So, 06:56 Uhr
08.01.2012
Herzlichen Glückwunsch
Heute wird Barbara Rinke 65 Jahre alt. Die Nordhäuser Oberbürgermeisterin verbringt diese Tag im Kreise ihrer Familie. Mit dieser persönlichen Betrachtung will ich auf ganz persönliche Weise gratulieren. Das sei an dieser Stelle einfach mal erlaubt....
Der Blick immer nach vorn in die Zukunft - Rolandsfest 2008. Insgesamt hatte Barbara Rinke 18 Rolandsfeste eröffnet
Es war vor fast 20 Jahren, im Sommer 1992. Ich hatte die Leitung der Redaktion der Nordhäuser Zeitung übernommen. War noch kein Nordhäuser, suchte eine Wohnung. In dem kleinen Dienstzimmer im Pressehaus des Harzkurier in der Nordhäuser Rautenstraße saßen ein Mann und eine Frau. Peter Braun, der damalige SPD-Chef in Nordhausen und Barbara Rinke, die Fraktionsvorsitzende der SPD in der Nordhäuser Stadtverordnetenversammlung. Sie bleibt in Erinnerung: Mit einer weißen Bluse, ausgewaschenen Jeans und - salopp formuliert - Jesuslatschen an den Füßen.
Vom Fenster des Zimmers konnte man zielgenau auf die Fenster des Dienstzimmers der Nordhäuser Bürgermeister blicken. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Barbara Rinke damals schon zielgenau in Richtung dieser Fenster blickte. Aus heutiger Sicht und damit 20 Jahre später könnte ich in die Versuchung kommen zu sagen: Sie hatte dieses Ziel genau vor Augen. Sie war vermutlich schon damals eine Strategin, die sich lieber mit dem dritten Zug beschäftigt als mit dem ersten. Das soll, auch das wissen wir, für eine politische Karriere nicht unbedingt schädlich sein.
Damals führte Barbara Rinke die Geschäfte des familiären Autohauses am Altentor, dort wo ihre Wurzeln liegen. Und sie kümmerte sich um ihre große Familie. Sie kümmerte sich aber auch schon um Nordhausen, in der Stadtverordnetenversammlung. Und sie kümmerte sich um die Sozialdemokratie. Und genau in dieser Reihenfolge sollte und wollte sie in den kommenden Jahren ihre dienstlich-kommunalpolitischen Prioritäten setzen. Erst die Stadt, dann die Partei. Und über allem die Familie.
Die politischen Gegner unterschätzten die Frau bei den Wahlen zum Oberbürgermeisteramt 1994. Was kann schon eine Hausfrau?”, war ein Slogan, an den ich mich erinnere. Die Nordhäuser sahen das freilich anders. Sie wollten Amtsinhaber Dr. Manfred Schröter nicht mehr, sie wollten jemand anderen. Ob das Barbara Rinke war, ich wollte mich vor 18 Jahren nicht festlegen und kann es auch heute nicht. Doch in einer Stichwahl gibt es nur zwei Kandidaten, gibt es nur einen Verlierer und eine Gewinnerin.
Den Wahlsieg am 26. Juni 1994 feierte Barbara Rinke nicht in irgendeinem Partei”lokal oder einer Geschäftsstelle, sondern im Garten ihres Hauses - mit Freunden. Dabei waren auch solche, die sich nachträglich mit dem Titel Weltmeister der Unterschätzung” rühmen konnten. Im Stadtrat übernahm die neue Oberbürgermeisterin sofort die Sitzungsleitung, ein erstes Achtungszeichen. Konzentration der Macht, die richtige Züge machen - Schachspiel in Perfektion.
Knapp ein Jahr später das Aufräumen in den Stadtwerken, Anzeigen, Entlassungen, Verfahren und Gerichtsurteile. Jetzt kannten alle die vermeintliche Hausfrau - auch im Rathaus gab es mit einer Beurlaubung in der Chefetage diese Duftmarken. Aus dieser schlimmen Zeit lernte aber auch Barbara Rinke. Vertraue nur wenigen, am meisten dir selbst - das war von nun an gelebte Philosophie. Und vergiss nie, was Du bist: Nordhäuserin! Ihr und den Vertrauten ist es zu verdanken - blickt man zurück - dass diese Stadt nahezu alles in eigenen Händen hält, was für die Grundversorgung der Menschen unabdinglich ist. Wasser, Abwasser, Energie, ÖPNV, Theater, Bildung. Einst um diesen Starrsinn belächelt, blicken viele der einst Lächelnden mit Neid in den Norden Thüringens. Hätten sie damals an den fünften Zug auf dem Schachbrett der Politik gedacht. Hätten...
