Fr, 13:45 Uhr
30.03.2001
nnz-Forum: Von Castoren und Befindlichkeiten
"Der Castor-Zug ist angekommen. Die dumpfe Atomangst und das Berufsprotestlertum der Castor-Gegner und Anti-Atom-Front hat Früchte getragen. Der Polizeieinsatz zur Sicherung des Atom- Transportes hat 50.000 Polizisten beschäftigt und rund 50 Millionen DM (wenn nicht noch viel mehr!) gekostet, die der deutsche Steuerzahler zu bezahlen hat. Kinder müssen Klopapier mit in die Schule nehmen, weil kein Geld dafür da ist. Mir wäre es lieber, die 50 Millionen Mark würden für unsere Schulen und Jugenarbeit ausgegeben und nicht dafür, unter dem Castor-Gleiskörper einbetonierte 16-jährige (!) Tansportgegner herauszuflexen, die dabei mit Heißluft befönt werden müssen, damit ihnen in den 18 Stunden im Gleiskörper nicht zu kalt wird.
Die Anti-Castor-Transportgegner sollen sich anderen politischen Zielen zuwenden und sich um wirkliche realistische gesellschaftliche Perspektiven kümmern. Es gibt nämlich viel zu tun in Europa für die Verbesserung unseres sozialen Lebens. Wo genau der Atommüll in 800 Meter Tiefe in Salzstöcke versenkt wird, ist piepegal. Die Russen kippen ihren Atommüll einfach vor Murmansk ins Meer und kein Müsliesser kümmert sich darum. Warum betonieren sich die Anti-Atomgegner nicht in russische Gleiskörper ein? Haben sie am Ende Angst, dass sie keiner rechtzeitig herausschweißt, bevor es dunkel wird im Anti- Atomdorf? Was ist eigentlich aus der Sache mit dem tropischen Regenwald geworden? Der wird immer noch abgeholzt! Oder die Wale? Wer rettet eigentlich die Wale, wenn die saft- und kraftvollen politischen Aktivisten ihre Energie damit verpulvern, gegen Atomkraftwerke zu sein, die sowieso abgeschaltet werden, was in Deutschland seit Beginn der laufenden Legislaturperiode beschlossene Sache ist?
Mir kommt das alles sehr bekannt vor. Zu Beginn der 70er Jahre ging es mit einer breiten Jugendbewegung gegen den "Muff von 1000 Jahren unter den Talaren" und das sogenannte "Schweinesystem". (Nebenbei bemerkt: Ich weiss immer noch nicht, was das "Schweinesystem" genau war, denn der Staat hat in den 70er Jahren keine Fehler gemacht), später ging es gegen Mittelstreckenraketen, die inzwischen verschrottet worden sind, weil die Amerikaner keine Lust mehr hatten, Raketen auf Gorbi zu richten. Dann ging es gegen Atomkraft, was dazu geführt hat, dass Atomkraftwerke für 100 Milliarden Mark stillgelegt werden, und der Atomstrom aus dem Ausland eingekauft wird, damit die Verbrennung von fossilen Energieträgern nicht die Klimakatastrophe verschlimmert. Meine Lebenserfahrung lautet, dass die Berufsprotestler mit den Latzhosen in jedem Zeitalter 30 Jahre später nichts anderes machen als die Vertreter des "Establishments" auch. Sie sind übrigens auch genauso dick. Sie wohnen im Reihenhaus, jäten Unkraut im Garten und waschen heimlich ihren Golf. Sie lassen sich scheiden und fordern vom Partner Unterhalt für die Kinder, die wesentlich häufiger in auseinandergerissenen Familien aufwachsen müssen als früher, als es noch das "Diktat der Kirche" gab.
Es nützt also nichts: Am Ende des Lebens ist das Leben immer so wie das Leben eben ist. Echte Veränderungen kommen immer aus der realpolitischen Mitte. Die Radikalen bringen es nicht auf die Dauer! Außer einem: Joscha Fischer. Der wird auf dem Parteitag mit Tomaten beworfen, weil er als Außenminister in China keine Molotovcocktails wirft. Verrückte Welt. Ich persönlich weiss viel und ich weiss auch wo ich stehe. Aber vielen Unsinn verstehe ich auch ganz und gar nicht."
Gerold Seeber
Autor: nnzDie Anti-Castor-Transportgegner sollen sich anderen politischen Zielen zuwenden und sich um wirkliche realistische gesellschaftliche Perspektiven kümmern. Es gibt nämlich viel zu tun in Europa für die Verbesserung unseres sozialen Lebens. Wo genau der Atommüll in 800 Meter Tiefe in Salzstöcke versenkt wird, ist piepegal. Die Russen kippen ihren Atommüll einfach vor Murmansk ins Meer und kein Müsliesser kümmert sich darum. Warum betonieren sich die Anti-Atomgegner nicht in russische Gleiskörper ein? Haben sie am Ende Angst, dass sie keiner rechtzeitig herausschweißt, bevor es dunkel wird im Anti- Atomdorf? Was ist eigentlich aus der Sache mit dem tropischen Regenwald geworden? Der wird immer noch abgeholzt! Oder die Wale? Wer rettet eigentlich die Wale, wenn die saft- und kraftvollen politischen Aktivisten ihre Energie damit verpulvern, gegen Atomkraftwerke zu sein, die sowieso abgeschaltet werden, was in Deutschland seit Beginn der laufenden Legislaturperiode beschlossene Sache ist?
Mir kommt das alles sehr bekannt vor. Zu Beginn der 70er Jahre ging es mit einer breiten Jugendbewegung gegen den "Muff von 1000 Jahren unter den Talaren" und das sogenannte "Schweinesystem". (Nebenbei bemerkt: Ich weiss immer noch nicht, was das "Schweinesystem" genau war, denn der Staat hat in den 70er Jahren keine Fehler gemacht), später ging es gegen Mittelstreckenraketen, die inzwischen verschrottet worden sind, weil die Amerikaner keine Lust mehr hatten, Raketen auf Gorbi zu richten. Dann ging es gegen Atomkraft, was dazu geführt hat, dass Atomkraftwerke für 100 Milliarden Mark stillgelegt werden, und der Atomstrom aus dem Ausland eingekauft wird, damit die Verbrennung von fossilen Energieträgern nicht die Klimakatastrophe verschlimmert. Meine Lebenserfahrung lautet, dass die Berufsprotestler mit den Latzhosen in jedem Zeitalter 30 Jahre später nichts anderes machen als die Vertreter des "Establishments" auch. Sie sind übrigens auch genauso dick. Sie wohnen im Reihenhaus, jäten Unkraut im Garten und waschen heimlich ihren Golf. Sie lassen sich scheiden und fordern vom Partner Unterhalt für die Kinder, die wesentlich häufiger in auseinandergerissenen Familien aufwachsen müssen als früher, als es noch das "Diktat der Kirche" gab.
Es nützt also nichts: Am Ende des Lebens ist das Leben immer so wie das Leben eben ist. Echte Veränderungen kommen immer aus der realpolitischen Mitte. Die Radikalen bringen es nicht auf die Dauer! Außer einem: Joscha Fischer. Der wird auf dem Parteitag mit Tomaten beworfen, weil er als Außenminister in China keine Molotovcocktails wirft. Verrückte Welt. Ich persönlich weiss viel und ich weiss auch wo ich stehe. Aber vielen Unsinn verstehe ich auch ganz und gar nicht."
Gerold Seeber

