Di, 06:39 Uhr
26.03.2013
Scott, der Penner (4)
Der Nordhäuser Schriftsteller Andreas Hüllenhagen stellt am 4. April um 19.30 Uhr sein Erstlingswerk Scott, der Penner im Museum Tabakspeicher vor. Wir haben schon mal einige Leseproben für Sie im Angebot...
Die zwei folgenden Szenen stammen aus einer der Rückblenden, durch die nach und nach die Geschichte in der Vergangenheit erzählt wird. Etliche Jahre nach ihrer Scheidung nähern sich Kate und Scott aufgrund Kates Krebserkrankung wieder an. Ein vom Schicksal überschattetes Glück, das ein jähes Ende findet. Scott verliert nicht nur die Frau seines Lebens, sondern auch seine Tochter, die damals nichts von den wahren Hintergründen ahnt.
Ungeduldig saß Kate im Wartezimmer ihres Gynäkologen. Sie mochte die sterile Atmosphäre bedrückten Schweigens nicht, das abweisende Weiß der Wände, die kleine gläserne Insel eines Tisches in der Mitte, die brütenden Gesichter. Hier fühlte sie sich selbst wie ein Krankheitserreger, der möglichst schnell entfernt werden müsste.
Kate stand auf und nahm sich vom Glastisch irgendeine Zeitschrift; ein Junge, ein richtiger Wildfang, flitzte an ihr vorbei und kreischte. Eine ältere Dame winkte ihm freudestrahlend zu und gab kindische Laute von sich. Die junge Blondine neben ihr verzog lediglich genervt das Gesicht. Seine Mutter, eine dunkelhaarige plumpe Erscheinung am Fenster des länglichen Raumes, beachtete ihn jedoch kaum. Sie schnäuzte ihrer Tochter gerade die Nase.
Kate stieß beim Durchblättern auf einen wohlmeinenden Artikel über Botox. Die abgebildeten Frauen über fünfzig lächelten faltenfrei vom Hochglanzpapier. Mancher mochte sie altmodisch nennen, doch Kate war zweiundfünfzig Jahre und zeigte ihr Alter ungeniert: die Falten um die Augen, ihre schlaffer werdenden Gesichtszüge, die ersten grauen Strähnen im Haar. Auch ihr Körper hatte an einigen Stellen Fettpölsterchen angesetzt. Jene Makel verliehen ihr jedoch die Schönheit der Reife, eines bewegten und erfüllten Lebens; ein Buch mit beschriebenen Seiten, dessen Geschichte noch nicht zu Ende erzählt war.
Knackend schaltete sich die Lautsprecherdurchsage ein. Unterlegt mit Rauschen, wurde Kate aufgerufen. Widerwillig erhob sie sich und ging auf die linke der beiden Türen zu. Nicht das Behandlungszimmer, nein, diesmal müsste sie in eine separate Räumlichkeit, in der prekäre Patientengespräche stattfanden. Nur eine vorläufige Diagnose, reine Routine, kein Grund zur Sorge. Nur eine vorläufige Diagnose, versuchte sie sich zu beruhigen.
Ihr langjähriger Arzt, Dr. Newberry, saß ihr gegenüber, setzte die schmale Lesebrille ab und ließ langsam Luft durch die Nase entweichen. Auf dem gut aussehenden Gesicht des schlanken Mittfünfzigers lag ein dunkler Schatten.
»Machen Sie es nicht so spannend, wir haben einen neuen Kunden in der Agentur, mit dem ich das Konzept für eine Werbekampagne durchgehen will. Ich bin schon überfällig«, drängelte Kate nervös.
»Ich fürchte, dafür werden Sie sich die nötige Zeit nehmen müssen.« Kate fuchtelte mit den Händen, ihr unsteter Blick huschte durch den Raum. »Ich habe einen wirklich engen Terminplan. Ich habe keine Zeit für theatralische Mätzchen.«
»Mit Ultraschall und Mammografie wurde ein Tumor in der Brustdrüse der linken Brust diagnostiziert, wie Sie wissen. Das Untersuchungsergebnis der Stanzbiopsie liegt mir nun vor.« Dr. Newberry verstummte. Zäh verstrichen unheilvolle Sekunden. »Der Tumor ist bösartig.«
Ein Sturm wirbelte vor dem Fenster Schneeflocken auf, peitschte Passanten kalt um die Ohren und pfiff das eisige Lied des Nordens. Mit hochgeklappten Krägen, Mützen und vermummten Gesichtern trotzten an diesem Sonntag ende Januar nur wenige Fußgänger dem abweisenden Winterwetter.
