Do, 06:54 Uhr
25.04.2013
Menschenbilder (64)
Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...
Als Dieter Posner am Morgen des 12. November 1989 erwachte, traute er seinen Ohren nicht: Achtung, Achtung, am Bahnsteig 1 hat jetzt der Personenzug von und nach Walkenried Einfahrt, hörte er aus den Bahnhofslautsprechern. Wenig später fuhr tatsächlich ein Zug ein, der für den Pächter der damaligen Ellricher Bahnhofsgaststätte das Unglaubliche Gewissheit werden ließ: Er kam nicht, wie üblich, aus Richtung Osten, sondern aus Richtung Westen. Und auf den Wagons prangte das Logo der Deutschen Bundesbahn.
Dieses Foto mit Seltenheitswert schoss Gisela Posner im Winter 1979 heimlich von ihrem Schlafzimmerfenster im Ellricher Bahnhofsgebäude aus. Im Mittelgrund ist der Grenzzaun zu sehen, rechts das Dienstgebäude von MfS und Zoll. Ein Güterzug wartet nach ausgiebiger Kontrolle auf "Freie Fahrt" in Richtung Westen.
Wenige Tage zuvor, am 8.11., also einen Tag vor der Maueröffnung, hatte der am 08.02.1942 in Ellrich geborene Gastwirt ganz offiziell den Grenzübergang Duderstadt passiert, um im Westen Verwandte zu besuchen, erstmalig in seinem Leben. Drei Tage später fiel es ihm zunächst schwer, mit seinen drei Koffern zurückzukommen. Die offiziellen Verbindungen funktionierten wegen des gefallenen Eisernen Vorhanges und wegen der mit Trabi-Kolonnen verstopften Straßen nicht. Schließlich nahm ihn ein Ossi mit in Richtung Ellrich, der angab, kurz zuvor über Ungarn geflüchtet zu sein. Nun traue er sich wieder zurück.
Als Dieter Posner im Verlaufe des 11.11. seine Heimatstadt Ellrich erreichte, legte er sich, betäubt vom Lärm und Gestank der Trabis, erschöpft schlafen. Dass just am Abend jenes Tages der Zaun in Richtung Walkenried fiel, entging ihm – bis zum Morgen des 12.11., an dem er die genannten, ungewöhnlichen Beobachtungen auf dem Ellricher Bahnhof machte. Damit ging für ihn eine spannungsgeladene Zeit an einem äußerst neuralgischen Punkt zu Ende: Denn nur wenige Dutzend Meter westlich des Bahnhof Ellrich, verlief bis zum Wendeherbst die verminte und streng bewachte DDR-Staatsgrenze. Als Zeitzeuge kann Dieter Posner über so manche Begebenheit berichten, die man eben nur als praktisch am Eisernen Vorhang in Ellrich tätiger Gastwirt erleben konnte.
Zudem lockte ihn das erwartete höhere Einkommen, welches sich tatsächlich einstellte: Als Kommissionshändler standen ihm 15,3 % des Umsatzes zu. Unter sechs Bewerbern ging er schließlich siegreich hervor und verdoppelte seinen Umsatz gegenüber jenem seiner Vorgängerin innerhalb der ersten zwei Jahre. Dies dürfte daran gelegen haben, dass Dieter Posner vielen seiner Gäste bekannt war: als Berufspendler zwischen Ellrich und der Kreisstadt.
Vielleicht trugen dazu aber auch die gereichten Speisen bei. So hielten bei ihm knackige Bockwürste mit Naturdarm Einzug – infolge gut gepflegter Kontakte zum Nordhäuser Fleischkombinat, versteht sich. Neben der tagsüber ausschließlich gereichten Bowu mit Brötchen ließen sich die Ellricher abends auch noch Schnitzel mit Brot und Strammen Max schmecken. Als Bier wurde selbstverständlich Helles von Rolandbräu aus der Kreisstadt gereicht: für 40 Pfennige pro 0,25-Literglas, entsprechend der in Bahnhofsgaststätten meist üblichen Preisstufe III.
Mit alledem entwickelte sich das Objekt zu einer Goldgrube, wie Dieter Posner gern einräumt. Allerdings bedeutete dies für ihn fast ständige Präsenz: Die Öffnungszeiten hatten sich nach den Abfahrts- und Ankunftszeiten der wichtigen Pendlerzüge zu richten. Anfangs öffnete er daher weisungsgemäß bereits morgens um 5:15. Da die Leute so zeitig aber meist nur Zigaretten und Streichhölzer gekauft hätten, brauchte er künftig erst um 12:30 aufzuschließen.
