Fr, 10:23 Uhr
21.11.2003
Klare Fragen
Nordhausen(nnz). Demokratie ist, wenn jeder seine Meinung äußern darf, egal wie alt und in welcher Partei. Was aber, wenn auf ganz konkrete Fragen mal wieder nur Standardantworten kommen? Ist dann die Politikverdrossenheit der Jugend nicht verständlich? Dürfen sich junge Leute engagieren, auch gegen eine populistische Entscheidung?
Bündnis 90/Die Grünen hatte eingeladen zu Vortrag und Diskussion zum Thema "Jugend verlangt Teilhabe und Perspektive an der Gestaltung ihrer wirtschaftlichen Zukunft". Die Studenten Philipp Riesmeyer und Sebastian Tüngerthal stellten im St-Jakob-Haus ihre Abiturarbeit "Standortanalyse für die Nordthüringer Region entlang der A 38" vor. Sie untersuchten die Standorte Bischofferode, Bleicherode und Werther auf Vorteile für eine Industrieansiedlung. Sie versuchten auch den Nachweis zu erbringen, daß von dieser Autobahn kein so schneller und weitreichender Aufschwung wie an der A 4 ausgehen wird. Zum einen seinen die Zeiten schlechter als Anfang der 90er Jahre, es würden zum Beispiel weniger Fördermittel geboten, zum anderen sei die Region auch konzeptionell noch nicht so weit.
Diese Aussage untermauerte Dr. Horst Kox mit seinem Vortrag. Er meinte, daß zuerst ein Konzept zur Wirtschaftsentwicklung erstellt werden sollte, ehe so einfach ein Industriegebiet aus dem Boden gestampft wird. Bevor man weiß, welche Industriezweige man ansprechen wolle, wäre es wenig sinnvoll eine Kulturlandschaft zu zerstören, um dann eventuell auf einer weiteren Fläche sitzenzubleiben, weil sie sich einfach für niemanden eignet. Ein Konzept zur Verknüpfung von Ressourcen müsse her, um einen Wirtschaftsraum Nordthüringen mit den Städten Nordhausen, Sondershausen und Bleicherode zu schaffen. Eine Zusammenarbeit mit der Fachhochschule, überhaupt mit Bildungs- und Forschungseinrichtungen sei nötig und nützlich.
Daß eine Autobahn als singulärer Faktor keine Arbeitsplätze schaffe, würde auch durch die hohe Arbeitslosenquote im Ilmkreis deutlich geworden. Städte wie Jena mit Universität und Carl Zeiss oder Erfurt ebenfalls mit zahlreichen Bildungseinrichtungen und dem Flughafen haben hingegen entscheidend profitiert, aber diese hätten auch ein Image.
Genau das fehle der Region, dabei gebe es mit der Fachhochschule, zum Beispiel dem zukunftsträchtigen Studiengang "Regenerative Energien" einen Anknüpfungspunkt, ebenso die Maschinenbautradition, neu belebt durch Firmen wie Feuer Powertrain, wäre denkbar. Fachhochschüler könnten dieses Konzept mit erarbeiten.
Daß sich Jugendliche engagieren wollen, wurde nicht nur im Vortrag der beiden jungen Männer deutlich. Andere Jugendliche versuchen seit 3 Jahren Musikangebote zu organisieren, Unterstützung erfahren sie keine. Nachmittags auf der Straße herumzuhängen sei doch keine Alternative, außerdem wäre zu verstehen, wenn Anwohner sich dann beschwerten, erklärten die Musiker. Von offizieller Seite wurden sie mit üblichen Hinweisen abgespeist. Sie sollten ihre Freizeit im "Haus" verbringen, mit Angeboten wie Backen und Töpfern eher was für Jüngere oder Mädchen, und überhaupt gäbe es in Nordhausen eine Menge für die Jugend.
"Gar nicht wahr" kam darauf von Studenten, denn ein richtiges Studentenleben geht von der Fachhochschule nicht aus. Sicher läge das auch daran, daß die Schule erst seit 1998 besteht und viele Studierenden aus der Region kommen, aber auch daran, daß kein Jugendzentrum die Strukturen bündelt und kulturelle Höhepunkte für Junge parat hat. Und das, obwohl die Zielgruppe mitgestalten will.
