Do, 06:33 Uhr
08.11.2012
Menschenbilder (50)
Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...
Der Sender Brocken war für die Politik der DDR bedeutsam, weil weite Teile der BRD-Bevölkerung über ihn mit sozialistischen Fernseh- und Rundfunkprogramme versorgt werden konnten, sagt Gustav Witte, der von 1961 bis 1999 auf dem höchsten Harzgipfel mit für einen störungsfreien Sendebetrieb sorgte. Dieser Gedanke sei von Vertretern des Arbeiter- und Bauernstaates ausgesprochen worden.
Doch die Bedeutung des 1.142 Meter hohen Berges als Standort für einen Sender reicht noch weiter zurück. Bereits 1928 bestätigten erste Versuche die besonders großen Reichweiten, die aus seiner herausgehobenen geografischen Position resultierten. Im Zuge der Entwicklung des Fernsehens im Dritten Reich etablierte die Reichspost 1934 zunächst einen mobilen Sender, und vier Jahre später nahm der stationäre Sender Brocken in einem massiven, 52 Meter hohen, 14 Stockwerke umfassenden Gebäude seinen Probebetrieb auf.
Nach schwerem Artilleriebeschuss und den daraus resultierenden Zerstörungen an den Anlagen ruhte der Sendebetrieb bis 1951. In jenem Jahr nahm wieder ein kleiner UKW-Sender der Deutschen Post seinen Betrieb auf. In der Folgezeit wurden die technischen Anlagen stetig weiter vervollkommnet.
Gustav Witte ist ein wichtiger Zeuge dieser Entwicklung. In einer 2010 verfassten Brockengeschichte legte er seine Erinnerungen, gepaart mit zahlreichen technischen und historischen Einzelheiten nieder. Er entstammte einer Landwirtschaft betreibenden Familie in Gudersleben und interessierte sich frühzeitig für die Elektrotechnik: Dies hatte wahrscheinlich genetische Ursachen, schmunzelt er. Durch die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft sah er sich noch mehr darin bestätigt, seinen Traumberuf Rundfunkmechaniker zu verfolgen.
Er erlernte ihn von 1959 bis 1961 bei der Ellricher Firma Mörschel und erlebte hier aktiv die zum Teil revolutionären Entwicklungen der Radio- und Fernsehtechnik mit: Zunächst reparierten wir vor allem Geräte aus der Vorkriegszeit. Dann kam die Halbleitertechnik auf und wir mussten uns entsprechend neu orientieren, sagt er. Auf Grund seiner anerkannten Arbeitsleistung sprach Meister Mörschel Gustav Witte mit 280 Mark das höchstmögliche monatliche Gehalt zu, allerdings erst, nachdem er in den FDGB eingetreten war: Denn er musste diesem Verdienst erst zustimmen.
Zu den Haupttätigkeiten des Handwerksbetriebes zählte um 1960 die Unterbindung des West-Empfanges in den Haushalten der im damaligen grenznahen Sperrgebiet lebenden Menschen. Die nach der ersten Zwangsaussiedlung verbliebenen Bürger wurden auf Einwohnerversammlungen gewissermaßen verpflichtet, keine westdeutschen Fernsehsender zu schauen. Klingelten wir jedoch an den Wohnungstüren, um die Sperren zu installieren, öffnete oft niemand oder aber wir mussten uns heftige Kritik anhören. Später wurde uns daher ein Agitator an die Seite gestellt, sagt Gustav Witte, der bekennt, dass ihm dieser Teil seiner Arbeit wenig Freude bereitete.
Auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle fuhr er am 12.08.1961, also einen Tag vor Errichtung des antifaschistischen Schutzwalles mit seiner damaligen Freundin per Motorrad auf den Brocken, um sich den Mitarbeitern des Senders vorzustellen. Dieser unterstand damals dem Funkamt Burg der Deutschen Post: Die Fachleute erklärten mir ausführlich die gesamte Technik. Ich war von allem überwältigt, denkt er zurück.
Die Sicherung der Staatsgrenze einen Tag nach diesem denkwürdigen Brockenbesuch verhinderte jedoch zunächst den von Gustav Witte ersehnten Arbeitsantritt. Aber was weiß er noch von den Vorgängen an jenem Tage auf dem Harzgipfel? Am 13. August sei der erste planmäßige Brockenzug noch hinauf gefahren, sagt er. Die folgenden Züge wurden demnach bereits gestoppt.
