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Do, 07:36 Uhr
05.07.2012

Artenschutzbesuch auf dem Brocken

Schon des Öfteren hatten wir in der nnz über den Brockengarten und dessen exklusive Fauna berichtet. nnz-Autor Bodo Schwarzberg hat dem einmaligen botanischen Refugium einen Besuch abgestattet...


Besuch im Brockengarten (Foto: B. Schwarzberg) Besuch im Brockengarten (Foto: B. Schwarzberg) Die Erhaltung von Standorten zum Teil hochgradig gefährdeter Pflanzenarten steht im Mittelpunkt des im Jahre 2004 von mir initiierten so genannten Flexiblen Artenhilfsprogramms FAHP. Es beruht auf meiner Erfahrung aus der floristischen Kartierung größerer Teile des Landkreises Nordhausen zwischen 1996 und 2000, dass ein wirksamer Artenschutz mittels der staatlichen Programme NALAP und KULAP nicht ausreichend möglich ist.

Diese Programme fördern vordergründig die Pflege von größeren FLÄCHEN, nicht aber von konkreten, oft nur noch kleinflächigen Standorten gefährdeter Pflanzenarten. Sie berücksichtigen nicht die enormen Standortverluste vieler Arten durch die Intensivierung der Landwirtschaft mit Melioration und forciertem Einsatz von Düngemitteln und Agrochemikalien.

Dagegen empfindliche Arten verschwanden dadurch zum Teil flächendeckend oder wurden auf winzige Splitterflächen verdrängt. Da die aktuellen Programme nicht auf diese kleinen, kaum „förderfähigen“ Flächen zugeschnitten sind, drohen diese Standorte nun, durch staatliche Blindheit, auch noch zu verschwinden. Artenschutz hat somit auf politischer und Verwaltungsebene noch immer keine oder eine viel zu geringe Lobby. Die Behörden versinken zudem im Wust der vielen Regelungen und Gesetze und können sich wirklich wichtigen Naturschutzaufgaben zu wenig zuwenden.

Immer wieder erfahre ich, wie schwer es ist, standortbezogenen Artenschutz und auf diesen abgestellte Pflegemaßnahmen durchzusetzen. Leider werden einige Arten durch die genannten Faktoren auch zunehmend in ihrem Weltbestand gefährdet. Es gibt nur wenige wirksame Programme für jene Arten, deren Verbreitungsgebiet zu großen Teilen auf deutschem Staatsgebiet liegen.

Das von mir initiierte FAHP gliedert sich in diesem Sinne in das Sammeln von Daten zu den Standorten gefährdeter Arten, in selbst durchgeführte standortbezogene Pflegemaßnahmen und in die Zusammenarbeit mit Botanischen Gärten, insbesondere mit dem Botanischen Garten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Diese betreibt seit den 70er Jahren einen so genannten Erhaltungsgarten, dessen Aufgabe es ist, stark gefährdete oder vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten zu kultivieren, zu studieren und bei Bedarf mit diesen Kulturen die letzten oder weithion einzigen Naturstandorte zu stützen.

Gemeinsam mit einigen anderen Idealisten bemühe ich mich, diesen Erhaltungsgarten durch Lieferung von Samen hochgradig gefährdeter Pflanzenarten zu stärken. Zunehmend habe ich dabei auch jene Arten im Auge, für deren weltweite Erhaltung Deutschland eine ganz besonders hohe Verantwortung trägt. Leider muss man oft weit fahren, um von diesen Arten noch Standorte zu finden.

Der Brockengarten wird von den Universitäten Halle und Göttingen wissenschaftlich betreut. Auch er erfüllt für einige Arten Erhaltungsfunktionen, so für das nur auf dem Brocken siedelnde Brocken-Habichtskraut (Hieracium nigrescens ssp. bructerum, die Brocken-Kuhschelle (Pulsatilla alba), die Scheiden-Segge (Carex vaginata), die Zweifarbige Weide (Salix bicolor) und die Starre Segge (Carex bigelowii ssp. rigida), für Arten also, die weithin bzw. ausschließlich auf dem Brocken vorkommen. Insgesamt werden im Brockengarten nach Auskunft des zuständigen wissenschaftlichen Leiters Dr. Gunter Karsten 1.800 Arten aus vielen Gebirgsregionen der Erde kultiviert.

