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Mo, 10:05 Uhr
12.08.2013

Harz West-Ost: „Eine schöne Tortur“

147 km über den gesamten Harz zu wandern, in einem Stück von Seesen, über den Brocken nach Lutherstadt Eisleben in 40 Stunden, das bietet Zeit und Raum sowohl für Innenansichten, als auch für den Blick hinaus. Erlebnisse von Bodo Schwarzberg...

Kurz vor dem Ziel (Foto: B. Schwarzberg) Kurz vor dem Ziel (Foto: B. Schwarzberg)
Das östliche Ende des Harzes vier km östlich von Hergisdorf im Mansfelder Land

Der Harz ist in jeder Hinsicht ein geteiltes Gebirge, das lediglich grenzenlos bereist werden kann. So kann man das Gebirge durchaus in von Wanderern überschwemmte und wandererarme bis -freie Zonen einteilen. Im Brockengebiet sahen wir beim Abstieg hunderte Menschen, im Brockenzug ebenso wie in Schierke: Aber schon zwischen Schierke und Elend, im wunderschönen Naturschutzgebiet Elendstal, also nur wenige Meter vom sanften Massentourismus entfernt, trafen wir nur auf ein einziges Ehepaar:

Auf den über 90 Kilometern zwischen Schierke und dem Ziel Eisleben mögen es ganze 20 Menschen gewesen sein, die zu Fuß unterwegs waren – den 222 Harzer Wandernadeln zum Trotz. Trotz aller „Wanderkaiser“ und „Wanderkönige“, den gekrönten Wandernadelhäuptern also. Das stärkt meine Beobachtung, dass zumindest einige Wanderbnadeljäger die fahrtechnisch oft gut erreichbaren Wandernadeln gern mit dem PKW anfahren. Zu wünschen bliebe daher, die ohne Zweifel beliebten Kästen an schwer anzufahrenden Stellen aufzuhängen, wie z.B. im LK Nordhausen am und auf dem Poppenberg, nicht aber wie jene am Pferdekopf bei Wippra, nur 500 Meter von der Straße entfernt an einem Fahrweg.

Seesen – Brocken (km 0 bis km 45)

147 km Wandern, das ist Tiefenentspannung pur. Während man sich in der zweiten Wandernacht von Müdigkeitsanfall zu Müdigkeitsanfall hangelt, ständig also Selbstdisziplin übt, tritt in den 13 Stunden Schlaf nach der Tour ein Gefühl tiefer Entspanntheit mit vielen wohlgeordneten Gedanken ein.

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Mein Wanderfreund Oliver Mieth aus der Oberlausitz und ich starteten am Freitag gegen 21:15 am Bhf. Seesen, wanderten über Lautenthal (Gaststätte Zwergenstübchen), Bockswiese, Festenburg, Altenau, Oberschulenberg, die Okertalsperre und das Torfhaus also durch das darbende und schwindsüchtige, ehemalige Zonenrandgebiet, zunächst zum Brocken (km 45). Oben genossen wir die Ruhe und die fast leere Bahnhofsgaststätte, denn noch war der erste Zug mit hunderten Brockenbesuchern unterwegs.

Die Kneipe, wohlig beleuchtet von der noch tief stehenden Sonne, empfing uns früh um 9 so still, dass man den Kühlschrank hören konnte. Gegen 10:30, wir wollten gerade starten, betrat Brocken-Benno nach seinem 7.067. Aufstieg den Raum. Wir begrüßten uns herzlich und ich ließ mir von ihm seinen aktuellen Brockenbesuch mit Sonderstempel bestätigen. Erst vor zwei Wochen war ich mit dem 81-jährigen hinaufgegangen, um ihn für mein neues Buch zu interviewn.

Brocken-Straßberg (km 45 bis km 96)

24 Stunden später, Brocken-Benno hatte längst geschlafen unternahm gerade seinen 7.068. Aufstieg, wanderten wir Harzbezwinger gerade zwischen km 127 und km 140 (Grillenberg und Hergisdorf).

Doch zuvor ging es über Schierke, Elend, Königshütte und Trautenstein zum Radeweghaus an der B 81, das in etwa den dem Landkreis Nordhausen nächstgelegenen Punkt dieser Wanderung darstellt. Im Stieger Bahnhof (km 81) sahen wir den letzten Triebwagen nach Nordhausen, der für uns jedoch keinerlei Versuchung darstellte! Weiter ging es über ein Stück Selkestieg und die Hohe Straße nach Güntersberge und durch das Selketal nach Straßberg, hinein in die mondlose Dunkelheit der zweiten Nacht.

Dort, im Gasthaus Bergschänke (km 96), trafen wir um 22:45, mit einer viertel Stunde Verspätung, ein, und konnten wie in jedem Jahr die einzigartige Fürsorge der Wirtin genießen. Die Pause ist die vielleicht wichtigste der Tour, weil wir bei ihr Kräfte für die zweite zu durchwandernde Nach tanken.

Straßberg – Lutherstadt Eisleben (km 96 bis km 147)

Kurz nach Mitternacht starteten wir, unserem Zeitplan entsprechend, auf das letzte Drittel der Wanderung, das uns über Dankerode (kurzes Ruhen auf dem Waldboden), die Wippertalsperre und Wippra zum Frühstück im Harzer Erlebnishof Grillenberg und dann über Hergisdorf und Wimmelburg zum Ziel, Bahnhof Lutherstadt Eisleben, führt. Nicht unerwähnt soll das „Ende des Harzes“ 4 km westlich Hergisdorf bleiben. Dort endet der Harzwald, was uns schon lange durch einen hellen, stetig größer werdenden Lichtpunkt im Grün der Laubbäume angekündigt wurde. Es ist jedesmal ein wunderbares Gefühl, diesen Punkt erreicht zu haben.

Am Bahnhof Eisleben trafen wir gegen 14:30 Uhr ein, also mit einer Verspätung von einer Stunde gegenüber dem Zeitplan, der 13:30 vorsah. Das lag an zwei zusätzlichen Pausen, die wir uns auf den letzten Kilometern gönnten.

Am Tag danach ist die Tortur vergessen, das ständige Überwinden vermeintlicher persönlicher Grenzen, von Müdigkeit und Verspannung. Bis zum nächsten Hunderter.

Zum sechsten Mal hatten wir den Harz von West nach Ost durchquert und damit gezeigt, dass dies nicht nur, wie so oft, von Nord nach Süd möglich ist.

Ein herzliches Dankeschön geht insbesondere an das Team vom Zwergenstübchen Lautenthal, den Brockenwirt, an die Macher vom Eiscafé Trautenstein und den Harzer Erlebnishof in Grillenberg.
Bodo Schwarzberg

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Autor: red

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