Mo, 06:39 Uhr
24.10.2011
Menschenbilder (23)
Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.
Für Bananen habe ich mich nie angestellt. Das dauerte mir einfach zu lange, sagt Frank Kilian und ergänzt, dass es genau diese Ungeduld war, die ihn dazu motivierte, eine Eisdiele zu eröffnen. Der zündende Gedanke kam dem am 29.05.1950 in Nordhausen geborenen Unternehmer dann auch, als ihn seine Frau Annette an einem heißen Sommertag des Jahres 1985 zum Eisholen schickte. Ich wartete eine halbe Stunde, bis ich endlich an der Reihe war und der Verkäuferin meinen Thermosbehälter reichen konnte.
Aber nur meiner Familie zuliebe habe ich so lange durchgehalten, schmunzelt er. Und gleichzeitig war ihm klar, dass er nie wieder selbst so viel Zeit in einer eishungrigen Warteschlange verbringen würde: Wir machen selbst eine Eisdiele auf, lauten dann auch die ersten Worte bei seiner Heimkehr. Die von unserem Staat praktizierte Förderung des privaten Handwerks und Gewerbes, die in engem Zusammenhang mit einer immer besseren Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung steht, veranlasst mich, aus Interesse und Neigung einen Antrag auf Erlaubnis zur Ausübung eines Gewerbes zu stellen, schrieb Annette Kilian am 24.02.1986 an die Abteilung Handel und Versorgung beim Rat des Kreises Nordhausen.
Monate später, nach Ausfüllung eines entsprechenden Antragformulars, erhielt das Paar vom Rat der Gemeinde Neustadt neben der Gewerbeerlaubnis auch eine so genannte versorgungspolitische Aufgabenstellung zugesandt. Darin waren unter anderem die Öffnungszeiten, Dienstag bis Sonntag 11-19 Uhr (Montag Ruhetag) festgelegt. Der schlichte Satz, Die versorgungspolitische Aufgabenstellung tritt ab 14.04.1987 in Kraft, eröffnete den Kilians eine neue berufliche Zukunft und der Gemeinde Neustadt eine gastronomische Bereicherung. Während sich Annette Kilian fortan vor allem um den Verkauf kümmerte, stand ihr Ehemann während der Saison an der Eismaschine.
Diese lief fast immer an der Grenze ihrer Belastbarkeit: Bis zu fünf Zentner der edlen Speise wanderten an Spitzentagen in Eisbomben bzw. in die Mägen der Wartenden. Nur die Kilians mussten nun tatsächlich nicht mehr in der Schlange stehen.
Die beruflichen Interessen von Frank Kilian jedoch waren noch wenige Jahrzehnte zuvor auf ganz andere Ziele gerichtet. Und er hatte erfahren, was es in der DDR bedeuten konnte, gegen deren Dogmen zu verstoßen: Nach seinem Abitur mit integrierter Berufsausbildung zum Maurer plante er ein Studium des Bauwesens, was ihm jedoch versagt blieb. Stattdessen erhielt er schließlich die Zusage für Ökonomie des Bauwesens an der Technischen Universität Dresden. Doch statt nach vier Jahren ein Diplom zu erhalten, wurde er im Jahre 1970 ebenfalls in Dresden zu einem Jahr und acht Monaten Haft wegen versuchter Republikflucht verurteilt.
Doch schon Jahre zuvor war er in das Visier des MfS geraten. Denn nachdem Frank Kilian während seiner gelegentlichen Arbeit in einer Druckerei auf Adressen junger Leute aus verschiedenen Ländern des nichtsozialistischen Auslands gestoßen war, hatten er und mehrere seiner Kommilitonen rege Briefkontakte zu ihnen aufgebaut. Er selbst schrieb sich vorzugsweise mit jungen Frauen aus den USA, Kenia, Finnland, Australien und dem Libanon. Die Folgen waren gravierend: Ein Freund und eine Studentin wurden wegen diskreditierender Äußerungen in den Briefen verhaftet.
