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Sa, 12:45 Uhr
31.03.2001

Premiere: Michael Schindhelm las im Supermarkt

Schindhelm-Leseung Nordhausen (nnz). Der Robert, der den Zauber des Westens erlebte und erlebt, macht auf seiner Reise mal schnell Station in einer Kleinstadt am Harz, ehe er nach Ost- und Westthüringen weitereilt. Hier, wo er Spuren aller Art hinterlassen hat, hier stellt er seine Bücher vor, holt sich ihm wohlgesonnene Menschen aufs Podium und diskutiert mit ihnen und den Zuhörern.
Viele, die da am Abend saßen, wollten vielleicht auch aus den Passagen seiner Büchern erfahren, was aus dem Schindhelm geworden ist. Viele kannten ihn aus seiner Nordhäuser Zeit, ein Seufzen ging über so manches weibliche, jetzt noch mehr frauliche Gesicht, kommunale Politiker waren kaum auszumachen. Die, die trotzdem gekommen waren, wie Winfried Theuerkauf oder Dr. Manfred Schröter, die legten erst einmal pflichtbewusst eine finstere Miene ins Gesicht und Schindhelm begann zu lesen. Aus der Reise des Roberts waren neben Schilderungen seiner Bekanntschaften in der Sowjetunion vornehmlich anatomische Beschreibungen seines Magenlebens zu hören. Schindhelm ließ seinen Robert nicht wirklich erzählen, was er wollte, da gab es kein wirkliches Öffnen. Michael Schindhelm wollte und will sich vermutlich auch nicht öffnen. Er will sich der Welt einfach mitteilen, Bücher schreiben, damit publik und vielleicht auch ein bißchen "reich" werden. Das hat nichts Anrüchiges an sich, das ist der Westen. Bemerkenswerte waren dann schon Auszüge aus dem "Zauber des Westens". Mal abgesehen, dass Derartiges im Osten immer noch intensiver ankommt als "da drüben", mag der Beobachter etwas irritiert sein, ob der dunklen Augen des Robert unter den dunklen, jetzt viel kürzeren Haaren, ob des Schindhelms, verpackt in eine schwarze Hülle aus Leder und Stoff. Bleibt da Platz für Gefühl und Güte?
Meint er es ehrlich, wenn er gerade die Entlassung des alten, plötzlich nicht mehr gebrauchten Nordhäuser Theater-Heizers für das Nordhäuser Publikum auswählt? Man muß es ihm abkaufen, vielleicht hat diese Stunde den Michael Schindhelm im Heizungskeller mehr geprägt als viele andere in seinem DDR-Leben. Hier jedenfalls gab es denn den ersten richtigen, den herzlichen Beifall, auch von einigen kommunalen Politikern. Es war so, als wollten sie sich für einen Moment befreien - aus dem Zauber des Westens.
Der zweite Teil des Abends war der Diskussion vorbehalten. Neben zwei Kultur-Journalisten des MDR und der LVZ plazierten sich neben Schindhelm Pfarrer Peter Kube, Intendatin Dr. Monika Pirklbauer und Matthias Mitteldorf. Nach einer kurzen Einleitung ging´s dann natürlich zum Thema Stasi über. Schindhelm erzählte, erklärte, vor allem wiederholte er Passagen aus seinem nnz-Interview von dieser Woche. Peter Kube brachte es vielleicht unbemerkt auf den Punkt. Er sei dafür, dass ein Schlußstrich gezogen werde, und die Thematik im Einzelfall müsse geprüft und differenziert bewertet werden. Kubes Botschaft allerdings ist immer noch nicht angekommen in der kleinen Stadt am Harz. Am liebsten hätte man die Rolandstadt zur "schindhelmfreien Zone" erklärt. Die Zone war allerdings in den 90er Jahren für einen "großen Mann" der Stadt nicht besetzt. Der am 2. März 1940 in Nordhausen geborene Lothar de Maizière, der DDR letzter Ministerpräsident, wurde mit allem offiziellen Pomp vom damaligen Bürgermeister Dr. Schröter im Rathaus empfangen. Vielen Bürgerrechtlern war dieser Nordhäuser auch als IM bekannt, sein Deckname sollte "Czerni" gewesen sein. Mehr Informationen zur DDR- Vergangenheit dieses Nordhäusers stellt nnz HIER zur Verfügung. Michael Schindhelm, dessen Opfer-Akte um ein Vielfaches stärker als die Täter-Akte sein soll, wurde ausgeladen, kein städtisches Gebäude, nicht mal eine Schule wurde ihm zugänglich gemacht. Und so mußte Robert schließlich zwischen quietschenden Mokka-Automaten und heulenden Bohnermaschinen in einem "Supermarkt" lesen. Es war trotzdem ein Abend, der vielen in Erinnerung bleiben sollte, und vielleicht kommt "Robert Schindhelm" wieder zurück an den Harz mit einem dritten Buch, in dem er seinen Lesern erzählt, wie der Westen entzaubert wurde. Ein Dank gebührt an dieser Stelle dem Management der Südharz-Galerie und dem Buchhaus Rose, die diesen Freitagabend möglich gemacht hatten.
Autor: nnz

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