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Fr, 06:41 Uhr
22.02.2013

Menschenbilder (59)

Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...

Heike Pfeng

Meisterin des Buchbindehandwerks
einzige handwerklich geführte Buchbinderei in Nordhausen


Heike Pfeng betreibt die einzige handwerkliche Buchbinderei in Nordhausen und sorgt damit für das Überleben einer historischen Kunst, die auch heute, im Zeitalter von Computer und Smartphone, noch immer nachgefragt wird: Davon zeugt insbesondere die große Vielfalt der von ihren Kunden in Auftrag gegebenen Arbeiten: Oft kommen z.B. Autoren auf sie zu, die ihre Lebensgeschichten für Familienangehörige in Kleinauflagen binden lassen möchten.

Auch so mancher Firmeninhaber wünscht sich für sein Gästebuch einen individuellen Einband: Besonders viel Kreativität und Geschick verlangte zum Beispiel das Gästebuch einer niedersächsischen Fleischerei, das Heike Pfeng ganz exklusiv in Wurstpellen einbinden sollte – was ihr erfolgreich gelang. Anspruchsvolle Aufträge betrafen u.a. auch den Neueinband einer alten Bibel für das Heimatmuseum Ellrich, aber auch Reparaturen und Werterhaltungsmaßnehmen an historischen Büchern, die vor mehreren Jahrhunderten gedruckt wurden: Hierbei denkt Heike Pfeng sofort an eine im Jahre 1546 verfasste Bibel, deren Schließen aus Messing sie wiederherstellte. Ein ungewöhnlicher Auftrag kam aber auch von der Gedenkstätte Mittelbau Dora, für die die am 28.11.1962 in Leipzig geborene Handwerksmeisterin die in Ziehharmonikaform aneinandergereihten Skizzen eines ehemaligen Häftlings zum menschenverachtenden Lageralltag originalgetreu „nachbaute“. Diese Kopie kann heute in der Gedenkstätte besichtigt werden.

Viele andere Arbeiten, die den handwerklichen Alltag in der Wilhelm-Nebelung-Straße 18 bestimmen, sind weit weniger spektakulär: Da werden Heike Pfeng alte, aber um so lieber gewonnene Kochbücher zur Einbandreparatur gebracht, aber auch Bilderbücher, die von Generation zu Generation weitergegeben worden. Auch Abschlussarbeiten junger Leute verlassen die Werkstatt der Wahlnordhäuserin regelmäßig in Buchform. Und all das ist nur eine kleine Auswahl der möglichen Leistungen.

Als Heike Pfeng nach ihrem Schulabschluss vor der Frage stand, was für einen Beruf sie denn erlernen wolle, stellte man sie vor die Wahl zwischen Kranführer und Reproretuscheur. „Ich entschied mich für das Letztere, weil mir die Kreativität im Blut lag“, erklärt sie. Dies resultierte insbesondere aus ihrer Leidenschaft Fotografie, die von ihrem Großvater Erich Tschirner wesentlich mit erzeugt worden war. Schon als Kind betrieb sie im Keller ein kleines Fotolabor, um Pflanzen, Mikroaufnahmen und Porträts auf Papier zu bannen. Für ein Foto, das Menschen auf einer Fußgängerbrücke vor der belkannten Leipziger „Blechbüchse“ zeigt, erhielt sie sogar einen Preis.

Nach ihrer Lehre zum Reproretuscheur bei Interdruck Leipzig (Abschluss 1986) jedoch stellte die junge Frau alsbald fest, dass sie lediglich als ein „Zahnrad“ inmitten einer Fertigungskette fungierte. „Ich aber wollte das Produkt meiner Arbeit in den Händen halten und entschied mich daher für eine Umschulung zum Buchbinder“, sagt sie. Und obwohl bis zum Eintritt in die Selbstständigkeit noch einige Jahre vergehen sollten, begann sich Heike Pfeng durch das Zusammenstellen wichtiger Werkstattutensilien schon damals auf die Umsetzung ihres Traumes vorzubereiten. „Ich träumte davon, kein Befehlsempfänger mehr sein zu müssen, also davon, Entscheidungen selbst treffen zu dürfen“, bekräftigt sie.

An die Wende in ihrer „Heldenstadt Leipzig“ denkt Heike Pfeng mit unterschiedlichen Gefühlen zurück. „Ich sehe noch heute die tausenden Kerzen an der Nikolaikirche vor mir, wusste aber auch von der Alarmierung der Betriebskampfgruppen. Ich nahm an den Demonstrationen teil, hatte aber auch Angst um die Sicherheit meiner Tochter“, denkt sie zurück.

