Mo, 06:21 Uhr
25.03.2013
Scott, der Penner (3)
Der Nordhäuser Schriftsteller Andreas Hüllenhagen stellt am 4. April um 19.30 Uhr sein Erstlingswerk Scott, der Penner im Museum Tabakspeicher vor. Wir haben schon mal einige Leseproben für Sie im Angebot...
Jane befindet sich bereits auf der Suche nach ihrem Vater und hat nach einigen Schwierigkeiten den Tipp bekommen, in der Bowery Mission, einem Obdachlosenasyl, nach Anhaltspunkten zu suchen. Dort bekommt sie einen Eindruck vom Schicksal mancher Obdachloser.
Über die Gläser einer südlichen Fensterfront zogen sich die Strahlen einer gemalten Sonne. Das einfallende Tageslicht brach sich an einer gesockelten Madonnenstatue und den matten Wänden wie gelblicher Nebel. Jane überblickte die langen Holzbänke und sah im Chor ein mannshohes Jesuskreuz hängen, davor ein Tisch mit zwei Kerzenständern.
Die Kapelle lag menschenleer vor ihnen. Ein knurrender Magen und viele Konkurrenten um das Mittagessen lassen einen schon mal das Tischgebet vergessen, dachte Jane sarkastisch. Doch da entdeckte Jane sie. In der zweiten Reihe, auf die Ablage der vorderen Bankreihe gestützt, hockte eine in sich zusammengesunkene mexikanische Greisin im Gebet.
»Das ist Rosita«, erklärte Ruby mit gedämpfter Stimme. Die Greisin war ganz in Schwarz gewandet, eine sich in Gram ergehende Krähe. Das Kopftuch streng um den Kopf gebunden, lugte ein Dutt grauer Haare hervor. Ein zerschlissener Filzmantel wölbte sich über den krummen Rücken. Der staubige Saum ihres Kleides berührte den Boden. Rosita bewegte sich kaum. Manchmal ging ein Reflex durch ihre welken Hände, ein leichtes Heben der pergamentartigen Haut über feine Knöchelchen.
Ruby und Jane näherten sich sachte, wagten nur gedämpfte Schritte, als entweihten sie mit jedem Geräusch die heilige Stätte. Nur noch zwei Bankreihen entfernt, hörten beide Rositas gemurmelte Gebete, die brüchige Stimme heiser und ausdruckslos. Abermals bewegten sich Altersflecke auf ihren Händen, als ein erneuter Reflex sie durchfuhr, und eine schwarz glänzende Perle glitt durch ihre Finger. Ein Rosenkranz.
»Oh Jesús mío, perdona nuestros pecados! Líbranos del fuego del infierno! lleva al cielo ...«
Ruby blieb stehen, wartete, bis Jane aufschloss, und neigte sich zu ihr rüber. »Das Fatima-Gebet, eine Fürbitte für die Verstorbenen. Seit Rosita vor vier Tagen zu uns kam, betet sie jeden Tag stundenlang den Rosenkranz.«
Mit einem Handzeichen deutete Ruby Jane, hier zu warten, und trat vor die erste Reihe. Sie beugte sich zu der Betenden hinunter. »Rosita.«
Rositas Blick blieb nach unten gerichtet, eine weitere Perle glitt durch ihre Hände. »Dios te salve, Reina ...«
Die Finger Rubys berührten leicht ihre Schulter. »Rosita. Du musst etwas essen.«
»Madre de la Misericordia; nuestra vida, nuestra dulzura ...«
Hinter Rositas Rücken stehend, bemühte sich Jane ihres eingeschlummerten Spanischs und beobachtete, wie Rubys Hand zart über die Wange der Greisin strich, über tiefe Furchen, die das Leben selbst gezogen hatte. Noch immer konnte sie ihr Gesicht nicht deutlich sehen.
Endlich unterbrach Rosita ihr Gebet, ließ die Kette in eine Tasche gleiten und hob den Kopf. »una buena niño (Du bist ein gutes Kind).«
Ruby reichte der Greisin beide Hände. Mühevoll zog sich Rosita an ihnen empor, als hätte sie ihre gesamte Energie in den Gebeten aufgebraucht. Stehend schien sie kaum größer geworden zu sein. Vielleicht lag es an ihrem krummen Rücken, der sie ständig in eine demütige Haltung zwang. Nun drehte sich die Greisin vollends um und sah der Fremden unvermittelt in die Augen.