Weggehen von Nordhausen, weil es anderswo Studien- und Arbeitsplätze gibt, das würden alle Anwesenden. Nordhausen ist eben doch nicht so liebenswert, wie Verantwortliche der Stadt zu jeder Gelegenheit betonen. "Es ist absolut tot hier" meint ein junger Mann. Sympathien für die Stadt brächte er nur auf, weil er hier geboren sei.
Ob er bleiben würde, wenn es Arbeit in der Industrie gäbe? Nein, meint er, denn er studiert und sucht eine qualifizierte, gut bezahlte Arbeit. Und 100 Kilometer weiter ist der "Goldene Westen", da gibt`s immerhin gleich 30-40 Prozent mehr Geld für die gleiche Tätigkeit.
Hat die Jugend hier eine bessere Perspektive, wenn ein Industriegebiet kommt? Wenn es so ohne jede konzeptionelle Verknüpfung komme, wie derzeit, dann nicht. Alle möchten Industrie ansiedeln, aber sinnvoll geplant und nicht einfach alles, keine drittklassigen Zulieferbetriebe, die nur Fördermittel abgreifen wollen und dann weiter gen Osten gehen, wurde man sich gestern in der Runde einig.
Wo könnten diese Betriebe hin, wenn nicht in die Goldene Aue? Auf diese Frage fanden zwei Untersuchungen unabhängig voneinander die selbe Antwort. Warum nicht nach Werther? Das fragten die Studenten, deren Vortrag für diesen Ort Vorteile nachwies, und das wollte auch die Bürgerinitiative wissen, die Werther ebenfalls als Alternative sieht.
In schönen Worten möglichst wenig konkret zu werden ist eine besondere Eigenschaft von Politikern. Auch Sabine Riebel, verantwortlich für Wirtschaftsförderung in der Stadtverwaltung, kann das recht gut. Auf Klaus-Dieter Korbs (Bürgerinitiative "Rettung der Goldenen Aue") einfache Frage, warum nur die Goldene Aue geeignet sei, antwortete sie, daß das mit Aspekten der Stadt und der Wirtschaftsentwicklung zu tun habe. Was es damit genau auf sich habe, und wie der Zusammenhang zur Aue nun ist, das verschwieg sie.
Autor: wf
Bündnis 90/Die Grünen hatte eingeladen zu Vortrag und Diskussion zum Thema "Jugend verlangt Teilhabe und Perspektive an der Gestaltung ihrer wirtschaftlichen Zukunft". Die Studenten Philipp Riesmeyer und Sebastian Tüngerthal stellten im St-Jakob-Haus ihre Abiturarbeit "Standortanalyse für die Nordthüringer Region entlang der A 38" vor. Sie untersuchten die Standorte Bischofferode, Bleicherode und Werther auf Vorteile für eine Industrieansiedlung. Sie versuchten auch den Nachweis zu erbringen, daß von dieser Autobahn kein so schneller und weitreichender Aufschwung wie an der A 4 ausgehen wird. Zum einen seinen die Zeiten schlechter als Anfang der 90er Jahre, es würden zum Beispiel weniger Fördermittel geboten, zum anderen sei die Region auch konzeptionell noch nicht so weit. Diese Aussage untermauerte Dr. Horst Kox mit seinem Vortrag. Er meinte, daß zuerst ein Konzept zur Wirtschaftsentwicklung erstellt werden sollte, ehe so einfach ein Industriegebiet aus dem Boden gestampft wird. Bevor man weiß, welche Industriezweige man ansprechen wolle, wäre es wenig sinnvoll eine Kulturlandschaft zu zerstören, um dann eventuell auf einer weiteren Fläche sitzenzubleiben, weil sie sich einfach für niemanden eignet. Ein Konzept zur Verknüpfung von Ressourcen müsse her, um einen Wirtschaftsraum Nordthüringen mit den Städten Nordhausen, Sondershausen und Bleicherode zu schaffen. Eine Zusammenarbeit mit der Fachhochschule, überhaupt mit Bildungs- und Forschungseinrichtungen sei nötig und nützlich.
