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Mo, 07:03 Uhr
09.07.2012

Menschenbilder (38)

Nach dem Ende 2011 erschienenen ersten Band der Reihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" plant der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg für das Jahr 2013 die Herausgabe des Folgebandes unter demselben Titel. Die nnz wird künftig weitere Texte aus beiden Ausgaben der Buchreihe veröffentlichen...


Auch für dieses Buch wird er wieder etwa 200 Gespräche mit Menschen aus der Region als Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte führen. Beide Bände unterscheiden sich hinsichtlich der zugrundeliegenden Philosophie des Autors, Zeitgeschichte anhand vieler Menschen lebendig werden zu lassen, nicht. Allerdings wird der zweite Band mit rund 800 Seiten rund 400 Seiten "dünner". "Und das nicht etwa, weil mir vielleicht die Tinte knapp wird, sondern weil ich den zeitlichen Aufwand für das neue Buch wenigstens etwas eingrenzen möchte", so Schwarzberg. Zudem wisse er noch nicht, ob er wieder einen so tollen Sponsor wie Helmut Peter haben werde.

Aber immerhin: Das neue Buch wird wiederum reich bebildert sein: Rund 600 Fotos und Dokumente werden integriert. Bisher hat Schwarzberg schon zirka 50 Gespräche mit Menschen zwischen Nordhausen, Kyffhäuser und dem Eichsfeld geführt. Heute veröffentlicht die nnz das erste "Menschenbild" aus dem neuen Buch: Zufälligerweise auch alphabetisch gesehen der aus jetziger Sicht erste Text der neuen Ausgabe. Der erste Band der Buchreihe ist nach wie vor käuflich im Autohaus Peter und im Buchhaus Rose zu erwerben.


Reinhold und Karla Aderhold

Gaststätte „Zur Erholung“, 99755 Hohenstein OT Trebra

„Behaltet Eure Gemütlichkeit! Versucht sie in die neue Zeit zu retten!“ – Mit diesen beiden Sätzen brachten westdeutsche Gäste kurz nach der Wende zum Ausdruck, wie wohl sie sich in der Gaststätte Zur Erholung in Trebra fühlten. Zugleich beschrieben sie damit aber auch ihre Skepsis, dass sich Inhaber Reinhold Aderhold den Notwendigkeiten einer Gastronomie unter marktwirtschaftlichen Bedingungen würde auf Dauer verschließen können.

Und in der Tat: Auch die in fünfter Generation geführte Gaststätte in der Langen Gasse 53 musste sich in ihrer langen Geschichte Entwicklungsprozessen anpassen, die stets nur eines zum Ziel hatten: Das Wohl jener Menschen, die sie besuchten. Auch die Vorfahren des am 07.10.1958 in Bleicherode geborenen Unternehmers haben die Gaststätte und ihren Betrieb so gestaltet, dass die Trebraer und ihre Besucher stets unvergessliche Stunden in der „Erholung“ verbringen konnten – vor dem Hintergrund jener Zeit, in der sie lebten.

Eröffnet wurde die Gaststätte im Jahre 1890 von Charlotte und August Riechel. Die persönliche Erinnerung von Reinhold Aderhold reicht bis zu seinen Großeltern Luise und Fritz Riechel zurück: „Mein Großvater war stets morgens ab um Sieben für seine Gäste da. Nebenbei betrieb er noch Landwirtschaft. Oft kamen die Bauern direkt vom Feld zu ihm und brachten ganz selbstverständlich ihr Essen mit. Nur die Getränke kauften sie bei meinen Großeltern“, denkt er zurück. Die Speisekarte war in den 60er Jahren übersichtlich: Bockwurst mit Brot, Schnitzel und Gehacktes mit Brötchen, Strammer Max. Dass die Familie ihre eigenen Mahlzeiten selbst im Gastraum einnahm, gehörte zum gewohnten Bild.

Die gesellschaftlichen Veränderungen im Zuge der landwirtschaftlichen Zwangskollektivierung spiegelten sich ab 1967 immer mehr auch im Gaststättenbetrieb wider, nachdem das Haus von Dora und Kurt Aderhold, den Eltern des heutigen Inhabers, übernommen worden war: Sie hatten ihr Land wie so viele andere Trebraer auch in die LPG einbringen müssen und betrieben die Gaststätte sozusagen als zweites Standbein neben ihrer Arbeit in der Genossenschaft.

