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Do, 06:33 Uhr
17.01.2013

nnz-Forum: Wie naiv darf man sein?

Diese Frage stellt sich dem Leser der Beiträge Big Brother überall und Betrachtet: Vertrauen und Misstrauen, wenn er einige Formulierungen auf die berühmte „Goldwaage“ legt. Die Antwort ist zunächst einfach. Der Journalist darf so naiv sein, der Landesbeauftragte für Datenschutz nicht. Nachfolgend versucht der Autor, die Gegebenheiten so allgemein verständlich wie möglich zu erklären...


Selbst das Babyfon der frühen 80-er Jahre kann – so es noch nicht verschrottet werden musste – auch heute noch zum Überwachen von Baby und BabysitterIn verwendet werden. Selbstverständlich kann man dann auch mal die Schwiegermutter und beliebtere Verwandte damit abhören. Schon hierbei ist Fakt: Die Grenzen zwischen legal, Grauzone und illegal sind fließend. Richtig erklären kann sie sicher nur ein Jurist. Vermutlich aber auch nicht jeder. Vielleicht ist ja ein Jurist unter den Lesern so freundlich, eine entsprechende Ergänzung zu schreiben.

Jeder Versandhändler von Elektronikartikeln, der etwas auf sich hält, bietet von Zeit zu Zeit „James-Bond-Ausrüstungsgegenstände“ an. Allerdings heute in einer Qualität und Vielfalt, die dem Altmeister der Spionage damals Freudentränen in die Augen getrieben hätte. Der Kugelschreiber mit Video- und Audioaufzeichnungsfunktion bis zu 4 Stunden für knapp 80 Euro ist da nur die Spitze des Eisberges.

Jeder Ladenbesitzer, der sein Schaufenster videoüberwachen will, muss darauf achten, dass die Kamera nur einen eng begrenzten Raum vor dem Fenster erfassen darf. Für das, was er sonst noch sehen will, muss er sein Auto mit der drahtlosen Rückfahrkamera einfach nur geschickt abstellen und darf nicht vergessen, das für die Wiedergabe geeignete Navigationsgerät mit in den Laden zu nehmen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Manchmal sogar ein einfach zu gehender.

Der zur Überwachung der jüngeren Geschwister verdonnerte große Bruder ist doch heute nur noch dann über das verpfuschte Wochenende sauer, wenn sein Taschengeld nicht für die Anschaffung für aus seiner Sicht geeignete Hilfsmittel ausreicht.

Nicht nur Telefonanlagen jeder Größe werden heute mit einer Hardware gebaut, die aus wirtschaftlichen Gründen universell sein muss. Was die Anlage dann für den jeweiligen Kunden können muss, wird ihr mit Hilfe von Software beigebracht. Wo vorhandene Funktionen durch Programme abgeschaltet werden können, können sie auch wieder oder neu zugeschaltet werden.

Das mag ein geschickter Programmierer schon sehr sicher verschlüsseln können, aber grundsätzlich gilt: Geht nicht gibt’s nicht. Wenn Hacker ins Pentagon vordringen können, können sie in jede Telefonanlage sozusagen als Frühsport rein. Wer die Millennium-Trilogie als Sechsteiler im Fernsehen gesehen oder die Bücher gelesen hat, soll wissen: Lisbeth Salander gibt es, wahrscheinlich nicht unter diesem Namen und dieser Vita, aber auch nicht nur in der Fantasie von Stieg Larsson.

„Die Überwachung von Telefonen und Räumen in der Thüringer Polizei weitet sich aus. Jetzt wird befürchtet, dass auch in Rathäusern und Landratsämtern ab- und mitgehört werden kann...
Der Landesbeauftragte für Datenschutz hatte es im Dezember befürchtet.“ Als Landesbeauftragter für Datenschutz darf man das nicht nur befürchten. Dass es die Möglichkeiten gibt, muss man in dieser Funktion wissen. Auch schon lange vor dem Dezember 2012.