Die Zeichen, die Barbara Rinke setze, waren und sind nicht nur in der Politik vor Ort zu finden. Wenn die Stadt Nordhausen ein Unternehmen wäre, dann müsste ich zum Insolvenzgericht gehen”. Mit diesem Satz, ausgesprochen Anfang dieses Jahrtausends, sorgte die Nordhäuserin für Aufruhr. Sie machte aber schon damals auf die finanzielle Situation der Kommunen aufmerksam. Und sie machte in der Kirche auf sich aufmerksam. Still und leise nach außen, zielgerichtet und mit Power nach innen. Am 23. Mai 2003 wurde die Frau aus Nordhausen zum Präses der evangelischen Kirche in Deutschland gewählt. Natürlich in einer Kampfabstimmung.
LGS-Eröffnung (Foto: nnz)
Nordhausen hat sich in den nun fast 18 Jahren verändert. Es gab viele Momente, die es aufzuzählen gilt, zwei der wichtigsten: Fachhochschule etabliert, Landesgartenschau (Foto) durchgeführt. Die Durchführung der Schau war eigentlich das Sekundäre, die Umgestaltung der kompletten Innenstadt - das ist das Nachhaltige. Barbara Rinke hat das nicht alles allein gemacht, so wie sie schon mal die Wandfliesen an einem bestimmten Bau aussucht oder sich in die architektonische Gestaltung von Investitionen einmischt. Barbara Rinke hat in ihrem Job, in den sie nach 1994 noch zweimal wieder gewählt wurde, die richtigen Zeichen erkannt, die richtigen Momente genutzt und die richtigen Netzwerke gesponnen. Und da war es ihr egal - welcher Partei ein Netzwerkpartner” angehörte: Erst die Stadt, dann die Partei. Züge machen.
Einmal jedoch hat sie ihre Intuition verlassen. In Ilfeld, als die SPD zwischen Richard Dewes und Christoph Matschie befinden sollte. Da wollte sich sich nicht zum Steigbügelhalter der SED-Nachfolger machen lassen, obwohl sie den 2006er Wahlkampf eben gerade mit diesen SED-Nachfolgern gewonnen hatte. Ein Ausrutscher? Kaum zu glauben.
Dieses Zitat jedoch und ein stürmischer Kommunalwahlkampf 2009 waren es, die erste Löcher in die einst akribisch gesponnenen Netze rissen. Im Stadtrat lief es danach nicht mehr rund. Sie verlor die Sitzungsleitung - Steuerungsverlust. Einmal brach sie fast zusammen, als ihr Fahnenflucht vorgeworfen wurde. Es waren jedoch familiäre Gründe, warum sie einer Stadtratssitzung fernblieb. An diesem einen kurzen Moment wurde sichtbar, dass sowohl die Stadt als auch die Partei nur die zweite Liga” darstellen. Über allem steht die Familie - damals vor fast 20 Jahren, als wir uns kennenlernten, danach in den vielen persönlichen und dienstlichen Gesprächen, machte sie das immer wieder deutlich.
Heute wird Barbara Rinke 65 Jahre alt, übermorgen wird offiziell gratuliert. Dieses Lebensalter bringt es mit sich, dass sie in den Ruhestand gehen muss. Ob sie das mit Freude macht? Die Antwort ist sie mir noch schuldig geblieben. Das Loslassen von der Macht ist schwer, sehr schwer. Jeder muss damit selbst fertig werden, auch Barbara Rinke. Ihre Kritiker sagen natürlich: Es wird Zeit. Vielleicht haben sie damit nicht ganz Unrecht. Ein Stratege muss und wird auch erkennen, wenn die Zeit des Loslassen gekommen ist.
Fast 18 Jahre hat Barbara Rinke den Menschen dieser Stadt gedient, hat den Auftrag, den man ihr dreimal gegeben hat, mehr als erfüllt. Und wenn sie bislang immer erzählte, dass sie als Nordhäuserin jeden Winkel, zum Beispiel in der Altstadt, kennt, dann kann sie künftig ihren Enkeln erzählen: Das habe ich mit entschieden, das sind meine Spuren.
Vor der Frau ziehe ich mit großem Respekt den Hut, obwohl wir nicht immer einer Meinung waren. Das geht einfach nicht in den beiden Berufen, die wir ausüben. Sie hat in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten das unbeschreibliche Glück gehabt, einen Job nicht nur einfach auszuüben können, sondern sie konnte gestalten. Und das ist in diesem Maße, in dieser Unmittelbarkeit nicht vielen Menschen vergönnt.
