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Mi, 16:41 Uhr
16.03.2011

Wie Zuhause

Durch das Programm „Jugend in Aktion“ der EU ist es möglich, ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland zu absolvieren und auf vielfältige Weise mit anderen Ländern und Menschen in Kontakt zu kommen. Eine junge Frau aus Norwegen ist derzeit beim Jugendsozialwerk in Nordhausen zu Gast und schildert in der nnz ihre Eindrücke...


Von Norwegen nach Nordhausen (Foto: privat) Von Norwegen nach Nordhausen (Foto: privat) Im Gymnasium hatte ich schon Angst. „Was soll ich mit meinen Leben anfangen? Studieren? Arbeit suchen?“ Eine Antwort konnte ich nicht finden. Alle Alternativen waren einfach nicht richtig für mich. Dann haben meine Freunde mir von einem Schuljahr ohne Prüfungen, ohne Noten, ohne wirkliche Schulfächer erzählt; und es war mir egal wie viel es kosten würde, weil das musste ich machen.

Es war ein Jahr wo ich sozialer geworden bin, selbstbewusster und wo ich vor allem gelernt habe Menschen zu akzeptieren und sogar lieb zu haben für ihre Unterschiedlichkeit. Aber was das Jahr nicht geschafft hatte: eine Antwort zu finden was ich mit meinem Leben machen sollte. Dann, einen Tag, kurz vor dem Ende vom Schuljahr, kam ein junger Mann auf Besuch und sollte uns etwas erzählen von ein Programm das „Jugend in Aktion“ hieß. Ich fand, dass es sich ziemlich komisch angehört hatte, und habe sogar überlegt, ob ich diesen Tag nur im Bett bleiben sollte.

Glücklicherweise habe ich dann doch gedacht, dass ich mir die Abwesenheit nicht leisten konnte, und bin aufgestanden und hingegangen. Überraschenderweise fand ich es nicht so langweilig wie ich gefürchtet hatte, und ich habe sogar zugehört. Dann hat er drei Wörter gesagt, die mich direkt aufgeweckt haben: „Europäische Freiwillige dienst.“

Der Möglichkeit bis zu zwölf Monate im Ausland zu arbeiten, vollständig kostenlos? Eine neue Sprache und Kultur kennenlernen, vollständig kostenlos? Neue Leute treffen und ein Erfahrung fürs Leben, vollständig kostenlos? Ich hätte mein neues Ziel im Leben gefunden. Ab Anfang nächstes Schuljahr werde ich im Ausland sein und ein Jahr lang Spaß haben, während meine Freunde langweilige Bücher lesen mussten und sich Stunden lang für Prüfungen vorbereiteten.

Von Norwegen nach Nordhausen (Foto: privat) Von Norwegen nach Nordhausen (Foto: privat) Das war mein Plan. Ich bin den nächsten Tag gleich ins Internet gegangen und habe die Telefonnummer von der nächsten Entsendeorganisation gefunden und habe sofort angerufen. Glücklicherweise waren sie mehr als bereit mich zu repräsentieren.

Danach habe ich mich über die nächsten Tage beworben für unterschiedliche Projekte in Deutschland. Zwei Jahre Deutsch im Gymnasium müsste ja ausreichen, um sich in Deutschland zu verständigen, oder? Es war mir fast egal welches Projekt mich akzeptierte, solange ich mit Kindern oder Jugendliche arbeiten konnte in Deutschland.

Viele Projekte haben meine Bewerbungen gar nicht beantwortet, und die erste Antwort die ich bekam, war ein höfliches: „Es tut uns leid, aber wir haben schon eine Freiwillige für unser Projekt ausgewählt.“ Nach einer Weile hatte ich die Hoffnung fast aufgegeben, aber dann bekam ich ein E-Mail von JugendSozialwerk Nordhausen. Ich hatte mich beworben für eines von ihren Projekten, aber sie meinten dass ich besser geeignet war für eines von ihren anderen Projekten. In der E-Mail gab es auch einen Link zu diesem Projekt und die Frage ob ich interessiert war dort zu arbeiten.

Nur ganz kurz habe ich den Link durchgelesen, bevor ich sofort akzeptierte. Nachdem ich akzeptiert hatte, ging alles plötzlich ganz schnell. E-Mails hin und her zwischen mir, meiner Entsendungsorganisation und JugendSozialwerk, Verträge die unterschrieben werden mussten und Kontaktinformationen zu meinen neuen Mitbewohnern in Nordhausen.

Sofort bekam ich eine Einladung für mein Abreiseseminar, ich realisierte plötzlich was ich tat. Ich bereitete mich vor auf ein ganzes Jahr weit weg von allem was ich kannte. Ein ganzes Jahr in einem Land wo ich noch nie wirklich gewesen war (schnell auf dem weg von Holland zu Dänemark via die Deutsche Autobahn zählt so klar nicht wirklich). Ein ganzes Jahr weg von meiner Familie. Ein ganzes Jahr in einem Land, wo (egal was ich mir eingebildet hatte) ich die Sprache nicht wirklich konnte.