Auch Kate hatte der Winter erreicht, ihr eigener, ganz persönlicher Winter des Lebens, anderthalb Jahre nach der Diagnose. Ohne zu blinzeln, richtete sie ihren leeren Blick hinaus, den Mund ein wenig geöffnet, die Wangen eingefallen. Mit feinen Äderchen überzogen, spannte sich die durchschimmernde Haut über ihren Schädel, auf dem nur triste Spinnfäden dörrten. Nicht einmal der Schaukelstuhl wollte noch knarrend aufbegehren, als Kate langsam vor und zurück wippte; zu leicht sackte ihr ausgemergelter Leib in seine ovale Form, zugedeckt von einer Wolldecke.
Kates gesamter Körper war metastasiert. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten, Chemo- und Strahlentherapien und einer Hormonbehandlung hatten die Ärzte sie aufgegeben, genau wie sie sich selbst, Arbeitskollegen, Freunde und Bekannte. Bis vor gut zwei Wochen, als sich ihr Zustand rapide verschlechtert hatte, war sie noch regelmäßig von Kollegen und Freunden – Weggefährten ihres Lebens – besucht worden. Mit gezwungenem Lächeln war vom rastlosen Arbeitsalltag, Zwistigkeiten und amüsanten Episoden berichtet worden, von zwischenmenschlichen Kleinigkeiten und dem gesellschaftlichen Getriebe, zu dem Kate nicht mehr gehörte und das unwiederbringlich hinter ihr lag.
Die bedrückende Nähe von Hoffnungslosigkeit und Tod, die das Wohnzimmer bis in die letzte Mauerritze durchtränkten, hatte sie alle vertrieben. Ein Blick auf Kates eingefallenen Körper ließ einem die erbarmungslose Gegenwart der eigenen Vergänglichkeit spüren. Beinahe alle hatten sie verlassen, nur Jane und Scott waren ihr noch geblieben. Inständig hoffte Kate, dass auch ihre fürchterlichen Schmerzen sie bald verließen; sie sehnte sich nach dem ewigen Schlaf. Kate wollte zu Hause sterben.
Durch den bleigrauen Himmel wirkte das Tageslicht im Zimmer verschmutzt und trüb, diesige Schatten, die bis in die letzte Ecke krochen. Jane lehnte die Tür an, trat hinter den Schaukelstuhl und legte ihre Hände auf die knochigen Schultern ihrer Mutter. Nur einen Augenblick beabsichtigte sie zu warten, bis sie ihr gegenübertrat, zuerst sollten ihre Tränen versiegen.
Kates fleischlose Finger senkten sich auf die ihrer Tochter, eine von Anstrengung gezeichnete Bewegung. Brüchig und schwach ertönte ihre Stimme: »Wo ist dein Vater, Schatz? Er ist schon so lange fort.«
»Er wurde aufgehalten, sagte er am Telefon. Bestimmt ist er bald hier«, brachte Jane die Lüge tonlos über ihre Lippen, und fühlte sich von ihrer Mutter durchschaut. Doch sie sagte nichts.
Bisher war Scott jeden Tag bei ihr gewesen, hatte Kates Tränen getrocknet und für sie beide gelächelt, wenn die Wintersonne hell und freundlich den grauen Himmel durchbrochen und im allgegenwärtigen Weiß reflektiert hatte. Doch seit gestern Abend war er spurlos verschwunden gewesen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Gerade jetzt brauchte Kate ihn am meisten, jetzt, wo sie ihr nahendes Ende spürte.
Auch Jane und ihr Vater hatten ihr voranschreitendes Siechtum in den letzten Tagen nur zu deutlich wahrgenommen; als beobachtete man einen Brunnen beim Austrocknen, eine Blume beim Verdorren.
Ein leises Stöhnen entrang sich Kates Brustkorb. Ihre Finger krallten sich kurz mit ungeahnter Kraft in Janes Hand, als klammerte sie sich ans Leben selbst.