Da zwei berufliche Tätigkeiten nebeneinander für sie schwierig zu händeln waren, halfen Luise und Fritz Aderhold in Küche und Gastraum weiterhin tatkräftig mit. Mit dem zunehmenden Verdienst der Dorfbewohner wuchs auch das Speisenangebot. Irgendwann verlegten die ersten Gäste ihre Familienfeiern von Zuhause zu den Aderholds in die Lange Gasse 53. „Zudem half meine Mutter ab und zu bei privaten Feiern in den jeweiligen Familien aus. Das war eine Art Vorstufe zum heute selbstverständlichen Catering“, beschreibt Reinhold Aderhold die damalige Entwicklung.

Auch baulich passte sich die Gastwirtsfamilie den neuen Bedingungen an: In den 70er Jahren erweiterten sie den Gastraum und gestalteten später den Saal innen und außen neu. Seine Bedeutung für Höhepunkte des Trebraer Dorflebens, wie Kirmes, Karneval und Silvester, wuchs unaufhaltsam.

In dieser Zeit machte auch Reinhold Aderhold seine ersten aktiven Schritte in der Gastronomie: „Meine Wiege stand in der Gaststätte und nach meiner Konfirmation musste ich selbst mit ran. Wenn sich abends meine Freunde trafen, musste ich arbeiten. Die Abstriche an der Freizeit waren bedauerlich, aber sie gehörten zu meinem Leben“, schätzt er ein.

Dennoch erlernte der junge Mann nach der zehnten Klasse in einer Mühlhäuser Weberei zunächst den Beruf eines BMSR-Technikers. Bis 1988 war er im Kalischacht Bleicherode tätig. Nach Feierabend tauschte er den Blaumann gegen die Lederschürze und absolvierte daheim in der Gaststätte „Zur Erholung“ eine zweite Schicht. Wenn er dann mitunter erst früh um eins in sein Bett kam, blieben ihm bis zum Weckerklingeln oft nur drei bis vier Stunden Schlaf. Hinzu kam die besonders anspruchsvolle Arbeit an Wochenenden und Feiertagen zum Wohle der Gäste. „Das alles war auf Dauer kaum durchzuhalten. Aber ich war in der Gastronomie verwurzelt. Meine Familie und ihre Geschichte war untrennbar mit ihr verbunden. Daher entschied ich mich 1988 gegen meinen Beruf im Schacht und für die Gaststätte“, sagt er.

Die Wende leitete den nächsten Umbruch auch für die damals genau einhundertjährige „Erholung“ ein. Der Status einer Biergaststätte mit Stammtisch, Frühschoppen und der Bockwurst zwischendurch gehörte schnell der Vergangenheit an. „Unser langjähriger Kundenstamm brach weg. Viele Dorfbewohner wurden arbeitslos, andere zogen in den Westen. Und diejenigen, die Arbeit hatten, mussten oft weit zu ihren Betrieben fahren, kamen gestresst und kaputt nach Hause. In die Gaststätte zog es sie dann kaum noch“, beschreibt Reinhold Aderhold die damalige Situation.

Hinzu kam, dass die Menschen begannen, jeden Groschen zweimal umzudrehen, bevor sie ihn ausgaben. Und schließlich weihte die Gemeinde 1995 ihr Dorfgemeinschaftshaus ein. Der Charakter der Gaststätte Zur Erholung“ als zentraler Treffpunkt des Ortes stand auf dem Spiel.

