Mi, 09:49 Uhr
29.10.2003
Überflieger
Auleben/Nordhausen(nnz). Sie kommen aus Nordeuropa und sind unterwegs Richtung Spanien, alles aus eigener Kraft und trotzdem per Flug. Ziemlich genau in der Mitte der Reiseroute liegt der Staussee Kelbra, wo sie Rast machen, die Kraniche. nnz begleitete zwei Ornithologen auf ihrer abendlichen Zählung.

Man hört sie schon von weitem, wenn sie in der Goldenen Aue auf Nahrungssuche gehen. Vor allem, wenn sich tausende Vögel in der Luft befinden. Sehen kann man sie erst viel später, es sei denn man behilft sich mit einem Stektiv wie Hobby-Ornithologe Klaus Wiechmann. Zweimal pro Woche beteiligt er sich an der Kranichzählung auf der Numburg, die vom Naturschutzbund (NABU) durchgeführt wird.
Landwirte sehen die großen, grauen Vögel nicht unbedingt gern über ihre Felder grasen, deswegen organisieren die Naturfreunde in Zusammenarbeit mit dem Kulturbund für Europa und dem Thüringer Landwirtschaftsministerium eine Ablenkfütterung. In diesem Jahr werden rund 30 Tonnen Mais bereitgestellt, trotz knapper Kassen. Klaus Wiechmann ist froh darüber, daß es auch im 8. Jahr der Fütterung wieder Geld vom Ministerium gab.
Da der Kranich (Grus grus) in ganz Europa unter Naturschutz steht und nicht bejagt werden darf, finden sich immer mehr Tiere in der Goldenen Aue ein. Im letzten Jahr zählte er Spitzenwerte von 10.500 Vögeln an einem Abend, berichtet der Ornithologe. Am 13. Oktober diesen Jahres dann ein neuer Rekord, 11.800 Exemplare. Gestern bekam der Beobachter jedoch nur rund 3000 vor die Linse.
Jedes Jahr brüten die Kraniche zwei bis drei Jungtiere aus, die sie auf dem ersten Zug begleiten. Die Vögel, die sich von den Alttieren nur noch durch die eher braue Färbung ohne den charakteristischen roten Kopffleck unterscheiden, sollen die Reiseroute lernen. Außerdem funktioniert der "Buschfunk" auch unter Kranichen, ein Rastplatz mit einen so guten Futterangebot spricht sich natürlich herum.
Kraniche sind ausgesprochen scheu, trotz der Nähe der Rastplätze zu menschlichen Siedlungen. Ihre Fluchtdistanz beträgt ungefähr 500 Meter. Ein gutes Indiz ist die Haltung ihrer Köpfe. Wenn alle Tiere ihre Hälse gehoben haben, dann fühlen sie sich erheblich beunruhigt und werden gleich mit lautem Rufen davonfliegen. Sie hören besser als wir und es erscheint, als habe der Kranich auf jeder Feder ein Auge,so gut sieht er, meint der Ornithologe.
Warum tut sich der Rentner das an, bei eisiger Kälte mit einem Fernrohr auf einem zugigen Dachboden hocken und mit bloßem Auge auf Grund der Entfernung kaum erkennbare Viecher zu zählen? Das können natürlich nur Menschen fragen, die das Naturschauspiel noch nie live verfolgt haben. Und so kalt sei es gar nicht, meint Wiechmann, außerdem hat er immer noch seinen heißen Tee. Wichtig ist die Bestandserfassung nicht nur auf regionaler Ebene für den Jahresbericht der Fachgruppe Ornithologie. Die gesammelten Daten gehen auch an die Vogelwarte auf Hiddensee und von dort nach Brüssel.
Fünf Vogelfreunde aus der Region übernehmen die Aufgabe der abendlichen Zählung. Manchmal ist auch vormittags schon jemand auf der Numburg. Die Restgebäude eines bei der Anlage des Stausees 1967 geschliffenen Gehöftes dienen an Naturschutz Interessierten als Stützpunkt. Nicht nur die Ornithologen kommen hierher, um rund 280 Arten zu beobachten. Auch Fledermäuse und andere unscheinbarere Tiere sind in der Gegend heimisch.
Ein Paradies für Tiere und Tierfreunde könnte man meinen. Leider ist dem nicht so, da es immer egoistische Menschen gibt, die auf andere Lebewesen keine Rücksicht nehmen. Die Kraniche sollen hier am Stausee Kraft sammeln für ihre weitere Reise. Sie aufzuschrecken, vielleicht sogar noch absichtlich oder mit von der Leine gelassenen Hunden, kostet Energie, die besser für den Flug verwandt werden könnte. Manfred Wagner, Leiter der Fachgruppe Ornithologie, bittet daher alle Besucher sich angemessen zu verhalten. Es wurden auch Hinweisschilder aufgestellt, die beachtet werden sollten.
Am besten zu sehen sind die Vögel ohnehin vom Auto aus. Zwischen Auleben und Görsbach fressen sie auf den Feldern. Wenn man nicht aussteigt, sondern mit einem Fernglas hinausschaut, dann kann man das Naturschauspiel ungestört erleben. Den Beobachtungswagen am Stausee kurz vor der Numburg dürfen Interessierte natürlich auch nutzen. Bis Ende November bleibt dazu bestimmt noch Zeit, es sei denn ein Kälteeinbruch läßt die Tiere abfliegen.
Ein Hinweis an alle Fotografen: Jeder gute Paparazzo bleibt am besten unentdeckt. Verhalten Sie sich genauso und verwenden lange Brennweiten von 500 mm und mehr. Das Tier hat keinen Promianwalt, der Sie verklagen kann, denken Sie aber daran wie weit es noch zu reisen hat. Und zwar ganz ohne Lufthansa, sondern per Kranich-Airline.