Im Laufe des Tages mussten die gerade mit Bauarbeiten an der Brockenstraße beschäftigten Werktätigen nach Hause fahren, ebenso die Gäste und das Personal der Gaststätte, die damals dem Schierker Hotel Heinrich Heine unterstand (siehe dazu Text Sauerzapfe in diesem Band). – Nur der Koch durfte bleiben, wie mein Gesprächspartner weiß: Er sollte weiterhin für die Beköstigung der Sendermitarbeiter und der anderen verbliebenen Zivilisten sorgen, sagt er.
Von diesen erhielten in den nächsten Tagen all Jene ein Brockenverbot, die über Westverwandtschaft verfügten oder als politisch unzuverlässig galten. Dadurch entstand beim Sender im Herbst 1961 ein Mangel an Fachkräften. Im November wurde ich telefonisch gefragt, ob ich übermorgen anfangen könne, sagt er. Sein erster Arbeitstag war schließlich der 10.12.1961: Ich fuhr, ausgestattet mit einem entsprechenden Betriebsausweis, per Zug nach Elend und wurde dort abgeholt, erinnert er sich. Später ging er von Elend aus auch öfter zu Fuß. 1965 heiratete Gustav Witte und bezog ein Jahr später eine Dienstwohnung des Funkamtes Burg in einem während der 50er Jahre in Schierke gebauten Reihenhaus. Als das Paar noch nicht dort wohnte, aber bereits mit dem Einrichten beschäftigt war, habe eines Tages der ABV vor der Tür gestanden. Er konfrontierte es trotz Vorliegens von Betriebsausweis und Passierschein mit dem Vorwurf des illegalen Wohnens. Das Problem: Die Zuweisung für die Wohnung war von der Deutschen Post erfolgt, während der Rat des Kreises Wernigerode hiervon keine Kenntnis hatte. In den Folgetagen beschäftigte sich auch das MfS mit dieser ‚brisanten‘ Angelegenheit.
Zwischen 32 und 34 Mitarbeiter sorgten bis zur Wende im Dreischichtsystem auf dem Brocken für eine gute Übertragungsqualität (einen störungsfreien Betrieb) für Funk und Fernsehen – rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr. Gustav Witte absolvierte an der Fachschule für Funktechnik ein Fernstudium zum Ingenieur für Funktechnik und bekleidete ab 1963 als einziger den neu geschaffenen Posten eines Messingenieurs mit den Tätigkeitsschwerpunkten Wartung und Prophylaxe.
In dieser Funktion musste er nur noch die Tagschicht bestreiten. Später übernahmen er und die ihm meist unterstellten fünf Kollegen auch wieder Instandhaltungsarbeiten. In einem weiteren Fernstudium erwarb er 1980 den akademischen Grad eines Diplom-Ingenieurs für Informationstechnik.
Im Großen und Ganzen habe sich technisch auf dem Brocken zwischen 1961 und 1989 nicht allzu viel verändert, erklärt mein Gesprächspartner. Durch die Schaffung des zweiten Programms im Jahre 1969 wurde drei Jahre später zunächst eine provisorische Antenne errichtet, seit 1976 steht der neue Antennenträger mit einer Höhe von zunächst 125 Metern (heute noch 117 Meter).
Zu den anderen Brockenmenschen unterhielten die Sendermitarbeiter laut Gustav Witte ein gutes Verhältnis. Die 20 im Bahnhof stationierten Grenzsoldaten wollten jedoch z.B. informiert werden, wenn sich mal einer seiner Kollegen irgendwo auf der Brockenkuppe ein Sonnenbad gönnen oder aber Blaubeeren sammeln wollte.
Natürlich hatten die besonderen Wettererscheinungen direkt oder indirekt auch auf den Sendebetrieb Einfluss: Vom Sendemasten abfallende Eisstücke hätten ab und zu Dachbalken mit einem Durchmesser von 30 Zentimetern zertrümmert. Im Winter 1969/70 war die Brockenstraße auf 200 Metern Länge sechs Meter hoch zugeweht. Zwei Wochen lang mühten sich die Mitarbeiter der Bezirksdirektion für Straßenwesen gemeinsam mit Brockenbeschäftigten, bis der Gipfel wieder angefahren werden konnte.