Dinge worüber ich gar nicht so sehr nachgedacht hatte, kamen plötzlich in meinen Gedanken hoch. So klar wusste ich das alles schon, aber wirklich darüber nachgedacht hatte ich nicht. Aber naja, dafür hatte ich jetzt keine Zeit. Mein Flugticket zum Seminar war gebucht, und ich musste los. Für die meisten Deutsche hört es sich vielleicht krass an, zu ein Seminar fliegen zu müssen, aber die meisten von meinen gemeinsamen Norwegern werden verstehen, das fliegen von meiner Heimat Floro, zu der Hauptstadt Oslo, wo das Seminar stattgefunden hat, nicht nur neun Stunden kürzer ist, sondern auch mehr als 20 Euro billiger. Nur so apropos.

Von Norwegen nach Nordhausen (Foto: privat) Von Norwegen nach Nordhausen (Foto: privat) Auf meinen Seminar traf ich auch zwei andere Mädchen die ihr EFD in Deutschland machen würden und na klar haben wir alle gesagt das wir den Kontakt mit einander behalten würden und uns auch manchmal treffen (was wir nicht gemacht haben, teilweise wegen den großen Abständen in Deutschland und nicht viel Geld). Fast alle, die dort waren, hatten die gleichen Ängste wie ich. Aber etwas was die hatten, was ich nicht hatte, war eine detaillierte Idee davon wie ihre Projekte sein würden und ihre Wohnungen, etc. Für mich war das schon fast unglaublich.

Wer wollte wohl so ein großes Bild im Kopf machen davon wie es sein würde, nur so das man enttäuscht werden könnte? Nein, viel besser sei es dort hin zu kommen und gar nichts erwarten, als nur ein kleines bisschen enttäuscht zu werden. So ging es dann noch ein paar Wochen. Jeden Tag E-Mails schreiben, Kontakt aufnehmen mit zukünftigen Mitbewohnern, Koffer packen, ein Erkältung bekämpfen die den schlechtmöglichsten Zeitpunkt ausgewählt hatte und versuchen meinen Kopf leer und ganz ohne Erwartungen zu behalten.

Dann kam der Tag endlich. Der Tag, an dem ich nach Deutschland ziehen sollte. Morgens früh um 05.35 ging mein Boot los von der Insel wo meine Eltern wohnen und Schmetterlinge fingen an in meinen Bauch herum zu fliegen, wie verrückte Geier um mein Frühstück. Auf den Kai in der Stadt stand der Freund von meiner Schwester und wartete, um mir zu helfen mit meinem Gepäck und um mich zum Flughafen zu fahren.

Alles ging ziemlich schnell von da an. Mein erstes Flugzeug hat mich nach Bergen gebracht, Norwegens zweit größte Stadt. Dort musste ich ein paar Stunden warten. Ein Freund von mir kam zum Flughafen, um mich noch kurz zu verabschieden. Dann bin ich von Bergen nach Berlin Schönefeld geflogen und ich konnte es fast nicht glauben als ich dort ankam. Es war so schnell gegangen. Jetzt war ich ja schon in Deutschland!

Das Erste was mir auffiel war, dass es immer noch warm war in Deutschland. Ich hatte mich morgens warm angezogen, weil es nur 6°C Zuhause waren, aber das war mir plötzlich alles zu warm. Den Bahnhof zu finden war nicht einfach, fast ohne Schilder am Flughafen und als ich ihn endlich gefunden hatte (mit Hilfe von einer sehr freundliche alte Dame), kam das nächste Problem: wo und wie kann ich Tickets kaufen für meinen Zug?

Nach fünf Minuten rumlaufen auf einen Bahnhof der so klein ist, dass man in einer Minute schon an der anderen Seite ist, habe ich dann doch endlich einen Mann gefragt der da stand in einer DB-Uniform. Er konnte mich darüber informieren, dass ich die unmöglich lange Treppe hoch musste und dort konnte ich dann mein Ticket kaufen und es ist klar, dass es leider kein Fahrstuhl gab, und auch keine Rampe, wo ich meinen Koffer hoch ziehen konnte.

Es hat mir viel Mühe und Schweiß gekostet, aber ich habe meine Tickets bekommen und habe meinen Zug wie durch ein Wunder nicht verpasst. Danach lief alles wirklich sehr glatt. Alle die ich um Hilfe gefragt habe, haben mir so sehr geholfen wie sie konnten und ein leicht betrunkener junger Mann hat mir sogar von der schönen Umgebung wo wir durchgefahren sind erzählt.