Frank Kilian und ein weiterer Freund hielten daraufhin die Enge im ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden nicht mehr aus. Längst hatte sie durch die Briefkontakte in eine für sie unerreichbare Welt das Fernweh gepackt. Sie planten eine heimliche Reise in die Freiheit, die den Sicherheitsorganen jedoch keineswegs verborgen blieb. Ein Kommilitone verriet die beiden an die Staatssicherheit. Was folgte, waren Exmatrikulation, Untersuchungshaft, Verhöre, Gerichtsverhandlung und Haft.
Im Fall von Frank Kilian hatte die Staatsmacht ihr Ziel erreicht. Denn unter dem Eindruck des Gefängnisses machte er sich die Grundhaltung vieler anderer Menschen zu Eigen: Ich sagte mir, dass ich mit den Wölfen heulen muss, um voranzukommen. Man lernte in der Haft, doppelzüngig zu reden. Ich versuchte mich anzupassen, zumal ich auch weiterhin von der Stasi beobachtet wurde, sagt er. Er arbeitete zunächst als Maurer im VEB Baureperaturen und dann im Kreisbaubetrieb Nordhausen und verbrachte seinen Wehrdienst am NVA-Standort Mühlhausen. Bei Einsätzen im damaligen Sperrgebiet verzichteten seine Vorgesetzten allerdings auf seine Teilnahme. Im Jahre 1974 ließ man Frank Kilian in Gotha Tiefbau studieren.
Später folgte ein Postgradualstudium auf dem Gebiet der Gebäudewerterhaltung. Anfang der 80-er Jahre entschloss sich der junge Ingenieur auch zum Eintritt in die SED. Es ging nicht weiter in meiner Entwicklung, aber ich wollte gern weiterkommen. Da bin ich ganz ehrlich. Ich habe mich nicht als Märtyrer gesehen. Eine Grenze wäre von mir in der Partei aber niemals überschritten worden: Niemals hätte ich einen anderen Menschen geschadet, begründet er seine Entscheidung. Damit war für ihn der Weg frei zu einer Zukunft bei der Kommunalen Wohnungsverwaltung Nordhausen, wo er zwischen 1977 und 1988 Positionen vom technischen Mitarbeiter bis hin zum Produktionsdirektor bekleidete. Schließlich unterstanden ihm der Bautrupp, die Bauvorbereitung und das Rekobüro für die Sanierung der zahlreichen baufälligen Häuser in der Rolandstadt.
Und er geriet in neue Konflikte: Nicht selten hatte ich Weisung, Parteifunktionäre besser zu versorgen, als andere Bürger. In ihnen zugedachten Wohnungen sollten wir die Bäder fliesen und massive Decken einziehen, was sonst kaum üblich war, sagt er. – Dieser Konflikt war ein weiterer Beweggrund für ihn, nach einer anderen beruflichen Zukunft zu suchen, die ihren Niederschlag letztlich in der Gewerbeanmeldung für die Eisbar Kilian fand.
Diese eröffnete er im Rüdigsdorfer Weg 8, wo bereits die Familie seines Vaters, des Zimmermanns Richard Kilian, gewohnt hatte. Zunächst planten die Kilians nur einen einfachen Straßenverkauf. Der Anbau, heute ein gemütliches Eiscafé, war damals noch offen. Als problematisch erwies sich zunächst auch die Beschaffung der für die Eisherstellung unabdingbaren Eismaschinen. Doch dem findigen Unternehmer halfen seine Kontakte weiter: Eines der Geräte erhielt er aus einer geschlossenen Eisdiele in Salza und zwei ursprünglich als Testfreezer genutzte Exemplare über einen Freund aus dem VEB Kältetechnik Niedersachswerfen.
Ab 14.4.1987 standen die Menschen bei schönem Wetter vor dem Rüdigsdorfer Weg 8 nach Vanille-, Schoko-, Erdbeer- und Himbeereis Schlange. Zudem bot die Familie, damals eine Besonderheit, Eis aus jeweils zwei dieser Sorten an. Kundenfreundlich und zugleich unternehmerisch gedacht waren die Tische, an denen die Gäste schon bald Platz nehmen konnten. Während sie ihre Eisbecher genossen, warteten ihre gefüllten Eisbomben in einer Kühltruhe bis zu ihrem Gang nach Hause. Dadurch konnten Annette und Frank Kilian ihren Umsatz weiter erhöhen.