Voll sei es so gut wie immer gewesen, vor allem nach Ankunft des 17-Uhr-Zuges. Viele Gäste hätten nur ein oder zwei Gläser Bier getrunken, andere blieben bedeutend länger und tranken mehr: Diese treuen Seelen musste ich dann mitunter an die bevorstehende Abfahrt ihres letzten Busses, z.B. nach Sülzhayn, erinnern, sagt er.
In den ersten sieben und in den letzten zwei Jahren seiner gastronomischen Tätigkeit wurde er hinter und vor dem Tresen von Gisela Posner unterstützt, mit der er 17 Jahre lang, von 1962 bis 1979, verheiratet war. Auch die Mutter meines Gesprächspartners, Else Posner, war in den ersten Jahren mit dabei. Nachdem Gisela Posners zweiter Mann verstorben war, funkte es erneut zwischen den beiden. Seit 1992 sind sie wieder ein Paar.
Der Bahnhof Ellrich war zu DDR-Zeiten wider Erwarten ein belebter Ort – und das nicht nur auf Grund seiner Gaststätte und der vielen Pendler: Immerhin drei Familien wohnten damals in dem Gebäude: Neben Posners waren dies die Ehepaare Siebert (Herr Siebert war Bahnhofsvorsteher) und Krug (Herr Krug war Fahrdienstleiter). Auf der anderen Seite der Bahngleise, fast unmittelbar am Grenzzaun und zu Füßen der heutigen Gedenkstätte Juliushütte, residierten Vertreter des MfS Tür an Tür mit Mitarbeitern des Zolls. Außerdem führte etwa 100 Meter westlich des Bahnhofsgebäudes eine Art Fußgängerbrücke über die Bahngleise, auf der Grenzsoldaten patroullierten. Unbeobachtet konnte im und um den Bahnhof Ellrich niemand auch nur einen Schritt machen.
Doch nicht alle in Ellrich Dienst tuenden Uniformierten waren streng und unnachgiebig. Eines Tages durfte mich eine Tante besuchen. Sie reiste früh an und musste abends wieder ausreisen. Ich fragte die beiden am Anreisetag diensttuenden Trapos, ob sie am anderen Morgen wieder in Ellrich Dienst hätten und ob sie ein Auge zudrücken könnten, wenn meine Tante trotz des dann abgelaufenen Passierscheines über Nacht bliebe. Sie spielten mit, verpfiffen mich nicht, und meine Tante konnte ein paar Stunden länger bleiben, erinnert er sich. Es kam auch vor, dass der Gastronom Menschen seinen Personalausweis lieh, wenn diese den ihren vergessen hatten. Das war hochriskant, aber, da die Trapos die Pendler kannten, schauten sie so gut wie immer lediglich auf den Genehmigungsstempel und nicht auf Passbild und Namen.
Die Kontrollen und das Misstrauen der Organe im Umfeld des Ellricher Bahnhofs kannten dennoch kaum Grenzen und trieben mitunter seltsame Blüten: Brannte nachts z.B. das Licht in der Posnerschen Bahnhofswohnung zu lange, etwa weil mein Gesprächspartner vor dem Fernseher eingeschlafen war, musste er mit einem freundlichen Besuch des Abschnittsbevollmächtigten rechnen. Dieser stand auch immer dann in der Gaststättentür, wenn die Schließungszeit 24 Uhr um ein oder zwei Minuten überschritten war: Er kam rein, sah mich mit finsterer Miene an und tippte mit dem Zeigefinger resolut auf seine Armbanduhr, sagt Dieter Posner.
Natürlich waren auch die Genossen der Staatssicherheit allgegenwärtig: Als ich die Gaststätte übernahm, versuchten sie mich für eine IM-Tätigkeit zu gewinnen, was ich mit den Worten ablehnte: ‚Wenn es etwas Wichtiges gibt, rufe ich euch an. Lasst mich aber sonst in Ruhe‘, sagt er. Vor dem Antritt der neuen Stelle hätte das MfS zudem sein gesamtes privates Umfeld genauestens unter die Lupe genommen. Obwohl Dieter Posner über Westverwandte verfügte, gab es offenbar grünes Licht für ihn als Wirt in der vielleicht grenznächsten Gaststätte der DDR. Dennoch misstrauten die Mielke-Genossen dem Ellricher weiterhin und testeten gelegentlich seine Zuverlässigkeit. Eines Tages seien z.B. zwei Herren in die Gaststätte gekommen, hätten je einen Kaffee bestellt und von ihrem Passierschein berichtet, der ihnen den Besuch bei einem Bekannten in Ellrich gestattete.
