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Mo, 06:25 Uhr
07.11.2011

Menschenbilder (26)

Aus dem Ende November erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.

Pater Tobias Titulaer OSB (OHCC)

Bestattungshaus HÖFER

„Das weiß ich auch nicht und es ist auch meine Frage“, antwortet Pater Tobias Titulaer einer jungen Mutter, die im Sterben liegt auf ihre verzweifelte Frage, wie Gott es zulassen könne, dass sie drei gesunde Kinder geboren habe und diese nun nicht mehr ins Leben begleiten dürfe. Und er fügt hinzu: „Vielleicht ist dies auch die Frage Gottes, zumindest ist es die Frage seines Sohnes Jesus am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Auch diese Frage wird nie beantwortet.

Tobias Titulaer ist wichtig, den existentiellen Fragen von Menschen nicht mit vorschnellen Lösungen oder Antworten zu begegnen, die weder stimmen noch helfen. Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß er, dass theologische Antworten nur dann hilfreich sein können, wenn sie ins konkrete Leben eingebunden sind und dass es im Leben viele Situationen gibt, auf die wir Menschen mit unserem Verstand keine sinnvolle Antwort geben können. Vielfach ist es dann wichtig, gemeinsam diese Fragen auszuhalten und allmählich zu lernen, damit zu leben.

1962 am Niederrhein geboren, wuchs Tobias Titulaer dort auf und absolvierte nach der mittleren Reife eine Lehre zum Koch im Gästecasino des Philips-Konzerns. Schon damals engagierte er sich in der Freizeit häufig in der Kirchengemeinde und begann, sich immer mehr für eine seelsorgliche Arbeit zu interessieren. „Obwohl ich die Möglichkeit, in der Gastronomie mit Menschen umgehen zu können, sehr schätze, empfand ich sie in diesem Bereich zunehmend als oberflächlich“, sagt er. „Ich sah und sehe meine Aufgabe mehr darin, Menschen in ihren Grenzerfahrungen des Lebens zu begleiten.“

Tobias Titulaer machte 1984 das Abitur und studierte anschließend in Münster und Bochum Theologie. Wichtige Erfahrungen machte er in den folgenden Jahren im Benediktinerkloster Königsmünster in Meschede im Sauerland, wo er 1993 die Priesterweihe empfing.

Während dieser Zeit bildete er sich pastoralpsychologisch fort und war zehn Jahre lang als Klinikseelsorger in einer onkologischen Spezialklinik tätig. Seine Glaubens- und Lebenserfahrung wurde dadurch entscheidend geprägt. „Wenn ich im Alltag mitunter auf Menschen treffe, die sich über Kleinigkeiten aufregen, dann würde ich ihnen am liebsten sagen: ‚Begleitet mich einen Tag lang, dann relativieren sich viele Eurer Probleme.‘“ Das Wissen, dass unsere Lebenszeit nicht unendlich ist, dass wir unser Leben weder verschieben noch vertagen können, wurde ihm während dieser Jahre bewusster denn je.

„Mein Glaube ist in dieser Zeit gewachsen und gereift, weil er geerdet worden ist, weil er mehr und mehr von der schwebenden Theorie im Studium wegkam und sich mit konkretem Inhalt des menschlichen Lebens füllte und weil er den jeweiligen Krisen standhalten musste, sich damit veränderte und wandelte“, sagt er rückblickend. Als persönliche Konsequenz aus diesen tiefen Erfahrungen konvertierte Tobias Titulaer im Jahre 2001 von der Römisch Katholischen Kirche zur Altheilig Katholischen Kirche (OHCC). Mit den Worten: „Die Römisch Katholische Kirche wurde mir zu eng. Sie hält sich oftmals mehr an Gesetzen von Menschenhand fest als dass sie sich am Leben und Wirken Jesu orientiert und von dessen Geist leiten lässt. Sie hat vielfach Angst, sich dem Leben zu zuwenden und wirklich bei den Menschen und ihren Fragen und Sorgen zu sein“, begründet er seine Entscheidung.

Die Übernahme des Bestattungshauses HÖFER in Nordhausen war für ihn dann eine logische Folge dieses persönlichen Erkenntnis- und Entwicklungsprozesses und gleichzeitig eine große Herausforderung. Das traditionsreiche Unternehmen wurde im Jahre 1871 gegründet und war jahrzehntelang mit dem Namen Karl Höfer verbunden: „Karl Höfer war menschlich und körperlich eine eindrucksvolle Erscheinung. Er hat viele Nordhäuser bestattet und hat in der langen Zeit seines Wirkens tiefe Einblicke in ihr Leben und in ihre innere Befindlichkeit erlangt. Er war einfach eine Persönlichkeit und ein Original in Nordhausen“, weiß Tobias Titulaer aus Erzählungen.

