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Mi, 06:40 Uhr
22.06.2011

Menschenbilder (2)

Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.

Uwe Rollfinke

Über „Helden in Latzhosen“ schrieb ein Anzeigenblatt am 24. März 2010 in einem großen Artikel und meinte damit den Chef und die 35 Mitarbeiter einer der ältesten Firmen der Rolandstadt Nordhausen. Denn seit genau 125 Jahren steht der Name Rollfinke für beste handwerkliche Qualität auf dem Gebiet Sanitär. Uwe Rollfinke (geboren am 20.03.1960 in Nordhausen) ist sich dieser Tradition bewusst, haben seine Vorfahren doch das Geschäftsleben in der alten Stadt am Harz nicht unwesentlich mit geprägt. Und Rudolph Rollfinke, der Gründer des Familienbetriebes, wäre gewiss stolz auf seinen Urenkel, wenn er miterleben könnte, dass dieser und seine Mitarbeiter heute bundesweit modernste Technik installieren, und damit sein Lebenswerk auch in der vierten Generation auf höchstem handwerklichen Niveau fortsetzen. Die Geschichte der Firma ist damit zu dem ein Spiegelbild der rasanten Entwicklung von Technik und Service in den vergangenen fast 13 Jahrzehnten.

Ihren Anfang nahm die Firmengeschichte im Jahre 1885 mit einem kleinen Laden für Gaslampen im Haus Altendorf 10. Weitere Leistungen bot Rudolph Rollfinke in den Gewerken Klempnerei und Sanitär an, was u. a. die Installation von Dachrinnen, Fallrohren und natürlich auch der gasbetriebenen Lampen, einschloss. Während er mit seinen Mitarbeitern vor Ort beim Kunden tätig war, stand seine Ehefrau Wilhelmine Rollfinke im Altendorfer Geschäft, und verkaufte gasbetriebene Lampen und Geräte an die Lauf- und Stammkundschaft. Als der Sohn von Rudolph Rollfinke, Rudolf Rollfinke d. Ä. das Geschäft im Jahre 1929 übernahm, hatte längst der Strom in den Alltag der Weimarer Republik Einzug gehalten, und auch die Leistungen des Nordhäuser Familienbetriebes revolutioniert.

Statt Gasleuchten standen nun neben Haushaltwaren vor allem Elektrolampen in den Regalen, während das Gas nun zunehmend als Energieträger für den Betrieb von Gasheizungen Verwendung fand. Die schwere Kriegszeit überstand das Unternehmen unbeschadet, wenngleich es auf Grund der Gefangenschaft von Rudolf Rollfinke d. Ä. Ende der 40-er Jahre kurzzeitig geschlossen bleiben musste. Als erster Heizungs- und Sanitärbetrieb der Region baute er in den 50er-Jahren Gasdurchlauferhitzer, was im Vergleich mit der bis dahin üblichen Nutzung der Braunkohle für die Warmwassergewinnung erneut eine technische Revolution bedeutete.

Rudolf Rollfinke d. J., der Vater des heutigen Inhabers, übernahm das Geschäft von seinem Vater im Jahre 1961. Für ihn gehörte die Installation von Elektro- und Gasheizern zum üblichen Standard. Die Kunden, die den Laden im Haus Altendorf 10 aufsuchten, wurden nach dem Krieg jahrzehntelang von Uwe Rollfinkes Mutter, Sigdrud Rollfinke, bedient. Gemeinsam mit ihrem Ehemann prägte sie das Ansehen des nach wie vor privat geführten Handwerksbetriebes entscheidend.

Der Enteignung durch die damaligen Machthaber konnte Rudolf Rollfinke zu Beginn der 70er Jahre nur durch seine Einwilligung entgehen, sich fortan als Kommissions-Geschäft der HO führen zu lassen. Da er sich stets mit großem Engagement darum bemühte, die oft genug raren Produkte für seine Kunden direkt beim Hersteller zu erwerben, verfügte der Betrieb im Vergleich zu den rein staatlichen Verkaufsstellen stets über eine ausgesprochen reiche Angebotspalette. Mit seinen durchschnittlich fünf bis acht Mitarbeitern installierte Rudolf Rollfinke Heizungssysteme und Bäder, beschäftigte sich nach wie vor mit Dachklempnerei, ja selbst Rohrleitungen verlegte er. Zunehmend wurde der Familienbetrieb mit seiner Leistungsfähigkeit dabei für staatliche Einrichtungen, wie Schulen, Kindergärten und Verwaltungseinrichtungen unentbehrlich.