Einen weiteren Bekannten hätten sie in Gudersleben, und auch ihn würden sie gern besuchen. Sie fragten den Wirt, wie sie am besten nach Gudersleben und von dort wieder aus dem Sperrgebiet hinaus kämen. Dieter Posner erteilte nichts ahnend bereitwillig die gewünschten Auskünfte und erhielt Stunden später einen Anruf von der VP-Dienststelle Ellrich, die ihm die Leviten las: Er dürfe derartige Fragen niemals beantworten uns müsse stattdessen sofort die Polizei informieren. Den Hörer nahm mein Gesprächspartner eines schönen Tages wegen eines verdächtigen Vorkommnisses tatsächlich in die Hand: Ich rief den ABV an, nachdem kurz vor Gaststättenschluss zwei jugendlich aussehende Personen auf die Klinke der Gaststättentür drückten. Mein damaliger Anruf bereitete mir noch lange Gewissensbisse, denn die beiden wurden wenig später festgenommen. Am darauffolgenden Tag erschienen Polizeivertreter mit einem Präsentkorb bei mir, um sich für meine Auskunft zu bedanken, sagt er. Die Stasi indes beschwerte sich bitter bei ihm, dass er nicht sie, sondern die Polizei angerufen habe.
Zu der wohl schlaflosesten Nacht seiner 22-jährigen Dienstzeit aber führte eine ganz andere Begebenheit: Die Stasi nutzte gelegentlich einen im Bahnhofsgebäude befindlichen Kulturraum für Feierlichkeiten. Während einer Feier sei der oberste Ellricher Stasimann bei Dieter Posner erschienen und habe im untersagt, an einen bereits angetrunkenen Kollegen Alkohol auszuschenken, falls dieser bei ihm dazu vorstellig werden sollte. Wenig später suchte ihn dieser tatsächlich mit diesem Anliegen auf: Der Angetrunkene bedrohte den sich weisungsgemäß weigernden Gastwirt, so dass sich dieser gezwungen sah, den Stasimann an der Uniform zu packen und aus der Gaststätte zu drängen, wobei letzterer stürzte. Ich hatte große Angst wegen der möglichen Folgen, bekennt der Ellricher. Doch alles kam ganz anders als von ihm befürchtet: Am folgenden Tag rief der oberste regionale Stasimitarbeiter an und kündigte eine Entschuldigung seines renitenten Kollegen an, die tatsächlich erfolgte. Diese unerwartete Reaktion war gewiss darauf zurückzuführen, dass sich der Vorgang vor lauter Zeugen abgespielt hatte und die wachsamen Genossen ihren Ruf nicht noch weiter schädigen wollten.
Angesichts der nahen Grenze gab es immer mal wieder Gespräche in der Bahnhofsgaststätte, die woanders wohl kaum geführt worden wären: ‚Soll ich mal meinen Colt ziehen?‘ habe ihn z.B. mal ein uniformierter, angetrunkener Stasimann gefragt: ‚Bevor Du das geschafft hast, hab ich Dich mit meinem nassen Wischlappen erschlagen‘, entgegnete Dieter Posner tapfer.
Ein Stellwerksmitarbeiter indes plauderte in einer Runde einmal zu offen über die Möglichkeiten, Nordhäuser Personenzügen durch bestimmte Weichenstellungen in Richtung Walkenried freie Fahrt zu geben. Er hatte danach ein solch schlechtes Gewissen, dass er sich bei seinem Vorgesetzten selbst anzeigte und hernach nach Nordhausen versetzt wurde, denkt der Ellricher Gastwirt zurück. Ein Oberstleutnat der Grenzruppen habe sich ihm gegenüber unter vier Augen zudem mehrfach sehr kritisch über den Eisernen Vorhang geäußert.
Besonders große Mühe gaben sich Zöllner und Staatssicherheit auch mit den Güterzügen, die den Bahnhof Ellrich in Richtung Westen passierten: Jede Luke der leeren Kesselwagen sei mit Hammerschlägen geöffnet worden, was in ganz Ellrich zu hören gewesen sei. Man ließ Hunde in die leeren Kessel hinab, um eventuelle Ausreisewillige zu entdecken. Natürlich sei auch jeder herkömmliche Güterwagon geöffnet und genauestens kontrolliert worden.
Sehr ungewöhnliche Fahrgäste eines in Richtung Westen rollenden Güterwagens sorgten eines Tages übrigens für ganz besondere Aufregung: Eine polnische Familie mit ihrem gesamten Hausrat und sogar mit ihrem Vieh. Die Hintergründe dieser sonderbaren Geschichte kennt Dieter Posner bis heute nicht. Er erinnert sich lediglich, dass man den betreffenden Zug einen Tag lang in Ellrich habe stehen lassen. Ich erhielt Weisung, der Familie Essen zu kochen. Rund 24 Stunden nach ihrer Ankunft setzte sich der Güterzug mit den Polen in Richtung Westen in Bewegung. Die Polen durften ausreisen.
