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So, 13:25 Uhr
19.06.2011

Menschenbilder (1)

Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinden Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.

Inge und Gerhard(†) Eisenächer

Pflege der KZ-Gedenkstätte Ellrich-Juliushütte

„Ich tue das für alle, die hier ihr Leben ließen“, sagt Inge Eisenächer, die sich seit vielen Jahren um die Betreuung und um die Pflege der KZ-Gedenkstätte Juliushütte in Ellrich bemüht. Das unbeschreibliche, nicht in Worte zu fassende Grauen, das mit diesem Ort verbunden ist, und der Respekt vor den 4.000 Opfern von Juliushütte treibt die 78-jährige (geboren am 17.01.1933 in Bad Brambach) an, ja dieses schwärzeste Kapitel deutscher Geschichte und die Erinnerung daran wurde zu ihrem Lebensinhalt.

Bei Schnee und Wind, bei Hitze und Sturm – unabhängig vom jeweils herrschenden Wetter, pflegt sie das kleine Blumenbeet am Gedenkstein von Juliushütte, der auf niedersächsischer Seite steht und von der Gemeinde Walkenried errichtet wurde. Fünf frische Blumensträuße rahmen ihn ständig ein, dazu Stiefmütterchen und Eisblumen – welch ein bunter Widerspruch zu dem, was dort einst geschah. Ab Mai 1944 kamen fast 3.500 Franzosen in das Lager bei Ellrich, von denen aber nur 210 nach Frankreich zurückkehren konnten. Mit Robert Lancon waren 37 Kameraden aus dessen Heimat- und Geburtsstadt Saint Claude nach Juliushütte gebracht worden. Am 01. Mai 1945 ist er allein nach Saint Claude zurückgekehrt.

Robert Lancon hieß ein französischer Häftling, der im Alter von 19 Jahren 1944 nach Juliushütte kam. Das Lager galt unter den Häftlingen als Endstation – für ihn sollte es zu einer Hoffnung inmitten seiner täglichen Todesangst werden. Denn er hatte das unter den herrschenden Bedingungen unbeschreibliche Glück, tagsüber herauszudürfen, er durfte außerhalb des Lagers in der Ellricher Schreinerei arbeiten, in der der spätere zweite Ehemann von Inge Eisenächer, Gerhard Eisenächer (08.08.1928 bis 30.11.2007), als damals 16-jähriger beschäftigt war. Hätten sich die beiden Jungen in einer anderen Zeit kennengelernt, hätten sie vielleicht miteinander Fußball gespielt, den Mädchen nachgeschaut und Streiche ausgeführt. Über der Freundschaft, die sich zwischen ihnen entwickelte aber stand eine permanente Lebensgefahr.

Gerhard Eisenächer teilte das Essen mit Robert Lancon, der täglich mit sechs anderen Juliushütter Häftlingen, einem Polen, zwei Russen, einem Belgier, einem Sinti und einem Holländer, von der SS herangetrieben wurde. Die Schreinerei barg auf Grund der aktiven Nächstenliebe von Gerhard Eisenächer ein für ihn, seine deutschen Kollegen und seinen Chef und natürlich für die sieben Häftlinge großes, ja ein gefährliches Geheimnis. Verrat hätte für alle das Aus bedeuten können. In einem Nebenraum pflegte Gerhard Eisenächer die zerschundenen Füße seines Freundes Robert, genannt Bobby. Und gelegentlich schickte der Chef Herr Schmidt Gerhard Eisenächer mit dem Rad nach Nordhausen, um für die Häftlinge Pferdefleisch zu holen. Auch eine weitere Ellricher Einwohnerin, eine Frau Dohle, begab sich in Gefahr: Sie schob gelegentlich Brot, oder einen Topf mit Kartoffeln unter dem Zaun der Schreinerei hindurch. Welche Ironie der Geschichte: In der Schreinerei entstanden die Häftlingsbaracken für Juliushütte.