Am Bahnhof standen zwei von meinen Mitbewohnern und eine von meinen Arbeitskolleginnen und haben mich nach Hause gefahren. Dort haben sie mir mein Zimmer gezeigt und einer von ihnen hatte gekocht. Es dauerte nicht lange bevor ich mich entschuldigen musste und mich in mein Zimmer zurückgezogen habe. Alle neue Eindrücke die ich an dem Tag bekommen habe und die plötzliche Veränderung in Kultur und Sprache die mich umgeben hatte waren ein bisschen zu viel. Ich habe ganz ruhig mein Koffer ausgepackt und bin ins Bett gegangen.

Von Norwegen nach Nordhausen (Foto: privat) Von Norwegen nach Nordhausen (Foto: privat) Aber ihr wollt bestimmt nicht jeden Tag von meinem EFD so detailliert durchlesen wie meinen ersten Tag, also fange ich jetzt mit einer kleinen Zusammenfassung an. Die ersten Tage habe ich ganz ehrlich nicht viel verstanden. Teilweise weil alles so neu war, und teilweise, weil manche von meinen Kollegen einen ziemlich starken Dialekt gesprochen haben. Was ich aber auch gemerkt habe, ist dass mein Deutsch ziemlich gut war, wenn man bedenkt, dass ich nur zwei Jahre Deutsch im Gymnasium hatte und dass das schon zwei Jahre her war.

Ziemlich schnell kam ich schon in einen neuen Rhythmus und ich fühlte mich komplett Zuhause, nicht nur in meiner WG, auch auf Arbeit und in der Stadt Nordhausen generell. Einer von meinen Mitbewohnern ist mit mir alle Behördenwege abgegangen und hat mich zur Bank mitgenommen. Sie haben mich all ihren Freunden vorgestellt, andere Freiwilligen und ehemalige Freiwilligen. Ich fühlte mich wirklich Zuhause und von Heimweh gab es keine Spur.

Nur ein einziges Ding am Anfang von meinen EFD hat ein bisschen weniger Spaß gemacht: die Erkältung, von der ich weiter oben nur ganz kurz geschrieben habe, war schlimmer geworden. Mein Husten hat sich scheinbar so schlimm angehört, dass meine Kollegen mich zum Arzt geschickt haben, aus Angst um die Kinder mit denen ich arbeitete in meinen Einsatzprojekt „Jugendgäste- und Bildungshaus Rothleimmühle“.

Glücklicherweise zahlt AXA, der Versicherung für Europäische Freiwillige, alle Arzttermine und für Medizin für die der Arzt ein Rezept schreibt! Sonnst hätte mein Besuch beim Arzt teuer werden können. Ich hatte nämlich Bronchitis bekommen, und brauchte Antibiotika und Gott weiß was noch für Medizin. Und so kam es, dass ich schon in meiner dritten Woche fünf Tage krankgeschrieben war und im Bett bleiben musste.

Als ich wieder zurück auf Arbeit kam, war ich immer noch nicht gesund, aber hatte ganz ehrlich keine Lust noch mehr Tage im Bett zu liegen. Ich habe noch ungefähr einen Monat gehustet, aber außer dass alle mir Hustenbonbons angeboten haben, hat niemand was darüber gesagt oder mich zurück zum Arzt geschickt. (Gott sei Dank) Weiter ging es mit der Arbeit und mit jedem Tag, den ich dort arbeitete, bekam ich mehr Verantwortung. Bald musste ich ganz alleine Aktionen erklären.

Das hört sich vielleicht unheimlich an, und das war es auch. Aber die Herausforderung hat mir geholfen. Meine Sprachkenntnisse sind schneller gewachsen, als ich je gedacht hätte. Im Privatleben habe ich einen von den Freunden meines Mitbewohners besser kennengelernt und habe etwas gemacht wovon ich überzeugt war, dass das eine schlechte Idee war: ich habe mich in ihn verliebt.

So kam es, dass zur Überraschung aller (vor allem meiner) ich schon nach anderthalb Monaten in Deutschland in einer Beziehung war. Wie ihr vielleicht alle schon aus eigener Erfahrung wisst, kommt einen alles andere ein bisschen diffuse vor in der Erinnerung, wenn man sich an andere Sachen versucht zu erinnern die gleichzeitig als der Anfang von eine Beziehung passiert sind. Deshalb könnte ich euch jetzt mehrere Seiten lang von meinen Freund erzählen, aber ich glaube nicht, dass ihr daran interessiert seid (außer die von euch, die ein inneres „Gossip Girl“ haben).

Aber was ich sagen kann, ist dass mein Deutsch sich über die letzten Monate unglaublich viel verbessert hat. Via meinen Freund bin ich mit vielen Deutschen in Kontakt gekommen, die mich auch korrigieren wenn ich einen Fehler mache. Jetzt, wenn ich neue Leute treffe, sind viele überrascht wenn ich sage dass ich Norwegerin bin.
Anne Johanna Maria Tervoort

Anmerkung der Redaktion: Wir haben bewusst auf ein Redigieren des Textes verzichtet, da er dadurch viel an Authentizität verloren hätte
Autor: nnz

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