Pressesprecherin Jessica Piper teilt in „Landratsamt: Nie aktiviert“ vollkommen richtig mit: „Jede moderne Anlage bietet technisch die Möglichkeit des Ab- und Mithörens, da dies heute Stand der Technik ist." Außerdem sollten wir ihr dieses glauben: „Wir (gemeint ist die Führung des Landratsamtes) nutzen also die Telefonanlage nicht zur Kontrolle oder Überwachung unserer Mitarbeiter.“ Mehr kann sie dazu nicht sagen. Ob irgend jemand, dem das technisch möglich ist, die Anlage schon mal zum Ab- und Zuhören widerrechtlich benutzt hat, kann sie nicht wissen und kann auch im Nachgang dazu meist nicht ermittelt werden.

Machen wir uns aber deutlich, dass jeder, der heute ihm notwendig erscheinende Überwachungstätigkeit aus welchen Gründen auch immer ausführen will, das auch kann, wenn er sich das entsprechende Wissen aneignet und sich die gar nicht mehr so teure Technik dazu beschafft. Es muss uns klar sein, dass das weitgehend gesetzwidrig ist. Als Arbeitnehmer sollte uns aber auch klar sein, dass man als Arbeitgeber, wenn man dann weiß, wie der Arbeitnehmer sich einen Vorteil o.ä. verschafft, diesen disziplinarisch zur Verantwortung ziehen kann, ohne preiszugeben, dass man sich sein Wissen darum mit einer ungesetzlichen Überwachungsaktion verschafft hat.

Möglichkeiten, sich vor unerlaubten Überwachungsaktionen zu schützen, gibt es wenige. Das ist vor allem deshalb so, weil die dazu verwendeten Geräte immer kleiner und unauffälliger werden und mit immer weniger Energie und - wo notwendig - auch weniger Sendeleistung auskommen. Das sprichwörtliche Glas ist dennoch halbvoll. Wer ohne Gaunereien durchs Leben geht, hat nach wie vor nichts zu befürchten und die schlimmen Verbrecher müssen Kommissar Zufall mehr denn je fürchten.

Gern erinnere ich mich an eine Vorlesung im Institut für Nachrichtentechnik Berlin 1983 oder 84 über damals moderne Weltraumnachrichtentechnik. Der Dozent zeigte aus dem Weltraum gemachte Fotos vom Petersplatz in Rom, auf denen man problemlos das Geschlecht der Passanten erkennen konnte. Er schloss seinen Vortrag sinngemäß mit: „Wenn ich Sie jetzt gleich in die Mittagspause entlasse und Sie ihr Gesicht der herrlichen Wintersonne zuwenden, lächeln Sie. Sie werden fotografiert.“
Jürgen Wiethoff
Autor: red

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare
Retupmoc
17.01.2013, 08:38 Uhr
Kein Gauner
So lustig, Herr Wiehoff , wie Sie mit dem Scherz Ihres Dozenten enden ist das Ganze aber nicht. Und Sie denken etwas engstirnig, wenn Sie behaupten, das nur Gauner etwas zu befürchten haben. Ein fiktives Beispiel: In der Töpferstraße findet in 7 Monaten eine Demo gegen die CDU statt, weil die SPD dazu aufgerufen hat. Mein Chef( fiktiv glühender Fan der CDU ) bekommt anschließend das Überwachungsband und entlässt mich daraufhin. Habe ich mit der Teilnahme an der Demo eine Gaunerei begangen? Oder : Im Supermarkt an der Ecke kaufe ich mehrerer Artikel der Firma XYZ. Zwei Tage später erhalte ich Werbeprospekte dieser Firma ins Haus, da man mein Kaufverhalten beobachtet hat.

