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Mo, 18:31 Uhr
12.08.2013

DDR: Lachen war verboten...

... könnte der unkritische Leser oder gar Westdeutsche denken, wenn er aller paar Wochen die geistigen Ergüsse einiger CDU-Politiker vorgesetzt bekommt. „Unfreiheit, Diktatur und Tod“, lautet die Überschrift des Beitrages zur Äußerung der Landtagsabgeordneten Evelin Groß anlässlich des verhängnisvollen Mauerbaus 1961...


Der Beitrag strotzt wie immer von Einseitigkeiten einerseits und von Beschönigungen und Selbstbeweihräucherungen der heutigen Machthaber. Das kannte ich schon von Honeckers Grußworten. Natürlich, liebe CDUler, gehört der Mauerbau angeprangert, natürlich dürfen wir auch die Mauertoten nicht vergessen, nicht Jene, die noch in den 50er Jahren aus politischen Gründen von Hilde Benjamin zum Tode verurteilt wurden und auch nicht Jene, die jahrelang in Bautzen oder Hohenschönhausen einsaßen, nur weil sie gegen Partei und Staat engagiert waren.

Hoppla: Gegen den Staat engagiert? Heute werden sogar Leute überwacht, ohne dass sie auch nur das Geringste „verbrochen“ haben. Mielkes unmenschlicher Apparat, der mir selbst eine Akte einbrachte, war gegen das, was unser System als NSA und ihre bundesdeutschen Anhängsel hervorbrachte, Kleinkram, zumindest bei der Überwachung.

Kleinkram war es aber auch, was die DDR global Unmenschliches anrichtete. Merkel & Co protestieren wenig bis gar nicht, wenn Konzerne mit deutschen Adressen in Entwicklungsländern zu Hungerlöhnen produzieren lassen, wenn Holzkonzerne in Indonesien oder Malaysia indirekt oder direkt Eingeborene vertreiben, um Edelhölzer für unsere Gartenmöbel zu schlagen oder Ölpalmen für unsere SUVs anzubauen. Sie fördern sogar die Verwendung von Biosprit und Bioenergie insgesamt, obwohl den Ärmsten der Armen in den Entwicklungsländern dadurch noch weniger bleibt, als ohnehin schon – weil die Lebensmittelpreise steigen.

Und unsere ach so gute Gesellschaft hat kein bisher wirksames Konzept gegen den Klimawandel, dem schon heute Tausende zum Opfer fallen – nur das sich die Täterschaft nicht so leicht nachweisen lässt. Das haben wir verursacht, wir in den reichen Ländern mit Politikern wie Frau Groß, die Schönwetterreden halten, statt unser System mit all seinen verheerenden, rein auf Konsum und zerstörerisches Wachstum beruhenden Unfähigkeiten zu kritisieren.

Das System, das wir übergestülpt bekommen haben, sollte sehr still sein, wenn es mit seiner Menschlichkeit prahlt: Der Klimawandel z. B. steckt ja noch in den Kinderschuhen! Niemand weiß, wie viele (nicht erschossene) Klimatote es in 30 oder 100 Jahren sind. Unsere Gesellschaft setzt das Leben von Millionen aufs Spiel!

Marktwirtschaft herrscht nicht nur im sozialen Deutschland, sehr geehrte Frau Groß. Das soziale Deutschland unterhält vielfältige wirtschaftliche Beziehungen zu Ländern, in denen Menschenleben nicht viel zählen, deren Produkte Deutschland aber gern einführt. Deutschland protestiert zu wenig gegen Derartiges und erzeugt zu wenig Druck auf die Verantwortlichen in Wirtschaft und internationaler Politik.

Das sollten Sie ebenso wenig unter den Tisch fallen lassen wie die Toten, die auch heute noch infolge des Einsatzes deutscher Waffen irgendwo in der Welt zerfetzt werden. Im Namen der Freiheit, versteht sich. Die Mauertoten sind bekannt. Die vielen Namenlosen, die tagtäglich unter der Maßlosigkeit des Kapitalismus sterben und noch sterben werden, haben kein Platz in den Tischreden der heute Herrschenden.

