Dann doch eher einer durch dieses besagte Mehl überzogene Straße, welche gerade für Balancefahrzeuge zur tödliche Falle werden kann.
Der Alter Stolberg wird in naher Zeit vollkommen abgebaut sein.
Bleibt nur zu hoffen, das unsere Generation das wohl nicht mehr erleben muss.

Sehr geehrter Herr Schwarzberg,
Ihr Einsatz für die Umwelt in allen Ehren, aber gegen Profitinteressen werden Sie wohl wenig ausrichten können.
alexa
22.11.2013, 20:36 Uhr
Bergbaurecht vor Naturschutzrecht = Profit vor Verantwortung!
Leider gehen in Deutschland Kapitalinteressen - hier also das Bergbaurecht VOR Naturschutzrecht. Deswegen ist das Naturschutzgebiet noch nicht ausgewiesen, obwohl es obsolut notendig wäre - richtig Herr Schwarzberg!

Sicher würde das nicht die Welt retten, aber sollen wir unseren Kindern und Enkeln wirklich die letzten ursprünglichen Naturparadiese in der Region nehmen? Ich meine NEIN!

PS: Der resignierte Wolfi65 sollte auch langsam mal hinter seinem Ofen vorkommen und kapieren, dass die Arbeitsplatzleier der Gipsindustrie kein Argument ist. Man kann Gips super recyclen mit der gleichen Anzahl Arbeitskräfte.... und Jeder kann etwas gegen Profitinteressen tun. z. B. verantwortungsvoll konsumieren und rchtig Wählen gehen!
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