Dem diente auch eine weitere Verbesserung: Normalerweise hatten wir nur zwischen April und Oktober Saison. Anschließend machten wir Urlaub. Um unseren Kunden länger im Jahr den Kauf von Eis und die Einkehr bei uns zu ermöglichen, schlossen wir den bis dahin noch offenen Anbau und installierten eine Heizung. Dadurch verlängerte sich die Saison bis Ende November, sagt der Unternehmer.
Die Wende hat Frank Kilian ausgesprochen begrüßt: Ich besuchte in Nordhausen zahlreiche Demonstrationen und war bewegt, wie kritisch und offen sich manche Menschen über ihre Vergangenheit äußerten, sagt er. Bereits im September 1989 hatte er sein Parteibuch abgegeben.
Die großen Erwartungen der Familie an die neue Zeit wurden jedoch gleich 1990 dramatisch enttäuscht. Der Umsatz brach um 90 Prozent ein. Wir hatten massive Existenzangst und dachten über die Schließung der Eisbar nach, sagt er. Dass er diese schwere Entscheidung schließlich doch nicht treffen musste, hatte seine Ursache in einer Erweiterung des bisherigen Angebots: Eis und Gastronomie hieß das neue Zauberwort. Fortan erwartete die Menschen im Rüdigsdorfer Weg 8 neben Eis nun auch Kaffee und Kuchen sowie zahlreiche Gerichte der deutschen Küche. Aus der Eisbar Kilian entstand so Kilian’s Landgasthaus Zur Herrenwiese.
Einen gewaltigen Schritt nach vorn bedeuteten auch die neuen, hochmodernen Eisfreezer: Die verbrauchten so wenig Strom und Wasser, dass wir allein dadurch Zins und Tilgung begleichen konnten, erklärt Frank Kilian. 1991 kehrten die Gäste allmählich zurück. In den folgenden Jahren erweiterte und modernisierte die Familie ihre Gaststätte beträchtlich. Heute laden 75 Plätze im Innen- und 37 im Außenbereich zum Verweilen ein. Neben den bereits erwähnten gastronomischen Angeboten, haben sie heute zwischen mindestens 20 natürlich im Haus hergestellten Eissorten die Qual der Wahl. Trotz der großen Auswahl gehen wie früher Vanille, Schoko und Erdbeer am besten. Auch Joghurt-Eis läuft gut, sagt er.
Neben zwei Köchen stehen eine Mitarbeiterin sowie zwei Halbtagskräfte im Eiscafé in Lohn und Brot.
Damit wäre eigentlich alles gut im Rüdigsdorfer Weg 8: Doch im Jahre 2000 wurde die Familie erneut von einem Schicksalsschlag betroffen, als Anette Kilian einen Schlaganfall erlitt: Meine Frau hatte bis dahin den Hauptanteil am Eisverkauf und an der Arbeit in der Küche. Täglich buk sie damals für unsere Gäste Kuchen. Zudem befand sich damals gerade unsere hauseigene Bowlingbahn im Bau. Der Ausfall meiner Frau war ein schwerer Rückschlag, sagt Frank Kilian. Um das Geschäft zu erhalten, war die Einstellung von Mitarbeitern unausweichlich, was zu deutlich gesteigerten Ausgaben führte.
Ganz besonders dankbar sind Annette und Frank Kilian daher ihrer Tochter Melanie, die aus Verbundenheit mit ihren Eltern und aus Pflichtgefühl 2006, mit erst 24 Jahren, die Geschäftsführung übernahm.
Zur Familie gehört außerdem Sohn Michael (geb. 1976), der vier Jahre lang die Aufsicht über die Bowlingbahn hatte. Melanie bescherte ihren Eltern underdessen mit dem heute fünfjährigen Cedric ein Enkelkind.
