Sa, 15:42 Uhr
12.11.2011
Erinnern an Hagelstange
Wie die nnz bereits gemeldet hat, erinnert die Geburtsstadt Rudolf Hagelstanges mit einer eigens anlässlich seines 100. Geburtstages zusammengestellten Publikation an den Autor. In dieses Lesebuch wurden Auszüge aus seinen Werken aufgenommen, die aus unterschiedlichen Schaffens-etappen stammen. Es ist klar, dass Texte zu entdecken sind, die Bezug zu Nordhausen und zum Harz enthalten. Der Einband stammt von Karin Kisker. Dazu ein Beitrag von nnz-Autorin Heidelore Kneffel...
Erinnern an Hagelstange (Foto: privat)
Begonnen hat dieses reichhaltige Leben in Nordhausen in der Moltkestraße 4 (Oscar-Cohn-Straße). Der Geburtsort mit seiner vom Harzraum und Kyffhäusergebirge geprägten Umgebung war ihm zeitlebens präsent. Ich war im Kriege und in den Jahren davor weit herumgekommen in Europa. Aber hier lag mein Wurzelgrund. Als Schüler war er nicht von besonderem Fleiß, aber er besaß sportliches Ansehen vor allem im Stabhochsprung. Auf dem Gebiet der Literatur allerdings fühlte er sich früh zu Hause, gewann das Preisausschreiben einer Tageszeitung und wurde Volontär an der Nordhäuser Zeitung, bestand 1939 in Berlin auf der Reichpresseschule den Abschluss als Schriftleiter.
Im Krieg war er Kriegsberichterstatter in Frankreich, dann in Italien. Der entscheidende Schritt in Richtung Dichtung gelang ihm 1944. Als 32jähriger Soldat verfasste er in Venedig, Breganze und Verona 35 Sonette. Eine mit dem Verlagswesen vertraute Bekannte vermittelte den Kontakt zu dem aus Weimar stammenden anerkannten Drucker, Buchgestalter und Typographen Johannes (Giovanni) Madersteig in Verona. Nach sehr kurzer Bedenkzeit bot dieser den sofortigen Druck auf eigenes Risiko auf seiner Handpresse an und im April 1945 hielt der Dichter das auf Fabriano-Papier gedruckte, taubenblau gebundene Buch in der Hand.
So begann der literarische Erfolg Hagelstanges mit dem Venezianische Credo, denn 1946 wurden die Sonette als Beginn der Nachkriegserscheinungen im Insel-Verlag in Wiesbaden und Leipzig für ein größeres Publikum herausgegeben. Und es lebt vergebens, wer dies nicht hat: ein freies Leben, ein eigen Lied und seines Herzens Glauben.
Im Herbst 1945 kehrte Hagelstange für kurze Zeit an seinen Geburtsort zurück. Er beschrieb dies in der Erzählung Heimkehr nach Nordhausen und in dem Gedicht Schwermütig Lied aus dem Lyrikband Strom der Zeit. Darin setzte er seiner Heimatstadt und allen zerbombten Städten ein ergreifendes Denkmal. Das Schicksal der gegen Ende des Krieges zerstörten Vaterstadt beschrieb er auch tief ergriffen in der Meersburger Elegie.
Hagelstange zog mit seiner Frau Carola, geb. Dittel, einer Ausdrucks-Tänzerin, und den beiden kleinen Töchtern in das Schulte-Haus Vor dem Hagentor 2, dem jetzigen Käthe-Kollwitz-Haus. Der Geschichte des Hauses und seiner Bewohner wird er 1981 und 1983, also zum Ende seines Lebens hin, ein literarisches Denkmal setzen mit den zwei Romanbänden Das Haus und Der Niedergang.