Jane hielt den Atem an. Dunkle, tief in den Höhlen sitzende, verwässerte Seen drangen bis auf den Grund ihres Wesens. Blicke so hart, als hätten sie niemals Freude gesehen. Unter dem Kopftuch lugte der Haaransatz hevor, der stark ausgedünnt wirkte. Ihre Wangen waren eingefallen. Doch das war es nicht, was Jane den Atem verschlug. Schnitte überzogen die linke Gesichtshälfte, von unterhalb des Auges bis zum Kinn. Lange, parallele Schnitte, die sich gelegentlich leicht überkreuzten und zu den tiefen Falten gesellten. Die Wunden konnten erst wenige Tage alt sein, höchstens eine Woche.
Auf Rubys Hand gestützt, schlurfte Rosita zum Ausgang. Jane ging hinter ihnen, noch immer völlig entsetzt, und fragte sich, welches Ungeheuer eine alte Dame so hatte zurichten können. Auch die Vorstellung, dass diese Greisin im Winter ihres Lebens obdachlos war und von Almosen lebte, erschütterte sie. Augenblicklich erschien ihr Vater vor ihrem geistigen Auge. Das Bild eines gebrochenen Mannes. So viele Jahre waren inzwischen vergangen, Jahre, in denen Selbstgerechtigkeit und Starrsinn ihr den Vater genommen hatten. Jane unterdrückte stille Tränen.
Unvermittelt blieb Rosita stehen, eine unheimliche Kraft richtete sie auf, und ihre Finger krallten sich in Rubys Unterarme. »Tenemos que conseguirlo (Wir müssen sie rausholen)! Por qué nadie les ayuda? (Warum hilft ihnen niemand)? Ten piedad, Dios (Erbarme dich, Herr).« Die brüchige Stimme überschlug sich und hallte von den Wänden wider. In den zuvor harten Augen loderte Verzweiflung.
Wenn die Fingernägel der Greisin Ruby schmerzten, so zeigte sie es nicht. »Ihnen widerfährt bereits Beistand, der Herr hält seine Hand über sie.«
Rosita starrte Ruby lange an. Sie nickte schließlich und sackte wieder in sich zusammen. Ganz so, als wäre nichts geschehen, setzten sie ihren Weg fort. wird fortgesetzt
Autor: redJane befindet sich bereits auf der Suche nach ihrem Vater und hat nach einigen Schwierigkeiten den Tipp bekommen, in der Bowery Mission, einem Obdachlosenasyl, nach Anhaltspunkten zu suchen. Dort bekommt sie einen Eindruck vom Schicksal mancher Obdachloser.
Über die Gläser einer südlichen Fensterfront zogen sich die Strahlen einer gemalten Sonne. Das einfallende Tageslicht brach sich an einer gesockelten Madonnenstatue und den matten Wänden wie gelblicher Nebel. Jane überblickte die langen Holzbänke und sah im Chor ein mannshohes Jesuskreuz hängen, davor ein Tisch mit zwei Kerzenständern.
Die Kapelle lag menschenleer vor ihnen. Ein knurrender Magen und viele Konkurrenten um das Mittagessen lassen einen schon mal das Tischgebet vergessen, dachte Jane sarkastisch. Doch da entdeckte Jane sie. In der zweiten Reihe, auf die Ablage der vorderen Bankreihe gestützt, hockte eine in sich zusammengesunkene mexikanische Greisin im Gebet.
»Das ist Rosita«, erklärte Ruby mit gedämpfter Stimme. Die Greisin war ganz in Schwarz gewandet, eine sich in Gram ergehende Krähe. Das Kopftuch streng um den Kopf gebunden, lugte ein Dutt grauer Haare hervor. Ein zerschlissener Filzmantel wölbte sich über den krummen Rücken. Der staubige Saum ihres Kleides berührte den Boden. Rosita bewegte sich kaum. Manchmal ging ein Reflex durch ihre welken Hände, ein leichtes Heben der pergamentartigen Haut über feine Knöchelchen.
Ruby und Jane näherten sich sachte, wagten nur gedämpfte Schritte, als entweihten sie mit jedem Geräusch die heilige Stätte. Nur noch zwei Bankreihen entfernt, hörten beide Rositas gemurmelte Gebete, die brüchige Stimme heiser und ausdruckslos. Abermals bewegten sich Altersflecke auf ihren Händen, als ein erneuter Reflex sie durchfuhr, und eine schwarz glänzende Perle glitt durch ihre Finger. Ein Rosenkranz.