Von der Wende fühlte sich mein Gesprächspartner überrascht. Von der Geschwindigkeit war ich geschockt, räumt er ein. Ihn und seine Kollegen trieb alsbald die Angst um ihren Arbeitsplatz um. Bei einem Besuch am Sender Torfhaus jedoch stellten sie zunächst beruhigt fest, dass die Zahl der dortigen Mitarbeiter ähnlich hoch war, wie an Sender Brocken – und das sicher auch mit auf Grund der politischen Bedeutung der Westsender für die Information der DDR-Bürger.
Nach Beendigung des Kalten Krieges und vor dem Hintergrund der modernen Informationstechnologie bauten jedoch später alle Sender Arbeitsplätze ab. 2011 wich auch auf dem Brocken der letzte Mitarbeiter dem vollautomatischen Betrieb. Wir haben uns durch die technische Revolution selbst überflüssig gemacht, sagt Gustav Witte, der 1999 mit dem Bezug von Altersüberbrückungsgeld seinen Ruhestand vorbereitete.
In den letzten Berufsjahren hatte er auch technische Aufgaben an anderen Sendern Sachsen-Anhalts übernommen. Wenn irgendwo im Land ein Gewitter aufzog, konnte ich mir meist schon die Jacke anziehen, schmunzelt er. Der Sender Brocken unterstand nach 1989 zunächst dem Fernmeldeamt Magdeburg und später dem Technischen Betrieb Rundfunk Leipzig (alles Telekom). Während seiner Freizeit widmet sich der Wahlschierker vor allem dem Amateurfunk im UKW-Bereich.
Auf dem Brocken machte er das Internet fit für die Nutzung durch Amateurfunker, für die der herausgehobene Standort eine im wahrsten Wortsinne überragende Bedeutung hat. Gelegentlich führt das Mitglied des Harzklubs auch Wanderer durch die atemberaubende Landschaft des Hochharzes und reicht dabei sein umfangreiches Wissen über die Region weiter.
Autor: nnzDipl.-Ing. Gustav Witte
Ehemaliger Mitarbeiter der Deutschen Post auf dem Sender Brocken 1961 bis 1999Der Sender Brocken war für die Politik der DDR bedeutsam, weil weite Teile der BRD-Bevölkerung über ihn mit sozialistischen Fernseh- und Rundfunkprogramme versorgt werden konnten, sagt Gustav Witte, der von 1961 bis 1999 auf dem höchsten Harzgipfel mit für einen störungsfreien Sendebetrieb sorgte. Dieser Gedanke sei von Vertretern des Arbeiter- und Bauernstaates ausgesprochen worden.
Doch die Bedeutung des 1.142 Meter hohen Berges als Standort für einen Sender reicht noch weiter zurück. Bereits 1928 bestätigten erste Versuche die besonders großen Reichweiten, die aus seiner herausgehobenen geografischen Position resultierten. Im Zuge der Entwicklung des Fernsehens im Dritten Reich etablierte die Reichspost 1934 zunächst einen mobilen Sender, und vier Jahre später nahm der stationäre Sender Brocken in einem massiven, 52 Meter hohen, 14 Stockwerke umfassenden Gebäude seinen Probebetrieb auf.
Nach schwerem Artilleriebeschuss und den daraus resultierenden Zerstörungen an den Anlagen ruhte der Sendebetrieb bis 1951. In jenem Jahr nahm wieder ein kleiner UKW-Sender der Deutschen Post seinen Betrieb auf. In der Folgezeit wurden die technischen Anlagen stetig weiter vervollkommnet.
Gustav Witte ist ein wichtiger Zeuge dieser Entwicklung. In einer 2010 verfassten Brockengeschichte legte er seine Erinnerungen, gepaart mit zahlreichen technischen und historischen Einzelheiten nieder. Er entstammte einer Landwirtschaft betreibenden Familie in Gudersleben und interessierte sich frühzeitig für die Elektrotechnik: Dies hatte wahrscheinlich genetische Ursachen, schmunzelt er. Durch die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft sah er sich noch mehr darin bestätigt, seinen Traumberuf Rundfunkmechaniker zu verfolgen.