Frank Kilian schätzt das große touristische Potential seines Heimatortes Neustadt und sieht das bisher auf diesem Gebiet Erreichte durchaus positiv. Allerdings wünscht er sich eine größere Auswahl an unterschiedlichen Hotels und mehr Angebote für junge Leute.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
Autor: nnzFrank Kilian, Annette Kilian
Kilian’s Landgasthaus Zur Herrenwiese, 99762 NeustadtFür Bananen habe ich mich nie angestellt. Das dauerte mir einfach zu lange, sagt Frank Kilian und ergänzt, dass es genau diese Ungeduld war, die ihn dazu motivierte, eine Eisdiele zu eröffnen. Der zündende Gedanke kam dem am 29.05.1950 in Nordhausen geborenen Unternehmer dann auch, als ihn seine Frau Annette an einem heißen Sommertag des Jahres 1985 zum Eisholen schickte. Ich wartete eine halbe Stunde, bis ich endlich an der Reihe war und der Verkäuferin meinen Thermosbehälter reichen konnte.
Aber nur meiner Familie zuliebe habe ich so lange durchgehalten, schmunzelt er. Und gleichzeitig war ihm klar, dass er nie wieder selbst so viel Zeit in einer eishungrigen Warteschlange verbringen würde: Wir machen selbst eine Eisdiele auf, lauten dann auch die ersten Worte bei seiner Heimkehr. Die von unserem Staat praktizierte Förderung des privaten Handwerks und Gewerbes, die in engem Zusammenhang mit einer immer besseren Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung steht, veranlasst mich, aus Interesse und Neigung einen Antrag auf Erlaubnis zur Ausübung eines Gewerbes zu stellen, schrieb Annette Kilian am 24.02.1986 an die Abteilung Handel und Versorgung beim Rat des Kreises Nordhausen.
Monate später, nach Ausfüllung eines entsprechenden Antragformulars, erhielt das Paar vom Rat der Gemeinde Neustadt neben der Gewerbeerlaubnis auch eine so genannte versorgungspolitische Aufgabenstellung zugesandt. Darin waren unter anderem die Öffnungszeiten, Dienstag bis Sonntag 11-19 Uhr (Montag Ruhetag) festgelegt. Der schlichte Satz, Die versorgungspolitische Aufgabenstellung tritt ab 14.04.1987 in Kraft, eröffnete den Kilians eine neue berufliche Zukunft und der Gemeinde Neustadt eine gastronomische Bereicherung. Während sich Annette Kilian fortan vor allem um den Verkauf kümmerte, stand ihr Ehemann während der Saison an der Eismaschine.
Diese lief fast immer an der Grenze ihrer Belastbarkeit: Bis zu fünf Zentner der edlen Speise wanderten an Spitzentagen in Eisbomben bzw. in die Mägen der Wartenden. Nur die Kilians mussten nun tatsächlich nicht mehr in der Schlange stehen.
Die beruflichen Interessen von Frank Kilian jedoch waren noch wenige Jahrzehnte zuvor auf ganz andere Ziele gerichtet. Und er hatte erfahren, was es in der DDR bedeuten konnte, gegen deren Dogmen zu verstoßen: Nach seinem Abitur mit integrierter Berufsausbildung zum Maurer plante er ein Studium des Bauwesens, was ihm jedoch versagt blieb. Stattdessen erhielt er schließlich die Zusage für Ökonomie des Bauwesens an der Technischen Universität Dresden. Doch statt nach vier Jahren ein Diplom zu erhalten, wurde er im Jahre 1970 ebenfalls in Dresden zu einem Jahr und acht Monaten Haft wegen versuchter Republikflucht verurteilt.
Doch schon Jahre zuvor war er in das Visier des MfS geraten. Denn nachdem Frank Kilian während seiner gelegentlichen Arbeit in einer Druckerei auf Adressen junger Leute aus verschiedenen Ländern des nichtsozialistischen Auslands gestoßen war, hatten er und mehrere seiner Kommilitonen rege Briefkontakte zu ihnen aufgebaut. Er selbst schrieb sich vorzugsweise mit jungen Frauen aus den USA, Kenia, Finnland, Australien und dem Libanon. Die Folgen waren gravierend: Ein Freund und eine Studentin wurden wegen diskreditierender Äußerungen in den Briefen verhaftet.