Mit unsicheren Schritten umlief Jane den Schaukelstuhl und kniete sich vor ihre Mutter, die flach und abgehackt atmete. Jane sah, dass sie kaum die Augen offen halten konnte und den Kopf hin und her warf, immer wieder, von rechts nach links und zurück. Schmerz verzerrte ihr Gesicht. Ein hauchzartes Wimmern quälte sich zwischen Kates Lippen hervor. Sie hielt abrupt den Kopf still und suchte den Blick ihrer Tochter, doch sie fand ihn nicht. »Jane, Schatz?«
»Hier, Mom.« Behutsam strich Jane über ihre Beine, die von der Wolldecke eingewickelt waren, und ergriff ihre Hände.
»Wo ist Scott? Ich höre ihn nicht.«
»Gleich, jeden Moment muss er hier sein.« So sehr sich Jane auch bemühte, konnte sie ihr Schluchzen nicht mehr unterdrücken; einige Tränen benetzten die Hand ihrer Mutter.
Tröstend drückte Kate die Hände Janes, löste ihre Rechte und strich ihr übers Haar. Gemurmelte Worte krochen aus ihrer Kehle, beruhigend und so zerbrechlich. Jane verstand sie nicht mehr.
Sie barg den Kopf im Schoß ihrer Mutter, von lautlosen Weinkrämpfen geschüttelt.
Die mütterliche Hand ruhte auf ihrem Kopf, sanft und unbeweglich. Jane spürte die andere schlaff werden und ihren Finger entgleiten. Sie sah auf – die Hand ihrer Mutter rutschte herunter – und stierte verzweifelt minutenlang auf ihren Brustkorb, nach irgendeiner Regung, einem Heben und Senken suchend. Doch er bewegte sich nicht mehr. Nichts bewegte sich. Nicht einmal das kleinste Flackern in ihren Augen, in denen Jane vergebens nach einem Lebensfunken suchte. Den Kopf in den Nacken gelegt, starrte ihre Mutter ausdruckslos zur Decke.
Stille.
Der Abend brach an und legte einen dunklen Schleier über die Möbel; Silhouetten, die sie wie Geister umzingelten. Jane hob den Kopf von der Wolldecke und sah mit verquollenen Augen in den Flur, als das Schloss knackte. Die Wohnungstür sprang auf und das Licht wurde angeschaltet. Ihr Vater stand neben der Kommode und faselte eine Entschuldigung. Scott war stinkbesoffen. wird fortgesetzt
Autor: redDie zwei folgenden Szenen stammen aus einer der Rückblenden, durch die nach und nach die Geschichte in der Vergangenheit erzählt wird. Etliche Jahre nach ihrer Scheidung nähern sich Kate und Scott aufgrund Kates Krebserkrankung wieder an. Ein vom Schicksal überschattetes Glück, das ein jähes Ende findet. Scott verliert nicht nur die Frau seines Lebens, sondern auch seine Tochter, die damals nichts von den wahren Hintergründen ahnt.
Ungeduldig saß Kate im Wartezimmer ihres Gynäkologen. Sie mochte die sterile Atmosphäre bedrückten Schweigens nicht, das abweisende Weiß der Wände, die kleine gläserne Insel eines Tisches in der Mitte, die brütenden Gesichter. Hier fühlte sie sich selbst wie ein Krankheitserreger, der möglichst schnell entfernt werden müsste.
Kate stand auf und nahm sich vom Glastisch irgendeine Zeitschrift; ein Junge, ein richtiger Wildfang, flitzte an ihr vorbei und kreischte. Eine ältere Dame winkte ihm freudestrahlend zu und gab kindische Laute von sich. Die junge Blondine neben ihr verzog lediglich genervt das Gesicht. Seine Mutter, eine dunkelhaarige plumpe Erscheinung am Fenster des länglichen Raumes, beachtete ihn jedoch kaum. Sie schnäuzte ihrer Tochter gerade die Nase.
Kate stieß beim Durchblättern auf einen wohlmeinenden Artikel über Botox. Die abgebildeten Frauen über fünfzig lächelten faltenfrei vom Hochglanzpapier. Mancher mochte sie altmodisch nennen, doch Kate war zweiundfünfzig Jahre und zeigte ihr Alter ungeniert: die Falten um die Augen, ihre schlaffer werdenden Gesichtszüge, die ersten grauen Strähnen im Haar. Auch ihr Körper hatte an einigen Stellen Fettpölsterchen angesetzt. Jene Makel verliehen ihr jedoch die Schönheit der Reife, eines bewegten und erfüllten Lebens; ein Buch mit beschriebenen Seiten, dessen Geschichte noch nicht zu Ende erzählt war.