Er erlernte ihn von 1959 bis 1961 bei der Ellricher Firma Mörschel und erlebte hier aktiv die zum Teil revolutionären Entwicklungen der Radio- und Fernsehtechnik mit: Zunächst reparierten wir vor allem Geräte aus der Vorkriegszeit. Dann kam die Halbleitertechnik auf und wir mussten uns entsprechend neu orientieren, sagt er. Auf Grund seiner anerkannten Arbeitsleistung sprach Meister Mörschel Gustav Witte mit 280 Mark das höchstmögliche monatliche Gehalt zu, allerdings erst, nachdem er in den FDGB eingetreten war: Denn er musste diesem Verdienst erst zustimmen.
Zu den Haupttätigkeiten des Handwerksbetriebes zählte um 1960 die Unterbindung des West-Empfanges in den Haushalten der im damaligen grenznahen Sperrgebiet lebenden Menschen. Die nach der ersten Zwangsaussiedlung verbliebenen Bürger wurden auf Einwohnerversammlungen gewissermaßen verpflichtet, keine westdeutschen Fernsehsender zu schauen. Klingelten wir jedoch an den Wohnungstüren, um die Sperren zu installieren, öffnete oft niemand oder aber wir mussten uns heftige Kritik anhören. Später wurde uns daher ein Agitator an die Seite gestellt, sagt Gustav Witte, der bekennt, dass ihm dieser Teil seiner Arbeit wenig Freude bereitete.
Auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle fuhr er am 12.08.1961, also einen Tag vor Errichtung des antifaschistischen Schutzwalles mit seiner damaligen Freundin per Motorrad auf den Brocken, um sich den Mitarbeitern des Senders vorzustellen. Dieser unterstand damals dem Funkamt Burg der Deutschen Post: Die Fachleute erklärten mir ausführlich die gesamte Technik. Ich war von allem überwältigt, denkt er zurück.
Die Sicherung der Staatsgrenze einen Tag nach diesem denkwürdigen Brockenbesuch verhinderte jedoch zunächst den von Gustav Witte ersehnten Arbeitsantritt. Aber was weiß er noch von den Vorgängen an jenem Tage auf dem Harzgipfel? Am 13. August sei der erste planmäßige Brockenzug noch hinauf gefahren, sagt er. Die folgenden Züge wurden demnach bereits gestoppt.
Im Laufe des Tages mussten die gerade mit Bauarbeiten an der Brockenstraße beschäftigten Werktätigen nach Hause fahren, ebenso die Gäste und das Personal der Gaststätte, die damals dem Schierker Hotel Heinrich Heine unterstand (siehe dazu Text Sauerzapfe in diesem Band). – Nur der Koch durfte bleiben, wie mein Gesprächspartner weiß: Er sollte weiterhin für die Beköstigung der Sendermitarbeiter und der anderen verbliebenen Zivilisten sorgen, sagt er.
Von diesen erhielten in den nächsten Tagen all Jene ein Brockenverbot, die über Westverwandtschaft verfügten oder als politisch unzuverlässig galten. Dadurch entstand beim Sender im Herbst 1961 ein Mangel an Fachkräften. Im November wurde ich telefonisch gefragt, ob ich übermorgen anfangen könne, sagt er. Sein erster Arbeitstag war schließlich der 10.12.1961: Ich fuhr, ausgestattet mit einem entsprechenden Betriebsausweis, per Zug nach Elend und wurde dort abgeholt, erinnert er sich. Später ging er von Elend aus auch öfter zu Fuß. 1965 heiratete Gustav Witte und bezog ein Jahr später eine Dienstwohnung des Funkamtes Burg in einem während der 50er Jahre in Schierke gebauten Reihenhaus. Als das Paar noch nicht dort wohnte, aber bereits mit dem Einrichten beschäftigt war, habe eines Tages der ABV vor der Tür gestanden. Er konfrontierte es trotz Vorliegens von Betriebsausweis und Passierschein mit dem Vorwurf des illegalen Wohnens. Das Problem: Die Zuweisung für die Wohnung war von der Deutschen Post erfolgt, während der Rat des Kreises Wernigerode hiervon keine Kenntnis hatte. In den Folgetagen beschäftigte sich auch das MfS mit dieser ‚brisanten‘ Angelegenheit.