Ein demokratisches Deutschland musste entstehen. Ein Schritt dahin sollte die Schaffung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung sein. Am 17. 12. 1945 gründete sich in Nordhausen diese Vereinigung und Hagelstange trug aus seinem Venezianischen Credo vor, mit dem er damals in allen Besatzungszonen auf Lesereise war. Er wurde zum Vorsitzenden der Nordhäuser Kulturbundgruppe gewählt, Johannes R. Becher trug ihm dann den Vorsitz des Kulturbundes in Thüringen an. Er lehnte ab und gab seine Funktion auch in Nordhausen im Frühsommer 1946 ab.
Hagelstange verfasste in diesem ersten Nachkriegsjahr in Nordhausen zahlreiche Theaterrezensionen, initiierte eine Rilkelesung, schrieb in der Tagespresse über den Aufenthalt der Käthe Kollwitz in der Stadt am Harz, organisierte im Kulturbund einen Abend als Zwiegespräch, eine Auswahl von Briefen deutscher Humanisten. Er begann in Nordhausen über die begnadete Bildhauerin der kleinen Plastik, Renée Sintenis, zu schreiben, die in der Zeit des Nationalsozialismus ungenannt und schweigend im feindlichen Umfeld arbeitete.
Von ihr stammt der bronzene Bär, der auf der Autobahn (Avus) die nach Berlin Kommenden begrüßt und der auch zum Logo und zur Auszeichnungsplastik der Film-Biennale in der deutschen Hauptstadt wurde. Diese Künstlerin ist dann auch eine der Persönlichkeiten, die Hagelstange in dem Band Menschen und Gesichter würdigt, in dem er 31 in verschiedenen Berufungen wirkende Zeitgenossen vorstellt.
Im Herbst 1946 verließ Hagelstange Nordhausen und siedelte in die westlichen Besatzungszonen um. Er lebte dann als freier Schriftsteller, Dichter und Herausgeber in Westfalen, am Bodensee, im Elsass und im Odenwald.
Hagelstange liebte das Reisen, er war ein großer Beobachter der Menschen, ihres Lebens und der Landschaften in den unterschiedlichen Ländern. Als Kind war es das Reisen zum Großvater in den Unterharz, als Jugendlicher Touren im Faltboot nach Südeuropa und dann nach dem Krieg Aufenthalte auf allen Kontinenten als Journalist und lesereisender Autor. In der DDR war er eine Unperson. So konnte er 1978 nur illegal nach Nordhausen reisen. Es entstand Der sächsische Großvater.
Griechenland hatte es Hagelstange besonders angetan. Als literarische Produkte entstanden Ägäischer Sommer und die Romane Spielball der Götter über den trojanischen Prinzen Paris, und Der große Filou über den griechischen Helden und Abenteurer Odysseus.
Hagelstange war auch ein begnadeter Übersetzer und Nachdichter (Aesop, Leonardo da Vinci, Boccacio, Pablo Neruda), mehrfach arbeitete er mit bildenden Künstlern zusammen, z. B. im Gespräch über Bäume mit dem Holzschneider HAP Grieshaber und in Die Elemente, Die Nacht, Balthasar mit Frans Masereel.
Seine Sportbegeisterung zeigt er als Chronist der Olympischen Spiele von Rom 1960 und von Tokio 1964. Als Repräsentant der bundesdeutschen Schriftsteller nahm er 1961 an der Feier zum 100. Geburtstag des großen indischen Schriftstellers Rabindranath Tagore teil.
Resümierend ist zu sagen, dass Rudolf Hagelstange ein breitgefächertes Werk an Gedichten, Romanen, Erzählungen, Reiseberichten, Kinderbüchern und Essays hinterließ, er beherrschte die deutsche Sprache und die unterschiedlichen literarischen Formen meisterhaft. Deshalb wurde er mehrfach ausgezeichnet.
