Sa, 09:33 Uhr
24.04.2004
nnz-Forum: Ist Geiz geil?
Nordhausen (nnz). Die nnz hatte gestern einen Beitrag veröffentlicht, der auf die neueste Ausgabe der Zeitschrift Finanztest aufmerksam macht. Dabei ging es auch um preiswerte Zahnprothesen in Polen. Hierzu eine Lesermeinung aus Urbach...
Geiz ist doch geil und es lebe billig, billig und wenn ich irgendetwas, egal wo billiger bekomme, dann interessiert es mich doch nun überhaupt nicht, ob durch diese, von den Marktstrategen ständig propagierten Sprüche, unserem heimischen Handel entgültig das Aus droht. Hauptsache ICH spare. Natürlich ist es legitim für ein Produkt oder eine Dienstleistung einen günstigen Preis erzielen zu wollen. Mittlerweile drängt sich mir jedoch die Frage auf, ob die Liberalisierung der Märkte langfristig nicht dazuführen wird, das ich mit dem mir, von der Öffentlichen Meinung immer wieder fast aufgezwungenen Geiz, nicht irgendwann meinen eigenen Arbeitsplatz vernichte und sich damit letztlich der Lebensstandart, den sich unsere Gesellschaft aufgebaut hat, dem angleicht, der vielleicht in Tschechien, Polen oder Ungarn heute herrscht.
Ich soll doch bloß kein Auto mehr bei einem deutschen Fachhändler kaufen, die EU-Händler, die wie Pilze aus dem Boden schießen, bieten das Auto doch um so vieles billiger an. Das diese Fachhändler aber Arbeitsplätze sichern, das diese Fachhändler, falls das Fahrzeug nun mal ein Problem hat, mit modernster Technik ausgerüstet sein müssen, um mir bzw. meinem Auto schnell helfen zu können und diese Technik nun einmal aus Gewinnen erwirtschaftet werden muss, werde ich erst zu schätzen wissen, wenn ich niemanden mehr finde, der diese Technik vorhält.
Und ich kaufe doch keinen Computer mehr beim Fachhändler in Nordhausen, da gibt’s doch die echt Billig-Märkteauf der grünen Wiese und wenn er mal streikt? Na ja dann gibt’s doch die Hotline oder (hoffentlich) den Nordhäuser Fachhändler noch. Und meine Versicherungen schließe ich doch gleich im Internet ab, bevor ich einem Versicherungsbüro in meinem Heimatort die Chance gebe. Was.... und ihr geht hier noch zum deutschen Zahnarzt? Mensch, ihr müsst jetzt nach Polen fahren, da gibt’s die Dritten so billig... Und Kuren, na da fahren wir doch gen Osten, nach Marienbad oder so, zum Spottpreis natürlich. Was hast Du für die Äpfel, das Brot, die Wurst bezahlt? Mensch, das gibt’s doch beim Superdiscounter, der Äpfel aus Neuseeland verkauft viel billiger, als die Thüringer Produkte im Scheunenhof oder beim Fleischerfachgeschäft.
Mensch, da geht doch die Maschinenfabrik XY jetzt nach Ungarn, da kostet doch die Stunde eines Facharbeiters nur ein Drittel von dem was ich hier verdiene. Na ja, wenn meine Firma auch nach Ungarn geht, da bin ich ja wohl meinen Job los und da stellt sich mir ja dann doch die Frage, wie ich dann die dort billig hergestellten Waren, die dann natürlich wieder von uns in Deutschland gekauft werden sollen, noch bezahlen soll? Und übrigens, meine Jeans kriege ich doch in Erfurt oder Göttingen und überhaupt ganz woanders bestimmt viel viel billiger als in der Nordhäuser Altstadt.
Ach, was erzählte mir neulich ein Bekannter? Kein Wunder, daß es in der Altstadt gar nicht soviel Spaß macht zu bummeln, bei den vielen leerstehenden Geschäften.........Und da gibt’s doch dann wirklich noch die Meckerer, diese Rentner, die sich beschweren, das Sie in ihrem Ort jetzt keine Verkaufstelle mehr haben - einfach geschlossen und die Post hat sich auch verabschiedet. Na ja, dann werden sie wohl mit dem Enkel, der sowieso schon immer auf die grüne Wiese fährt um dort gleich im großen Stil und natürlich viel billiger einkauft als bei Tante Emma mitfahren müssen, damit sie nicht verhungern -Wohl dem der noch Enkel hat........Echt geil-nicht. Im übrigen wird eine Bekannte von mir bald arbeitslos. Ihr Chef (Einzelhändler in Nordhausen) kann dem Konkurrenzdruck der Großen nicht mehr standhalten und daher muss Sie wohl gehen. Aber es geht ja nun weiter: Sie hat ein Theater-Abonnement - nur leisten kann Sie sich nun kein Neues mehr – und wenn das vielen so geht, muss das Theater wohl (wie ungeil) die Preise anheben und oder......so dreht sich die Spirale.........Freiheit des Marktes, soziales Gewissen-Fehlanzeige-Neoliberalismus ist unsere Zukunft?