30 Prozent seiner Aufträge betrafen jedoch weiterhin den privaten Bereich. Dennoch ließ ihn die DDR gern spüren, dass sie ihn nur zähneknirschend als „Kapitalisten im Sozialismus“ duldete. „Eines Tages zum Bespiel war mein Vater mit einem Gesellen gerade auf dem Dach der Diesterweg-Schule beschäftigt, als plötzlich ein Vertreter der Stadt auftauchte. Er forderte den Meister auf, sich sofort um den defekten Wasseranschluss einer kinderreichen Familie zu kümmern“, sagt der heutige Inhaber. Als Rudolf Rollfinke entgegnete, dass die Arbeiten an dem offenen Dach der Schule wegen drohender Niederschläge keinerlei Aufschub duldeten, drohte der Behördenmitarbeiter sofort: „Wenn Sie nicht in spätestens einer Stunde bei der Familie sind, verlieren Sie ihre Gewerbeerlaubnis!“

Die Stadt untersagte es Rudolf Rollfinke übrigens auch, Lehrlinge auszubilden. Gesellen dürfte er zwar einstellen, aber nur dann, wenn er diese nachweislich schlechter bezahlte, als dies in staatlichen Betrieben üblich war. Uwe Rollfinke wuchs gewissermaßen zwischen Gasdurchlauferhitzern, Rohrleitungen und Wasserhähnen auf. Als Kind half er seinem Vater beim Transport und beim Ausladen von Waren, faltete Kartons zusammen und half auch während der Ferien aktiv im Betrieb mit. „Pro Stunde gab mir mein Vater drei Mark, von denen er zwei auf mein Sparbuch einzahlte“, denkt er zurück.

Seine Kindheit und Jugend wurde vor allem vom Sport bestimmt. Im Geräteturnen wurde er mehrfach Gesamtsieger bei der Kreisspartakiade. Am liebsten turnte Uwe Rollfinke am Reck. Zeitweise war er sogar als Leistungskader und damit für ein Studium an der Sporthochschule in Blankenburg vorgesehen. Als Jugendlicher widmete er sich zunehmend dem Fußball, qualifizierte sich zum Übungsleiter und hätte theoretisch als Trainer in der DDR-Liga eingesetzt werden können. „Während dieser Zeit wurde mein Leben ausschließlich vom Sport bestimmt. An einen Eintritt in das väterliche Unternehmen dachte ich damals überhaupt nicht“, sagt er. Vielmehr verpflichtete er sich, seiner Leidenschaft entsprechend, für 25 Jahre als Sportoffizier der NVA. „Es tut uns leid! Aus gesundheitlichen Gründen können wir sie leider nicht nehmen“, wurde ihm jedoch bei der Musterung gesagt.

Dieser Satz, bei dem so mancher Jugendliche damals vor Freude in Tränen ausgebrochen wäre, stimmte Uwe Rollfinke eher traurig. Als man ihn dann lediglich als Offizier für die Luftabwehr mustern wollte, lehnte er ab. Dennoch erinnert er sich gern an die vielen erlebnisreichen Fahrten, die ihm und anderen Offiziersbewerbern damals geboten wurden. Im Zuge seiner geplanten militärischen Laufbahn absolvierte er Ende der 70er Jahre im Nordhäuser Hochbaukombinat eine Berufsausbildung zum Baufacharbeiter.

Letztlich stellte die Ablehnung als Offiziersanwärter für den jungen Mann die Weichen für eine Zukunft im väterlichen Handwerksbetrieb. Von Rudolf Rollfinke d. J. ließ er sich 1980 und 1981 zum Sanitärinstallateur ausbilden und lobt noch heute die Genauigkeit und die Strenge seines Vaters. „Das hat mich sehr geprägt und kommt mir, meinen Kunden und meinen Mitarbeitern bis heute zugute“, bekennt er. „Mein Vater legte großen Wert darauf, nicht einfach nur geradeaus zu blicken!“ Parallel war Uwe Rollfinke weiterhin als Übungsleiter Fußball für den Bezirksbereich unter dem Trägerbetrieb VEB Tabak tätig, wo er in der Abteilung Ratiomittelbau bis 1988 auch einen Arbeitsplatz hatte.

Von Anfang bis Ende des Jahres 1989 arbeitete Uwe er an der Druschba-Erdgastrasse in der damaligen Sowjetunion. Als er am 9. November 1989 besuchsweise gerade in Nordhausen weilte, kehrte er nicht wieder an die Trasse zurück. Zu sehr motivierte ihn der unerwartete Fall der Mauer, neue Wege zu gehen. Am 10. November fuhr er mit seiner Frau im Trabi kurz entschlossen nach Göttingen, wo sie von einem Bauträger auf eine Tasse Kaffee eingeladen wurden. Dieser vermittelte ihn an einen Heizungs- und Sanitärbetrieb in Duderstadt, wo er anschließend mehr als ein Jahr lang tätig war und wertvolle Erfahrungen für sein Handwerk und für die Führung eines Handwerksbetriebes in der Marktwirtschaft gewann. Alsbald erkannte er jedoch auch die Vorzüge eines ostdeutschen Handwerkers: „Ich hatte gelernt, zu improvisieren, Bleirohre selbst zu löten, und fehlende und defekte Teile zu reparieren. Meine westdeutschen Kollegen hingegen waren meist nur in der Lage, nach Bauplan zu arbeiten“, sagt er. Doch trotz seiner Fähigkeiten wurde er in Duderstadt deutlich schlechter bezahlte, als einheimische Mitarbeiter.

