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Fr, 06:58 Uhr
07.09.2012

Menschenbilder (42)

Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte.


Schwarzberg plant den neuen Band mit einer Seitenzahl zwischen 800 und 1.000 gegenüber der ersten Ausgabe mit ihren 1.191 Seiten etwas zu verschlanken, vor allem den an ihre Grenzen stoßenden Buchbindern zuliebe, wie er schmunzelnd sagt. Die nnz wird ihren Lesern weiterhin einzelne "Menschenbilder" als exklusive Vorabpublikation präsentieren.

Alfred Adomat

Pilzsachverständiger, Mykologe und Pilzfotograf, Nordhausen

Die Pilzart heißt Pseudombrophila ripensis, zu deutsch Sklerotien-Dungbecherling, und siedelt auf Schafkot. Alfred Adomat gelang in der Nähe von Woffleben der dritte Fund dieser Art für Deutschland. Aber dies ist nur ein Beispiel für eine ganze Reihe spektakulärer Pilzfunde, die mit dem Namen des am 04.05.1951 in Thale geborenen Wahlnordhäusers verbunden sind. So entdeckte er unter anderem den weithin einzigen Fundort des extrem seltenen, mit dem Steinpilz verwandten Fahlen Röhrlings in Nordthüringen.

Spätestens seit 1975 kann sich Alfred Adomat ein Leben ohne Pilze nicht mehr vorstellen. Damals lernte er den bekannten Nordhäuser Pilzsachverständigen Horst Neuwirth kennen (gest. 2005), der seine persönliche Entwicklung auf dem Gebiet der Mykologie ganz entscheidend beeinflussen sollte: „1975 arbeitete ich als Krankenwagenfahrer und musste eines Tages seine Ehefrau für einen Transport ins Krankenhaus abholen.

An der Tür sah ich das Schild mit der Aufschrift „Pilzberater“ und brachte während der Fahrt Frau Neuwirth gegenüber zum Ausdruck, dass ich ihren Mann gern einmal auf einer Pilzexkursion begleiten würde. Ihre Antwort jedoch, ‚Das macht der nie‘ ließ wenig Raum für Hoffnung. Ich aber ließ nicht locker“, denkt er zurück.

Zufälligerweise hatte er wieder Dienst, als die Ehefrau des Sachverständigen vom Krankenhaus abzuholen war, fasste sich ein Herz und stellte Horst Neuwirth jene Frage, deren positive Beantwortung für ihn die Weichen hin zu einem Leben mit den Pilzen stellen sollte: „Darf ich mit Ihnen nur ein einziges Mal in die Pilze fahren?“ Wider Erwarten hatte Alfred Adomat Erfolg: „Wir fuhren sofort los – wohlgemerkt mit dem Krankenwagen und Horst zeigte mir in der Nähe von Petersdorf den ersten Hexenring meines Lebens aus lauter Maipilzen: ‚Das ist jetzt Deins. Hier gehe ich nie wieder hin‘, sagte er zu mir.“

Horst Neuwirth war Lackierer in der IFA und ein begnadeter Pilzkenner. Russisch und Latein sprach er fließend. Seit jener denkwürdigen Fahrt mit dem Krankenwagen in die Pilze verband Alfred Adomat und Horst Neuwirth eine tiefe Freundschaft. Fast stets gingen sie gemeinsam los, um in Wald und Flur in eine faszinierende Welt einzutauchen. 15 Jahre lang führte Alfred Adomat Tagebuch über die vielen lehrreichen Exkursionen. 1985, die Beschäftigung mit den Pilzen war für ihn, wie er sagt, längst zu einer Sucht geworden, trat er in die Fachgruppe Mykologie im Nordhäuser Kulturbund ein.

Auf das Jahr 1990 datiert er in etwa das Erreichen des Wissensstandes seines Lehrmeisters. Nicht nur die für das sichere Ansprechen der Pilze so wichtige Artenkenntnis hatte er verinnerlicht, sondern auch die Zusammenhänge zwischen den jeweiligen Standortbedingungen und der daraus resultierenden möglichen Pilz-Flora eines bestimmten Gebietes. 1995 war es dann so weit: In der Eifel legte Alfred Adomat die Prüfung zum Pilzsachverständigen ab und darf sich seit 1996 „Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie“ nennen.

„Ich wollte ganz einfach sicher davor sein, bei der Bestimmung Fehler zu machen“, erklärt er diesen Schritt. Ihm passieren sie nicht. Und als Pilzberater tut er alles dafür, um andere Menschen vor möglicherweise fatalen Fehlern zu bewahren: Sie können ihn mit ihren Pilzkörben zu Hause in der Hardenbergstraße aufsuchen oder aber er selbst kommt zu den Sammlern, um essbare von giftigen oder ungenießbaren Arten zu trennen. 1.600 Arten könne er insgesamt ansprechen, schätzt Alfred Adomat. Und das ist nur ein Bruchteil der gesamten Vielfalt. So gäbe es allein rund 100 heimische Champignonarten, von denen er selbst 17 sicher unterscheiden kann.