Gönnen wir unserem Handel keinen Cent Gewinn?! – Nur wenn ein Händler keinen Gewinn mehr machen kann, kann auch er nicht konsumieren, geht dann nicht ins Reisebüro und bucht eine teure Weltreise, kann nicht investieren, kann keine Arbeitsplätze schaffen. Wenn wir nicht verstehen, das wir uns den Ast selbst absägen, auf dem wir sitzen, find ich diese liberale Zukunft richtig ungeil.
Bald wächst Europa weiter zusammen. Benutzen wir diese einmalige Chance nicht dazu, die Menschen in Osteuropa auf dem Niedrigstlohn-Standart zu belassen, damit wir, echt geil, dort billigst produzieren können, fordern wir die Politik auf, diese Länder unserem Lebensstandart anzugleichen, nicht umgekehrt! Geben wir letztlich uns die Chance unsere Arbeitsplätze hier zu sichern. Akzeptieren wir wieder, das Produkte, die in Deutschland herstellt worden sind, teurer sind als die, aus Billigstländern. Gönnen wir unserem heimischen Einzelhandel, dem Arzt oder auch den größeren, heimischen Unternehmen einen Gewinn. Er wird sich auch auf unser persönliches Umfeld langfristig auswirken.
Und glauben Sie mir, meine Medikamente will ich nicht im Internet bestellen, denn dann hätte ein anderer Bekannter bald keinen Job mehr! Und wenn er keinen Job mehr hat, kann er auch bei mir kein neues Auto kaufen. Und wenn ich nun kein neues Auto verkaufen kann, kann ich nun nicht mehr ...sonder müsste wohl auch billigstkaufen. Wie, werden Sie jetzt denken - hier wird aber ganzschön übertrieben – Vielleicht, vielleicht aber auch nicht...... Echt geil wäre es doch, wenn sich hier der Einzelhandel, die kleinen Unternehmen ansiedeln, weil die Nordhäuser verstanden haben. Wenn dann auch die Standortfrage mit Sachverstand gewählt würde, hätte eventuell auch ein Industriegebiet langfristig eine Chance Investoren anzulocken, die nicht mehr auf Teufelkommraus billigst produzieren müssten, die nicht nur nach Nordthüringen kommen, weil ihnen hier die Fördergelder für 10 Jahre in den Rachen geworfen werden, sondern die nach unternehmerischen und sozialen Aspekten einen Standort auswählen und nicht weil es nur noch darum geht alles billig zu kriegen. Es liegt also nicht alles bei Politikern sonder vieles liegt an uns selbst. Denken wir darüber nach. Eine spannende Diskussion könnte die Folge sein.
Klaus-Dieter Korb, Urbach
Autor: nnzGeiz ist doch geil und es lebe billig, billig und wenn ich irgendetwas, egal wo billiger bekomme, dann interessiert es mich doch nun überhaupt nicht, ob durch diese, von den Marktstrategen ständig propagierten Sprüche, unserem heimischen Handel entgültig das Aus droht. Hauptsache ICH spare. Natürlich ist es legitim für ein Produkt oder eine Dienstleistung einen günstigen Preis erzielen zu wollen. Mittlerweile drängt sich mir jedoch die Frage auf, ob die Liberalisierung der Märkte langfristig nicht dazuführen wird, das ich mit dem mir, von der Öffentlichen Meinung immer wieder fast aufgezwungenen Geiz, nicht irgendwann meinen eigenen Arbeitsplatz vernichte und sich damit letztlich der Lebensstandart, den sich unsere Gesellschaft aufgebaut hat, dem angleicht, der vielleicht in Tschechien, Polen oder Ungarn heute herrscht.
Ich soll doch bloß kein Auto mehr bei einem deutschen Fachhändler kaufen, die EU-Händler, die wie Pilze aus dem Boden schießen, bieten das Auto doch um so vieles billiger an. Das diese Fachhändler aber Arbeitsplätze sichern, das diese Fachhändler, falls das Fahrzeug nun mal ein Problem hat, mit modernster Technik ausgerüstet sein müssen, um mir bzw. meinem Auto schnell helfen zu können und diese Technik nun einmal aus Gewinnen erwirtschaftet werden muss, werde ich erst zu schätzen wissen, wenn ich niemanden mehr finde, der diese Technik vorhält.
Und ich kaufe doch keinen Computer mehr beim Fachhändler in Nordhausen, da gibt’s doch die echt Billig-Märkteauf der grünen Wiese und wenn er mal streikt? Na ja dann gibt’s doch die Hotline oder (hoffentlich) den Nordhäuser Fachhändler noch. Und meine Versicherungen schließe ich doch gleich im Internet ab, bevor ich einem Versicherungsbüro in meinem Heimatort die Chance gebe. Was.... und ihr geht hier noch zum deutschen Zahnarzt? Mensch, ihr müsst jetzt nach Polen fahren, da gibt’s die Dritten so billig... Und Kuren, na da fahren wir doch gen Osten, nach Marienbad oder so, zum Spottpreis natürlich. Was hast Du für die Äpfel, das Brot, die Wurst bezahlt? Mensch, das gibt’s doch beim Superdiscounter, der Äpfel aus Neuseeland verkauft viel billiger, als die Thüringer Produkte im Scheunenhof oder beim Fleischerfachgeschäft.