Als ein großes Ärgernis hätten es die MfS-Genossen auch stets empfunden, wenn Dieter Posner einmal im Jahr Briketts vor sein schienenseitig gelegenes Kellerfenster geschüttet bekam: Dort hatte normalerweise niemand etwas zu suchen. Kamen nun Kohlen, stellten sich zwei MfS-Leute vor den Haufen und trieben mich zur Arbeit an. Ich forderte sie dann auf, selbst zur Schaufel zu greifen, wenn es ihnen nicht schnell genug ginge, schmunzelt er.
Als verbesserungswürdig sahen die Organe auch die anfängliche gesellschaftliche Inaktivität meines Gesprächspartners an. Aber was sollte ich machen bei meinen Arbeitszeiten? Außer arbeiten war bei mir fast nichts anderes drin, sagt er. Kurzzeitig unterstützte er daher die Organe als Polizeihelfer: Als solcher musste er lediglich einmal pro Monat jeweils sonnabends bestimmte Ellricher Ladentüren überprüfen. Sie mussten nach Feierabend stets abgeschlossen sein. Später wurde er zahlendes Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und wurde in Ruhe gelassen.
Trotz des ständigen grenzbedingten, spannungsgeladenen Knisterns in der Ellricher Bahnhofsgaststättenluft habe es auch viel Spaß auf den 44 Plätzen gegeben: Skatrunden, Stammtische, Silvester- und Karnevalsfeiern inklusive.
Mit der Währungsunion begann der Stern der vielleicht grenznächsten Gaststätte der DDR schlagartig zu sinken. Kaum jemand sei noch gekommen. Das bedrückte den leidenschaftlichen Gastronomen sehr. Ich hatte bestimmt die niedrigsten Preise von ganz Ellrich, aber es wurde nicht besser. ‚Das bringt doch nichts‘, sagte meine Frau, und 1994 strich ich schweren Herzens die Segel, sagt er. Zunächst war er einige Monate lang arbeitslos, wirkte dann bei Abrissarbeiten in Rottleberode mit und fand anschließend eine Stelle als Pförtner bei den Harzer Graugusswerken in Zorge, wo er noch bis 2012 tätig blieb. Seit 1997 wohnt der frühere Gastronom mit Lebenspartnerin Gisela in Walkenried, - der dort niedrigeren Mieten wegen. Von seinem Fenster aus kann das Paar wie schon während seiner Ellricher Zeit die Bahngleise sehen.
In den Räumen der früheren Bahnhofsgaststätte hat heute die Freiwillige Feuerwehr ihren Platz. Das Gebäude gehört der Stadt Ellrich, die es vor einigen Jahren sanierte und so vor dem Schicksal vieler anderer Bahnimmobilien bewahrte (siehe Text Ehrhold im Band I).
Gemeinsam mit der gelernten Industrieschneiderin Gisela hat mein Gesprächspartner die Kinder Sylvia (50) und Andreas (49). Zwei Enkel (23 und 25) und ein Urenkel (1) komplettieren das Familienglück.
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Autor: redDieter Posner und Gisela Posner (Holzheu)
ehemaliger Pächter der Bahnhofsgaststätte Ellrich, der vielleicht grenznächsten Gaststätte der ehemaligen DDR, von 1972 bis 1994Als Dieter Posner am Morgen des 12. November 1989 erwachte, traute er seinen Ohren nicht: Achtung, Achtung, am Bahnsteig 1 hat jetzt der Personenzug von und nach Walkenried Einfahrt, hörte er aus den Bahnhofslautsprechern. Wenig später fuhr tatsächlich ein Zug ein, der für den Pächter der damaligen Ellricher Bahnhofsgaststätte das Unglaubliche Gewissheit werden ließ: Er kam nicht, wie üblich, aus Richtung Osten, sondern aus Richtung Westen. Und auf den Wagons prangte das Logo der Deutschen Bundesbahn.
Dieses Foto mit Seltenheitswert schoss Gisela Posner im Winter 1979 heimlich von ihrem Schlafzimmerfenster im Ellricher Bahnhofsgebäude aus. Im Mittelgrund ist der Grenzzaun zu sehen, rechts das Dienstgebäude von MfS und Zoll. Ein Güterzug wartet nach ausgiebiger Kontrolle auf "Freie Fahrt" in Richtung Westen.
