Mo, 09:47 Uhr
08.04.2013
Geschenkte Geschichte
Das Museum Tabakspeicher kann sich jetzt über zwei neue Exponate historischer Handwerkskunst erfreuen. Welche Nordhäuser Handwerkerfamilie das besondere Geschenk machte, sagt der nnz Museumsleiter Jürgen Rennebach...
In den letzten Kriegstagen des II. Weltkrieges, am 3. und 4. April, wurde unsere Stadt durch Bombenangriffe nahezu vollständig verwüstet. Seit dieser Zeit ist Nordhausen leider nicht mehr reich an gegenständlichen Zeugnissen ihrer ehemals reichen Handwerkskunst aus vergangenen Jahrhunderten. Erhaltene Objekte erinnern uns noch heute an den Fleiß, an den Ideenreichtum und die schöpferische Gestaltungskraft Nordhäuser Handwerker im Museum Tabakspeicher", erläutert Rennebach.
In diesem städtischen, im besten Sinne aus der Bürgerschaft entstandenen Museum, begeben sich die überaus zahlreichen jungen und älteren Besucher auf die Spuren gelebter Handwerks- und Industriegeschichte von der Urzeit bis zur Gegenwart. Nicht nur im Gästebuch wird immer wieder begeistert hervorgehoben, wie sehr sich die Nordhäuser mit Stolz auf die Lebenswerke einer großen Zahl von Handwerkern vergangener Zeiten besinnen können.
Diese Gedanken bewog in diesen Tagen auch die Familie Hermann Ohse zu einer Schenkung kunsthandwerklicher Gegenstände aus altem Familienbesitz an das Museum Tabakspeicher. Viele bewegende Erinnerungen verbinden sich für die Nachkommen mehrerer Kunstschmiedemeister mit diesen Kleinodien.
Doch die Familie ist sich sicher, im Tabakspeicher sind sie am besten aufgehoben. Hierbei handelt es sich um einen schmiedeeisernen Kerzenständer und einen handgearbeiteten Rauchtisch aus Metall im Zeitgeschmack der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die beiden neuen Ausstellungsexponate waren die Meisterstücke des Kunstschmiedemeisters Hermann Ohse sen., der 1901 in eine alteingesessene Nordhäuser Handwerkerfamilie hineingeboren wurde.
Schon dessen Vater betrieb in zweiter Generation in der Schreiberstraße 10 eine Kunstschmiede und eine Bau- und Maschinenschlosserei. Das Kunstschmieden war also eine lange Familientradition. Noch heute schmücken bewundernswerte Arbeiten öffentliche Gebäude und Einrichtungen unserer Stadt und erinnern an diesen Handwerksbetrieb. Dazu zählen das große schmiedeeiserne Tor am Eingang zum Hauptfriedhof (siehe Foto) und die Sonnenuhr an der Südfassade und ein kunstvolles Ziergitter im Eingangsbereich der Deutschen Bank.
Als um 1930 die Werkstatt in der Schreiberstraße zu eng geworden war, verlagerte sie der Meister mit neuer Technik in die Erfurter Straße 15. Hier entstanden die Oberleitungsmasten für die Nordhäuser Straßenbahn und Einrichtungen für das Elektrizitätswerk.
Als 1942 Hermann Ohse sen. seine kritische Haltung zum Naziregime artikulierte, wurde er von einem wachsamen Volksgenossen bei der NSDAP-Kreisleitung Nordhausen denunziert. Damit endete abrupt die Ära der Kunstschmiede und Bauschlosserei Ohse in der dritten Generation. Der Handwerksmeister wurde vom SS-Gericht Braunschweig wegen politischer Quertreiberei zu zwei Jahren Umschulungslager in einem Konzentrationslager bei Danzig verurteilt. Als gebrochener Mann starb er 1969 an den Folgen der Haft. Die fortschrittlich eingerichtete Werkstatt übernahm ein Nordhäuser Kaufmann.