Nur zwei einfache Beispiele. Wollen wir diesen Überwachungsstaat? Gegen diese Überwachung der Menschen war die Stasi ein Kindergarten. Aber wir ergötzen uns ja an der Überwachung ( siehe Dschungelcamp ) solange es uns nicht selbst trifft. Dann aber ist das Geschrei groß.
Luftikus
17.01.2013, 21:56 Uhr
Überwachung in jeden Haushalt möglich
Ja, die Technik ist soweit voran geschritten, das alte Agenten nur weinen würden. Allein ein normales tragbares Telefon am Festnetzanschluss kann zur häuslichen Überwachung dienen. Ich schalte dort ganz einfach die Babyfon-Funktion an und gebe meine Handynummer ein. Das wars! Sobald jetzt Geräusche in den Räumlichkeiten verursacht werden ruft mich mein Telefon an und ich bin sofort OHR.

Für kleines Geld gibt es mittlerweile Bildbearbeitungsprogrammme, mit denen man eine Person auf einen Foto markiert und sein Fotoarchiv nach dieser Person durchsucht. Was hier privat eine starke Hilfe ist, ist aber auch noch ausbaufähig, denkt man nur ans Internet.
Jürgen Wiethoff
17.01.2013, 23:05 Uhr
Engstirnig? Als Selbstkritik stimmt´s.
Das ist aber ein Eigentor aus ganz großer Entfernung, Herr/Frau Retpmoc. Oder kann es sein, das Ihr Computer nicht nur vergesslich ist, sondern auch alles verdreht? Schau´n Sie mal unter Systemsteuerung->Software nach. Nun aber Spaß beiseite.

Wozu soll sich Ihr Chef für den von Ihnen ausgedachten Fall das Überwachungsband (wenn´s denn überhaupt eins gibt mit Ihrem Gesicht drauf) kommen lassen? Viel einfacher wäre doch, er geht selbst auf die Demo und erlebt Sie vollumfänglich, in Farbe und Stereoton? Oder er fragt das deutschlandweit berühmte Lieschen Müller, die alte Petze, die auf der Demo genau neben ihrem Lieblings-Genossen Retupmoc marschierte. Wenn er dann wirklich noch so dumm ist und Ihnen mit der Begründung „Demo-Teilnahme“ kündigt, können Sie sich wie wahnsinnig freuen: Auf Wiedereinstellung, Abfindung, evtl. Schmerzensgeld....fragen Sie Ihren Anwalt oder Betriebsratsvorsitzenden.

Werbeprospekte erhalten meine Nachbarn und ich das ganze Jahr über zu Hauf`. Nicht nur von XYZ, sondern auch von ABC und vielen anderen Firmen, bei denen wir noch nie was gekauft haben.

Nun aber ganz ernsthaft: Einen Überwachungsstaat will keiner mehr – weltweit nicht. Was ich mit diesem Beitrag auch deutlich machen wollte, ist, dass er auch in dem vor mehr als 20 Jahren gewohnten Umfang nicht mehr gebraucht wird. Um einen guten Überblick über die Bevölkerungsmeinung zu bekommen, genügen Blicke in die diversen Foren im Internet und auf die Leserbriefseiten. Überwachen muss man nur noch Kriminelle, politische wie wirtschaftliche und triebhaft gesteuerte, unabhängig von deren Partei- und anderen gesellschaftlichen Zugehörigkeiten.
ndhkg
18.01.2013, 08:19 Uhr
wozu spionieren
verstehe die Aufregung nicht. Wir geben alles Preis was uns lieb und heilig ist und das auch noch freiwillig. Es nennt sich "soziale Netzwerke". Und um den Bock noch fetter zu machen lassen wir uns via Software Google auch noch verfolgen jeder kann sehen wo wir grade rumlaufen. Das lustige ist die Ganoven auch. schaut´s euch an www.Pleacerobme. Also meine Herren und Damen, wer spioniert den heute noch.;-)Wir liefern es frei Haus.
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