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Di, 11:07 Uhr
06.11.2012

nnz-Forum: Biogas- oder Biomethananlage?

Verwundert und belustigt las Dr. Werner Steinmetz kürzlich eine Verlautbarung der Pressestelle der Stadtverwaltung, in der ein Prof. Fischer mit den Worten zitiert wurde, dass die Erzeugung von Biomethan die derzeit „höchsteffizienteste“ Form der Bioenergienutzung sei. Wer auch immer der Wortschöpfer dieses Superlativs der Superlative war, es sei gleich am Anfang festgestellt, dass Biomethanerzeugung nicht die effizienteste Form der Biogasnutzung ist...


Dem Leser zum Verständnis: In Biomethananlagen (BMA) wird wie in klassischen Biogasanlagen (BGA) aus Abprodukten wie Gülle, Klärschlamm oder Schlempe und auch nachwachsenden Rohstoffen (Mais, Weizen etc) Biogas erzeugt. Im Unterschied zur BGA wird jedoch danach in der BMA in verschiedenen Verfahrensstufen aus dem Biogas u.a. das Kohlendioxid (CO2) entfernt. Am Ende liegt dann ein dem Erdgas gleichwertiges Brenngas vor, das Biomethan. Dieses wird ins Mitteldruck- Erdgasnetz eingespeist. Wird aus diesem Erdgasnetz dann ein weiter entferntes Block-Heizkraftwerk mit Erdgas versorgt, dann darf der Betreiber den so erzeugten Strom nach dem Erneuerbaren Energie Gesetz EEG abrechnen.

Damit gewährt der Gesetzgeber dem BHKW-Betreiber einen hohen wirtschaftlichen Anreiz. Man stellt sich also vor, dass die Gasmotoren des Heizkraft-werkes quasi virtuell mit dem Biomethan betrieben werden. Ein weiterer Vorteil: Das Biomethan kann ganzjährig ins Erdgasnetz als großen Gasspeicher eingespeist werden. Die EVN plant zur Zeit ein solches Projekt einer BMA, um so auch in Zukunft die drei großen Gasmotoren-Heizkraftwerke mit den „Segnungen“ des EEG wirtschaftlich betreiben zu können.

Die möglichen Standorte Himmelgarten und Bielen haben inzwischen eine Bürgerinitiative „Stoppt Biogas“ auf den Plan gerufen, die sich vehement gegen die Anlage in ihrer Wohnnähe richtet.

Ich teile nicht die offensiven Argumente der Bürgerinitiative gegen Biogasanlagen generell. Die Stromerzeugung aus Biogas ist ökonomisch wie ökologisch eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Ca 7.500 BGA in Deutschland sprechen für sich. Und ein Getreide- oder Rapsfeld wäre mir in der Nähe meines Grundstückes alle mal lieber als eine Windanlage oder eine von Photovoltaikmodulen eingeschwärzte und verunkrautete Brache.

Aber zurück zu BGA und BMA: Es soll die direkte Biogasverstromung durch Biogasmotoren vor Ort mit der indirekten (virtuellen) Verstromung mittels Biomethan im entfernten Heizkraftwerk verglichen werden. Um nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen erfolgt die Bewertung über die Primärenergie. Die Motorabwärme soll in beiden Fällen genutzt werden. Bei der Direktverstromung wandelt ein Biogasmotor 1 m3 Biogas (CH=50%) um in 2,1 kWh Strom (elektrische Arbeit). Wird nun Rohbiogas zu Biomethan „veredelt“, so muß dafür 1,13 kWh Primärenergie je m3 Biogas zusätzlich aufgewendet werden.

Darin enthalten sind Elektroenergie, Hilfsstoffe und Gasverluste. So bleibt von 5 kWh Primärenergie, die als Heizwert Hu in dem m3 Biogas enthalten ist, fiktiv im Biomethan nur noch 3,87 kWh übrig. Bei der Verstromung im entfernten Heizkrafwerk erhält man daraus nur noch 1,63 kWh el. Arbeit. Fazit: Der elektrische Wrkungsgrad der direkten Biogasverstromung liegt mit 42,5 % weit höher als bei der indirekten Verstromung über das Biomethan mit nur noch 32,6 %. Die CO2-Emission ist bei der BMA 30,5 % höher!! Dabei wurde berücksichtigt, dass Biogas eine weit höhere Klopffestigkeit als das „veredelte“ Biomethan hat. Der Wirkungsgrad des Biogasmotors ist deshalb besser als der des Erdgasmotors (gleiches Fabrikat u. gleichen Motortyp vorausgesetzt!)