Wenige Tage zuvor, am 8.11., also einen Tag vor der Maueröffnung, hatte der am 08.02.1942 in Ellrich geborene Gastwirt ganz offiziell den Grenzübergang Duderstadt passiert, um im Westen Verwandte zu besuchen, erstmalig in seinem Leben. Drei Tage später fiel es ihm zunächst schwer, mit seinen drei Koffern zurückzukommen. Die offiziellen Verbindungen funktionierten wegen des gefallenen Eisernen Vorhanges und wegen der mit Trabi-Kolonnen verstopften Straßen nicht. Schließlich nahm ihn ein Ossi mit in Richtung Ellrich, der angab, kurz zuvor über Ungarn geflüchtet zu sein. Nun traue er sich wieder zurück.
Als Dieter Posner im Verlaufe des 11.11. seine Heimatstadt Ellrich erreichte, legte er sich, betäubt vom Lärm und Gestank der Trabis, erschöpft schlafen. Dass just am Abend jenes Tages der Zaun in Richtung Walkenried fiel, entging ihm – bis zum Morgen des 12.11., an dem er die genannten, ungewöhnlichen Beobachtungen auf dem Ellricher Bahnhof machte. Damit ging für ihn eine spannungsgeladene Zeit an einem äußerst neuralgischen Punkt zu Ende: Denn nur wenige Dutzend Meter westlich des Bahnhof Ellrich, verlief bis zum Wendeherbst die verminte und streng bewachte DDR-Staatsgrenze. Als Zeitzeuge kann Dieter Posner über so manche Begebenheit berichten, die man eben nur als praktisch am Eisernen Vorhang in Ellrich tätiger Gastwirt erleben konnte.
Vom Leben als Gastwirt im Ellricher Bahnhof
Im Ellricher Bahnhof wohnte er seit der Übernahme der HO-Kommissions-Gaststätte im Jahre 1972. Bis dahin war sie von einer Frau Schwerdtfeger und ihrem Sohn geführt worden. In jenem Jahr nun nahm das berufliche Leben meines Gesprächspartners eine jähe Wendung. Der gelernte Dreher hatte sein Geld nach seiner Lehre in der Nordhäuser IFA zunächst noch bis 1972 bei dem Dieselmotorenhersteller verdient. Als ich hörte, dass die Ellricher Bahnhofsgaststätte zur Pacht ausgeschrieben war, bewarb ich mich. Mich reizte einfach das Neue. Außerdem bedeutete die Tätigkeit in der Bahnhofsgaststätte, dass ich nicht mehr täglich zwischen Ellrich und Nordhausen würde pendeln müssen, sagt er.Zudem lockte ihn das erwartete höhere Einkommen, welches sich tatsächlich einstellte: Als Kommissionshändler standen ihm 15,3 % des Umsatzes zu. Unter sechs Bewerbern ging er schließlich siegreich hervor und verdoppelte seinen Umsatz gegenüber jenem seiner Vorgängerin innerhalb der ersten zwei Jahre. Dies dürfte daran gelegen haben, dass Dieter Posner vielen seiner Gäste bekannt war: als Berufspendler zwischen Ellrich und der Kreisstadt.
Vielleicht trugen dazu aber auch die gereichten Speisen bei. So hielten bei ihm knackige Bockwürste mit Naturdarm Einzug – infolge gut gepflegter Kontakte zum Nordhäuser Fleischkombinat, versteht sich. Neben der tagsüber ausschließlich gereichten Bowu mit Brötchen ließen sich die Ellricher abends auch noch Schnitzel mit Brot und Strammen Max schmecken. Als Bier wurde selbstverständlich Helles von Rolandbräu aus der Kreisstadt gereicht: für 40 Pfennige pro 0,25-Literglas, entsprechend der in Bahnhofsgaststätten meist üblichen Preisstufe III.
Mit alledem entwickelte sich das Objekt zu einer Goldgrube, wie Dieter Posner gern einräumt. Allerdings bedeutete dies für ihn fast ständige Präsenz: Die Öffnungszeiten hatten sich nach den Abfahrts- und Ankunftszeiten der wichtigen Pendlerzüge zu richten. Anfangs öffnete er daher weisungsgemäß bereits morgens um 5:15. Da die Leute so zeitig aber meist nur Zigaretten und Streichhölzer gekauft hätten, brauchte er künftig erst um 12:30 aufzuschließen.
Voll sei es so gut wie immer gewesen, vor allem nach Ankunft des 17-Uhr-Zuges. Viele Gäste hätten nur ein oder zwei Gläser Bier getrunken, andere blieben bedeutend länger und tranken mehr: Diese treuen Seelen musste ich dann mitunter an die bevorstehende Abfahrt ihres letzten Busses, z.B. nach Sülzhayn, erinnern, sagt er.