Noch einmal zum Thema Unfreiheit in der DDR. Ich habe mehr als 1.600 Menschen interviewt. Viele erzählen von ihren erlebnisreichen Jugendjahren, von Reisen, Partys und vielem mehr. Es gab tatsächlich Menschen, die in der DDR gelacht haben, es gab viele, die sich nicht unter Druck gesetzt und verfolgt gefühlt haben, viele gibt es, die in der DDR sehr gern lebten. Es gab sogar Millionen von Menschen, die nicht aus politischen Gründen verfolgt wurden.

Fast durchweg höre ich zwar, dass niemand die DDR zurückhaben möchte, aber mir wird auch viel von den sozialen Folgen berichtet, die die neue Zeit mit sich brachte, von Neid und Missgunst, und den „Ergebnissen“ der immer größer werdenden sozialen Ungleichheit. Arbeitslose werden auf den Ämtern all zu oft als Menschen zweiter Klasse behandelt, auch das wird mir gesagt.

Die scheinbare, direkte oder indirekte Missbilligung vieler, die in der DDR gelebt, gearbeitet und geliebt haben, durch die heute Verantwortlichen, halte ich für eine ungeheuerliche Arroganz. Die Mehrheit, liebe Frau Groß, muss sich nicht dafür schämen, in der DDR gelebt zu haben! Die Grundidee des untergegangenen Systems war gut. Ihre Umsetzung hingegen war grundverkehrt. Vor allem aber passte der Mensch mit seiner Maßlosigkeit nicht zu den gut gemeinten Gedanken!

Bitte machen Sie also nicht dieselben Fehler, wie einst die SED-Ideologen, sehr geehrte Frau Groß: Benennen Sie auch die zahllosen Missstände und Unfähigkeiten der Gesellschaft, die sie vertreten. Einseitige Betrachtungsweisen treffen selten den Kern.

Übrigens: Ich war nicht in der Partei, und würde auch niemals in eine der heutigen gehen, ich durfte aus politischen Gründen ein Jahr lang nicht studieren und wurde von zwei IMs beobachtet. Nur falls Sie jetzt überlegen sollten, wohin Sie mich stecken müssen.
Bodo Schwarzberg

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Autor: red

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Kommentare
V. Frischbier
12.08.2013, 19:38 Uhr
Einseitig
Sehr geehrter Herr Schwarzberg,
das, was sie hier als Kritik anbringen, ist meiner Meinung nach wieder mal sehr einseitig betrachtet. Haben Sie eventuell vergessen, wie in der DDR mit der Umwelt umgegangen wurde? Ich kann mir gut vorstellen, dass eine solche Umweltverschmutzung, wie sie da vorlag, nicht gerade zur Vermeidung der Klimakatastrophe beigetragen hatte.

Wenn jeder Artikel, jede Aktion von Ihnen als Startpunkt für Klimakatastrophenbeiträge dient, so muss ich annehmen, dass es wohl keine Chance gibt, Ihnen irgend etwas recht zu machen. Es findet sich doch immer wieder ein Haar in der Suppe.

Vielleicht besteht doch die Möglichkeit, auch mal etwas ohne Kommentar stehen zu lassen, das wäre bestimmt dem von Ihnen angestrebten Ziel eher förderlich.