Und ausgerechnet eine Champignonart ist es, die den ungeübten Pilzsammlern immer wieder im wahrsten Wortsinne Bauchschmerzen bereitet. „Obwohl der Karbolegerling an sich nicht gut schmeckt und schon beim Kochen schlimme Gerüche verursacht, wird er immer wieder gegessen. Aber die Menschen sind einfach froh, dass sie Champignons gefunden haben und ignorieren das“, beobachtet er immer wieder. Im Durchschnitt zweimal jährlich erhält Alfred Adomat einen Anruf vom Südharz-Krankenhaus mit der Bitte, die Pilzputzreste eingelieferter Patienten auf ihre Identität hin zu untersuchen.

Im Anschluss an die Bestimmung ruft der Sachverständige die Giftnotzentrale in Erfurt an und bringt das erforderliche Gegengift in Erfahrung. Dann beginnt die eigentliche Behandlung der Vergifteten im Krankenhaus. Hauptübeltäter sind dabei der mit essbaren Champignonarten verwechselte Karbol-Egerling und der in manchen Jahren plötzlich auftauchende, roh sehr giftige und den Hexenpilzarten etwas ähnlich sehende Satansröhrling.

Um fatale Verwechslungen zu vermeiden, stellt der Nordhäuser sein Wissen auf vielfältige Weise der Öffentlichkeit zur Verfügung: So spricht er beispielsweise Sammler in Wald und Flur an, schaut in ihre Körbe und kann ihnen so Sicherheit geben. „Außerdem ist manchmal auch ein seltener Fund dabei. Da bin ich einfach auch ein wenig neugierig“, bekennt er. Zudem hält er Fachvorträge und publiziert in Fachzeitschriften, so zum Beispiel in „Der Tintling“.

Als leidenschaftlicher Pilzfotograf konnte er auch schon zahlreiche Abbildungen in Ausgaben des Fachblattes platzieren, viermal sogar schon auf der Titelseite. Und zugegeben: Der Ästhetik seiner Pilzfotos kann man sich kaum entziehen. Zur bedeutendsten Veranstaltung des Jahres zählt Alfred Adomat übrigens das jeweils während der Herbstzeit im Schullandheim Benneckenstein veranstaltete Pilzseminar. Grundlage war eine Bestimmungshilfe, die der Nordhäuser einst dem Leiter der Einrichtung gab.

Anlässlich des Seminars sammeln die Teilnehmer Pilze, die dann gemeinsam bestimmt, beschildert und ausgestellt werden. Anschließend macht Alfed Adomat die Anwesenden in Seminarform mit den Besonderheiten der gefundenen Arten vertraut und hält einen reich bebilderten Vortrag. Den krönenden Abschluss bildet ein deftiges Pilzessen für die meist anwesenden 40 bis 50 Personen. Wenn das Sammelgut nicht ausreichen sollte, steuert der Nordhäuser noch Pilze aus der heimischen Gefriertruhe bei.

Der Mitbegründer der Thüringer Arbeitsgemeinschaft Mykologie (ThAM) führt zudem mehrere Pilzwanderungen gemeinsam mit Freunden der Fachgruppe Mykologie durch.

Natürlich kann die Beschäftigung mit der faszinierenden Welt der Pilze für Alfred Adomat zunächst nur eine Freizeitbeschäftigung sein. Einst erlernte er in Thale den Beruf des Maurers und kam durch seine Ehefrau Christa 1973 zunächst nach Kleinfurra, wo sie zuhause war. Dort weckten Rotkappen, mit denen er Einwohner aus dem Wald kommen sah, erstmals seine Neugier. 1975 zog das Paar nach Nordhausen, wo er mehrere Jahre lang als Krankenwagenfahrer arbeitete. Seit September 1989 steht der Wahlnordhäuser als Techniker im Dienst des Südharzkrankenhauses.

Gemeinsam mit fünf Kollegen ist er täglich ab 15:45 für das Funktionieren von Schranken, Fahrstühlen, Patientenrufsystemen, Kaffeeautomaten, ja für praktisch alles zuständig, was mit Elektrotechnik und Mechanik zu tun hat. Heute hat Alfred Adomat die meisten technischen Systeme (außer Medizintechnik) über einen PC im Blick. Bis zum Nachmittag wartet das Technikerteam die zahlreichen Lüftungs- und Filteranlagen des Krankenhauses. „Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich und macht mir viel Spaß“, sagt er, bekennt aber auch, dass er die anstrengende Schichtarbeit früher leichter bewältigt hat.

„Vor 20 Jahren fuhr ich gleich nach der Nachtschicht in die Pilze. Das geht heute nicht mehr immer“, bekennt der Vater eines Sohnes. Aber eigentlich ist es egal, wann sich Alfred Adomat in die Welt der Pilze begibt: Denn er kommt nie mit leeren Korb und so gut wie nie ohne essbare Pilze nach Hause. Seine Favoriten heißen übrigens getrocknete Spitzmorchel, Herbst-Trompete und Graublättriger Schwefelkopf.
Autor: nnz

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