Robert Lancon überlebte das Lager. Als er es jedoch am 2. April 1945 verlassen durfte, war sein Leben noch nicht in Sicherheit. Die SS trieb ihn gemeinsam mit vielen anderen Häftlingen auf einen ihrer Todesmärsche in das hunderte Kilometer westlich gelegene KZ Bergen-Belsen. Durch Schläge und Tritte verlor Bobby auf diesem Marsch auf Leben und Tod eine seiner Nieren, seine Füße erlitten durch Gewalteinwirkung bleibende Schäden. In dem Grauen des zum Bersten überbelegten Bergen-Belsen, in dem noch einmal Tausende Menschen starben, wurde er schließlich von britischen Soldaten befreit.

37 seiner französischen Mithäftlinge aus Juliushütte erlebten diesen Tag nicht mehr. Die Erinnerung und das Gedenken an sie sollte sein zukünftiges Denken und Handeln ebenso bestimmen, wie die Freundschaft mit Gerhard Eisenächer: „Ich könnte 13 Brüder haben, aber der beste wärest Du. Denn Du hast mir das Leben gerettet“, sagte er später einmal zu ihm. Später, das bedeutete viele Jahre, denn wieder sorgte die deutsche und europäische Geschichte für Trennungen, Misstrauen, Mauer und Stacheldraht.

Gegen Liebe und Dankbarkeit aber kann keine noch so gesicherte Grenze, keine staatliche Briefsperre und keine noch so große Gefahr etwas ausrichten.

Mitte der 50-er Jahre war Gerhard Eisenächer Volkspolizist. Auf einer Gedenkveranstaltung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora hielt er gemeinsam mit anderen Uniformierten die Ehrenwache. Robert Lancon erkannte ihn sofort. Als Reiseleiter einer französischen Delegation war er nach Dora gekommen, beseelt von dem Wunsch, seinen Retter zu treffen. Er fiel dem jungen Polizisten um den Hals: „Ich bin so glücklich, dass ich Dich wiedergefunden habe“, lauteten seine ersten Worte.

Bis zu einer zweiten Begegnung sollten Jahrzehnte vergehen. Bis zur Maueröffnung gelang es Robert Lancon nur noch ein weiteres Mal, in die Quelle seiner Albträume zurückzukehren. Auch nach Ellrich durfte er bei seinem zweiten Besuch, trotz dessen Lage im grenznahen Sperrgebiet. Gerhard Eisenächer wusste von der Nähe seines Freundes nichts. „In Ellrich sagte man Bobby, Gerhard sei schon verstorben, oder weggezogen“, erfuhren die Eisenächers später von ihm.

Wenige Tage nach der Maueröffnung im Jahre 1989 hielten mehrere Busse mit französischen Kennzeichen vor der Schreinerei in der Heimstraße, in der Gerhard Eisenächer noch immer tätig war. 45 Jahre nach dem Ende seiner dortigen Zwangsarbeit stand ihm Robert Lancon plötzlich gegenüber. Eine „unglaubliche Freundschaft“, wie dieser einst formulierte, konnte endlich ihre aktive Fortsetzung finden. Trotz seiner Krebserkrankung, der er nach 20 Jahren, am 30.10.1998 erlag, suchte er den nun wieder frei zugänglichen Ort seiner schlimmsten Qual noch 48 Mal auf, 48 Mal in nur acht Jahren, stets auch bewegt von der Erinnerung an seine 37 Mithäftlinge, deren Gebeine im Juli 1999 in Juliushütte ihre ewige Ruhe fanden. Elf Angehörige und sein langjähriger Arzt nahmen Abschied von Robert Lancon. Gerhard Eisenächer richtete die letzten Worte an seinen Freund Bobby.

Die gelernte Serviererin und Textilfacharbeiterin Inge Eisenächer kam durch ihren ersten Ehemann, einem ehemaligen Offizier der Grenztruppen, 1963 nach Ellrich. Bis 1990 arbeitete sie in einer Textilfabrik und ging dann in den Vorruhestand.