Frank Kilian und ein weiterer Freund hielten daraufhin die Enge im ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden nicht mehr aus. Längst hatte sie durch die Briefkontakte in eine für sie unerreichbare Welt das Fernweh gepackt. Sie planten eine heimliche Reise in die Freiheit, die den Sicherheitsorganen jedoch keineswegs verborgen blieb. Ein Kommilitone verriet die beiden an die Staatssicherheit. Was folgte, waren Exmatrikulation, Untersuchungshaft, Verhöre, Gerichtsverhandlung und Haft.
Im Fall von Frank Kilian hatte die Staatsmacht ihr Ziel erreicht. Denn unter dem Eindruck des Gefängnisses machte er sich die Grundhaltung vieler anderer Menschen zu Eigen: Ich sagte mir, dass ich mit den Wölfen heulen muss, um voranzukommen. Man lernte in der Haft, doppelzüngig zu reden. Ich versuchte mich anzupassen, zumal ich auch weiterhin von der Stasi beobachtet wurde, sagt er. Er arbeitete zunächst als Maurer im VEB Baureperaturen und dann im Kreisbaubetrieb Nordhausen und verbrachte seinen Wehrdienst am NVA-Standort Mühlhausen. Bei Einsätzen im damaligen Sperrgebiet verzichteten seine Vorgesetzten allerdings auf seine Teilnahme. Im Jahre 1974 ließ man Frank Kilian in Gotha Tiefbau studieren.
Später folgte ein Postgradualstudium auf dem Gebiet der Gebäudewerterhaltung. Anfang der 80-er Jahre entschloss sich der junge Ingenieur auch zum Eintritt in die SED. Es ging nicht weiter in meiner Entwicklung, aber ich wollte gern weiterkommen. Da bin ich ganz ehrlich. Ich habe mich nicht als Märtyrer gesehen. Eine Grenze wäre von mir in der Partei aber niemals überschritten worden: Niemals hätte ich einen anderen Menschen geschadet, begründet er seine Entscheidung. Damit war für ihn der Weg frei zu einer Zukunft bei der Kommunalen Wohnungsverwaltung Nordhausen, wo er zwischen 1977 und 1988 Positionen vom technischen Mitarbeiter bis hin zum Produktionsdirektor bekleidete. Schließlich unterstanden ihm der Bautrupp, die Bauvorbereitung und das Rekobüro für die Sanierung der zahlreichen baufälligen Häuser in der Rolandstadt.
Und er geriet in neue Konflikte: Nicht selten hatte ich Weisung, Parteifunktionäre besser zu versorgen, als andere Bürger. In ihnen zugedachten Wohnungen sollten wir die Bäder fliesen und massive Decken einziehen, was sonst kaum üblich war, sagt er. – Dieser Konflikt war ein weiterer Beweggrund für ihn, nach einer anderen beruflichen Zukunft zu suchen, die ihren Niederschlag letztlich in der Gewerbeanmeldung für die Eisbar Kilian fand.
Diese eröffnete er im Rüdigsdorfer Weg 8, wo bereits die Familie seines Vaters, des Zimmermanns Richard Kilian, gewohnt hatte. Zunächst planten die Kilians nur einen einfachen Straßenverkauf. Der Anbau, heute ein gemütliches Eiscafé, war damals noch offen. Als problematisch erwies sich zunächst auch die Beschaffung der für die Eisherstellung unabdingbaren Eismaschinen. Doch dem findigen Unternehmer halfen seine Kontakte weiter: Eines der Geräte erhielt er aus einer geschlossenen Eisdiele in Salza und zwei ursprünglich als Testfreezer genutzte Exemplare über einen Freund aus dem VEB Kältetechnik Niedersachswerfen.
Ab 14.4.1987 standen die Menschen bei schönem Wetter vor dem Rüdigsdorfer Weg 8 nach Vanille-, Schoko-, Erdbeer- und Himbeereis Schlange. Zudem bot die Familie, damals eine Besonderheit, Eis aus jeweils zwei dieser Sorten an. Kundenfreundlich und zugleich unternehmerisch gedacht waren die Tische, an denen die Gäste schon bald Platz nehmen konnten. Während sie ihre Eisbecher genossen, warteten ihre gefüllten Eisbomben in einer Kühltruhe bis zu ihrem Gang nach Hause. Dadurch konnten Annette und Frank Kilian ihren Umsatz weiter erhöhen.