In den ersten sieben und in den letzten zwei Jahren seiner gastronomischen Tätigkeit wurde er hinter und vor dem Tresen von Gisela Posner unterstützt, mit der er 17 Jahre lang, von 1962 bis 1979, verheiratet war. Auch die Mutter meines Gesprächspartners, Else Posner, war in den ersten Jahren mit dabei. Nachdem Gisela Posners zweiter Mann verstorben war, funkte es erneut zwischen den beiden. Seit 1992 sind sie wieder ein Paar.
Der Bahnhof Ellrich war zu DDR-Zeiten wider Erwarten ein belebter Ort – und das nicht nur auf Grund seiner Gaststätte und der vielen Pendler: Immerhin drei Familien wohnten damals in dem Gebäude: Neben Posners waren dies die Ehepaare Siebert (Herr Siebert war Bahnhofsvorsteher) und Krug (Herr Krug war Fahrdienstleiter). Auf der anderen Seite der Bahngleise, fast unmittelbar am Grenzzaun und zu Füßen der heutigen Gedenkstätte Juliushütte, residierten Vertreter des MfS Tür an Tür mit Mitarbeitern des Zolls. Außerdem führte etwa 100 Meter westlich des Bahnhofsgebäudes eine Art Fußgängerbrücke über die Bahngleise, auf der Grenzsoldaten patroullierten. Unbeobachtet konnte im und um den Bahnhof Ellrich niemand auch nur einen Schritt machen.
Kontrolle und Misstrauen
Das erfuhren in erster Linie die Pendler: Das Prozedere war immer dasselbe: Ein Zug fuhr ein, zwei mitfahrende Transportpolizisten sprangen heraus und warteten, bis alle Reisenden ausgestiegen waren und sich gesammelt hatten. Dann schlossen sie die bahnsteigseitige Tür zum Bahnhofsgebäude auf, postierten sich jeweils links bzw. rechts und kontrollierten die Stempel in den Personalausweisen, die die Fahrgäste als in Ellrich oder im umgebenden Sperrgebiet wohnhaft kennzeichneten. Vor den Zugabfahrten in Richtung Nordhausen waren die Abläufe ähnlich:Doch nicht alle in Ellrich Dienst tuenden Uniformierten waren streng und unnachgiebig. Eines Tages durfte mich eine Tante besuchen. Sie reiste früh an und musste abends wieder ausreisen. Ich fragte die beiden am Anreisetag diensttuenden Trapos, ob sie am anderen Morgen wieder in Ellrich Dienst hätten und ob sie ein Auge zudrücken könnten, wenn meine Tante trotz des dann abgelaufenen Passierscheines über Nacht bliebe. Sie spielten mit, verpfiffen mich nicht, und meine Tante konnte ein paar Stunden länger bleiben, erinnert er sich. Es kam auch vor, dass der Gastronom Menschen seinen Personalausweis lieh, wenn diese den ihren vergessen hatten. Das war hochriskant, aber, da die Trapos die Pendler kannten, schauten sie so gut wie immer lediglich auf den Genehmigungsstempel und nicht auf Passbild und Namen.
Die Kontrollen und das Misstrauen der Organe im Umfeld des Ellricher Bahnhofs kannten dennoch kaum Grenzen und trieben mitunter seltsame Blüten: Brannte nachts z.B. das Licht in der Posnerschen Bahnhofswohnung zu lange, etwa weil mein Gesprächspartner vor dem Fernseher eingeschlafen war, musste er mit einem freundlichen Besuch des Abschnittsbevollmächtigten rechnen. Dieser stand auch immer dann in der Gaststättentür, wenn die Schließungszeit 24 Uhr um ein oder zwei Minuten überschritten war: Er kam rein, sah mich mit finsterer Miene an und tippte mit dem Zeigefinger resolut auf seine Armbanduhr, sagt Dieter Posner.
Natürlich waren auch die Genossen der Staatssicherheit allgegenwärtig: Als ich die Gaststätte übernahm, versuchten sie mich für eine IM-Tätigkeit zu gewinnen, was ich mit den Worten ablehnte: ‚Wenn es etwas Wichtiges gibt, rufe ich euch an. Lasst mich aber sonst in Ruhe‘, sagt er. Vor dem Antritt der neuen Stelle hätte das MfS zudem sein gesamtes privates Umfeld genauestens unter die Lupe genommen. Obwohl Dieter Posner über Westverwandte verfügte, gab es offenbar grünes Licht für ihn als Wirt in der vielleicht grenznächsten Gaststätte der DDR. Dennoch misstrauten die Mielke-Genossen dem Ellricher weiterhin und testeten gelegentlich seine Zuverlässigkeit. Eines Tages seien z.B. zwei Herren in die Gaststätte gekommen, hätten je einen Kaffee bestellt und von ihrem Passierschein berichtet, der ihnen den Besuch bei einem Bekannten in Ellrich gestattete.
