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Fr, 11:41 Uhr
08.02.2013

nnz-Forum: Ja oder Nein?

Hoch schlagen die Wellen in den Diskussionen um das Thema „Gebietsreform“ in Thüringen. Der Verfasser will versuchen, alle Emotionen beseite zu lassen und frei von Betrachtungen zu realen Gebieten, Traditionen und Personen die wesentlichsten Fakten zu analysieren. Gedanken um personelle und territoriale Gestaltung einer Gebietsreform werden immer mit Postengeschacher und traditionellen Befindlichkeiten einhergehen und sind daher kontraproduktiv...


Eine Gebietsreform wird vom Bürger nur dann akzeptiert, wenn sie keine unzumutbaren Härten bringt, also zum Beispiel keine längeren Wege zur Verwaltung, keine längeren Wartezeiten, keine höheren Kosten, schwierigere Klärung von Zuständigkeiten und örtlichen Gegebenheiten. An diesen Punkten wird eine Verwaltung gemessen. Um hier dem Bürger gerecht zu werden, bedeutet das konkret:

Bei einer Gebietsreform können die Stellen einiger Landräte, ihrer Büros, einiger Beigeordneter und ein paar Fachbereichs- und Amtsleiter wegfallen. Gerade diesen Mitarbeitern kann aus unterschiedlichen Gründen nicht ersatzlos gekündigt werden. Das bedeutet, dass sie in irgendeiner anderen Form dem Staat weiter auf der Tasche liegen.

Die Stellen der Bearbeiter müssen samt ihren Standorten beibehalten werden. Das wiederum bedeutet, für ihre Anleitung, Weiterbildung und Kontrolle fallen höhere Kosten durch längere Wege der dafür zuständigen Mitarbeiter an. Unter dem Strich muss bezweifelt werden, dass eine Gebietsreform dem Staat, also uns allen, einen wirtschaftlichen Nutzen bringt.

Sinn hat eine konsequente Verwaltungsreform. Es muss für alle in der Verwaltung tätigen Mitarbeiter eine Ehre sein, dort gebraucht zu werden. In die Verwaltungen gehören die fähigsten Menschen. Um diese für ihre Tätigkeit dort zu animieren, müssen die Arbeits- und Lebensbedingungen gut sein.

Als erstes gilt es endlich zu klären, ob der alte Beamtenstatus aus- oder abgebaut werden soll. Vor- und Nachteile müssen gegeneinander abgewogen werden und eine bundesweit gültige Entscheidung muss vor der Verwaltungsreform fallen.

Verwaltungsmitarbeiter müssen für mindestens 2, besser 3 bis 4 Verwaltungsbereiche ausgebildet sein, und zwar erstklassig. Sie müssen in der Lage sein, den Bürger von der ersten bis zur letzten Minute seines Anliegens kompetent zu betreuen und ihm ohne wenn und aber letztlich eine gesetzeskonforme Entscheidung allgemeinverständlich mitzuteilen, die erforderlichenfalls vorher mit den Verwaltungsgerichten abzustimmen ist.

Die multiple Ausbildung der Mitarbeiter ist erforderlich, um zu vermeiden, dass in den Abteilungen Mitarbeiter nur teilweise ausgelastet sind, weil Urlaubs- und Krankheitsvertretungen sowie saisonbedingte Spitzenbelastungen abgesichert werden müssen.

Ein hohes Maß an Verantwortung muss jenen Mitarbeitern zufallen, die den Einsatz der verfügbaren Mitarbeiter in den einzelnen Abteilungen steuern. Es muss gewährleistet sein, dass auch in Spitzenzeiten nur eine zumutbare Mehrbelastung verlangt wird und in relativen Ruhezeiten diese Mehrbelastung möglichst in Freizeit abgegolten wird. Das Bild von ausschließlich käffchentrinkenden Mitarbeitern Baumann und Clausen muss aus den Köpfen der gesamten Bevölkerung verschwinden.

Auf den Prüfstand einer Verwaltungsreform muss auch die gesamte Verwaltungsstruktur. Brauchen Landrät(e)Innen wirklich teilweise mehrere Beigeordnete oder können deren Funktionen nicht doch von Amts- bzw. Fachbereichsleitern übernommen werden? Braucht man ein Landesverwaltungsamt? Wie es scheint, leisten sich nur wenige Bundesländer ein solches.

Unter dem Strich muss erreicht werden, dass die Bürger, die vom „Amt“ kommen, die dort getroffene Entscheidung verstehen können und auch dann akzeptieren, wenn sie sich einen anderen Verlauf gewünscht hätten.
Jürgen Wiethoff
Autor: red

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare
I.H.
08.02.2013, 12:10 Uhr
Volltreffer.
Genau so schaut es aus Herr Wiethoff. Guter Artikel.

Ergänzend meinerseits: Letztendlich ist dieses ganze Großkreisgefasel nur Alibi dafür, dass die jetzigen Verwaltungen weiter wurschteln wie bisher. Fakt ist aber, wer eine kleine Verwaltung nicht in den Griff bekommt (reformiert), der schafft das bei einer Großen schon gar nicht. Beispiele dafür gibt es zu Hauf.
suedharzer
08.02.2013, 17:00 Uhr
ganz richtig
Lieber Herr Wiethoff,
ich schätze Ihre Beiträge sehr, allein wegen Ihrer Sachlichkeit. Im vorliegenden Fall haben Sie zu Recht die Zahl der Beigeordneten in Frage gestellt. Denn das Volk wählt einen Landrat, der dann durch seine Beigeordneten ausgebremst wird. Denn hinter den Beigeordneten stehen meist nach Proporz die Kreistagsfraktionen der anderen Parteien. Für den Landrat bedeutet dies: Streit mit einem Beigeordneten = keine Mehrheit im Kreistag.
Man sieht doch wie schwer es Frau Merkel hat, ihre FDP-Minister unter Kontrolle zu halten. Wie wäre es dann erst wenn jede Partei Ministerposten erhielte...
RWE
09.02.2013, 12:47 Uhr
Langfristig werden Personalkosten gepart
"Bei einer Gebietsreform können die Stellen einiger Landräte, ihrer Büros, einiger Beigeordneter und ein paar Fachbereichs- und Amtsleiter wegfallen. Gerade diesen Mitarbeitern kann aus unterschiedlichen Gründen nicht ersatzlos gekündigt werden. Das bedeutet, dass sie in irgendeiner anderen Form dem Staat weiter auf der Tasche liegen."

Diese Stellen werden aber nach dem Ausscheiden aus den Arbeitsleben der betreffenden Personen nicht wieder besetzt. Also werden langfristig Personalkosten gespart.
Man darf nicht vergessen, daß es 1994 schon einmal eine Reform in Thüringen gab. Vielleicht sollte man mal die Bürger in KYF, UH, SOK und so weiter fragen, wie sich ihr Leben verändert hat.
Und es muß dort und auch in den anderen Bundesländern Zahlen geben, ob gespart wurde.
Die Verwaltung muß aber auch gestrafft werden. Und ihren Bemerkungen zur Arbeitseinstellung kann ich auch nur zustimmen.
Ich finde die Stadtverwaltung mit ihren gläsernen Großraumbüro besser als das die verschlossenen Türen im Landratsamt.
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