Zu Beginn der 90er Jahre kehrte Uwe Rollfinke nach Nordhausen zurück und eröffnete zunächst einen eigenen Heizungs- und Sanitärbetrieb, den er kurze Zeit später mit dem Unternehmen seines Vaters zusammenführte. Wendebedingt widmete sich Rudolf Rollfinke in seiner Firma, der großen Nachfrage entsprechend, verstärkt dem traditionellen Verkauf von Lampen.

Uwe Rollfinke setzte zunehmend eigene Maßstäbe. „Ich wagte beim Umgang mit Ausschreibungen ein sehr hohes Risiko und ging bis an die äußersten Grenzen des finanziell Möglichen“, denkt er zurück. Andererseits verordnete er seinem Unternehmen eine besonders effektive Arbeitsweise, wodurch es ihm gelang, qualitativ hochwertige Arbeiten auszuführen, gleichzeitig aber kostengünstig zu wirtschaften. Auf diese Weise gelang es dem Unternehmer, den Zuschlag für zahlreiche öffentliche Aufträge zu bekommen, insbesondere von der WBG und SWG. In der Stadt Nordhausen sanierte sein Betrieb nach der Wende hunderte Wohnungen, die Fachhochschule, allgemeinbildende Schulen, das Landratsamt, aber natürlich auch zahlreiche Privathäuser. Als einer der ersten Handwerksfirmen des Landkreises installierte Uwe Rollfinke moderne Brennwerttechnik. Bis zu 40 Mitarbeiter stehen bei ihm bis heute in Lohn und Brot.

1994 wurde der Unternehmer Uwe Rollfinke Meister des Gas- und Wasserinstallationshandwerks und gründete eine weitere Firma. 1998 entstand daraus die „Schöner Wohnen Wohnungsmodernisierungs GmbH“. Fünf Jahre später dann führte er beide Unternehmen zusammen.

Die unternehmerischen Risiken, die der Handwerksmeister nach der Wende einging, zahlen sich heute aus. Für die SWG und die WBG ist sein Betrieb traditionell einer der Hauptauftragnehmer. Und längst ist er bundesweit aktiv: Die Stadt Köln zum Beispiel betraut ihn seit Jahren mit Aufträgen. Auch für die Caritas und das Studentenwerk ist er dort tätig. Hinzu kommen gegenwärtig Aufträge in Wuppertal, Hofheim und Essen.

Für Uwe Rollfinke steht die ständige Beobachtung der rasanten technischen Entwicklung auf dem Gebiet der Energiegewinnung und -nutzung ebenso wie die Weitergabe der vielen neuen Möglichkeiten an seine Kunden im Zentrum seines unternehmerischen Engagements. So gibt es keinen Alternativenergiebereich, mit dem sich seine Firma nicht schon beschäftigt hätte: Solartechnik, Wärmepumpen, Pellettheizungen und vieles mehr. Und so beweisen die „Helden in Latzhosen“ auch noch nach 125 Jahren, dass sie es nicht verlernt haben, geschäftlich und technisch stets auf der Höhe ihrer Zeit zu sein.

Ohne diese Helden um Uwe Rollfinke wäre der Erfolg des Familienbetriebes schlichtweg undenkbar: Einer von ihnen ist der Heizungsinstallateur Holger Schumann, den der Chef als seine rechte Hand bezeichnet und der seit mittlerweile mehr als zehn Jahren für die Arbeitsorganisation und für die Auftragsabwicklung zuständig ist. Im Büro des neu erbauten schmucken Fachwerkhauses Kreuzen 1a (unmittelbar neben dem traditionellen Geschäftssitz), halten Brigitte Diener (Statistik / Materialwesen), Helga Busch (Angebote / Ausschreibungen) und Mona A. Grabinsky (Hauptbuchhaltung) die Stellung.

Die Lebensgefährtin von Uwe Rollfinke, Steffi Höppner, betreibt unweit der Firma ihres Mannes in der Barfüßer Straße einen Friseursalon. Zur Familie gehören drei Söhne, so dass der Fortbestand der Firma auch in den kommenden 125 Jahren gleich mehrfach gesichert ist: Patrice (30) ist Handwerksmeister und hat bei seinem Vater gelernt, Daniel (21) absolvierte eine Lehre und ist jetzt als Geselle in der Firma tätig und Robert (16) drückt gegenwärtig noch die Schulbank. Die beiden Brüder des Geschäftsinhabers hingegen sind in anderen Unternehmen beschäftigt: René Rollfinke (geb. am 10.07.1974) als Diplom-Informatiker in München und Jörg Rollfinke als Elektroinstallateur in Zorge.

Nach vollbrachtem Tagewerk widmet sich Uwe Rollfinke mit Vorliebe der Verschönerung seines Hauses oder entspannt sich auf langen Spaziergängen in der Umgebung von Nordhausen an der Seite von Bernhardinermixhündin Kim.

Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt.
Autor: nnz

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