Einen weiteren Bekannten hätten sie in Gudersleben, und auch ihn würden sie gern besuchen. Sie fragten den Wirt, wie sie am besten nach Gudersleben und von dort wieder aus dem Sperrgebiet hinaus kämen. Dieter Posner erteilte nichts ahnend bereitwillig die gewünschten Auskünfte und erhielt Stunden später einen Anruf von der VP-Dienststelle Ellrich, die ihm die Leviten las: Er dürfe derartige Fragen niemals beantworten uns müsse stattdessen sofort die Polizei informieren. Den Hörer nahm mein Gesprächspartner eines schönen Tages wegen eines verdächtigen Vorkommnisses tatsächlich in die Hand: Ich rief den ABV an, nachdem kurz vor Gaststättenschluss zwei jugendlich aussehende Personen auf die Klinke der Gaststättentür drückten. Mein damaliger Anruf bereitete mir noch lange Gewissensbisse, denn die beiden wurden wenig später festgenommen. Am darauffolgenden Tag erschienen Polizeivertreter mit einem Präsentkorb bei mir, um sich für meine Auskunft zu bedanken, sagt er. Die Stasi indes beschwerte sich bitter bei ihm, dass er nicht sie, sondern die Polizei angerufen habe.
Zu der wohl schlaflosesten Nacht seiner 22-jährigen Dienstzeit aber führte eine ganz andere Begebenheit: Die Stasi nutzte gelegentlich einen im Bahnhofsgebäude befindlichen Kulturraum für Feierlichkeiten. Während einer Feier sei der oberste Ellricher Stasimann bei Dieter Posner erschienen und habe im untersagt, an einen bereits angetrunkenen Kollegen Alkohol auszuschenken, falls dieser bei ihm dazu vorstellig werden sollte. Wenig später suchte ihn dieser tatsächlich mit diesem Anliegen auf: Der Angetrunkene bedrohte den sich weisungsgemäß weigernden Gastwirt, so dass sich dieser gezwungen sah, den Stasimann an der Uniform zu packen und aus der Gaststätte zu drängen, wobei letzterer stürzte. Ich hatte große Angst wegen der möglichen Folgen, bekennt der Ellricher. Doch alles kam ganz anders als von ihm befürchtet: Am folgenden Tag rief der oberste regionale Stasimitarbeiter an und kündigte eine Entschuldigung seines renitenten Kollegen an, die tatsächlich erfolgte. Diese unerwartete Reaktion war gewiss darauf zurückzuführen, dass sich der Vorgang vor lauter Zeugen abgespielt hatte und die wachsamen Genossen ihren Ruf nicht noch weiter schädigen wollten.
Angesichts der nahen Grenze gab es immer mal wieder Gespräche in der Bahnhofsgaststätte, die woanders wohl kaum geführt worden wären: ‚Soll ich mal meinen Colt ziehen?‘ habe ihn z.B. mal ein uniformierter, angetrunkener Stasimann gefragt: ‚Bevor Du das geschafft hast, hab ich Dich mit meinem nassen Wischlappen erschlagen‘, entgegnete Dieter Posner tapfer.
Ein Stellwerksmitarbeiter indes plauderte in einer Runde einmal zu offen über die Möglichkeiten, Nordhäuser Personenzügen durch bestimmte Weichenstellungen in Richtung Walkenried freie Fahrt zu geben. Er hatte danach ein solch schlechtes Gewissen, dass er sich bei seinem Vorgesetzten selbst anzeigte und hernach nach Nordhausen versetzt wurde, denkt der Ellricher Gastwirt zurück. Ein Oberstleutnat der Grenzruppen habe sich ihm gegenüber unter vier Augen zudem mehrfach sehr kritisch über den Eisernen Vorhang geäußert.
Besonders große Mühe gaben sich Zöllner und Staatssicherheit auch mit den Güterzügen, die den Bahnhof Ellrich in Richtung Westen passierten: Jede Luke der leeren Kesselwagen sei mit Hammerschlägen geöffnet worden, was in ganz Ellrich zu hören gewesen sei. Man ließ Hunde in die leeren Kessel hinab, um eventuelle Ausreisewillige zu entdecken. Natürlich sei auch jeder herkömmliche Güterwagon geöffnet und genauestens kontrolliert worden.