Knackend schaltete sich die Lautsprecherdurchsage ein. Unterlegt mit Rauschen, wurde Kate aufgerufen. Widerwillig erhob sie sich und ging auf die linke der beiden Türen zu. Nicht das Behandlungszimmer, nein, diesmal müsste sie in eine separate Räumlichkeit, in der prekäre Patientengespräche stattfanden. Nur eine vorläufige Diagnose, reine Routine, kein Grund zur Sorge. Nur eine vorläufige Diagnose, versuchte sie sich zu beruhigen.
Ihr langjähriger Arzt, Dr. Newberry, saß ihr gegenüber, setzte die schmale Lesebrille ab und ließ langsam Luft durch die Nase entweichen. Auf dem gut aussehenden Gesicht des schlanken Mittfünfzigers lag ein dunkler Schatten.
»Machen Sie es nicht so spannend, wir haben einen neuen Kunden in der Agentur, mit dem ich das Konzept für eine Werbekampagne durchgehen will. Ich bin schon überfällig«, drängelte Kate nervös.
»Ich fürchte, dafür werden Sie sich die nötige Zeit nehmen müssen.« Kate fuchtelte mit den Händen, ihr unsteter Blick huschte durch den Raum. »Ich habe einen wirklich engen Terminplan. Ich habe keine Zeit für theatralische Mätzchen.«
»Mit Ultraschall und Mammografie wurde ein Tumor in der Brustdrüse der linken Brust diagnostiziert, wie Sie wissen. Das Untersuchungsergebnis der Stanzbiopsie liegt mir nun vor.« Dr. Newberry verstummte. Zäh verstrichen unheilvolle Sekunden. »Der Tumor ist bösartig.«
Ein Sturm wirbelte vor dem Fenster Schneeflocken auf, peitschte Passanten kalt um die Ohren und pfiff das eisige Lied des Nordens. Mit hochgeklappten Krägen, Mützen und vermummten Gesichtern trotzten an diesem Sonntag ende Januar nur wenige Fußgänger dem abweisenden Winterwetter.
Auch Kate hatte der Winter erreicht, ihr eigener, ganz persönlicher Winter des Lebens, anderthalb Jahre nach der Diagnose. Ohne zu blinzeln, richtete sie ihren leeren Blick hinaus, den Mund ein wenig geöffnet, die Wangen eingefallen. Mit feinen Äderchen überzogen, spannte sich die durchschimmernde Haut über ihren Schädel, auf dem nur triste Spinnfäden dörrten. Nicht einmal der Schaukelstuhl wollte noch knarrend aufbegehren, als Kate langsam vor und zurück wippte; zu leicht sackte ihr ausgemergelter Leib in seine ovale Form, zugedeckt von einer Wolldecke.
Kates gesamter Körper war metastasiert. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten, Chemo- und Strahlentherapien und einer Hormonbehandlung hatten die Ärzte sie aufgegeben, genau wie sie sich selbst, Arbeitskollegen, Freunde und Bekannte. Bis vor gut zwei Wochen, als sich ihr Zustand rapide verschlechtert hatte, war sie noch regelmäßig von Kollegen und Freunden – Weggefährten ihres Lebens – besucht worden. Mit gezwungenem Lächeln war vom rastlosen Arbeitsalltag, Zwistigkeiten und amüsanten Episoden berichtet worden, von zwischenmenschlichen Kleinigkeiten und dem gesellschaftlichen Getriebe, zu dem Kate nicht mehr gehörte und das unwiederbringlich hinter ihr lag.
Die bedrückende Nähe von Hoffnungslosigkeit und Tod, die das Wohnzimmer bis in die letzte Mauerritze durchtränkten, hatte sie alle vertrieben. Ein Blick auf Kates eingefallenen Körper ließ einem die erbarmungslose Gegenwart der eigenen Vergänglichkeit spüren. Beinahe alle hatten sie verlassen, nur Jane und Scott waren ihr noch geblieben. Inständig hoffte Kate, dass auch ihre fürchterlichen Schmerzen sie bald verließen; sie sehnte sich nach dem ewigen Schlaf. Kate wollte zu Hause sterben.