Aus privaten Gründen wurde die Handwerkerin gleich zu Beginn des Jahres 1990 Nordhäuserin - und lernte als 186. Arbeitslose der Stadt die Marktwirtschaft erst einmal von ihrer Schattenseite kennen. Zu dieser Zeit gab es in Nordhausen nach Aussage der Handwerkerin keinen Buchbinder mehr. Der letzte sei im Zuge der Wende in die Schweiz ausgereist. Die junge Frau fühlte sich ihrem großen Ziel Selbstständigkeit in der Zorgestadt näher denn je, fand nach langem Suchen in Pössneck eine Berufsschule, die Buchbindemeister ausbildet und setzte sich erneut auf die Schulbank.

Da es ihr und weiteren Mitschülern an der Kompetenz des Lehrkörpers fehlte, entschieden sie sich alsbald zur Fortsetzung der Ausbildung am Buchbinder-Kolleg in Stuttgart, wo sie auch mit komplizierten Techniken, wie z.B. den Vergoldetechniken mit echtem Gold vertraut gemacht wurden und nach Aussage meiner Gesprächspartnerin endlich eine „perfekte Ausbildung“ genossen. Arbeit fand Heike Pfeng 1990 danach zunächst als ABM-Kraft bei der Nordhäuser Stadtverwaltung, wo sie drei Jahre lang insbesondere für das Stadtarchiv in ihrem Handwerk tätig sein konnte. Von ihrem Einkommen finanzierte sie die Meisterausbildung.

Ihre lange Suche nach einer für eine Buchbindewerkstatt geeigneten Immobilie ohne Rückübertragungsansprüche und Schuldenlast hatte 1994 mit dem Kauf des Hauses Wilhelm-Nebelung-Straße 18 schließlich Erfolg. Hier richtete sie sich ihre Werkstatt ein und arbeitete fortan als Einzelkämpferin, die später die gelernte Buchbinderin Monika Becker einstellte. „‘Du schaffst das!‘, sagte ich mir, denn ich musste schon mit Blick auf meine Kinder vorwärtskommen. Ein kleiner Betrieb wie der meine ist zudem überschaubarer als ein großer und bedeutet ein geringeres Risiko. Ich habe diesen Weg keinen Tag lang bereut“, erklärt sie.

Die Buchbindearbeiten in der Werkstatt von Heike Pfeng erfolgen mit Ringbindung, als Broschur, mit Fadenheftung oder in Klebebindung. Als Besonderheit bietet die Meisterin auch besondere Passepartout-Gestaltungen für das Rahmen von Bildern an, zum Beispiel im so genannten Schrägschnitt. „Wir machen mehr aus ihren Bildern als Glas davor und was dahinter. Wir verwirklichen alle Ihre Ideen aus Papier und Pappe“, lautet ihr Lieblings-Werbespruch. Selbst Speisekarten mit Plexiglas-Einband für ein Nordhäuser Restaurant verließen schon die Wilhelm-Nebelung-Straße 18 – zur vollsten Zufriedenheit des Auftraggebers. Bis zu rund 30 unterschiedliche Papierarten und Geweben kann die Unternehmerin ihren Kunden empfehlen.

Mit dem in Nordhausen begonnenen neuen Lebensabschnitt war für Heike Pfeng auch neues privates Glück verbunden. Über eine Zeitungsannonce lernte sie kurz nach der Wende den Herzberger Heiko Pfeng kennen. Dass die beiden nicht nur einen fast identischen Vornamen tragen, sondern gewissermaßen auch Berufskollegen sind, schweißt sie zusätzlich zusammen: Heiko Pfeng arbeitet als gelernter Schriftsetzer und Mediengestalter bei einer Herzberger Druckerei. Stolz ist der gebürtige Niedersachse darauf, dass er sogar noch den Bleisatz beherrscht: „Wie zu Gutenbergs Zeiten“, schmunzelt er. Die beiden sind stolze Eltern des im Februar 1994 geborenen Marius Leonardo.

Die gemeinsame Freizeit des Paares wird vor allem von der Fotografie bestimmt. Heike Pfeng besucht außerdem regelmäßig Tai Chi- und Qi Gong-Kurse und widmet sich gern dem Lesen und Nähen. Außerdem gibt sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten als Buchbindemeisterin in Kursen an interessierte Erwachsene und auch an Schulklassen weiter.

Ehemann Heiko Pfeng dürfte einem breiten regionalen Radio-Publikum als Initiator und Moderator der Sendung Rock-Lexikon beim Offenen Kanal Nordhausen (OKN, siehe Text Olaf Schulze im Band I der Buchreihe) bekannt sein. Seine erste Sendung vor 15 Jahren war ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau Heike.

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Autor: red

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