In Nordhausen gab es nach 1990 Ausstellungen über ihn und sein Werk, z. B. im Meyenburgmuseum und in der Galerie im Waisenhaus. Letztere anlässlich seines 80. Geburtstages im Januar 1992, als auch eine Porträtbüste von einer Abordnung der Stadt Hanau an die Stadt übergeben wurde, die in der Stadtbibliothek steht, die seinen Namen trägt. Der Bildhauer ist Albrecht Glenz (I907-1990), aus Erbach/Odenwald gebürtig, wo Rudolf Hagelstange begraben wurde.
Heidelore Kneffel
Autor: nnz
Erinnern an Hagelstange (Foto: privat)
Begonnen hat dieses reichhaltige Leben in Nordhausen in der Moltkestraße 4 (Oscar-Cohn-Straße). Der Geburtsort mit seiner vom Harzraum und Kyffhäusergebirge geprägten Umgebung war ihm zeitlebens präsent. Ich war im Kriege und in den Jahren davor weit herumgekommen in Europa. Aber hier lag mein Wurzelgrund. Als Schüler war er nicht von besonderem Fleiß, aber er besaß sportliches Ansehen vor allem im Stabhochsprung. Auf dem Gebiet der Literatur allerdings fühlte er sich früh zu Hause, gewann das Preisausschreiben einer Tageszeitung und wurde Volontär an der Nordhäuser Zeitung, bestand 1939 in Berlin auf der Reichpresseschule den Abschluss als Schriftleiter.Im Krieg war er Kriegsberichterstatter in Frankreich, dann in Italien. Der entscheidende Schritt in Richtung Dichtung gelang ihm 1944. Als 32jähriger Soldat verfasste er in Venedig, Breganze und Verona 35 Sonette. Eine mit dem Verlagswesen vertraute Bekannte vermittelte den Kontakt zu dem aus Weimar stammenden anerkannten Drucker, Buchgestalter und Typographen Johannes (Giovanni) Madersteig in Verona. Nach sehr kurzer Bedenkzeit bot dieser den sofortigen Druck auf eigenes Risiko auf seiner Handpresse an und im April 1945 hielt der Dichter das auf Fabriano-Papier gedruckte, taubenblau gebundene Buch in der Hand.
So begann der literarische Erfolg Hagelstanges mit dem Venezianische Credo, denn 1946 wurden die Sonette als Beginn der Nachkriegserscheinungen im Insel-Verlag in Wiesbaden und Leipzig für ein größeres Publikum herausgegeben. Und es lebt vergebens, wer dies nicht hat: ein freies Leben, ein eigen Lied und seines Herzens Glauben.
Im Herbst 1945 kehrte Hagelstange für kurze Zeit an seinen Geburtsort zurück. Er beschrieb dies in der Erzählung Heimkehr nach Nordhausen und in dem Gedicht Schwermütig Lied aus dem Lyrikband Strom der Zeit. Darin setzte er seiner Heimatstadt und allen zerbombten Städten ein ergreifendes Denkmal. Das Schicksal der gegen Ende des Krieges zerstörten Vaterstadt beschrieb er auch tief ergriffen in der Meersburger Elegie.
Hagelstange zog mit seiner Frau Carola, geb. Dittel, einer Ausdrucks-Tänzerin, und den beiden kleinen Töchtern in das Schulte-Haus Vor dem Hagentor 2, dem jetzigen Käthe-Kollwitz-Haus. Der Geschichte des Hauses und seiner Bewohner wird er 1981 und 1983, also zum Ende seines Lebens hin, ein literarisches Denkmal setzen mit den zwei Romanbänden Das Haus und Der Niedergang.
Ein demokratisches Deutschland musste entstehen. Ein Schritt dahin sollte die Schaffung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung sein. Am 17. 12. 1945 gründete sich in Nordhausen diese Vereinigung und Hagelstange trug aus seinem Venezianischen Credo vor, mit dem er damals in allen Besatzungszonen auf Lesereise war. Er wurde zum Vorsitzenden der Nordhäuser Kulturbundgruppe gewählt, Johannes R. Becher trug ihm dann den Vorsitz des Kulturbundes in Thüringen an. Er lehnte ab und gab seine Funktion auch in Nordhausen im Frühsommer 1946 ab.
