Mi, 11:55 Uhr
27.03.2013
nnz-Forum: Auguenwischerei
In wenigen Stunden werden die Mitglieder des Nordhäuser Stadtrates über den Bau einer Biomethan-Anlage abstimmen. Dazu erreichte die nnz noch ein Leserbrief...
Kaum jemand wird sich die so genannte "Komplette Dokumentation" zur für Nordhausen mit der Brechstange durchzuboxenden Biomethananlage vom 15.3. durchgelesen haben. Gewiss ist dies auch von den Machern beabsichtigt: Gegner durch den schieren Umfang derartiger Wortanhäufungen sprichwörtlich zu erschlagen. Aus Sicht der Befürworter ist dies ja auch dringend notwendig, da sich ja eine Mehrheit der von der nnz Befragten gegen eine solche Anlage ausgesprochen hat.
Mein Resümee beim Überfliegen der so genannten Dokumentation: Alles, aber auch alles, was gegen derartige Anlagen spricht und oft dokumentiert wurde und wird, wird mit Scheinargumenten vom Tisch gewischt. Probleme gibt es, aber natürlich nicht bei uns. Ja, die mehr als 3.000 Biogasanlagen in Deutschland und die zehntausenden weltweit haben global negative Auswirkungen, unsere aber nicht. Wir machen alles gut, wir sind die besten.
Die 23.000 Tonnen Mais pro Jahr, die das Monstrum verschlingt, sind kein Ausdruck einer zunehmenden, ökologisch absolut fragwürdigen Mais-Monokultur, die notwendigen LKW-Transporte, die in die tausenden Einheiten gehen sind klimaneutral, der Lärm für Anwohner nicht hörbar. Alles ist rundherum ökologisch.
Solche Pamphlete mag man vielen Bürgern erfolgreich unter die Nase reiben können, sofern sich diese nicht mit der Problematik beschäftigen. Und wie gesagt: Der schiere Umfang wird sie zum inneren "Einlenken" und Kapitulieren bewegen.
Dass die Fachhochschule keinerlei Probleme sieht, bezüglich der Anlage, liegt auf der Hand: Dr. Zeh hat ihr wesentlich den Weg bereitet. Da ist ein wenig Dankbarkeit angesagt und nicht ehrenrührig. Eine Hochschule lebt heute oft von Drittmitteln und gerade eine so winzige wie unsere ist auf die lokale Wirtschaft dringend angewiesen. Da muss natürlich auch ein seriöser Professor einmal alle Augen zudrücken, Lepoldina-Gutachten ignorieren, die tatsächlich bestehenden desolaten Folgen des weltweiten Bioenergiehungers ebenso.
Er muss ignorieren, dass mit Aflatoxinen verseuchtes, billiges Tierfutter aus dem Ausland in unsere Kreisläufe gekommen ist, u.a. wohl, weil unsere Futtermittel verheizt werden. Er muss beängstigende Studien zu den Auswirkungen des Bionenergiebooms auf die verbliebenen Regenwaldflächen der Welt ignorieren oder zumindest schönreden und ebenso den Anstieg der Nahrungsmittelpreise mit den Folgen von noch mehr Hunger für die Ärmsten der Armen.
Ja, die Politik hat eine große Verantwortung, steht sinngemäß an einer Stelle der Dokumentation, aber unsere Anlage wird sauber sein. Wir sind autark, abgekoppelt von den Vorgängen sonst in der Welt.
Und überhaupt trage ja auch der Einzelne durch sein Verhalten eine große ökologische Verantwortung. Das aber ist Schaumschlägerei höchster Güte: Jeder halbwegs belesene Zeitgenosse weiß doch, dass sich der Mensch freiwillig nicht ändert. Nur das Sein bestimmt das Bewusstsein, will sagen: Nur wenn der Geldbeutel beginnt auszutrocknen und man dem durch ökologisch sinnvolles Verhalten entgegenwirken kann, dann tut dies der Bürger auch. Wieder also ein Ablenkungsmanöver.
Wie so oft, fehlt mir das globale Denken in Bezug auf derartige Anlagen. Das fällt dem Menschen naturgemäß schwer und auch Professoren sind nur Menschen.
Uns wird weiß gemacht, die hohen Damen und Herren in Rathäusern und Regierungen hätten alles im Griff: Das Gegenteil aber ist der Fall. Eine gigantische Wirtschaftskrise sucht Europa heim, mit schlimmsten sozialen Folgen. Kein ökologischer Parameter, ob CO2, Artenvielfalt oder Meeresversauerung weist positive Tendenzen auf. Nicht ein UN-Milleniumsziel steht auch nur annähernd vor dem Erreichen.
