So, 09:49 Uhr
25.02.2001
Insolvenzverwalter informierte Deusa-Belegschaft
Bleicherode (nnz). Die Gespräche, die Carsten Bloss am Freitagnachmittag in Frankfurt am Main mit der Deutschen Verkehrsbank (DVB) führte, brachten keine Ergebnis. Die Bank als Hauptgläubigerin ist nicht bereit, die Schulden des Bleicheröder Betriebes zu übernehmen. Nicht die jetzigen und auch nicht die künftigen Verbindlichkeiten. 400.000 Mark Verluste im Monat, das ist schon ein ordentlicher Batzen. Das alles offerierete der Insolvenzverwalter den Bleicherödern. Er berichtete auch, dass das Land Thüringen rund 80.000 Mark zur Verfügung stellt, um die Energiekosten bis zum Montag zu begleichen. Wäre die Finanzspritze vom Land nicht gekommen, hätte die Anlage bereits am Wochenende heruntergefahren werden müssen. So ist die Galgenfrist bis zum Montag verlängert worden. Sollte es am Rosenmontag keine Einigung geben, dann werde Carsten Bloss das Signal zum Runterfahren geben müssen. Nach seinen Worten werde das Bundeskanzleramt vermutlich noch einmal Druck auf die Deutsche Verkehrsbank ausüben, doch ob hier die erhofften Ergebnisse kommen, bleibt ungewiß.Ein echtes Interesse scheint die Hauptgläubigerin der Deusa nicht zu haben. Tagelang, wenn nicht sogar schon wochenlang erzähle man Bloss, dass man mit anderen Interessenten verhandele, man wolle ihm jedoch keine Namen nennen. Ein solches Verhalten wäre ihm in seiner zehnjährigen Tätigkeit noch nicht vorgekommen. Das "Spiel" der DVB ist im höchsten Maße unseriös. So ist das Geldinstitut nicht nur Grundschuldgläubigerin, sondern hat sich auch pfandbrieflich die Rechte an dem Produktionsverfahren gesichert. Die Zusammenhänge scheinen noch klarer, wenn man bedenkt, daß ein Großteil der Anlagen in Bleicherode geleast sind. Leasinggeber soll hier die DG-Bank sein, die wesentliche Anteile an der DVB hält. Und bei dieser Konstellation scheint auch wieder die Kali und Salz GmbH in Kassel ins Spiel zu kommen. Da soll es zwar nach dem Kanzlerbesuch in Nordhausen ein Angebot zur Übernahme des Giganten an den Winzling in Bleicherode gegeben haben, doch sowohl Insolvenzverwalter als auch ehemalige Geschäftsleitung betrachteten und betrachten dieses Angebot als nicht verbindlich. Aus Branchenkreisen wird dem zugestimmt. Warum soll das Unternehmen aus Kassel an einer Übernahme - trotz kartellrechtlicher Bedenken - interessiert sein? Handelt es sich doch bei der Deusa um einen Mitbewerber auf dem Kalimarkt. Warum setzte und setzt vermutlich das Bundeskanzleramt immer wieder auf "K + S"? Werden da Parallelen zum Fall Bischofferode möglich? Auch hier ist ein Blick auf "Beziehungen" ratenswert. So agieren im jetzigen Bundeswirtschaftsministerium hohe Beamte, die bis 1998 im Wirtschaftsministerium in Hannover das Sagen hatten. Und zwischen diesem Ministerium und der Konzernzentrale gibt es fest verwurzelte Bande. Auch das Konstrukt zwischen der Deutschen Verkehrsbank und Kali und Salz ist nicht von der Hand zu weisen. Der vermutlich größte Kunde das DVB ist seit Jahren die Deutsche Bahn AG. Die wiederum ist vor allem im Bereich des Güterverkehrs auf verläßliche Partner angewiesen. Ein solcher ist "K + S". Das Unternehmen setzt nach wie vor auf den Transport seiner Produkte auf die Schiene. Hier sollten Abhängigkeiten nachgefragt werden. Auch von der Gewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie.
Aus Bankenkreisen wurde jetzt bekannt, daß die DVB das Kreditgeschäft mit der Deusa nicht so gepflegt haben soll, wie es der Gesetzgeber vorschreibt. Warum hat die Bank noch im vergangenen Jahr von der Deusa als ihrem "Goldschätzchen" gesprochen? Warum hat man sich im Januar nicht rechtzeitig um das "Schätzchen" gekümmert? Am 11. Januar trat Carsten Bloss seinen Job in Sachen Deusa an. Einen Tag später schrieb er die Gäubigerbanken an, drei Tage danach waren die ersten Vertreter in Bleicherode. Warum benötigte die DVB fast zwei Wochen, um den Weg zu ihrem nicht mehr so glänzenden Schatz nach Bleicherode zu finden? Die Deusa ist nämlich nicht erst seit Anfang 2001 ein Verlustgeschäft. Nach nnz-Recherchen wurde bereits 1999 und im Jahr 2000 ein negatives Betriebsergebnis von vier Millionen Mark eingefahren. Das allerdings sei der Bank in Frankfurt nicht bekannt gewesen.
Bis zum Montag können die Bleicheröder ihren Energiekosten noch begleichen. Die SPD-Landtagsabgeordnete Dagmar Becker begrüßte gegenüber nnz diesen Schritt der Landesregierung, forderte zugleich aber die Ausweitung des Engagements. Bis Ende der Woche müsse das Land die Energiekosten übernehmen, diese Zeit sei zum Verhandeln einfach nötig, so Becker. Kommt in dieser Woche kein Signal aus Frankfurt, Berlin oder Erfurt, dann wird die Anlage abgefahren, erst einmal kontrolliert. Hält dieser Zustand weiter, dann ist die Produktion endgültig erledigt. Auf den Steuerzahlen kommen für den Bleicheröder Schacht in den Jahren darauf Verwahrkosten in Höhe von 40 Millionen Mark zu. Und der Kaligigant aus Kassel hat einen Konkurrenten weniger. Die Bereinigung der Kalilandschaft in Nordthüringen könnte dann in Kassel und Berlin für immer zu den Akten gelegt werden.