Dem diente auch eine weitere Verbesserung: Normalerweise hatten wir nur zwischen April und Oktober Saison. Anschließend machten wir Urlaub. Um unseren Kunden länger im Jahr den Kauf von Eis und die Einkehr bei uns zu ermöglichen, schlossen wir den bis dahin noch offenen Anbau und installierten eine Heizung. Dadurch verlängerte sich die Saison bis Ende November, sagt der Unternehmer.
Die Wende hat Frank Kilian ausgesprochen begrüßt: Ich besuchte in Nordhausen zahlreiche Demonstrationen und war bewegt, wie kritisch und offen sich manche Menschen über ihre Vergangenheit äußerten, sagt er. Bereits im September 1989 hatte er sein Parteibuch abgegeben.
Die großen Erwartungen der Familie an die neue Zeit wurden jedoch gleich 1990 dramatisch enttäuscht. Der Umsatz brach um 90 Prozent ein. Wir hatten massive Existenzangst und dachten über die Schließung der Eisbar nach, sagt er. Dass er diese schwere Entscheidung schließlich doch nicht treffen musste, hatte seine Ursache in einer Erweiterung des bisherigen Angebots: Eis und Gastronomie hieß das neue Zauberwort. Fortan erwartete die Menschen im Rüdigsdorfer Weg 8 neben Eis nun auch Kaffee und Kuchen sowie zahlreiche Gerichte der deutschen Küche. Aus der Eisbar Kilian entstand so Kilian’s Landgasthaus Zur Herrenwiese.
Einen gewaltigen Schritt nach vorn bedeuteten auch die neuen, hochmodernen Eisfreezer: Die verbrauchten so wenig Strom und Wasser, dass wir allein dadurch Zins und Tilgung begleichen konnten, erklärt Frank Kilian. 1991 kehrten die Gäste allmählich zurück. In den folgenden Jahren erweiterte und modernisierte die Familie ihre Gaststätte beträchtlich. Heute laden 75 Plätze im Innen- und 37 im Außenbereich zum Verweilen ein. Neben den bereits erwähnten gastronomischen Angeboten, haben sie heute zwischen mindestens 20 natürlich im Haus hergestellten Eissorten die Qual der Wahl. Trotz der großen Auswahl gehen wie früher Vanille, Schoko und Erdbeer am besten. Auch Joghurt-Eis läuft gut, sagt er.
Neben zwei Köchen stehen eine Mitarbeiterin sowie zwei Halbtagskräfte im Eiscafé in Lohn und Brot.
Damit wäre eigentlich alles gut im Rüdigsdorfer Weg 8: Doch im Jahre 2000 wurde die Familie erneut von einem Schicksalsschlag betroffen, als Anette Kilian einen Schlaganfall erlitt: Meine Frau hatte bis dahin den Hauptanteil am Eisverkauf und an der Arbeit in der Küche. Täglich buk sie damals für unsere Gäste Kuchen. Zudem befand sich damals gerade unsere hauseigene Bowlingbahn im Bau. Der Ausfall meiner Frau war ein schwerer Rückschlag, sagt Frank Kilian. Um das Geschäft zu erhalten, war die Einstellung von Mitarbeitern unausweichlich, was zu deutlich gesteigerten Ausgaben führte.
Ganz besonders dankbar sind Annette und Frank Kilian daher ihrer Tochter Melanie, die aus Verbundenheit mit ihren Eltern und aus Pflichtgefühl 2006, mit erst 24 Jahren, die Geschäftsführung übernahm.
Zur Familie gehört außerdem Sohn Michael (geb. 1976), der vier Jahre lang die Aufsicht über die Bowlingbahn hatte. Melanie bescherte ihren Eltern underdessen mit dem heute fünfjährigen Cedric ein Enkelkind.
Frank Kilian schätzt das große touristische Potential seines Heimatortes Neustadt und sieht das bisher auf diesem Gebiet Erreichte durchaus positiv. Allerdings wünscht er sich eine größere Auswahl an unterschiedlichen Hotels und mehr Angebote für junge Leute.
Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.

