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Mi, 07:18 Uhr
24.07.2013

Menschenbilder (71)

Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...

Helmut Bornkessel

Altmeister der Nordhäuser Leichtathletik

„Ich muss ja vor meinen Athleten bestehen können, wenn ich als Trainer vor sie trete“, sagt Helmut Bornkessel, der sich im Landkreis Nordhausen seit mehr als 50 Jahren als aktiver Sportler und Übungsleiter herausragende Verdienste erworben hat.

Auch heute noch, mit 82 Jahren, zieht der am 14.10.1931 in Nordhausen Geborene dreimal pro Woche seine Laufschuhe an und joggt rund 45 Minuten lang durch die Nordhausen umgebene Landschaft. Und ebenso wie schon vor Jahrzehnten, trainiert er Leichtathleten aus unserer Region, vor allem in den Disziplinen Sprint und Mehrkampf. Einige von ihnen hören seit 30 Jahren auf Helmut Bornkessel, einige Spitzensportler erhielten von ihm das Rüstzeug für ihre ersten Meisterschaftsmedaillen.

Bevor sich mein Gesprächspartner jedoch ganz einem Leben mit und für den Sport widmen konnte, wurde auch er hautnahe mit dem Trauma des Krieges konfrontiert, darunter auch mit den beiden verheerenden Bombenangriffen auf die Stadt vom 3. und 4. April 1945. Auch an die ersten, Wochen zuvor auf die Stadt abgeworfenen Bomben erinnert er sich genau. Sie fielen auf Häuser in der Schützenstraße. Als Angehöriger der nationalsozialistischen „Pimpfe“ musste Helmut Bornkessel den Trauerfeiern für die zu beklagenden ersten Bombenopfer beiwohnen.

Den Angriff vom 3. April erlebte er im Keller seines Elternhauses in der Frankenstraße 5. „Am Vormittag sahen wir auf dem Bebelplatz viele Wehrmachtssoldaten mit schwerer Militärtechnik. Von ihnen war zu erfahren, dass sie im Raum Dresden eingesetzt werden sollten. Wir wussten aber, dass die Amerikaner bereits im nahen Kassel standen und wir bekamen Angst: ‚Warum verteidigen sie uns nicht?‘, fragten wir uns.“

Am 4. April traf Helmut Bornkessel mit seinen Freunden auf eine Militärstreife, die mit der Bemerkung für Angst sorgte, dass ein weiterer Angriff nicht unwahrscheinlich sei. Mit seiner Familie fand er in einem Stollen Schutz, der zu einer Ziegelei am Alten Friedhof gehörte. Alle überlebten sie das Inferno. „Glücklicherweise hatten wir gerade Osterferien. Denn unsere Schule an der Morgenröte wurde an diesem Morgen komplett zerstört“, merkt er an.

Wenige Tage später, am 11. April, konnte der junge Nordhäuser auch die ihm und allen Deutschen eingeimpfte „Grundangst“ vor den Feinden ablegen: „Als die Amerikaner in die Stadt einrückten, versteckten wir uns in einem Keller. Plötzlich stand ein Schwarzer mit einer MPi im Anschlag vor uns und lachte uns an, als wir ihn voller Angst mit ein paar Brocken Englisch ansprachen. „‘Der Krieg ist vorbei, Hitler ist tot‘, sagte er zu uns. Die Soldaten schenkten uns Kaugummi und Schokolade“, erinnert er sich.

Aber die Besatzer setzten ihn und seine Freunde auch zum Enttrümmern und zum Bergen von Bombenopfern ein. Auch Helmut Bornkessel, gerade 14 Jahre alt, zog Tote aus den zerstörten Häusern vor allem in der Blödaustraße und am Taschenberg. Für diese schwere und menschlich zutiefst belastende Arbeit erhielten die Jugendlichen begehrte Lebensmittelmarken. Glück hatte die Familie, weil sie in den Trümmern des ehemaligen Krankenhauses am Taschenberg auf viele Packungen mit Eigelb stieß. Wochenlang gab es bei Bornkessels nichts anderes als Eierkuchen – im Jahre 1945 ein unglaublicher Luxus.