Mensch, da geht doch die Maschinenfabrik XY jetzt nach Ungarn, da kostet doch die Stunde eines Facharbeiters nur ein Drittel von dem was ich hier verdiene. Na ja, wenn meine Firma auch nach Ungarn geht, da bin ich ja wohl meinen Job los und da stellt sich mir ja dann doch die Frage, wie ich dann die dort billig hergestellten Waren, die dann natürlich wieder von uns in Deutschland gekauft werden sollen, noch bezahlen soll? Und übrigens, meine Jeans kriege ich doch in Erfurt oder Göttingen und überhaupt ganz woanders bestimmt viel viel billiger als in der Nordhäuser Altstadt.
Ach, was erzählte mir neulich ein Bekannter? Kein Wunder, daß es in der Altstadt gar nicht soviel Spaß macht zu bummeln, bei den vielen leerstehenden Geschäften.........Und da gibt’s doch dann wirklich noch die Meckerer, diese Rentner, die sich beschweren, das Sie in ihrem Ort jetzt keine Verkaufstelle mehr haben - einfach geschlossen und die Post hat sich auch verabschiedet. Na ja, dann werden sie wohl mit dem Enkel, der sowieso schon immer auf die grüne Wiese fährt um dort gleich im großen Stil und natürlich viel billiger einkauft als bei Tante Emma mitfahren müssen, damit sie nicht verhungern -Wohl dem der noch Enkel hat........Echt geil-nicht. Im übrigen wird eine Bekannte von mir bald arbeitslos. Ihr Chef (Einzelhändler in Nordhausen) kann dem Konkurrenzdruck der Großen nicht mehr standhalten und daher muss Sie wohl gehen. Aber es geht ja nun weiter: Sie hat ein Theater-Abonnement - nur leisten kann Sie sich nun kein Neues mehr – und wenn das vielen so geht, muss das Theater wohl (wie ungeil) die Preise anheben und oder......so dreht sich die Spirale.........Freiheit des Marktes, soziales Gewissen-Fehlanzeige-Neoliberalismus ist unsere Zukunft?
Gönnen wir unserem Handel keinen Cent Gewinn?! – Nur wenn ein Händler keinen Gewinn mehr machen kann, kann auch er nicht konsumieren, geht dann nicht ins Reisebüro und bucht eine teure Weltreise, kann nicht investieren, kann keine Arbeitsplätze schaffen. Wenn wir nicht verstehen, das wir uns den Ast selbst absägen, auf dem wir sitzen, find ich diese liberale Zukunft richtig ungeil.
Bald wächst Europa weiter zusammen. Benutzen wir diese einmalige Chance nicht dazu, die Menschen in Osteuropa auf dem Niedrigstlohn-Standart zu belassen, damit wir, echt geil, dort billigst produzieren können, fordern wir die Politik auf, diese Länder unserem Lebensstandart anzugleichen, nicht umgekehrt! Geben wir letztlich uns die Chance unsere Arbeitsplätze hier zu sichern. Akzeptieren wir wieder, das Produkte, die in Deutschland herstellt worden sind, teurer sind als die, aus Billigstländern. Gönnen wir unserem heimischen Einzelhandel, dem Arzt oder auch den größeren, heimischen Unternehmen einen Gewinn. Er wird sich auch auf unser persönliches Umfeld langfristig auswirken.
Und glauben Sie mir, meine Medikamente will ich nicht im Internet bestellen, denn dann hätte ein anderer Bekannter bald keinen Job mehr! Und wenn er keinen Job mehr hat, kann er auch bei mir kein neues Auto kaufen. Und wenn ich nun kein neues Auto verkaufen kann, kann ich nun nicht mehr ...sonder müsste wohl auch billigstkaufen. Wie, werden Sie jetzt denken - hier wird aber ganzschön übertrieben – Vielleicht, vielleicht aber auch nicht...... Echt geil wäre es doch, wenn sich hier der Einzelhandel, die kleinen Unternehmen ansiedeln, weil die Nordhäuser verstanden haben. Wenn dann auch die Standortfrage mit Sachverstand gewählt würde, hätte eventuell auch ein Industriegebiet langfristig eine Chance Investoren anzulocken, die nicht mehr auf Teufelkommraus billigst produzieren müssten, die nicht nur nach Nordthüringen kommen, weil ihnen hier die Fördergelder für 10 Jahre in den Rachen geworfen werden, sondern die nach unternehmerischen und sozialen Aspekten einen Standort auswählen und nicht weil es nur noch darum geht alles billig zu kriegen. Es liegt also nicht alles bei Politikern sonder vieles liegt an uns selbst. Denken wir darüber nach. Eine spannende Diskussion könnte die Folge sein.
Klaus-Dieter Korb, Urbach
| Anmerkung der nnz-Redaktion: Die im nnz-Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor. |
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Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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