Wer mehr wissen möchte oder Lust hat sich der Fachgruppe Ornithologie anzuschließen, der sollte schnell hier vorbeifliegen.
Autor: wf
Man hört sie schon von weitem, wenn sie in der Goldenen Aue auf Nahrungssuche gehen. Vor allem, wenn sich tausende Vögel in der Luft befinden. Sehen kann man sie erst viel später, es sei denn man behilft sich mit einem Stektiv wie Hobby-Ornithologe Klaus Wiechmann. Zweimal pro Woche beteiligt er sich an der Kranichzählung auf der Numburg, die vom Naturschutzbund (NABU) durchgeführt wird.
Landwirte sehen die großen, grauen Vögel nicht unbedingt gern über ihre Felder grasen, deswegen organisieren die Naturfreunde in Zusammenarbeit mit dem Kulturbund für Europa und dem Thüringer Landwirtschaftsministerium eine Ablenkfütterung. In diesem Jahr werden rund 30 Tonnen Mais bereitgestellt, trotz knapper Kassen. Klaus Wiechmann ist froh darüber, daß es auch im 8. Jahr der Fütterung wieder Geld vom Ministerium gab.
Da der Kranich (Grus grus) in ganz Europa unter Naturschutz steht und nicht bejagt werden darf, finden sich immer mehr Tiere in der Goldenen Aue ein. Im letzten Jahr zählte er Spitzenwerte von 10.500 Vögeln an einem Abend, berichtet der Ornithologe. Am 13. Oktober diesen Jahres dann ein neuer Rekord, 11.800 Exemplare. Gestern bekam der Beobachter jedoch nur rund 3000 vor die Linse.
Jedes Jahr brüten die Kraniche zwei bis drei Jungtiere aus, die sie auf dem ersten Zug begleiten. Die Vögel, die sich von den Alttieren nur noch durch die eher braue Färbung ohne den charakteristischen roten Kopffleck unterscheiden, sollen die Reiseroute lernen. Außerdem funktioniert der "Buschfunk" auch unter Kranichen, ein Rastplatz mit einen so guten Futterangebot spricht sich natürlich herum.
Kraniche sind ausgesprochen scheu, trotz der Nähe der Rastplätze zu menschlichen Siedlungen. Ihre Fluchtdistanz beträgt ungefähr 500 Meter. Ein gutes Indiz ist die Haltung ihrer Köpfe. Wenn alle Tiere ihre Hälse gehoben haben, dann fühlen sie sich erheblich beunruhigt und werden gleich mit lautem Rufen davonfliegen. Sie hören besser als wir und es erscheint, als habe der Kranich auf jeder Feder ein Auge,so gut sieht er, meint der Ornithologe.
Warum tut sich der Rentner das an, bei eisiger Kälte mit einem Fernrohr auf einem zugigen Dachboden hocken und mit bloßem Auge auf Grund der Entfernung kaum erkennbare Viecher zu zählen? Das können natürlich nur Menschen fragen, die das Naturschauspiel noch nie live verfolgt haben. Und so kalt sei es gar nicht, meint Wiechmann, außerdem hat er immer noch seinen heißen Tee. Wichtig ist die Bestandserfassung nicht nur auf regionaler Ebene für den Jahresbericht der Fachgruppe Ornithologie. Die gesammelten Daten gehen auch an die Vogelwarte auf Hiddensee und von dort nach Brüssel.Fünf Vogelfreunde aus der Region übernehmen die Aufgabe der abendlichen Zählung. Manchmal ist auch vormittags schon jemand auf der Numburg. Die Restgebäude eines bei der Anlage des Stausees 1967 geschliffenen Gehöftes dienen an Naturschutz Interessierten als Stützpunkt. Nicht nur die Ornithologen kommen hierher, um rund 280 Arten zu beobachten. Auch Fledermäuse und andere unscheinbarere Tiere sind in der Gegend heimisch.
Ein Paradies für Tiere und Tierfreunde könnte man meinen. Leider ist dem nicht so, da es immer egoistische Menschen gibt, die auf andere Lebewesen keine Rücksicht nehmen. Die Kraniche sollen hier am Stausee Kraft sammeln für ihre weitere Reise. Sie aufzuschrecken, vielleicht sogar noch absichtlich oder mit von der Leine gelassenen Hunden, kostet Energie, die besser für den Flug verwandt werden könnte. Manfred Wagner, Leiter der Fachgruppe Ornithologie, bittet daher alle Besucher sich angemessen zu verhalten. Es wurden auch Hinweisschilder aufgestellt, die beachtet werden sollten.
Am besten zu sehen sind die Vögel ohnehin vom Auto aus. Zwischen Auleben und Görsbach fressen sie auf den Feldern. Wenn man nicht aussteigt, sondern mit einem Fernglas hinausschaut, dann kann man das Naturschauspiel ungestört erleben. Den Beobachtungswagen am Stausee kurz vor der Numburg dürfen Interessierte natürlich auch nutzen. Bis Ende November bleibt dazu bestimmt noch Zeit, es sei denn ein Kälteeinbruch läßt die Tiere abfliegen.
Ein Hinweis an alle Fotografen: Jeder gute Paparazzo bleibt am besten unentdeckt. Verhalten Sie sich genauso und verwenden lange Brennweiten von 500 mm und mehr. Das Tier hat keinen Promianwalt, der Sie verklagen kann, denken Sie aber daran wie weit es noch zu reisen hat. Und zwar ganz ohne Lufthansa, sondern per Kranich-Airline.
Wer mehr wissen möchte oder Lust hat sich der Fachgruppe Ornithologie anzuschließen, der sollte schnell hier vorbeifliegen.