Im Herbst konnte Helmut Bornkessel erstmals wieder die Schule besuchen. Er kam an das damalige Lyzeum, die heutige Humboldt-Schule, und gehörte dort zur letzten reinen Jungenklasse, die, ebenfalls als letzter Jahrgang, kein Russisch hatte. 1950 machte er Abitur und wurde Student am Institut für Lehrerbildung in Bad Langensalza. Lehrer waren knapp und wurden dringend gebraucht. Bis 1957 unterrichtete er anschließend in Breitenworbis, seine Schwerpunktfächer hießen Deutsch, Geografie und Sport. Die Leichtathletik bestimmte schon damals wesentlich die Freizeit des jungen Lehrers.

Bei der BSG Empor Breitenworbis widmete er sich vor allem dem Laufen. Distanzen zwischen 5.000 m und dem Halbmarathon sollten fortan zu den von ihm bevorzugten Disziplinen gehören. Obwohl dies zur damaligen Zeit fast unmöglich war, gelang es dem jungen Pädagogen 1957, seinen Wunsch, zurück nach Nordhausen zu ziehen, umzusetzen – als Deutschlehrer an der Kinder- und Jugendsportschule (KJS), die anfangs in die Dr.-Theodor-Neubauer-Schule integriert war.

Dort begann seine eigentliche Karriere als erfolgreicher Trainer: „Jeder Fachlehrer musste ganz obligatorisch auch auf sportlichem Gebiet Aufgaben übernehmen. Als Leichtathlet baute ich eine Trainingsgruppe mit den Schwerpunkten Sprint und Mehrkampf auf“, sagt er. Diese Spezialisierung sollte das sportliche Leben Helmut Bornkessels bis zum heutigen Tag begleiten. Schon damals trainierte er den Schüler Peter Godehardt, der mit 10,9 Sekunden über 100 Meter DDR-Jugendrekordler wurde. Für den Erfolg steht aber zum Beispiel auch der Name René Zimprich, der in Thüringen 2004 Zweiter über 110 Meter Hürden, Erster über 400 Meter Hürden und in der AK 20-30 Meister im Zehnkampf wurde. Kai Rammelt war 2008/09 Thüringenmeister und zwar über die 100 Meter.

Patensportgemeinschaft der Nordhäuser KJS war die BSG Lok Nordhausen. 1961 gliederte sich letztere dem SC Lok Leipzig an, um der Eingliederung in den SC Turbine Erfurt zu entgehen. Der Grund: In jedem DDR-Bezirk durfte es nur eine KJS, und zwar in der jeweiligen Bezirkshauptstadt, geben. Auf Beschluss der Bezirksleitung des DTSB und der SED-Kreisleitung mussten die Schüler der KJS Nordhausen ab Juli 1963 für den SC Turbine Erfurt starten. „Ich aber wollte unbedingt in Nordhausen bleiben und wechselte daher als Lehrer an die Polytechnische Oberschule Bertolt Brecht“, erklärt er. Ihr blieb er bis zur Wende treu und musste nur im Zuge der Umstrukturierung des DDR-Schulsystems ein halbes Berufsjahr an der Theodor-Neubauer-Schule verbringen.

Im Alter von 60 Jahren trat Helmut Bornkessel vorzeitig in den Ruhestand, wofür er triftige Gründe ins Feld führt: „1990 hospitierten mehrere Kollegen und ich an einer Osteröder Schule. Wir waren über die dort herrschenden Verhältnisse entsetzt. Im Lehrerzimmer saß jeder Lehrer als Einzelkämpfer allein und in den Klassen ging es drunter und drüber, unabhängig davon, ob nun ein Lehrer im Raum war, oder nicht. Einzelne Schüler liefen während des Unterrichts hinaus und kamen nicht wieder“, denkt er zurück. – Und für ihn stand eines fest: „Wenn das zu uns kommt, höre ich auf.“, Wenig später ließ er diesen Worten Taten folgen.