Die Floh-Segge (Carex pulicaris) gehört (noch?) nicht zu den weltweit bedrohten Pflanzenarten. In Deutschland ist die nordisch-atlantisch verbreitete, Kühle liebende Art nährstoffarmer Gebirgsfeuchtwiesen stark gefährdet, in Sachsen-Anhalt und Thüringen vom Aussterben bedroht. Im Zuge des oben genannten Flexiblen Artenhilfsprogrammes sammelte ich 2008 in Abstimmung mit der zuständigen Naturschutzbehörde Früchte dieser Art an einem ihrer letzten Harzer Standorte bei Trautenstein und ließ sie im Botanischen Garten Halle kultivieren. 2012 blühte sie dort erstmals.

Nach Rücksprache mit Brockengarten und Botanischem Garten brachte ich einen Teil der Pflanzen vor wenigen Tagen auf den Brocken, wo sie, sozusagen unter ihr besser zusagenden klimatischen Verhältnissen, künftig im Rahmen einer Erhaltungskultur gehalten werden soll. Damit kann die Präsenz der Art im Harz auch dann gesichert werden, wenn ihre letzten natürlichen Standorte durch Nutzungsaufgabe, Stickstoffeintrag, Aufforstung oder Entwässerung auch noch verloren gehen sollten.

Anlässlich meines erstmals nicht mit einer Wanderung verknüpften Besuches auf dem Brocken gewährte mir Dr. Karsten einen spannenden Einblick in die Philosophie und in die Vielfalt des Brockengartens sowie in die von zahlreichen Erfolgen gekrönten Maßnahmen der „Brockengärtner“ seit der Wende, die ursprünglichen, für die Brockenkuppe typischen Vegetationsverhältnisse wieder herzustellen. Dies betrifft insbesondere die Revitalisierung der lückigen, heidekrautreichen, subalpinen Heiden, in denen u.a. auch die bei Laien bekannte, leuchtend weiß blühende Brocken-Anemone siedelt.

Nach Informationen von Dr. Karsten hat sich deren Bestand durch konsequente Renaturierungsmaßnahmen von rund 1.000 Exemplaren 1990 auf rund 2.000 in 2012 erhöht. Mein Exkursionsleiter zeigte sich erfreut darüber, dass die Lenkung der Tausenden Brockenbesucher gut funktioniert und dass diese es fast ausschließlich akzeptieren, dass große Teile der Brockenkuppe aus Naturschutzgründen nicht betreten werden dürfen. Traurig finde ich, dass es weithin fast nur auf dem Brocken möglich zu sein scheint, dem aktiven, standortbezogenen Artenschutz den Platz einzuräumen, der ihm angesichts der überwältigenden, negativen menschlichen Einflüsse gebührt.

Noch immer kommt es vor, dass sich Artenschützer in unserem Land für ihre Aktivitäten rechtfertigen und entschuldigen müssen, dass sie auf Unverständnis, Unwissenheit und Widerstände stoßen, auch bei den Behörden. – Dabei haben wir doch nichts anderes im Sinn, als die natürlichen Lebensgrundlagen auch für uns Menschen zu erhalten?

Die Bilder zeigen Dr. Karsten bei der Präsentation einer renaturierten Heidefläche auf dem Brocken, die von mir dem Brockengärtner übergebene, im Harz vom Aussterben bedrohte Sauergras-Art Floh-Segge, das nur auf dem Brocken vorkommende Brocken-Habichtskraut und einen Zug der Brocken-Bahn.
Bodo Schwarzberg

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Besuch im Brockengarten (Foto: B. Schwarzberg)
Besuch im Brockengarten (Foto: B. Schwarzberg)
Besuch im Brockengarten (Foto: B. Schwarzberg)
Besuch im Brockengarten (Foto: B. Schwarzberg)
Besuch im Brockengarten: Dr. Gunter Karsten (Foto: B. Schwarzberg)
Besuch im Brockengarten: Hieracium nigrescens ssp. bructerum (Foto: B. Schwarzberg)
Autor: nnz

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