Sehr ungewöhnliche Fahrgäste eines in Richtung Westen rollenden Güterwagens sorgten eines Tages übrigens für ganz besondere Aufregung: Eine polnische Familie mit ihrem gesamten Hausrat und sogar mit ihrem Vieh. Die Hintergründe dieser sonderbaren Geschichte kennt Dieter Posner bis heute nicht. Er erinnert sich lediglich, dass man den betreffenden Zug einen Tag lang in Ellrich habe stehen lassen. Ich erhielt Weisung, der Familie Essen zu kochen. Rund 24 Stunden nach ihrer Ankunft setzte sich der Güterzug mit den Polen in Richtung Westen in Bewegung. Die Polen durften ausreisen.
Als ein großes Ärgernis hätten es die MfS-Genossen auch stets empfunden, wenn Dieter Posner einmal im Jahr Briketts vor sein schienenseitig gelegenes Kellerfenster geschüttet bekam: Dort hatte normalerweise niemand etwas zu suchen. Kamen nun Kohlen, stellten sich zwei MfS-Leute vor den Haufen und trieben mich zur Arbeit an. Ich forderte sie dann auf, selbst zur Schaufel zu greifen, wenn es ihnen nicht schnell genug ginge, schmunzelt er.
Als verbesserungswürdig sahen die Organe auch die anfängliche gesellschaftliche Inaktivität meines Gesprächspartners an. Aber was sollte ich machen bei meinen Arbeitszeiten? Außer arbeiten war bei mir fast nichts anderes drin, sagt er. Kurzzeitig unterstützte er daher die Organe als Polizeihelfer: Als solcher musste er lediglich einmal pro Monat jeweils sonnabends bestimmte Ellricher Ladentüren überprüfen. Sie mussten nach Feierabend stets abgeschlossen sein. Später wurde er zahlendes Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und wurde in Ruhe gelassen.
Trotz des ständigen grenzbedingten, spannungsgeladenen Knisterns in der Ellricher Bahnhofsgaststättenluft habe es auch viel Spaß auf den 44 Plätzen gegeben: Skatrunden, Stammtische, Silvester- und Karnevalsfeiern inklusive.
Die Wende: Der Niedergang
Mit dem Mauerfall änderte sich die Situation bekanntermaßen auch in und um den Ellricher Bahnhof schlagartig. Zunächst bescherte er der Gaststätte von Dieter Posner einen besonders starken Gästeansturm: Denn die Menschen, die mit dem Zug nach Bad Sachsa oder Walkenried reisen wollten, hatten in Ellrich Aufenthalt und kehrten dann gern bei ihm ein. Während dieser Wochen öffnete Dieter Posner bereits morgens um Sechs. Als respektlos empfand er Westdeutsche, die entsprechend dem offiziellen Kurs der beiden deutschen Währungen von 1:10 ein Glas Bier mit fünf Westpfennigen bezahlen wollten. Sie bekamen nichts von mir, sagt er.Mit der Währungsunion begann der Stern der vielleicht grenznächsten Gaststätte der DDR schlagartig zu sinken. Kaum jemand sei noch gekommen. Das bedrückte den leidenschaftlichen Gastronomen sehr. Ich hatte bestimmt die niedrigsten Preise von ganz Ellrich, aber es wurde nicht besser. ‚Das bringt doch nichts‘, sagte meine Frau, und 1994 strich ich schweren Herzens die Segel, sagt er. Zunächst war er einige Monate lang arbeitslos, wirkte dann bei Abrissarbeiten in Rottleberode mit und fand anschließend eine Stelle als Pförtner bei den Harzer Graugusswerken in Zorge, wo er noch bis 2012 tätig blieb. Seit 1997 wohnt der frühere Gastronom mit Lebenspartnerin Gisela in Walkenried, - der dort niedrigeren Mieten wegen. Von seinem Fenster aus kann das Paar wie schon während seiner Ellricher Zeit die Bahngleise sehen.
In den Räumen der früheren Bahnhofsgaststätte hat heute die Freiwillige Feuerwehr ihren Platz. Das Gebäude gehört der Stadt Ellrich, die es vor einigen Jahren sanierte und so vor dem Schicksal vieler anderer Bahnimmobilien bewahrte (siehe Text Ehrhold im Band I).
Gemeinsam mit der gelernten Industrieschneiderin Gisela hat mein Gesprächspartner die Kinder Sylvia (50) und Andreas (49). Zwei Enkel (23 und 25) und ein Urenkel (1) komplettieren das Familienglück.
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