Durch den bleigrauen Himmel wirkte das Tageslicht im Zimmer verschmutzt und trüb, diesige Schatten, die bis in die letzte Ecke krochen. Jane lehnte die Tür an, trat hinter den Schaukelstuhl und legte ihre Hände auf die knochigen Schultern ihrer Mutter. Nur einen Augenblick beabsichtigte sie zu warten, bis sie ihr gegenübertrat, zuerst sollten ihre Tränen versiegen.
Kates fleischlose Finger senkten sich auf die ihrer Tochter, eine von Anstrengung gezeichnete Bewegung. Brüchig und schwach ertönte ihre Stimme: »Wo ist dein Vater, Schatz? Er ist schon so lange fort.«
»Er wurde aufgehalten, sagte er am Telefon. Bestimmt ist er bald hier«, brachte Jane die Lüge tonlos über ihre Lippen, und fühlte sich von ihrer Mutter durchschaut. Doch sie sagte nichts.
Bisher war Scott jeden Tag bei ihr gewesen, hatte Kates Tränen getrocknet und für sie beide gelächelt, wenn die Wintersonne hell und freundlich den grauen Himmel durchbrochen und im allgegenwärtigen Weiß reflektiert hatte. Doch seit gestern Abend war er spurlos verschwunden gewesen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Gerade jetzt brauchte Kate ihn am meisten, jetzt, wo sie ihr nahendes Ende spürte.
Auch Jane und ihr Vater hatten ihr voranschreitendes Siechtum in den letzten Tagen nur zu deutlich wahrgenommen; als beobachtete man einen Brunnen beim Austrocknen, eine Blume beim Verdorren.
Ein leises Stöhnen entrang sich Kates Brustkorb. Ihre Finger krallten sich kurz mit ungeahnter Kraft in Janes Hand, als klammerte sie sich ans Leben selbst.
Mit unsicheren Schritten umlief Jane den Schaukelstuhl und kniete sich vor ihre Mutter, die flach und abgehackt atmete. Jane sah, dass sie kaum die Augen offen halten konnte und den Kopf hin und her warf, immer wieder, von rechts nach links und zurück. Schmerz verzerrte ihr Gesicht. Ein hauchzartes Wimmern quälte sich zwischen Kates Lippen hervor. Sie hielt abrupt den Kopf still und suchte den Blick ihrer Tochter, doch sie fand ihn nicht. »Jane, Schatz?«
»Hier, Mom.« Behutsam strich Jane über ihre Beine, die von der Wolldecke eingewickelt waren, und ergriff ihre Hände.
»Wo ist Scott? Ich höre ihn nicht.«
»Gleich, jeden Moment muss er hier sein.« So sehr sich Jane auch bemühte, konnte sie ihr Schluchzen nicht mehr unterdrücken; einige Tränen benetzten die Hand ihrer Mutter.
Tröstend drückte Kate die Hände Janes, löste ihre Rechte und strich ihr übers Haar. Gemurmelte Worte krochen aus ihrer Kehle, beruhigend und so zerbrechlich. Jane verstand sie nicht mehr.
Sie barg den Kopf im Schoß ihrer Mutter, von lautlosen Weinkrämpfen geschüttelt.
Die mütterliche Hand ruhte auf ihrem Kopf, sanft und unbeweglich. Jane spürte die andere schlaff werden und ihren Finger entgleiten. Sie sah auf – die Hand ihrer Mutter rutschte herunter – und stierte verzweifelt minutenlang auf ihren Brustkorb, nach irgendeiner Regung, einem Heben und Senken suchend. Doch er bewegte sich nicht mehr. Nichts bewegte sich. Nicht einmal das kleinste Flackern in ihren Augen, in denen Jane vergebens nach einem Lebensfunken suchte. Den Kopf in den Nacken gelegt, starrte ihre Mutter ausdruckslos zur Decke.
Stille.
Der Abend brach an und legte einen dunklen Schleier über die Möbel; Silhouetten, die sie wie Geister umzingelten. Jane hob den Kopf von der Wolldecke und sah mit verquollenen Augen in den Flur, als das Schloss knackte. Die Wohnungstür sprang auf und das Licht wurde angeschaltet. Ihr Vater stand neben der Kommode und faselte eine Entschuldigung. Scott war stinkbesoffen. wird fortgesetzt