Er fühlt sich der Tradition seines Vorgängers daher besonders verpflichtet und fügt ihr zugleich einige neue Aspekte hinzu. Diese haben ihren Ursprung meist in alten Traditionen, in Zeiten, wo der Tod noch mitten ins Leben gehörte und nicht verdrängt wurde. Als eine Voraussetzung für den ihm so wichtigen „bewussten Abschied“ von einem Verstorbenen sieht er konkret das Herausholen des Todes und der Trauer aus den unpersönlichen, kalten und sterilen Fliesenhallen vieler Friedhöfe. „Die Menschen benötigen Raum und Zeit für ihre Trauer, um so den Tod mehr und mehr begreifen zu können und um mit der Trauer leben zu lernen. Denn Trauer ist nicht einfach nach einer gewissen Zeit vorbei oder - wie man so schön sagt - überwunden. Dabei ist die Zeit zwischen dem Tod eines lieben Angehörigen und dessen Beisetzung enorm wichtig, denn hier werden die Grundpfeiler gelegt oder eben auch nicht für den Trauerweg und damit für das Begreifen des Todes.“

In Thüringen dürfen Verstorbene nach dem Gesetz 48 Stunden zu Hause bei ihren Angehörigen verbleiben und darüber hinaus sind Genehmigungen möglich. Da dies heute vielfach auf Grund der Gegebenheiten nicht möglich ist, hat er in seinem circa 150 Jahre alten Haus an der Promenade Abschiedsräume eingerichtet, wo Trauernde inmitten einer würdevollen Umgebung so lange ihrem Verstorbenen nahe sein können, wie sie es wünschen. „Jede Trauer ist individuell. Ich sehe eine meiner Aufgaben darin, von den Menschen zu erfahren, wie und wo sie trauern möchten und sie in diesen Wünschen mit allen Kräften und Möglichkeiten zu begleiten.“

Ein „vertrauter Raum“, so Tobias Titulaer, könne durchaus beispielsweise ein großer alter Baum im Garten sein, unter dem der Verstorbene zu Lebzeiten gern gesessen habe. „Warum dann nicht dort auch die Verabschiedung?“ fragt er. Die Trauerfeier für einen anderen Verstorbenen organisierte das Bestattungshaus HÖFER auf einem Campingplatz, als dessen Verwalter dieser jahrelang tätig gewesen war. Die Erfahrungen, die Tobias Titulaer während seiner Zeit in der onkologischen Klinik aus zahlreichen Gesprächen mit kranken und auch sterbenden Menschen und deren Familien gewann, bringt er in seine Tätigkeit als Bestattungsunternehmer tagtäglich ein.

„Dort habe ich vielfach gehört, wie sich Menschen ihren Abschied wünschen und ich habe diesen mit ihnen zusammen geplant. Doch leider wurde oft nichts davon umgesetzt. Wie aber jeder Mensch ein Original ist, so hat es jeder verdient und ist es wert, einerseits würdevoll und andererseits individuell und seinem Wesen entsprechend verabschiedet zu werden.“

In Nordhausen engagiert sich der Unternehmer weit über seine unmittelbaren Aufgaben als Bestatter hinaus: So gründete er den gemeinnützigen Verein TrauerWelten, der es sich zur Aufgabe macht, regelmäßig und über längere Zeiträume trauernde Menschen auf ihrem oft sehr schweren und auch einsamen Weg durch die Trauer auf vielfältige Weise zu begleiten. In Seminaren unter seiner Leitung sprechen Menschen über ihre ganz persönliche Trauer und bekommen Rat und Hilfestellungen. Allein die Erkenntnis, ‚ich bin nicht verrückt, das ist ganz normal so‘, wirkt für viele dabei schon befreiend und wohltuend. „Der unmittelbare Kontakt zu den Trauernden ist mir ganz besonders wichtig“, sagt er.

Zweimal jährlich organisiert Tobias Titulaer in der Trauerhalle des Bestattungshauses HÖFER eine Gedächtnisfeier, in der sich Hinterbliebene an ihre verstorbenen Angehörigen erinnern, ihnen eine Kerze entzünden und ihren Gedanken bei Text und Musik nachgehen können. Allsommerlich lädt er zu einem Konzert in den Garten des Bestattungshauses unter dem Motto „Lass Deiner Seele Blüten wachsen“ ein. Verschiedene Kinder- und Jugendgruppen der Kreismusikschule unter der Leitung von Daniela Heise geben diesem Nachmittag seine Prägung.