Da die Projektunterlagen des EVN nicht zugänglich sind, mußte ich den Primärenergieaufwand für die Biogasaufbereitung einem Projekt einer großtechnischen Anlage zur Biogasverflüssigung entnehmen. Diese sollte in den 1980iger Jahren im VEG Tierzucht Nordhausen errichtet werden. Ich war damals Projektleiter. Mit der Planung war die Prowa Dresden beauftragt. Das Verflüssigungsverfahren wurde vom KCA (heute Linde) Dresden entwickelt. Grundlagenuntersuchungen liefen an der TU Dresden / WB Kältetechnik.

Dieses ambitionierte Großprojekt der drei Nordhäuser Betriebe TINO, IFA und KTN kam nicht mehr zur Ausführung. Die Wende 1989 machte jegliche Alternativkraftstoffe unattraktiv. Die CO2-Entfernung erfolgte bei dieser KCA-Anlage durch eine Druckwasserwäsche. Falls bei der neuen EVN- Anlage als CO2-Absorbens anstelle Wasser Polyethylenglykol angewendet wird, so verringert sich der Elektroenergieaufwand um rund 1/3. An der schlechten energetischen und ökologischen Bilanz der Biomethananlage ändert sich jedoch nichts grundsätzliches.

Man muß nicht Ingenieur sein, um zu erkennen, dass die Umwandlung von Biogas in ein (gasmotorisch) geringerwertiges Biomethan durch den zusätzlichen Energieaufwand eine schlechtere Effizienz ergibt.

Natürlich ist die Verstromung von Biomethan immer noch effizienter als eine Biogasverstromung, bei der die Motorabwärme nicht genutzt wird. Aber eine solche Anlage sollte nicht der Maßstab für nachhaltige kommunale Energiepolitik sein. Die BGA der Fa. Van Asten z. B. nutzt laut Auskunft des technischen Leiters H. Hesse die verfügbare Wärme zu 90 %. Eine Van Asten - Anlage in Uthleben mit 1,6 MWel nutzt die Wärme zu 70 %. Ein Nahwärmekonzept ist dort geplant zur weiteren Biogasnutzung. Im Landkreis Nordhausen gibt es überdies Standorte, an denen man ganzjährig diejenige Biogasmenge zur Strom- und Wärmeerzeugung nutzen könnte, die eine BGA in der doppelten Größe der EVN-BMA erzeugt. Wahrlich „Höchsteffizienz“!
Dr.-Ing. habil. W. Steinmetz, Nordhausen

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Autor: nnz

Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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Kommentare
Jörch
06.11.2012, 13:19 Uhr
und hier kommt dann eben wieder das unsäglich eeg zur geltung,
welches es eben leider die wahren kosten verschleiert und mgölichen investoren auf kosten der allgemeinheit unter dem deckmantel der umweltfreundlichkeit hohe gewinne suggeriert.

hier soll vielmehr versucht werden, dass die drei gasmotore bhkw der evn, von denen soweit ich weiss 2 stück noch nicht einmal eine entsprechend große wärmesenke für den sommerbetrieb haben mehr gewinn produzieren sollen indem sie über die bma der evn mit "ökologisch sauberen" gas versorgt werden. jetzt versteht man auch das ansinnen der evn auf eine energetisch sinnfreie weiterveredlung des in der bga erzeugten rohgases zu biomethan.

bei den üppigen eev vergütungen spielt der wirkungsgradverlust und der nachgestellte umweltaspekt dann auch keine rolle mehr, denn verluste aus der veredlung inklusive des wirkungsgradverlustes werden über die eeg vergütung mehr als wieder aufgefangen. dem kunden der evn wird dann sicherlich die investition als notwendig verkauft, da die investition in die bma ja erwirtschaftet werden muss.
Jörg Thümmel / Dipl. Ing. (FH) Maschinenbau
Thomas Fichtner
06.11.2012, 17:29 Uhr
Unterlagen...
Sehr geehrter Herr Dr. Steinmetz,

