Do, 10:08 Uhr
08.03.2012
Die Pflanze von nebenan (5)
Eigentlich sollten wir dem uns ganz selbstverständlich umgebenden Grünzeug mehr Respekt zollen, als allgemein üblich. Vielleicht aus Gründen seines Alters? Während es der Homo sapiens als Art gerade einmal auf maximal 200 000 Jahre bringt, lebte die noch heute vorkommende Familie der Palmfarngewächse zum Beispiel bereits vor knapp 200 Millionen Jahren...
Den Palmfarn Cycas revoluta bekommt man hin und wieder im Gartencentern zu kaufen. Nicht einmal die Saurier können mit einer so langen Geschichte mithalten. Von Respekt gegenüber unseren stummen, unbeweglichen Mitgeschöpfen kann indes eher kaum die Rede sein.
Dieses Bild zeigt einen mit Blaugras bestandenen Hang im Naturschutzgebiet Alter Stolberg.
Denn von den 380.000 bei der IUCN gelisteten Arten hat der Mensch in seiner vergleichsweise kurzen Entwicklungsgeschichte rund ein Fünftel an den Rand des Aussterbens gebracht, fast alle übrigens in der evolutionsgeschichtlichen Millisekunde von 150 Jahren Industrialisierung. Menschlichkeit ist also ein sehr weit interpretierbarer Begriff.
Doch wer bei uns im Landkreis nordexponierte, schattige Gipshänge erkundet, der stößt fast unweigerlich auf diese Pflanzenart, die gerade jetzt, im zeitigen Frühjahr ihre ganze Schönheit zeigt. Fällt nämlich die Sonne auf den ährenartigen Blütenstand, so schillern die Spelzen der einzelnen Teilblüten in einem tiefen, glänzenden Violett. Und wie das gestern südlich von Woffleben aufgenommene Foto zeigt, beginnen sich auch die Blätter des Grases bereits zu entwickeln. Ausgewachsen kann der blütentragende Spross durchaus eine Länge von ca. 40 Zentimetern erreichen und auch die Blätter bleiben beileibe nicht so kurz, wie hier zu sehen.
Die Art kommt nur in Europa mit den Alpen als Hauptverbreitungsgebiet vor und mag ein ozeanisches, das heißt ausgeglichenes nicht zu heißes und nicht zu kaltes und nicht zu niederschlagsarmes Klima. Allerdings ist sie als so genannte dealpine Art in der Lage, auch in die nördlich vorgelagerten Mittelgebirge vorzudringen, sofern diese über oberflächlich anstehendes kalkhaltiges Gestein verfügen.
Das Kalk-Blaugras zeichnet sich durch ein sehr starkes, tiefgehendes und verzweigtes Wurzelwerk aus, das es ihm ermöglicht, auch in losem Kalk- oder Gipsschotter als Pionierart schnell und sicher Fuß zu fassen. Fast alle nicht gar zu beschatteten Gipssteilhänge in unserer Region werden an ihrer Oberfläche im Wesentlichen durch diese Art am allzu schnellen Abrutschen gehindert. Im Schutz der Blaugrasbulten können sich andere Pflanzenarten bis hin zu Gehölzen unterschiedlichster Arten ansiedeln. Im Gebiet ist das Blaugras Kennart einer eigenen Pflanzengesellschaft, des Bitteres-Kreuzblümchen-Blaugras-Rasens oder botanisch Polygalo amarae-Seslerietum albicantae, in dem eine ganze Reihe von bedrohten Arten ihre Heimat haben, so z.B. das stark gefährdete Sumpf-Herzblatt (Parnassia palustris) oder der ebenfalls stark gefährdete Mondrauten-Farn Botrychium lunaria.
Die weithin größten Bestände des Blaugrases beherbergte wohl einst der Nordosthang des Kohnstein. Durch dessen bergbauliche Zerstörung verloren Dutzende, z.T. vom Aussterben bedrohte Pflanzensippen wichtige Standorte.
Dennoch verfügt die Art nach wie vor über eine Vielzahl von Vorkommen, so dass sie selbst nicht als bedroht angesehen werden muss.
Bemerkenswert ist übrigens die Tatsache, dass das Kalk-Blaugras entlang des Gradienten zunehmender Niederschläge am Südrand des Harzes von Ost nach West immer größere Flächen besiedelt, während andere, Trockenheit bevorzugende Arten allmählich zurücktreten.