Museum Tabakspeicher, Nordhausen, Bäckerstraße 20, Tel. (03631) 98 27 37
Autor: redIn den letzten Kriegstagen des II. Weltkrieges, am 3. und 4. April, wurde unsere Stadt durch Bombenangriffe nahezu vollständig verwüstet. Seit dieser Zeit ist Nordhausen leider nicht mehr reich an gegenständlichen Zeugnissen ihrer ehemals reichen Handwerkskunst aus vergangenen Jahrhunderten. Erhaltene Objekte erinnern uns noch heute an den Fleiß, an den Ideenreichtum und die schöpferische Gestaltungskraft Nordhäuser Handwerker im Museum Tabakspeicher", erläutert Rennebach.
In diesem städtischen, im besten Sinne aus der Bürgerschaft entstandenen Museum, begeben sich die überaus zahlreichen jungen und älteren Besucher auf die Spuren gelebter Handwerks- und Industriegeschichte von der Urzeit bis zur Gegenwart. Nicht nur im Gästebuch wird immer wieder begeistert hervorgehoben, wie sehr sich die Nordhäuser mit Stolz auf die Lebenswerke einer großen Zahl von Handwerkern vergangener Zeiten besinnen können.
Diese Gedanken bewog in diesen Tagen auch die Familie Hermann Ohse zu einer Schenkung kunsthandwerklicher Gegenstände aus altem Familienbesitz an das Museum Tabakspeicher. Viele bewegende Erinnerungen verbinden sich für die Nachkommen mehrerer Kunstschmiedemeister mit diesen Kleinodien.
Doch die Familie ist sich sicher, im Tabakspeicher sind sie am besten aufgehoben. Hierbei handelt es sich um einen schmiedeeisernen Kerzenständer und einen handgearbeiteten Rauchtisch aus Metall im Zeitgeschmack der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die beiden neuen Ausstellungsexponate waren die Meisterstücke des Kunstschmiedemeisters Hermann Ohse sen., der 1901 in eine alteingesessene Nordhäuser Handwerkerfamilie hineingeboren wurde.
Schon dessen Vater betrieb in zweiter Generation in der Schreiberstraße 10 eine Kunstschmiede und eine Bau- und Maschinenschlosserei. Das Kunstschmieden war also eine lange Familientradition. Noch heute schmücken bewundernswerte Arbeiten öffentliche Gebäude und Einrichtungen unserer Stadt und erinnern an diesen Handwerksbetrieb. Dazu zählen das große schmiedeeiserne Tor am Eingang zum Hauptfriedhof (siehe Foto) und die Sonnenuhr an der Südfassade und ein kunstvolles Ziergitter im Eingangsbereich der Deutschen Bank.
Als um 1930 die Werkstatt in der Schreiberstraße zu eng geworden war, verlagerte sie der Meister mit neuer Technik in die Erfurter Straße 15. Hier entstanden die Oberleitungsmasten für die Nordhäuser Straßenbahn und Einrichtungen für das Elektrizitätswerk.
Als 1942 Hermann Ohse sen. seine kritische Haltung zum Naziregime artikulierte, wurde er von einem wachsamen Volksgenossen bei der NSDAP-Kreisleitung Nordhausen denunziert. Damit endete abrupt die Ära der Kunstschmiede und Bauschlosserei Ohse in der dritten Generation. Der Handwerksmeister wurde vom SS-Gericht Braunschweig wegen politischer Quertreiberei zu zwei Jahren Umschulungslager in einem Konzentrationslager bei Danzig verurteilt. Als gebrochener Mann starb er 1969 an den Folgen der Haft. Die fortschrittlich eingerichtete Werkstatt übernahm ein Nordhäuser Kaufmann.
Museum Tabakspeicher, Nordhausen, Bäckerstraße 20, Tel. (03631) 98 27 37