»Oh Jesús mío, perdona nuestros pecados! Líbranos del fuego del infierno! lleva al cielo ...«
Ruby blieb stehen, wartete, bis Jane aufschloss, und neigte sich zu ihr rüber. »Das Fatima-Gebet, eine Fürbitte für die Verstorbenen. Seit Rosita vor vier Tagen zu uns kam, betet sie jeden Tag stundenlang den Rosenkranz.«
Mit einem Handzeichen deutete Ruby Jane, hier zu warten, und trat vor die erste Reihe. Sie beugte sich zu der Betenden hinunter. »Rosita.«
Rositas Blick blieb nach unten gerichtet, eine weitere Perle glitt durch ihre Hände. »Dios te salve, Reina ...«
Die Finger Rubys berührten leicht ihre Schulter. »Rosita. Du musst etwas essen.«
»Madre de la Misericordia; nuestra vida, nuestra dulzura ...«
Hinter Rositas Rücken stehend, bemühte sich Jane ihres eingeschlummerten Spanischs und beobachtete, wie Rubys Hand zart über die Wange der Greisin strich, über tiefe Furchen, die das Leben selbst gezogen hatte. Noch immer konnte sie ihr Gesicht nicht deutlich sehen.
Endlich unterbrach Rosita ihr Gebet, ließ die Kette in eine Tasche gleiten und hob den Kopf. »una buena niño (Du bist ein gutes Kind).«
Ruby reichte der Greisin beide Hände. Mühevoll zog sich Rosita an ihnen empor, als hätte sie ihre gesamte Energie in den Gebeten aufgebraucht. Stehend schien sie kaum größer geworden zu sein. Vielleicht lag es an ihrem krummen Rücken, der sie ständig in eine demütige Haltung zwang. Nun drehte sich die Greisin vollends um und sah der Fremden unvermittelt in die Augen.
Jane hielt den Atem an. Dunkle, tief in den Höhlen sitzende, verwässerte Seen drangen bis auf den Grund ihres Wesens. Blicke so hart, als hätten sie niemals Freude gesehen. Unter dem Kopftuch lugte der Haaransatz hevor, der stark ausgedünnt wirkte. Ihre Wangen waren eingefallen. Doch das war es nicht, was Jane den Atem verschlug. Schnitte überzogen die linke Gesichtshälfte, von unterhalb des Auges bis zum Kinn. Lange, parallele Schnitte, die sich gelegentlich leicht überkreuzten und zu den tiefen Falten gesellten. Die Wunden konnten erst wenige Tage alt sein, höchstens eine Woche.
Auf Rubys Hand gestützt, schlurfte Rosita zum Ausgang. Jane ging hinter ihnen, noch immer völlig entsetzt, und fragte sich, welches Ungeheuer eine alte Dame so hatte zurichten können. Auch die Vorstellung, dass diese Greisin im Winter ihres Lebens obdachlos war und von Almosen lebte, erschütterte sie. Augenblicklich erschien ihr Vater vor ihrem geistigen Auge. Das Bild eines gebrochenen Mannes. So viele Jahre waren inzwischen vergangen, Jahre, in denen Selbstgerechtigkeit und Starrsinn ihr den Vater genommen hatten. Jane unterdrückte stille Tränen.
Unvermittelt blieb Rosita stehen, eine unheimliche Kraft richtete sie auf, und ihre Finger krallten sich in Rubys Unterarme. »Tenemos que conseguirlo (Wir müssen sie rausholen)! Por qué nadie les ayuda? (Warum hilft ihnen niemand)? Ten piedad, Dios (Erbarme dich, Herr).« Die brüchige Stimme überschlug sich und hallte von den Wänden wider. In den zuvor harten Augen loderte Verzweiflung.
Wenn die Fingernägel der Greisin Ruby schmerzten, so zeigte sie es nicht. »Ihnen widerfährt bereits Beistand, der Herr hält seine Hand über sie.«
Rosita starrte Ruby lange an. Sie nickte schließlich und sackte wieder in sich zusammen. Ganz so, als wäre nichts geschehen, setzten sie ihren Weg fort. wird fortgesetzt