Für sie und ihren zweiten Mann Gerhard Eisenächer wurden der Aufbau und die Pflege der Gedenkstätte zum Lebensinhalt. Gleich nach der Maueröffnung entfernten sie auf dem verwilderten Gelände Wurzeln und pflanzten Blumen. Nach dem Tod ihres Ehemannes im Jahre 2007 setzt Inge Eisenächer dieses Werk allein fort. „Ich weiß, dass ihr das in Ordnung haltet“, hatte Robert Lancon mal zu ihnen gesagt.

Zur Bewältigung seiner schrecklichen Ellricher Erlebnisse zählte für den Franzosen auch das Erlernen der deutschen Sprache: „Zwei Stunden täglich übte er“, erzählt Inge Eisenächer. Und jeden Sonntag um Neun telefonierte er seit der Wende mit seinem deutschen Retter. Stets sprachen sie zunächst über das, was auf ihren Frühstückstischen stand: „Ich möchte alle Malzeiten mit Dir einnehmen“, lautete die Begründung des einstigen Juliushütter Häftlings. Mehrfach besuchten Inge und Gerhard Eisenächer ihren Freund in Frankreich.

Auch zwischen beiden Familien entwickelten sich tiefe Bande, die heute, Jahre nach dem Tod beider Freunde, unvermindert bestehen und auf die nächste Generation übergingen. Hierzu trägt gewiss auch der letzte Wunsch von Robert Lancon bei: Er wollte dort seine ewige Ruhe finden, wo er seine 37 französischen Kameraden 1945 zurücklassen musste, und wo die wichtigsten Menschen seines Lebens zu Hause sind. Gerhard und Inge Eisenächer verstreuten die Asche ihres Bobbys 1998 in Juliushütte.

Das Ehepaar fand im Ellricher Bürgermeister Matthias Ehrhold eine tatkräftige Unterstützung für ihr Engagement. „Vor seiner Amtszeit war es für die französischen Besucher der Gedenkstätte und für uns oft beschämend, wenn von der Stadt niemand kam. Mit Herrn Ehrhold hat sich vieles zum Positiven gewandelt“, denkt Inge Eisenächer zurück. Ein Weg durch das ehemalige Lagergelände wurde hergerichtet, Bäume wurden gerodet, und, mit französischen Geldern, Informationstafeln aufgestellt.

Zeitweise machte ihr die Zerstörungswut von Jugendlichen das Leben schwer. Aus ihrer Sicht könnte die Zusammenarbeit mit der Stadt, aber auch mit der Gedenkstätte Mittelbau-Dora, noch besser werden. „Oft kommen Touristen aus Niedersachsen oder aus dem Ausland. Und fast immer stehe ich mit ihnen allein an der Gedenkstätte“, sagt sie. Und das Interesse und die Anteilnahme sind groß: Manchmal liegen Bilder hinter dem Gedenkstein.

Unterstützung erfährt Inge Eisenächer von ihrer Tochter Evelyn Schurz, die sozusagen im Auftrag ihrer Mutter handelt, wenn diese nicht vor Ort ist. Sie übernimmt, sofern es ihre Zeit erlaubt, die Pflege des Blumenbeetes und empfängt Delegationen. Dennoch hat die 78-jährige Ellricherin Angst vor der Zukunft. Die Frage, was sein wird, wenn sie die Pflege einmal nicht mehr selbst durchführen kann, beschäftigt sie. Matthias Ehrhold hat das weitere Engagement seiner Stadt für die Gedenkstätte zugesagt.

Inge und Gerhard Eisenächer wurden mit mehreren Auszeichnungen geehrt, u.a. vom Landkreis Nordhausen durch Landrat Claus. Die für beide bedeutendste ist ein hoher französischer Orden, den der damalige Präsident Chirac persönlich bestätigte: Am 09. Mai 2007 erfolgte ihre Ernennung zu Rittern des Nationalen Verdienstordens. Die Orden wurden ihnen vom Ehrenpräsidenten Guy Ducolone überreicht.
Bodo Schwarzberg

Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und durch den Nordhäuser Künstler Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt.
Autor: nnz

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