Und jetzt kommen unsere Rathäusler und wollen uns weiß machen, Biogas sei gut, um all das zum Besseren zu wenden. Geben Sie "Biogasanlage" bei Google ein und schauen Sie, was passiert: Negativmeldungen über Negativmeldungen, Proteste über Proteste, Kritik über Kritik: Lokal und Global. Nur Nordhausen macht alles gut. Wir leben in einer ökologischen Enklave. Alles paletti.
Das Problem Klimawandel muss langfristig durch eine fiskalisch gesteuerte Selbstbegrenzung gelöst werden. Er ist die Folge des menschlichen Konsumwahns und der Vorstellung des Menschen, Dinge zu benötigen, die er an sich nicht wirklich braucht, um glücklich zu sein. Er ist eine Folge unserer Form, zu wirtschaften. Hier muss angepackt werden, an der Wurzel also. Da helfen keine Biogasanlagen. Vielmehr verschärfen sie die menschgemachten Probleme weiter.
Niemand scheint auch aus dem kostenmäßig aus allen Nähten platzenden Giganto-Projekten wie Stuttgart 21, City-Tunnel Leipzig, Flughafen Berlin oder auch Nordhäuser Kulturbibliothek lernen zu wollen. Auch hier wurden die Menschen nach Strich und Faden belogen. Letztlich zahlen sie die Zeche für das Unvermögen von Politik und Planern. Wenngleich eine solche Biogasanlage kleiner ist als Stuttgart 21: Mehr aktives Misstrauen der Bürger wäre auch auf diesem Sektor angebracht.
Sollte es meine Zeit erlauben, werde ich in den nächsten Tagen ein wenig im Netz stöbern und die Nordhäuser Dokumentation zur geplanten Anlage noch einmal etwas Konkreter mit der Realität konfrontieren.
Die Menschen fordere ich auf, sich das Vehikel nicht überstülpen zu lassen. Oder soll Einstein etwa Recht haben? Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein.
Ich kann die Nordhäuser nur auffordern, ihre Stimme mit großem Nachdruck, also offen gegen die unseelige Anlage zu erheben und dabei vor allem nicht nachzulassen. Die Argumente sprechen eindeutig gegen das Vorhaben.
Bodo Schwarzberg
Kommentar bitte nur mit Klarnamen
Autor: redKaum jemand wird sich die so genannte "Komplette Dokumentation" zur für Nordhausen mit der Brechstange durchzuboxenden Biomethananlage vom 15.3. durchgelesen haben. Gewiss ist dies auch von den Machern beabsichtigt: Gegner durch den schieren Umfang derartiger Wortanhäufungen sprichwörtlich zu erschlagen. Aus Sicht der Befürworter ist dies ja auch dringend notwendig, da sich ja eine Mehrheit der von der nnz Befragten gegen eine solche Anlage ausgesprochen hat.
Mein Resümee beim Überfliegen der so genannten Dokumentation: Alles, aber auch alles, was gegen derartige Anlagen spricht und oft dokumentiert wurde und wird, wird mit Scheinargumenten vom Tisch gewischt. Probleme gibt es, aber natürlich nicht bei uns. Ja, die mehr als 3.000 Biogasanlagen in Deutschland und die zehntausenden weltweit haben global negative Auswirkungen, unsere aber nicht. Wir machen alles gut, wir sind die besten.
Die 23.000 Tonnen Mais pro Jahr, die das Monstrum verschlingt, sind kein Ausdruck einer zunehmenden, ökologisch absolut fragwürdigen Mais-Monokultur, die notwendigen LKW-Transporte, die in die tausenden Einheiten gehen sind klimaneutral, der Lärm für Anwohner nicht hörbar. Alles ist rundherum ökologisch.
Solche Pamphlete mag man vielen Bürgern erfolgreich unter die Nase reiben können, sofern sich diese nicht mit der Problematik beschäftigen. Und wie gesagt: Der schiere Umfang wird sie zum inneren "Einlenken" und Kapitulieren bewegen.
Dass die Fachhochschule keinerlei Probleme sieht, bezüglich der Anlage, liegt auf der Hand: Dr. Zeh hat ihr wesentlich den Weg bereitet. Da ist ein wenig Dankbarkeit angesagt und nicht ehrenrührig. Eine Hochschule lebt heute oft von Drittmitteln und gerade eine so winzige wie unsere ist auf die lokale Wirtschaft dringend angewiesen. Da muss natürlich auch ein seriöser Professor einmal alle Augen zudrücken, Lepoldina-Gutachten ignorieren, die tatsächlich bestehenden desolaten Folgen des weltweiten Bioenergiehungers ebenso.