Peter-Stefan Greiner
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Autor: nnzDer Blick immer nach vorn in die Zukunft - Rolandsfest 2008. Insgesamt hatte Barbara Rinke 18 Rolandsfeste eröffnet
Es war vor fast 20 Jahren, im Sommer 1992. Ich hatte die Leitung der Redaktion der Nordhäuser Zeitung übernommen. War noch kein Nordhäuser, suchte eine Wohnung. In dem kleinen Dienstzimmer im Pressehaus des Harzkurier in der Nordhäuser Rautenstraße saßen ein Mann und eine Frau. Peter Braun, der damalige SPD-Chef in Nordhausen und Barbara Rinke, die Fraktionsvorsitzende der SPD in der Nordhäuser Stadtverordnetenversammlung. Sie bleibt in Erinnerung: Mit einer weißen Bluse, ausgewaschenen Jeans und - salopp formuliert - Jesuslatschen an den Füßen.
Vom Fenster des Zimmers konnte man zielgenau auf die Fenster des Dienstzimmers der Nordhäuser Bürgermeister blicken. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Barbara Rinke damals schon zielgenau in Richtung dieser Fenster blickte. Aus heutiger Sicht und damit 20 Jahre später könnte ich in die Versuchung kommen zu sagen: Sie hatte dieses Ziel genau vor Augen. Sie war vermutlich schon damals eine Strategin, die sich lieber mit dem dritten Zug beschäftigt als mit dem ersten. Das soll, auch das wissen wir, für eine politische Karriere nicht unbedingt schädlich sein.
Damals führte Barbara Rinke die Geschäfte des familiären Autohauses am Altentor, dort wo ihre Wurzeln liegen. Und sie kümmerte sich um ihre große Familie. Sie kümmerte sich aber auch schon um Nordhausen, in der Stadtverordnetenversammlung. Und sie kümmerte sich um die Sozialdemokratie. Und genau in dieser Reihenfolge sollte und wollte sie in den kommenden Jahren ihre dienstlich-kommunalpolitischen Prioritäten setzen. Erst die Stadt, dann die Partei. Und über allem die Familie.
Die politischen Gegner unterschätzten die Frau bei den Wahlen zum Oberbürgermeisteramt 1994. Was kann schon eine Hausfrau?”, war ein Slogan, an den ich mich erinnere. Die Nordhäuser sahen das freilich anders. Sie wollten Amtsinhaber Dr. Manfred Schröter nicht mehr, sie wollten jemand anderen. Ob das Barbara Rinke war, ich wollte mich vor 18 Jahren nicht festlegen und kann es auch heute nicht. Doch in einer Stichwahl gibt es nur zwei Kandidaten, gibt es nur einen Verlierer und eine Gewinnerin.
Den Wahlsieg am 26. Juni 1994 feierte Barbara Rinke nicht in irgendeinem Partei”lokal oder einer Geschäftsstelle, sondern im Garten ihres Hauses - mit Freunden. Dabei waren auch solche, die sich nachträglich mit dem Titel Weltmeister der Unterschätzung” rühmen konnten. Im Stadtrat übernahm die neue Oberbürgermeisterin sofort die Sitzungsleitung, ein erstes Achtungszeichen. Konzentration der Macht, die richtige Züge machen - Schachspiel in Perfektion.
Knapp ein Jahr später das Aufräumen in den Stadtwerken, Anzeigen, Entlassungen, Verfahren und Gerichtsurteile. Jetzt kannten alle die vermeintliche Hausfrau - auch im Rathaus gab es mit einer Beurlaubung in der Chefetage diese Duftmarken. Aus dieser schlimmen Zeit lernte aber auch Barbara Rinke. Vertraue nur wenigen, am meisten dir selbst - das war von nun an gelebte Philosophie. Und vergiss nie, was Du bist: Nordhäuserin! Ihr und den Vertrauten ist es zu verdanken - blickt man zurück - dass diese Stadt nahezu alles in eigenen Händen hält, was für die Grundversorgung der Menschen unabdinglich ist. Wasser, Abwasser, Energie, ÖPNV, Theater, Bildung. Einst um diesen Starrsinn belächelt, blicken viele der einst Lächelnden mit Neid in den Norden Thüringens. Hätten sie damals an den fünften Zug auf dem Schachbrett der Politik gedacht. Hätten...