wenn Sie Interesse daran haben, einen längeren Blick auf die konkreteren Projektunterlagen zu werfen, könnte ich Ihnen dabei wohl behilflich sein.
W. Roßmell
06.11.2012, 17:57 Uhr
EEG muss schnellstens gestoppt werden, dann...
würde so eine umstrittene Biomethananlage nicht gebaut werden. Sowohl Sie Herr Dr. Steinmetz als auch Sie Herr Thümmel bestätigen sehr eindeutig, dass man nur aufgrund der "unsäglichen Förderung des EEG" sich mit einer BMA beschäftigt und sich riesige Gewinne verspricht! Leider scheint aber niemand bei der Stadt, vom Oberbürgermeister über die Stadträte bis hin zu den Verantwortlichen für die Planung dieser Anlage ehrlich bereit zu sein, das öffentlich zu bestätigen. Nein, man beruft ein Energieforum ein, wo Referenten mit Folien aus den Jahren 2009 und 2010 die kaum lesbar waren versuchten, den betroffenen Bürgern zu "erklären", warum gerade in Nordhausen so eine Anlage "sinnvoll" erscheint. Die anwesenden Professoren, die innerlich eigentlich, wenn sie vom Fach sind, eine andere Meinung vertreten müßten, haben aber voll in dieses Horn geblasen und mit flotten, für uns zunächst kaum nachvollziehbaren Zahlen so eine Anlage für "gut" befunden und sie verteidigt. Aus unserer Sicht der Bürgerinitiative war das von seiten der Stadt und der Verantwortlichen so geplant und gewollt und da wir uns laut der nachfolgenden Referenten uns einem sehr kreativen Vor- bzw. Beitrag aus unserer Sicht und mit unseren Möglichkeiten gestaltet hatten, gab es letztendlich eine andere Reaktion dazu, welche ja hinreichend bekannt ist...Herr Dr. Steinmetz, Sie waren ja auch anwesend und hatten bereits an diesem Abend versucht dazu zu Sprechen...
Der CO2 Ausstoß bei Biomethangas ist weit höher, der Wirkungsgrad viel niedriger als bei Biogas, Wäremverluste werden in Kauf genommen, nur damit die fehlende Subvention der 3 BHKW in Nordhausen ab 2014 mit der üppigen Vergütung durch das EEG "aufgefangen" wird, das Badehaus, das Theater, die Straßenbahn und der Busverkehr weiter erhalten werden und nicht geschlossen werden müssen! Die Umweltaspekte Herr Thümmel, spielen bei den Verantwortlichen leider wirklich dann auch keine Rolle mehr. Wir betroffenen Bürger haben immer gesagt, dass diese Anlage nur eine Anlage zum "Drucken von Geld" darstellt, um Fördermittel in Form von Gewinnen einzustreichen und man damit versucht, die Schulden der Stadt nicht noch größer werden zu lassen. Wenn man aber mal die beiden neuen "Prunkbauten" der Stadt (Flohburg und Bibliothek) sieht und man erfahren mußte, dass dort einige 100-tausende € zusätzlich notwendig wurden, dann graut es einem schon jetzt vor einem über 11 Mio.€ teuren Projekt wie die BMA es ist und man hofft nur, dass es niemals auch nur ein Problem bei dieser BMA geben möge! Und im Übrigen, die Fahrpreise für Bahn und Bus, ja auch die Strompreise steigen in Nordhausen enorm und da hilft leider auch nicht die umstrittene BMA, das zu verhindern und selbst wenn sie gebaut werden würde, die Preise werden nicht fallen! Im Gegenteil, die nächsten Preiserhöhungen werden allen Nordhäuser Bürgern dann bald wieder mitgeteilt und aufgebürdet!
Ich bedanke mich ganz herzlich bei einem solchen Fachmann wie Herrn Dr. Steinmetz für seine sehr fachliche und verständliche Einschätzung mit den Vor- und doch mehr Nachteilen zu Biogas bzw. Biomethan, auch beim Herrn Thümmel, der uns eigentlich als betroffene Bürger nur bestätigt, dass uns die EVN und auch die Stadt diese geplante Investition zwar als notwendig "verkaufen" will, es aber aufgrund der geringen Effizienz eine solche BMA kein Maßstab für eine nachhaltige kommunale Energiepolitik sein sollte. Das sollten unsere Verantwortlichen der Stadt genauso sehen...
Deshalb liebe Bürger von Nordhausen, zeigt Gesicht und nehmt an der öffentlichen Stadtratssitzung am 08.11.2012 um 16Uhr in den Stadtwerken Nordhausen in der Robert-Blum-Straße 1 teil. Vielleicht erfahren wir da mehr über die Planung dieser umstrittenen BMA und vor allem über die "neuen" Standorte... Wir freuen uns über jeden Besucher, auch wenn die Tagungszeit für berufstätige Bürger schlecht ist und der ursprüngliche Termin erneut verschoben wurde!
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