Daß eine Autobahn als singulärer Faktor keine Arbeitsplätze schaffe, würde auch durch die hohe Arbeitslosenquote im Ilmkreis deutlich geworden. Städte wie Jena mit Universität und Carl Zeiss oder Erfurt ebenfalls mit zahlreichen Bildungseinrichtungen und dem Flughafen haben hingegen entscheidend profitiert, aber diese hätten auch ein Image.
Genau das fehle der Region, dabei gebe es mit der Fachhochschule, zum Beispiel dem zukunftsträchtigen Studiengang "Regenerative Energien" einen Anknüpfungspunkt, ebenso die Maschinenbautradition, neu belebt durch Firmen wie Feuer Powertrain, wäre denkbar. Fachhochschüler könnten dieses Konzept mit erarbeiten.
Daß sich Jugendliche engagieren wollen, wurde nicht nur im Vortrag der beiden jungen Männer deutlich. Andere Jugendliche versuchen seit 3 Jahren Musikangebote zu organisieren, Unterstützung erfahren sie keine. Nachmittags auf der Straße herumzuhängen sei doch keine Alternative, außerdem wäre zu verstehen, wenn Anwohner sich dann beschwerten, erklärten die Musiker. Von offizieller Seite wurden sie mit üblichen Hinweisen abgespeist. Sie sollten ihre Freizeit im "Haus" verbringen, mit Angeboten wie Backen und Töpfern eher was für Jüngere oder Mädchen, und überhaupt gäbe es in Nordhausen eine Menge für die Jugend.
"Gar nicht wahr" kam darauf von Studenten, denn ein richtiges Studentenleben geht von der Fachhochschule nicht aus. Sicher läge das auch daran, daß die Schule erst seit 1998 besteht und viele Studierenden aus der Region kommen, aber auch daran, daß kein Jugendzentrum die Strukturen bündelt und kulturelle Höhepunkte für Junge parat hat. Und das, obwohl die Zielgruppe mitgestalten will.
Weggehen von Nordhausen, weil es anderswo Studien- und Arbeitsplätze gibt, das würden alle Anwesenden. Nordhausen ist eben doch nicht so liebenswert, wie Verantwortliche der Stadt zu jeder Gelegenheit betonen. "Es ist absolut tot hier" meint ein junger Mann. Sympathien für die Stadt brächte er nur auf, weil er hier geboren sei.
Ob er bleiben würde, wenn es Arbeit in der Industrie gäbe? Nein, meint er, denn er studiert und sucht eine qualifizierte, gut bezahlte Arbeit. Und 100 Kilometer weiter ist der "Goldene Westen", da gibt`s immerhin gleich 30-40 Prozent mehr Geld für die gleiche Tätigkeit.
Hat die Jugend hier eine bessere Perspektive, wenn ein Industriegebiet kommt? Wenn es so ohne jede konzeptionelle Verknüpfung komme, wie derzeit, dann nicht. Alle möchten Industrie ansiedeln, aber sinnvoll geplant und nicht einfach alles, keine drittklassigen Zulieferbetriebe, die nur Fördermittel abgreifen wollen und dann weiter gen Osten gehen, wurde man sich gestern in der Runde einig.
Wo könnten diese Betriebe hin, wenn nicht in die Goldene Aue? Auf diese Frage fanden zwei Untersuchungen unabhängig voneinander die selbe Antwort. Warum nicht nach Werther? Das fragten die Studenten, deren Vortrag für diesen Ort Vorteile nachwies, und das wollte auch die Bürgerinitiative wissen, die Werther ebenfalls als Alternative sieht.
In schönen Worten möglichst wenig konkret zu werden ist eine besondere Eigenschaft von Politikern. Auch Sabine Riebel, verantwortlich für Wirtschaftsförderung in der Stadtverwaltung, kann das recht gut. Auf Klaus-Dieter Korbs (Bürgerinitiative "Rettung der Goldenen Aue") einfache Frage, warum nur die Goldene Aue geeignet sei, antwortete sie, daß das mit Aspekten der Stadt und der Wirtschaftsentwicklung zu tun habe. Was es damit genau auf sich habe, und wie der Zusammenhang zur Aue nun ist, das verschwieg sie.