Vielleicht achten Sie ja mal bei einem Frühjahrsspaziergang auf dem Karstwanderweg auf die wunderschön schillernden Blütenstände und erfreuen sich an ihnen.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnzDen Palmfarn Cycas revoluta bekommt man hin und wieder im Gartencentern zu kaufen. Nicht einmal die Saurier können mit einer so langen Geschichte mithalten. Von Respekt gegenüber unseren stummen, unbeweglichen Mitgeschöpfen kann indes eher kaum die Rede sein.
Dieses Bild zeigt einen mit Blaugras bestandenen Hang im Naturschutzgebiet Alter Stolberg.
Denn von den 380.000 bei der IUCN gelisteten Arten hat der Mensch in seiner vergleichsweise kurzen Entwicklungsgeschichte rund ein Fünftel an den Rand des Aussterbens gebracht, fast alle übrigens in der evolutionsgeschichtlichen Millisekunde von 150 Jahren Industrialisierung. Menschlichkeit ist also ein sehr weit interpretierbarer Begriff.
Kalk-Blaugras (Sesleria albicans)
Ich möchte Ihnen heute in aller gebotenen Kürze einen den meisten wohl eher unbekannten Frühblüher vorstellen, obwohl er doch bei uns gar nicht einmal selten ist. Aber Sesleria albicans, also das Kalk-Blaugras, ist halt ein Gras. Und Gräser sind in der Botanik und für die meisten Menschen erst recht nicht so einfach auseinander zu halten und stehen auch als Quellen allergieauslösender Pollen bei Heuschnupfenpatienten nicht gerade hoch im Kurs.Doch wer bei uns im Landkreis nordexponierte, schattige Gipshänge erkundet, der stößt fast unweigerlich auf diese Pflanzenart, die gerade jetzt, im zeitigen Frühjahr ihre ganze Schönheit zeigt. Fällt nämlich die Sonne auf den ährenartigen Blütenstand, so schillern die Spelzen der einzelnen Teilblüten in einem tiefen, glänzenden Violett. Und wie das gestern südlich von Woffleben aufgenommene Foto zeigt, beginnen sich auch die Blätter des Grases bereits zu entwickeln. Ausgewachsen kann der blütentragende Spross durchaus eine Länge von ca. 40 Zentimetern erreichen und auch die Blätter bleiben beileibe nicht so kurz, wie hier zu sehen.
Die Art kommt nur in Europa mit den Alpen als Hauptverbreitungsgebiet vor und mag ein ozeanisches, das heißt ausgeglichenes nicht zu heißes und nicht zu kaltes und nicht zu niederschlagsarmes Klima. Allerdings ist sie als so genannte dealpine Art in der Lage, auch in die nördlich vorgelagerten Mittelgebirge vorzudringen, sofern diese über oberflächlich anstehendes kalkhaltiges Gestein verfügen.
Das Kalk-Blaugras zeichnet sich durch ein sehr starkes, tiefgehendes und verzweigtes Wurzelwerk aus, das es ihm ermöglicht, auch in losem Kalk- oder Gipsschotter als Pionierart schnell und sicher Fuß zu fassen. Fast alle nicht gar zu beschatteten Gipssteilhänge in unserer Region werden an ihrer Oberfläche im Wesentlichen durch diese Art am allzu schnellen Abrutschen gehindert. Im Schutz der Blaugrasbulten können sich andere Pflanzenarten bis hin zu Gehölzen unterschiedlichster Arten ansiedeln. Im Gebiet ist das Blaugras Kennart einer eigenen Pflanzengesellschaft, des Bitteres-Kreuzblümchen-Blaugras-Rasens oder botanisch Polygalo amarae-Seslerietum albicantae, in dem eine ganze Reihe von bedrohten Arten ihre Heimat haben, so z.B. das stark gefährdete Sumpf-Herzblatt (Parnassia palustris) oder der ebenfalls stark gefährdete Mondrauten-Farn Botrychium lunaria.
Die weithin größten Bestände des Blaugrases beherbergte wohl einst der Nordosthang des Kohnstein. Durch dessen bergbauliche Zerstörung verloren Dutzende, z.T. vom Aussterben bedrohte Pflanzensippen wichtige Standorte.
Dennoch verfügt die Art nach wie vor über eine Vielzahl von Vorkommen, so dass sie selbst nicht als bedroht angesehen werden muss.
Bemerkenswert ist übrigens die Tatsache, dass das Kalk-Blaugras entlang des Gradienten zunehmender Niederschläge am Südrand des Harzes von Ost nach West immer größere Flächen besiedelt, während andere, Trockenheit bevorzugende Arten allmählich zurücktreten.
Vielleicht achten Sie ja mal bei einem Frühjahrsspaziergang auf dem Karstwanderweg auf die wunderschön schillernden Blütenstände und erfreuen sich an ihnen.
Bodo Schwarzberg