Er muss ignorieren, dass mit Aflatoxinen verseuchtes, billiges Tierfutter aus dem Ausland in unsere Kreisläufe gekommen ist, u.a. wohl, weil unsere Futtermittel verheizt werden. Er muss beängstigende Studien zu den Auswirkungen des Bionenergiebooms auf die verbliebenen Regenwaldflächen der Welt ignorieren oder zumindest schönreden und ebenso den Anstieg der Nahrungsmittelpreise mit den Folgen von noch mehr Hunger für die Ärmsten der Armen.
Ja, die Politik hat eine große Verantwortung, steht sinngemäß an einer Stelle der Dokumentation, aber unsere Anlage wird sauber sein. Wir sind autark, abgekoppelt von den Vorgängen sonst in der Welt.
Und überhaupt trage ja auch der Einzelne durch sein Verhalten eine große ökologische Verantwortung. Das aber ist Schaumschlägerei höchster Güte: Jeder halbwegs belesene Zeitgenosse weiß doch, dass sich der Mensch freiwillig nicht ändert. Nur das Sein bestimmt das Bewusstsein, will sagen: Nur wenn der Geldbeutel beginnt auszutrocknen und man dem durch ökologisch sinnvolles Verhalten entgegenwirken kann, dann tut dies der Bürger auch. Wieder also ein Ablenkungsmanöver.
Wie so oft, fehlt mir das globale Denken in Bezug auf derartige Anlagen. Das fällt dem Menschen naturgemäß schwer und auch Professoren sind nur Menschen.
Uns wird weiß gemacht, die hohen Damen und Herren in Rathäusern und Regierungen hätten alles im Griff: Das Gegenteil aber ist der Fall. Eine gigantische Wirtschaftskrise sucht Europa heim, mit schlimmsten sozialen Folgen. Kein ökologischer Parameter, ob CO2, Artenvielfalt oder Meeresversauerung weist positive Tendenzen auf. Nicht ein UN-Milleniumsziel steht auch nur annähernd vor dem Erreichen.
Und jetzt kommen unsere Rathäusler und wollen uns weiß machen, Biogas sei gut, um all das zum Besseren zu wenden. Geben Sie "Biogasanlage" bei Google ein und schauen Sie, was passiert: Negativmeldungen über Negativmeldungen, Proteste über Proteste, Kritik über Kritik: Lokal und Global. Nur Nordhausen macht alles gut. Wir leben in einer ökologischen Enklave. Alles paletti.
Das Problem Klimawandel muss langfristig durch eine fiskalisch gesteuerte Selbstbegrenzung gelöst werden. Er ist die Folge des menschlichen Konsumwahns und der Vorstellung des Menschen, Dinge zu benötigen, die er an sich nicht wirklich braucht, um glücklich zu sein. Er ist eine Folge unserer Form, zu wirtschaften. Hier muss angepackt werden, an der Wurzel also. Da helfen keine Biogasanlagen. Vielmehr verschärfen sie die menschgemachten Probleme weiter.
Niemand scheint auch aus dem kostenmäßig aus allen Nähten platzenden Giganto-Projekten wie Stuttgart 21, City-Tunnel Leipzig, Flughafen Berlin oder auch Nordhäuser Kulturbibliothek lernen zu wollen. Auch hier wurden die Menschen nach Strich und Faden belogen. Letztlich zahlen sie die Zeche für das Unvermögen von Politik und Planern. Wenngleich eine solche Biogasanlage kleiner ist als Stuttgart 21: Mehr aktives Misstrauen der Bürger wäre auch auf diesem Sektor angebracht.
Sollte es meine Zeit erlauben, werde ich in den nächsten Tagen ein wenig im Netz stöbern und die Nordhäuser Dokumentation zur geplanten Anlage noch einmal etwas Konkreter mit der Realität konfrontieren.
Die Menschen fordere ich auf, sich das Vehikel nicht überstülpen zu lassen. Oder soll Einstein etwa Recht haben? Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muß man vor allem ein Schaf sein.
Ich kann die Nordhäuser nur auffordern, ihre Stimme mit großem Nachdruck, also offen gegen die unseelige Anlage zu erheben und dabei vor allem nicht nachzulassen. Die Argumente sprechen eindeutig gegen das Vorhaben.
Bodo Schwarzberg
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Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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