Zwischen 32 und 34 Mitarbeiter sorgten bis zur Wende im Dreischichtsystem auf dem Brocken für eine gute Übertragungsqualität (einen störungsfreien Betrieb) für Funk und Fernsehen – rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr. Gustav Witte absolvierte an der Fachschule für Funktechnik ein Fernstudium zum Ingenieur für Funktechnik und bekleidete ab 1963 als einziger den neu geschaffenen Posten eines Messingenieurs mit den Tätigkeitsschwerpunkten Wartung und Prophylaxe.
In dieser Funktion musste er nur noch die Tagschicht bestreiten. Später übernahmen er und die ihm meist unterstellten fünf Kollegen auch wieder Instandhaltungsarbeiten. In einem weiteren Fernstudium erwarb er 1980 den akademischen Grad eines Diplom-Ingenieurs für Informationstechnik.
Im Großen und Ganzen habe sich technisch auf dem Brocken zwischen 1961 und 1989 nicht allzu viel verändert, erklärt mein Gesprächspartner. Durch die Schaffung des zweiten Programms im Jahre 1969 wurde drei Jahre später zunächst eine provisorische Antenne errichtet, seit 1976 steht der neue Antennenträger mit einer Höhe von zunächst 125 Metern (heute noch 117 Meter).
Zu den anderen Brockenmenschen unterhielten die Sendermitarbeiter laut Gustav Witte ein gutes Verhältnis. Die 20 im Bahnhof stationierten Grenzsoldaten wollten jedoch z.B. informiert werden, wenn sich mal einer seiner Kollegen irgendwo auf der Brockenkuppe ein Sonnenbad gönnen oder aber Blaubeeren sammeln wollte.
Natürlich hatten die besonderen Wettererscheinungen direkt oder indirekt auch auf den Sendebetrieb Einfluss: Vom Sendemasten abfallende Eisstücke hätten ab und zu Dachbalken mit einem Durchmesser von 30 Zentimetern zertrümmert. Im Winter 1969/70 war die Brockenstraße auf 200 Metern Länge sechs Meter hoch zugeweht. Zwei Wochen lang mühten sich die Mitarbeiter der Bezirksdirektion für Straßenwesen gemeinsam mit Brockenbeschäftigten, bis der Gipfel wieder angefahren werden konnte.
Von der Wende fühlte sich mein Gesprächspartner überrascht. Von der Geschwindigkeit war ich geschockt, räumt er ein. Ihn und seine Kollegen trieb alsbald die Angst um ihren Arbeitsplatz um. Bei einem Besuch am Sender Torfhaus jedoch stellten sie zunächst beruhigt fest, dass die Zahl der dortigen Mitarbeiter ähnlich hoch war, wie an Sender Brocken – und das sicher auch mit auf Grund der politischen Bedeutung der Westsender für die Information der DDR-Bürger.
Nach Beendigung des Kalten Krieges und vor dem Hintergrund der modernen Informationstechnologie bauten jedoch später alle Sender Arbeitsplätze ab. 2011 wich auch auf dem Brocken der letzte Mitarbeiter dem vollautomatischen Betrieb. Wir haben uns durch die technische Revolution selbst überflüssig gemacht, sagt Gustav Witte, der 1999 mit dem Bezug von Altersüberbrückungsgeld seinen Ruhestand vorbereitete.
In den letzten Berufsjahren hatte er auch technische Aufgaben an anderen Sendern Sachsen-Anhalts übernommen. Wenn irgendwo im Land ein Gewitter aufzog, konnte ich mir meist schon die Jacke anziehen, schmunzelt er. Der Sender Brocken unterstand nach 1989 zunächst dem Fernmeldeamt Magdeburg und später dem Technischen Betrieb Rundfunk Leipzig (alles Telekom). Während seiner Freizeit widmet sich der Wahlschierker vor allem dem Amateurfunk im UKW-Bereich.
Auf dem Brocken machte er das Internet fit für die Nutzung durch Amateurfunker, für die der herausgehobene Standort eine im wahrsten Wortsinne überragende Bedeutung hat. Gelegentlich führt das Mitglied des Harzklubs auch Wanderer durch die atemberaubende Landschaft des Hochharzes und reicht dabei sein umfangreiches Wissen über die Region weiter.