Übrigens, es ist nicht nötig, sich für ein Leben in der DDR zu schämen. Das wäre Quatsch, das hat keiner nötig. Wenn Menschen auf Ämtern falsch behandelt werden, so zeigt es uns, dass da leider vergessen wird, dass Ämter und Behörden für den Menschen da sein sollen! Nicht umgekehrt.
Retupmoc
13.08.2013, 08:02 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert.
WR-NDH
13.08.2013, 18:34 Uhr
Frischbier vs. Schwarzberg
Ich teile die Ansicht des Herrn Schwarzberg. Was hat er denn im Kern gesagt? Er wies darauf hin, dass recht oft alles was in der DDR nicht i.O. war kritisiert wird, aber das was i.O. war nicht genannt wird. Das Ziel dieser Handlungsweise kann doch nur sein im schwarz – weiß Verfahren den Eindruck zu erwecken, dass der sog. real existierende Sozialismus (der kein Sozialismus war) und damit die marxistische Lehre nichts taugen und der Kapitalismus, den man Marktwirtschaft nennt, das Beste ist was es je gab und geben wird. Dazu will ich mich jetzt nicht äußern, weil das wieder ein neues Fass aufmachen würde.

Einige gute und weniger gute Dinge möchte ich jedoch anführen, um zu versuchen etwas Objektivität in der Betrachtungsweise zu erreichen.
• Mir haben viele Lehrer gesagt, dass das Bildungswesen in der DDR, wenn man die politische Einflussnahme außer Acht lässt, besser war als das heutige. Auch aus eigenem Erleben kann ich das bestätigen. Ich war eines von drei Kindern. Unsere Eltern waren beide ungelernte Arbeiter. Wir konnten alle drei studieren. Durch das Studium meines Sohnes, der ab 1995 in Jena studierte, wurde mir klar, dass das heute nicht möglich wäre.
• Herr Schönboom, ehemaliger Innenminister in Brandenburg, sagte einmal, dass die DDR-ler keinen Zugang zu Kunst und Kultur hatten. Das Gegenteil war der Fall. Wir gingen seinerzeit viel häufiger ins Theater als heute, sowohl aus finanziellen als auch aus Zeitgründen. Und wenn man sich die Kennzeichen der am Theater vorfahrenden Busse ansieht wird auch klar, dass gebrauchte Bundesbürger in Ermangelung eigener Theater zu uns kommen. Im Übrigen organisierten schon die Schulen zu DDR-Zeiten Theaterbesuche.
• War denn der Haushaltstag nicht eine gute Sache, die sich manch eine Berufstätige heute wünscht?
• Wie war es denn mit dem grünen SV-Buch?
• Niemand musste bei Medikamenten zuzahlen.
• Wie war es denn mit den immerwieder genannten Polikliniken? Die wurden nach 1990 abgeschafft, weil es ja nichts Gutes in der DDR geben durfte. Nun werden diese, natürlich unter anderem Namen, wieder ins Leben gerufen. Warum wohl?
• Wie war es denn mit der Freiheit in der damaligen BRD bestellt? Wer Kommunist oder ähnliches war durfte z.B. nicht einmal Briefträger sein. Das nennt man Berufsverbot.
• Da wir dabei sind: solche Dinge gab es auch in anderen kapitalistischen Ländern. Vielleicht erinnert sich jemand noch an die Mc Carthy-Ära. Das war Verfolgung Andersdenkender pur. Kommunisten wurden auf eine schwarze Liste gesetzt und bekamen keine Arbeit. Selbst Charles Chaplin wurde wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ im Jahre 1952 nach einer Tour durch Europa die Wiedereinreise in die USA untersagt.
• Und heute gibt es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten „eine rassistische Ungleichheit bei der Anwendung der Strafgesetze“, so Herr Obama auf einer Pressekonferenz zum Tod des Teenagers Trayvon Martin am 19.07.2013.
• Ja, die DDR vernachlässigte sträflichst den Umweltschutz. Aber tat man das früher nicht auch in der BRD? Dort besann man sich zum Glück rechtzeitig und räumte dem Umweltschutz eine gebührende Rolle ein.

Und zum Schluss, Herr Frischbier: Sie empfahlen Herrn Schwarzberg einmal etwas einfach stehen zu lassen. Warum taten Sie das nicht mit seinem Beitrag?
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