Die Zeichen, die Barbara Rinke setze, waren und sind nicht nur in der Politik vor Ort zu finden. Wenn die Stadt Nordhausen ein Unternehmen wäre, dann müsste ich zum Insolvenzgericht gehen”. Mit diesem Satz, ausgesprochen Anfang dieses Jahrtausends, sorgte die Nordhäuserin für Aufruhr. Sie machte aber schon damals auf die finanzielle Situation der Kommunen aufmerksam. Und sie machte in der Kirche auf sich aufmerksam. Still und leise nach außen, zielgerichtet und mit Power nach innen. Am 23. Mai 2003 wurde die Frau aus Nordhausen zum Präses der evangelischen Kirche in Deutschland gewählt. Natürlich in einer Kampfabstimmung.
LGS-Eröffnung (Foto: nnz)
Nordhausen hat sich in den nun fast 18 Jahren verändert. Es gab viele Momente, die es aufzuzählen gilt, zwei der wichtigsten: Fachhochschule etabliert, Landesgartenschau (Foto) durchgeführt. Die Durchführung der Schau war eigentlich das Sekundäre, die Umgestaltung der kompletten Innenstadt - das ist das Nachhaltige. Barbara Rinke hat das nicht alles allein gemacht, so wie sie schon mal die Wandfliesen an einem bestimmten Bau aussucht oder sich in die architektonische Gestaltung von Investitionen einmischt. Barbara Rinke hat in ihrem Job, in den sie nach 1994 noch zweimal wieder gewählt wurde, die richtigen Zeichen erkannt, die richtigen Momente genutzt und die richtigen Netzwerke gesponnen. Und da war es ihr egal - welcher Partei ein Netzwerkpartner” angehörte: Erst die Stadt, dann die Partei. Züge machen.Einmal jedoch hat sie ihre Intuition verlassen. In Ilfeld, als die SPD zwischen Richard Dewes und Christoph Matschie befinden sollte. Da wollte sich sich nicht zum Steigbügelhalter der SED-Nachfolger machen lassen, obwohl sie den 2006er Wahlkampf eben gerade mit diesen SED-Nachfolgern gewonnen hatte. Ein Ausrutscher? Kaum zu glauben.
Dieses Zitat jedoch und ein stürmischer Kommunalwahlkampf 2009 waren es, die erste Löcher in die einst akribisch gesponnenen Netze rissen. Im Stadtrat lief es danach nicht mehr rund. Sie verlor die Sitzungsleitung - Steuerungsverlust. Einmal brach sie fast zusammen, als ihr Fahnenflucht vorgeworfen wurde. Es waren jedoch familiäre Gründe, warum sie einer Stadtratssitzung fernblieb. An diesem einen kurzen Moment wurde sichtbar, dass sowohl die Stadt als auch die Partei nur die zweite Liga” darstellen. Über allem steht die Familie - damals vor fast 20 Jahren, als wir uns kennenlernten, danach in den vielen persönlichen und dienstlichen Gesprächen, machte sie das immer wieder deutlich.
Heute wird Barbara Rinke 65 Jahre alt, übermorgen wird offiziell gratuliert. Dieses Lebensalter bringt es mit sich, dass sie in den Ruhestand gehen muss. Ob sie das mit Freude macht? Die Antwort ist sie mir noch schuldig geblieben. Das Loslassen von der Macht ist schwer, sehr schwer. Jeder muss damit selbst fertig werden, auch Barbara Rinke. Ihre Kritiker sagen natürlich: Es wird Zeit. Vielleicht haben sie damit nicht ganz Unrecht. Ein Stratege muss und wird auch erkennen, wenn die Zeit des Loslassen gekommen ist.
Fast 18 Jahre hat Barbara Rinke den Menschen dieser Stadt gedient, hat den Auftrag, den man ihr dreimal gegeben hat, mehr als erfüllt. Und wenn sie bislang immer erzählte, dass sie als Nordhäuserin jeden Winkel, zum Beispiel in der Altstadt, kennt, dann kann sie künftig ihren Enkeln erzählen: Das habe ich mit entschieden, das sind meine Spuren.
Vor der Frau ziehe ich mit großem Respekt den Hut, obwohl wir nicht immer einer Meinung waren. Das geht einfach nicht in den beiden Berufen, die wir ausüben. Sie hat in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten das unbeschreibliche Glück gehabt, einen Job nicht nur einfach auszuüben können, sondern sie konnte gestalten. Und das ist in diesem Maße, in dieser Unmittelbarkeit nicht vielen Menschen vergönnt.
Peter-Stefan Greiner
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