Neben der Begleitung trauernder Menschen steht der Unternehmer als Supervisor in der Deutschen Gesellschaft für Supervision als Coach Menschen zur Verfügung, die mit den Extremsituationen des Lebens umgehen müssen (Notfallbegleiter, Seelsorger, Ärzte, Hospizdienst, Bestatter, Pfleger, Krankenschwestern etc.), um deren berufliche und ehrenamtliche Kompetenz zu erweitern. Zudem ist es ihm wichtig, seine eigenen Erfahrungen als Seelsorger, Bestatter und Unternehmer durch Supervision und Coaching weiterzugeben an Menschen in Personalverantwortung.

Sie führen und leiten nicht selten Menschen, die durch unterschiedliche Trauer und Leid blockiert sind. Lebenskrisen in der Arbeitswelt behindern Mitarbeiter oft über Monate, sogar Jahre. „Aufgrund unbewältigter Trauer belasten Spannungen, Krankheiten und vieles mehr das Betriebsklima, führen unter Umständen zu Abmahnungen und Kündigungen, die durch eine konstruktive Supervision vermieden werden können“, weiß Tobias Titulaer aus vielen Begleitungen. Dabei ist ihm die über 1500 Jahre alte Lebensregel des Heiligen Benedikt vielfach ein hilfreicher Maßstab.

Auch auf einem weiterem Gebiet setzte Tobias Titulaer in Nordhausen Maßstäbe: In engem Kontakt mit dem Krankenhaus und der Stadt konnte er seine Initiative von einem Feld auf dem Hauptfriedhof verwirklichen, wo so genannte nichtmeldepflichtige Totgeburten beigesetzt werden können. Unter „nicht meldepflichtigen Totgeburten‘ sind Föten mit einem Gewicht von weniger als 500 Gramm zu verstehen. Die kleinen Särge stellt das Krankenhaus zur Verfügung, während der Verein TrauerWelten die Beisetzung organisiert und Tobias Titulaer die Familien auf dem schweren Weg auf Wunsch begleitet. Die betreffende Fläche auf dem Friedhof wird von seinen Mitarbeitern gestaltet und gepflegt, eine Bindung der Grabpflege an die übliche 20-jährige Frist besteht nicht.

Tobias Titulaer weiß aus seiner seelsorgerischen Arbeit nur zu gut, dass sich Eltern nicht selten Vorwürfe machen, wenn sie später einmal keinen Ort kennen oder haben, an dem sie ihr ungeborenes Kind betrauern, ja, wo sie ihm ganz einfach nahe sein können. Nun gibt es in Nordhausen einen Ort dafür. „Den Tod zu begreifen und Wege durch die Trauer aufzuzeigen, darin sehe ich meine wichtigste Aufgabe“, sagt er. Viele seiner Gedanken und Ideen veröffentlicht er unter anderem in der Pressearbeit im Bestatterverband Thüringen, für die er zuständig ist.

Einen ganz besonderen Auftrag erhielt das Bestattungshaus HÖFER im Jahre 2005. Da Tobias Titulaer der einzige Bestattungsunternehmer im Osten Deutschlands und in nicht allzu großer Entfernung von Berlin ist, der über einen sechs Meter langen Mercedes vom Typ E-Klasse Premium-Line verfügt, durfte er dieses Fahrzeug für die Überführung des großen Entertainers, Schauspielers und Komödianten Harald Juhnke zur Verfügung stellen. Von diesem exklusiven Mercedes gibt es weltweit nur 12 Exemplare.

Immer noch gilt in der Freizeit sein Interesse dem Sport. Während des Studiums und während seiner Zeit als Mönch im Kloster in Meschede war er vielfach in Sporthallen zu finden, wo er als Volleyballschiedsrichter und auch Schiedsrichterausbilder fungierte, viele Jahre in der zweiten Bundesliga. Entspannung findet er heute besonders während der Sommermonate bei kleinen Ausflügen mit dem Cabrio. Da lässt er sich gern den Wind um den Kopf wehen und kann so Abstand von den Anforderungen des Alltags gewinnen. Zu seinen Leidenschaften zählt aber nach wie vor das Kochen und damit auch das Genießen, weiß er doch zu gut, dass man auf die letzte Reise nur das mitnehmen kann, was man gelebt und erlebt hat.

Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
Autor: nnz

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