Hagelstange verfasste in diesem ersten Nachkriegsjahr in Nordhausen zahlreiche Theaterrezensionen, initiierte eine Rilkelesung, schrieb in der Tagespresse über den Aufenthalt der Käthe Kollwitz in der Stadt am Harz, organisierte im Kulturbund einen Abend als Zwiegespräch, eine Auswahl von Briefen deutscher Humanisten. Er begann in Nordhausen über die begnadete Bildhauerin der kleinen Plastik, Renée Sintenis, zu schreiben, die in der Zeit des Nationalsozialismus ungenannt und schweigend im feindlichen Umfeld arbeitete.
Von ihr stammt der bronzene Bär, der auf der Autobahn (Avus) die nach Berlin Kommenden begrüßt und der auch zum Logo und zur Auszeichnungsplastik der Film-Biennale in der deutschen Hauptstadt wurde. Diese Künstlerin ist dann auch eine der Persönlichkeiten, die Hagelstange in dem Band Menschen und Gesichter würdigt, in dem er 31 in verschiedenen Berufungen wirkende Zeitgenossen vorstellt.
Im Herbst 1946 verließ Hagelstange Nordhausen und siedelte in die westlichen Besatzungszonen um. Er lebte dann als freier Schriftsteller, Dichter und Herausgeber in Westfalen, am Bodensee, im Elsass und im Odenwald.
Hagelstange liebte das Reisen, er war ein großer Beobachter der Menschen, ihres Lebens und der Landschaften in den unterschiedlichen Ländern. Als Kind war es das Reisen zum Großvater in den Unterharz, als Jugendlicher Touren im Faltboot nach Südeuropa und dann nach dem Krieg Aufenthalte auf allen Kontinenten als Journalist und lesereisender Autor. In der DDR war er eine Unperson. So konnte er 1978 nur illegal nach Nordhausen reisen. Es entstand Der sächsische Großvater.
Griechenland hatte es Hagelstange besonders angetan. Als literarische Produkte entstanden Ägäischer Sommer und die Romane Spielball der Götter über den trojanischen Prinzen Paris, und Der große Filou über den griechischen Helden und Abenteurer Odysseus.
Hagelstange war auch ein begnadeter Übersetzer und Nachdichter (Aesop, Leonardo da Vinci, Boccacio, Pablo Neruda), mehrfach arbeitete er mit bildenden Künstlern zusammen, z. B. im Gespräch über Bäume mit dem Holzschneider HAP Grieshaber und in Die Elemente, Die Nacht, Balthasar mit Frans Masereel.
Seine Sportbegeisterung zeigt er als Chronist der Olympischen Spiele von Rom 1960 und von Tokio 1964. Als Repräsentant der bundesdeutschen Schriftsteller nahm er 1961 an der Feier zum 100. Geburtstag des großen indischen Schriftstellers Rabindranath Tagore teil.
Resümierend ist zu sagen, dass Rudolf Hagelstange ein breitgefächertes Werk an Gedichten, Romanen, Erzählungen, Reiseberichten, Kinderbüchern und Essays hinterließ, er beherrschte die deutsche Sprache und die unterschiedlichen literarischen Formen meisterhaft. Deshalb wurde er mehrfach ausgezeichnet.
In Nordhausen gab es nach 1990 Ausstellungen über ihn und sein Werk, z. B. im Meyenburgmuseum und in der Galerie im Waisenhaus. Letztere anlässlich seines 80. Geburtstages im Januar 1992, als auch eine Porträtbüste von einer Abordnung der Stadt Hanau an die Stadt übergeben wurde, die in der Stadtbibliothek steht, die seinen Namen trägt. Der Bildhauer ist Albrecht Glenz (I907-1990), aus Erbach/Odenwald gebürtig, wo Rudolf Hagelstange begraben wurde.
Heidelore Kneffel