In dieser Situation entdeckten die Aderholds ein ganz neues Geschäftsfeld für sich: Von 1989 bis 2000 organisierten sie jeweils freitags in ihrem Saal eine Diskothek. Unter den Jugendlichen aus Trebra und der Region war die „Erholung“ alsbald so angesagt, dass es im Ort zur Veranstaltungszeit kaum noch freie Parkplätze gab. „Das war eine gute, aber auch schwierige Zeit für uns“, sagt Reinhold Aderhold. „Viele spätere Ehen sind hier entstanden und damals junge Leute, die anlässlich der Disko erstmals bei uns waren, kommen heute mit ihren Familien und ihren Verwandten zu uns.“

Doch die Tanzveranstaltung war, wie so oft in der Geschichte der Gaststätte, auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Veränderungen nach der Wende: „Spätestens ab 1995 wurden die jungen Gäste aggressiver. Wir merkten förmlich, wie die typische DDR-Jugend wegbrach. Schlägereien und Vandalismus nahmen zu. Es wurde für uns immer schwieriger, die Sicherheit zu gewährleisten“, bekennt er. Manchmal habe er bis früh um fünf die aus den Blumenkästen anderer Leute herausgerissenen Pflanzen wieder einsetzen müssen.

Und während die Dorfbewohner für all dies anfänglich noch Verständnis zeigten, erkannten sie später ihre Rechte und forderten sie ein. Aus all diesen Gründen entschied sich der Gastwirt im Jahre 2000, keine Diskotheken mehr zu veranstalten.

Seitdem lebt die Gaststätte „Zur Erholung“ vor allem von Familienfeiern, von Traditionsveranstaltungen wie z.B. dem Pferdefleischessen und Himmelfahrt sowie vom Catering. Langsam mussten die Aderholds das Niveau ihrer Gaststätte auch hinsichtlich deren Ausstattung erhöhen, ohne jedoch den lokal-typischen Charakter zu beschädigen. Bei allem achten sie daher auf eine „eigene unverwechselbare Linie“.

„Jeder Braten brutzelt bei uns noch in der eigenen Pfanne. Wir kaufen unsere Kartoffeln roh ein und unsere 80-jährige Mutter Dora bereitet eigenhändig, so, wie sie es schon vor Jahrzehnten tat, den Kartoffelsalat zu. Da lässt sie niemand anderen rann“, schmunzelt er. Ein Markenzeichen der Gaststätte sind aber auch die moderaten Preise: der halbe Liter Bier kostet nur 2,20 Euro, eine Thüringer Rostbratwurst mit Brot ist für 1,50 Euro zu haben und ein Schnitzel mit Pilzen für 6,50 Euro.

Seit 1988 ist neben Reinhold Aderhold dessen Ehefrau Karla eine tragende Säule des Hauses. Die am 12.07.1958 in Kleinbodungen geborene gelernte Facharbeiterin für Halbleiter- und Mikroelektronik war u.a. mehrere Jahre lang bei RFT Nordhausen tätig, bevor sie sich dazu entschied, ihren Ehemann in der Gaststätte zu unterstützen. „Das tat ich ihm zuliebe. Da ich aber selbst aus einer Gastwirtsfamilie stamme, wusste ich, wie viele persönliche Einschränkungen damit verbunden sind“, sagt sie.

Mitunter bringen ihr die Auftraggeber für größere Feiern am darauffolgenden Tag Blumen: Dieser Ausdruck von Dankbarkeit wiegt für sie umso schwerer, als Karla Aderhold ja meist in der Küche und damit im Hintergrund tätig ist.

Zum Abschluss dieses Textes mag noch eine Anekdote die gesellschaftlich bedingten Veränderungen in der Gastronomie und in den Ansprüchen der Gäste verdeutlichen: „Anfangs“, so Reinhold Aderhold, „kamen die Bauern nach der Arbeit noch mit freiem Oberkörper zu uns. Kaum hatten wir die Räumlichkeiten mit neuen Möbeln ausgestaltet, zogen sie die Hemden an. Extra für sie verzichteten wir aber bei einigen Stühlen auf die empfindliche Polsterung. – Bis einer der Landarbeiter nachfragte, warum wir diese nicht auch polsterten. Das würde sich doch viel bequemer sitzen.“ – Die „Erholung“ als Bierkneipe im traditionellen Sinne zu führen, das, so zeigt diese Geschichte, würden die Menschen von heute nicht mehr akzeptieren.

Karla und Reinhold Aderhold sind die Eltern von Stefan (34, Diplombetriebswirt, heute Controller) und Holger (27, Mechatronik-Master).
Bodo Schwarzberg

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Autor: nnz

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