Der Verein, in dem mein Gesprächspartner über Jahrzehnte Zuhause war, hieß BSG Lokomotive Nordhausen. Dort gehörte er als Sektionsleiter Leichtathletik zu den tragenden Säulen. Nachdem die BSG infolge des Mauerfalls in den Eisenbahnersportverein umgewandelt worden war, blieb er, bis zu dessen Auflösung im Jahre 1998, Abteilungsleiter Leichtathletik.

Vor diesem Hintergrund schlug im genannten Jahr die Geburtsstunde des LV Altstadt `98, den mein Gesprächspartner gemeinsam mit Dieter Jürgens und anderen Enthusiasten gründete und der sich bis heute zum zweitgrößten Sportverein der Stadt Nordhausen entwickelt hat – mit der Leichtathletik als Herzstück (siehe auch Texte Dieter Jürgens und Klaus Kessler in diesem Band). Bis 2013 war Helmut Bornkessel stellvertretender Vereinsvorsitzender. Bis heute aber nimmt er nach wie vor und wie beschrieben unverändert Aufgaben als Trainer wahr. Seit 1975 ist er Inhaber eines Trainerabschlusses auf dem Gebiet der Leichtathletik („Lehrwart Stufe IV“), der heute der B-Trainerlizenz entspricht. „Zu DDR-Zeiten gab es kaum ein Wochenende, an dem ich nicht mit meinen Schützlingen irgendwo im Land zu Wettkämpfen weilte“, sagt er.

Doch auch als Aktiver hinterließ Helmut Bornkessel in den zurückliegenden Jahrzehnten seine Spuren: 24 Jahre in Folge nahm er an den alljährlich ausgetragenen Albert-Kuntz-Läufen teil, natürlich auch am ersten im Jahre 1979 ausgetragenen. Aber auch zum Possenlauf, zum Vogelsberglauf, zum Leipziger Messecross und zu Bezirksmeisterschaften fuhr er nach ausgiebigem Training regelmäßig.

Zudem erwarb er sich den ehrenvollen Ruf als wanderndes Leichtathletik-.Lexikon: Kaum einen Sportlernamen oder eine gelaufene Zeit gibt es, die der Nordhäuser nicht parat hätte. Hierzu trug vor allem seine akribische Chronistenarbeit bei: Von den Anfängen der Nordhäuser Leichtathletik bis in die Gegenwart hinein wühlte er sich durch das komplette Kreisarchiv. Da er dort nichts Neues mehr finden kann, ist nun das Stadtarchiv an der Reihe. 30 Mappen mit wohlgeordneten Dokumenten künden vom unglaublichen Fleiß des 82jährigen.

Doch damit nicht genug: Zeitgleich führt er die Chroniken des LV Altstadt `98, der Bertolt-Brecht-Schule sowie der Nordhäuser SPD.

Auch die Politik spielte im Leben von Helmut Bornkessel übrigens stets eine gewisse Rolle: Bereits als Schüler trat er in die Blockpartei LDPD ein. „Daher hatte ich vor der SED in all den Jahrzehnten meine Ruhe und eine gewisse Narrenfreiheit. 1991 wählten ihn seine Kollegen von der Bertolt-Brecht-Schule zu ihrem Vertrauensmann. Zwischen 1994 und 2009 gehörte er der SPD-Fraktion im Nordhäuser Stadtrat an und ist noch heute Mitglied im ASO-Ausschuss.

Helmut Bornkessel ist ledig: „Ich war Zeit meines Lebens mit der Leichtathletik verheiratet“, schmunzelt er.

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Autor: red

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