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Do, 16:41 Uhr
10.07.2003

nnz-Forum: Und weg damit (2)

Nordhausen (nnz). Die nnz berichtete vor einigen Wochen über Knochenfunde unterhalb des Frauenberges. Dieser Beitrag erregte viel Aufsehen. Seitens der Stadtverwaltung wurde umgehend reagiert (siehe nnz-Archiv). Jetzt sind erneut Schädelknochen aufgetaucht, berichtet Uwe Koch, dessen Wortmeldung wir im nnz-Forum veröffentlichen.


Makaber Am 10. Mai führte ich ausländische Studenten auf den Petersberg in Nordhausen. Die Umgestaltungsarbeiten des Geländes zur Landesgartenschau waren im vollen Gange. Unser Thema waren die Vergangenheit und Zukunft dieses marginalen Punktes der Stadtgeschichte. Natürlich nahm die Zerstörung von Stadt und Petrikirche am 4. April 1945 breiten Raum ein. Die Geschichte zumindest konnte anschaulich verdeutlicht werden, waren doch auf der Nordwestseite des ehemaligen Kirchenschiffes zahlreiche menschliche Knochen, teilweise von den Baggern frisch zerbrochen, unmittelbar unter der Erdoberfläche zu sehen. Um ordentliche Gräber im Kirchenschiff, die auch vorhanden waren, handelte es sich dabei nicht.

Wir informierten noch am selben Tag den Kirchenkreis Südharz, der wiederum mit die Stadtverwaltung Kontakt aufnahm. Es war uns wichtig, dass diese menschlichen Überreste eine würdevolle letzte Ruhestätte bekamen. Mittlerweile ist die Fläche geebnet (Siehe Foto), die Knochen hingegen wurden nicht pietätvoll abgelegt, geschweige denn geborgen, sondern augenfällig im allgemeinen Schutt mit untergegraben und einbetoniert.

Jedenfalls wurden keine Überreste bei der unteren Denkmalsbehörde oder dem Friedhof gesammelt. Das stimmte mich traurig, besonders anbetracht dessen, dass auf dem Gelände sorgfältig Trümmerteile für das geplante kleine Museum im Petriturm aufbewahrt wurden. Zerschmolzenes Glas, kaputte Teller, Reste von Bomben – all das scheint der Beachtung mehr wert zu sein als die Überreste derer, die damit lebten oder davon starben.

Am 4. Juli haben wir den „Rest“ der Knochen – liegend auf dem Erdaushub, zermahlen von Fahrzeugen, unter den Beton geworfen, aufgesammelt. „Drei Kilogramm Mensch“ ist alles, was blieb. An die zerschlagenen Schädeldecken in einer Baugrube für die Pumpstation der Wasserfläche am Petriturm (siehe Foto) kamen wir leider nicht heran.

Fundort Viele Nordhäuser verspürten ein Unbehagen bei der Planung und Planvorstellung der Maßnahmen zur Landesgartenschau. Es wurde viel diskutiert und auch kritisiert. Von den Verantwortlichen erfolgte im Laufe der Zeit immer mehr „Bürgereinbeziehung“. Jedoch blieb mir dabei ein schaler Beigeschmack, dass es sich lediglich um ein Alibi der schon längst über die Köpfe der Betroffenen gefällten Gestaltungsentscheidungen handelt. Vielleicht geht das anders nicht.

Anhand der herrenlosen und scheinbar niemanden interessierenden Knochen auf dem Petersberg, die so der geplanten Freude, Spaß und Spielwelt an der selben Stelle zu widersprechen scheinen, kam mir ein Gedanke. Wer hier geplant hat, der stand in keiner Beziehung zu dem vorgefundenen sozialen Raum, der ging von einer Tabula rasa aus, die keine Vergangenheit und Zukunft hat. Hier konnte er Schöpfung spielen. Manch Aussage der Planungsverantwortlichen der Landesgartenschau klangen mir damit verständlich.

So kam es zu keiner gewachsenen organischen Einbindung des Vorgefunden und seien es nur die Anpflanzungen des kirchlichen Umweltseminars aus den 80ern. Menschen die so planen, denken nicht in historischen Zusammenhängen, ihr Denkstil ist zeitlos und hat deshalb auch keine reale Perspektive. Wir werden es in der Nachhaltigkeit der Landesgartenschau 2004 sehen. Entweder, das Gelände wird „in eigener Regie“ wieder „vergammeln“ und so den Bezug der Zeiten zu unserer aktuellen Lebenswelt von alleine herstellen oder es wird mit einem unvertretbaren materiellen und personellen Aufwand versucht, den status quo 2004 künstlich zu erhalten - ein Gewaltakt.

In dem ideellen Konstrukt, das ich hierbei hinter dem Konzept der Landesgartenschau sehe, spielen die Menschen, ihr Leben, keine Rolle mehr, denn es gibt keine Verbindung zum Gewesenen. Nur ein zeitloses Heute und Jetzt, auf den unmittelbaren Effekt des Gigantischen gerichtet, zählt. Damit wird der Platz um den Petersberg geschichts- und bezugslos, ein Nicht-Platz, so schön er vordergründig auch wirken mag. Deshalb stört in einem solchen Konzept, alles was nicht in die geplante und gestylte Welt des Jetzt passt: Knochen von Bombenopfer oder einfach aus den Gräbern rund um die Peterskirche oder eine Gedenktafel an die Zerstörung von 800 Jahren Siedlungsgeschichte an dieser Stelle, an die Schleifung der Kirchenruine in den 50ern.

Deshalb sind die Knochen nur Müll, denn sie lassen sich nicht so pflegeleicht ausstellen, wie die geretteten Trümmerstücken. Menschliche Überreste erzeugen provozieren immer das Nachdenken über das eigene Ich, denn sie sind der Spiegel der Vergänglichkeit und unser Verhältnis zu ihnen ist ein Ausdruck unseres Verhältnisses zu uns selber und unseren Kindern, eine Frage vom Wert des Lebens. Das scheint manchem Entscheidungsträgern für die großartige Zukunft Nordhausens fremd. Und das tut mir weh.

Ich bedanke mich bei Herrn Grönke von der Unteren Denkmalbehörde der Stadtverwaltung, dass er die von uns noch aufgesammelten sterblichen Überreste entgegennahm und einer würdigen Ruhestätte zuführt.

Ich bitte alle, die dies lesen, mit mir und anderen Stadtführern die Stadtverwaltung Nordhausen aufzurufen, für ein würdiges Gedenken an die Bombenopfer auf dem Petersberg im Rahmen der Landesgartenschau zu sorgen. Ich spreche zwar nur für mich, aber die Stadtführer werden bei der inhaltlichen Gestaltung eines solchen Gedenkens gerne behilflich sein. Ihre Meinungen zu dem Thema, die mir wichtig sind, können Sie an die nnz oder an die Mails: gildemeister@gilde-nordhausen.de bzw. uwekoch@web.de richten.
Uwe Koch, Mitglied der Stadt- und Gästeführergilde Nordhausen e.V.

Anmerkung der nnz-Redaktion: Die im nnz-Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Autor: nnz

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