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Di, 06:37 Uhr
15.11.2011

nnz-Forum: Der I-Punkt auf dem Harz

Im nächsten Jahr werden die Harzer Schmalspurbahnen 125 Jahre alt. Wir hatten darüber in der vergangenen Woche ausführlich berichtet. Anmerkungen dazu von einem Leser der nnz...

Die HSB unterwegs (Foto: privat) Die HSB unterwegs (Foto: privat)
Ein Zug der HSB verlässt am 15.01.2011 den Bahnhof Netzkater. Die Bere führt Hochwasser, an diesem Tag beträgt ihr Wasserstand sagenhafte 1,95 Meter.

Ich weiß noch, wie ich nach der Wende Fotos von den Neubaudampfloks schoss, weil ich dachte, es könnten die letzten Fotos von ihnen sein. Schließlich wollte die DDR schon den Dampfbetrieb bis Anfang der 90-er Jahre einstellen. Die auf Schmalspur umgerüsteten Dieselloks der (ich glaube) DR-Baureihe 110 waren 1990 schon bedrohlich oft im Harz zu sehen. Dabei passten sie so gar nicht zu den kleinen Schmalspurwagen! Als dann die Phase der Privatisierung der Harzer Schmalspurstrecken kam, hatte ich wieder Angst.

Denn ich erinnere mich noch gut, dass mit einem Mal Geschäftemacher aus dem Westen mit Dollarzeichen in den Augen auf der Bildfläche erschienen, die bis auf die "sich rechnende" Brockenstrecke alle anderen stillegen wollten. Auf der Brockenstrecke sollte eine Art Schnellriebwagen verkehren, der so viel wie möglich und so oft wie möglich Touristen auf den höchsten Berg Norddeutschlands kutschieren sollte. Ich glaube, ein Herr Giesecke handelte sich damals einen besonders zwielichten Ruf in diesem Sinne ein. Eine Zeitlang spielte auch das Verkehrsministerium in Sachsen-Anhalt eine nicht ganz klare Rolle, was die Zukunft des größten dampflokbetriebenen Bahnnetzes Europas angeht.

Um so glücklicher war ich dann, als sich Thüringen und Sachsen-Anhalt und die Kreise Nordhausen, Wernigerode sowie Quedlinburg auf die Sicherung der Bahn als technisches Denkmal verständigten. Endlich, sagte ich mir damals!

Heute gehören die schnaubenden Dampfrösser für mich immer noch zu einer gelungenen Harzwanderung. Sie sind mir so wichtig, dass mich selbst mein ökologisches Gewissen jedesmal im Stich lässt, wenn ich einer "99" begegne, ja wenn ich sie nur höre. Zu DDR-Zeiten fuhren wir öfters mit dem ersten Zug früh nach Drei-Annen-Hohne, um zu den Zeterklippen zu wandern - weil diese nur 1,8 km vom Brockengipfel entfernt liegen und man von dort sogar die Fensterkreuze im Brockenhotel sehen konnte.

Zwischen Elend und Sorge standen wir und meine Schulkameraden stets mit einer Flasche Bier auf der Plattform, - und wenn an einer Stelle der Brocken zu sehen war, prosteten wir uns laut und provokant zu - wohlgemerkt mitten in der No-Go-Area Sperrgebiet. Wenn dann die Trapo kam (=Transportpolizei) um unsere "Personaldokumente" zu kontrollieren, wussten wir natürlich warum.

Die Fahrt mit der Harzquerbahn früh um 6:50 mit dem ersten Zug in den Hochharz mit dem ersehnten Brockenblick, stets gleich hinter der schnaufenden Lok, war für uns ein winziges Stück Provokation. Dies führte zu mehreren Verhören im Bahnhof Drei-Annen, zum Entzug einer Wanderkarte (weil auf dieser die Staatsgrenze nicht eingezeichnet war) und schließlich zu meiner Einbestellung beim stellvertretenden Direktor der EOS Wilhelm-von-Humboldt, Jochmann, der mir im Interesse eines sicheren Studienplatzes "empfahl", nicht mehr hinauf zu fahren.

Die Harzer Schmalspurbahnen haben alle gesellschafts- und ökonomisch bedingten Schwierigkeiten gemeistert. Gott sei Dank trafen die jeweils Regierenden immer die richtige Entscheidung. Dass die DDR die Bahn trotz ihres grenznahen Verlaufes nie stillgelegt hat, wundert mich auch heute manchmal noch. Dabei hätte sie in den 70-er Jahren sogar wirtschaftliche Argumente dafür zur Genüge ins Feld führen können. So weit ich weiß, fuhren die Loks zunächst mit teurer, zu importierender Steinkohle.

Es folgte die Umstellung auf die für die Lokomotiven eher schädliche Ölhauptfeuerung und dann kam die Ölkrise Anfang der 70-er. Dennoch wurde die Bahn 1974 zum Technischen Denkmal erklärt und wieder auf Kohlefeuerung, dann wohl mit heimischer Braunkohle, umgerüstet. Eine Verwandter von mir aus der Oscar-Cohn-Straße rümpft noch heute die Nase, wenn er an den damit verbundenen ständigen Qualm denkt. Das Wichtigste aber war: Die Bahn blieb erhalten!

Dabei dürfte gewiss sein: Hätte die Harquer- und Brockenbahn in der damaligen BRD ihre Heimat gehabt, hätte sie das Jahr 1990 wohl kaum erlebt und wenn, dann schon gar nicht mit dem personalintensiven und technisch aufwändigen Dampfbetrieb. Sie wäre viel zu unwirtschaftlich gewesen.

Wenn ich dann mitunter auf dem Zug saß und westdeutschen Fahrgästen die Strecke erklärte, war ich mitunter genau aus den genannten Gründen sogar stolz darauf, DDR-Bürger zu sein. Sie kamen, weil sie im Westen zwar sonst alles hatten, eine PLANMÄßIG mit Dampfloks betriebene Schmalspurbahn aber hatten sie schon seit den 60-er Jahren nicht mehr - und schon gar nicht in dem Zustand einer scheinbar stehengebliebenen Zeit.
Ich wünsche der HSB weitere 125 Jahre - unter Dampf!
Bodo Schwarzberg
Autor: nnz

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