Mi, 07:12 Uhr
16.03.2011
nnz-Forum: Fukushima, zu Guttenberg und wir
Bodo Schwarzberg hat sich angesichts der Tragödien in Japan so seine Gedanken gemacht und stellt in seiner Betrachtung durchaus auch Beziehungen zu Deutschland und Nordhausen her...
Ich sehe sie im Geiste vor mir: Die 50 Todeskandidaten, die verzweifelt versuchen, die glühenden Brennstäbe der Atomreaktoren des Kernkraftwerkes Fukushima 1 zu kühlen, um 35 Millionen Menschen im Großraum Tokio vor jahrzehntelangem Siechtum zu bewahren. Hollywood wird einen Film über sie machen, der eine Milliarde Dollar einspielen wird, und gewiss wird sie der japanische Kaiser posthum ehren. Sie tragen ihre sicher nicht sonderlich gut bezahlte Haut, wie einst die armen russischen Soldaten in Tschernobyl zu Markte, während sich Tepco-Mitarbeiter und der japanische Premierminister von einer Halbwahrheit und einer Beschwichtigung zu den nächsten Lügen über die wahre Situation und vor allem über die wahren Gefahren hangeln.
Das Wort abstrus mit dem unser zu Guttenberg zunächst auf die Vorwürfe reagierte, seine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist diesen japanischen Herren mit Krawatte in Bezug auf die Gefahren der explodierenden Reaktorgebäude von Fukushima zwar nicht über die Lippen gekommen, aber sie erdreisten sich bis jetzt, die Menschen bei 400 Millisievert pro Stunde im gleichen Atemzug und schamlos unermüdlich mit den Worten zu beruhigen, eine unmittelbare gesundheitliche Gefahr drohe ihnen nicht. Angesichts derartiger lebensgefährlicher Lügen, möchte man die Politbürokraten aus Tokio am liebsten zwangsweise zu den möglicherweise todgeweihten Arbeitern nach Fukushima schaffen, die ihren eventuellen Tod in Kauf nehmen, um auch das Leben der Konzernbosse und des Regierungsklans zu retten.
Ich würde natürlich niemals so weit gehen, zu behaupten, die japanische Reaktortragödie wurde durch unmittelbares menschliches Versagen verursacht. Ein solcher Vorwurf wäre ja auch, um mit zu Guttenberg zu sprechen, reichlich abstrus. Schließlich können sich die Politiker und die Tepco-Chefs ja damit herausreden, die Meiler wären für maximal 7 Meter hohe Tsunamiwellen und für Bebenstärken bis 7,5 auf der Richterskala gebaut worden, nicht aber für zehn Meter hohe Wellen und für Bebenstärken von 9,0, die nunmal eintrafen. Ja, sie können mit den Schultern zucken und der Weltöffentlichkeit offen in die Augen schauen und sagen, uns trifft (wie immer) keine Schuld. Es seien halt nur die besonderen Umstände gewesen….. Niemand könne ja schließlich solche Erdbeben erahnen oder gar vorhersehen.
Wirklich nicht? –
Es gab bereits vier Beben auf dieser Welt, die ebenfalls eine Stärke von 9 oder darüber hatten. Das letzte übrigens erst vor sieben Jahren, am 26.12.2004 vor der Provinz Aceh, Sumatra, mit 230.000 Toten in ganz Südostasien. – Wieder also nur eine jener Halbwahrheiten, mit denen die Machteliten weltweit gewohnt sind, sich der Verantwortung zu entziehen. Spätestens damals hätte den Japanern ein Licht aufgehen müssen, dass ihre nach Dutzenden zählenden Meiler, angeblich die sichersten der Welt, nicht wirklich sicher sind und das damit auch der Ballungsraum Tokio mit seinen 35 Millionen Menschen nicht sicher ist, wenn das Unerwartete trotz allen einschläfernden Papiers doch eintritt: - Ein Gau also oder ein Super-Gau, der von integeren Kernkraftprofessoren einst für alle 25.000 Jahre prognostiziert wurde, den wir aber entgegen dieser möglicherweise gut bezahlten Verlautbarungen nun schon zweimal in 25 Jahren zu verkraften haben.
Glaubhaft wären die japanischen Macht- und Wirtschjaftseliten gewesen, wenn sie ihre Atomkraftwerke 2004 nach dem 230.000-fachen Sterben in Südost-Asien sämtlich vom Netz genommen hätten – eben weil Erdbeben mit 9,0 zwar ungewöhnlich, aber eben doch nicht auszuschließen sind:
Das russische Kamtschatka ist nur wenige 100 km entfernt von Fukushima: Am 4. November 1952 erreichte ein Beben vor dessen Küste eine Stärke ebenfalls von 9,0 . - So viel zur Verantwortung der japanischen Politikerkaste und der dortigen Wirtschaftsbosse in einem Land, das seine mit größte Meilerdichte der Welt ausgerechnet am Vulkanausbruch – und erdbebengefährlichen asiatischen Feuerring etabliert hat.
Was aber hat Fukushima noch mit zu Guttenberg und mit uns als kleine Erdenbürger zu tun?
Ganz einfach: Zunächst einmal war Guttenbergs Lügerei vollkommen harmlos und ohne größere Auswirkung auf das Leben und auf die Gesundheit von uns Bürgern. Denn auch beim Wahrheitsgehalt von Politikeraussagen könnte man eine Richterskala entwerfen. Zu Guttenberg würde ich die Stufe 1 geben, Blüms Rentenlüge wegen ihrer möglicherweise existentiellen Auswirkungen auf Millionen Gutgläubige bereits die 6, den japanischen Fukushima-Verantwortlichen hingegen, wie dem dortigen Erdbeben die 9. –
Es gibt aber weitere Gemeinsamkeiten: Die Vergesslichkeit, die Bequemlichkeit, das trügerische Sicherheitsempfinden und das Verdrängen der Menschen: Zu Guttenberg geht ein paar Monate auf Tauchstation und wird schon jetzt wieder sehnsüchtig vom Boulevard erwartet. Sein unschuldiges Lächeln fehlt den Kameras. Und die technikbegeisterten Japaner werden, sofern das Cäsium 137, das sie dann in sich tragen, sie nicht so sehr beeinträchtigt, sich wieder an ihren singenden Kaffeemaschinen und sprechenden Zimmerpflanzen mit Strom aus den AKWs erfreuen. Man wird auf die Vergesslichkeit und auf das fehlende Wissen der Massen setzen, um zur Tagesordnung überzugehen.
Auch Kanzlerin Merkel wird das in Deutschland tun, wenn die Wahlen in Baden Württemberg und Sachsen-Anhalt und ihr Moratorium zum Aussetzen der Laufzeitverlängerung gelaufen sind. Ihr Aktionismus wird Mappus möglicherweise die Stimmen bringen, die er braucht, um seinen Sessel trotz seines bisher vehementen Eintretens für die Atomkraft zu verteidigen. Ein Geschmäckle hat Angies Wandlung vom Saulus zum Paulus auch aus einem anderen Grund: Nie wurden sie und andere Politiker müde, zu behaupten, deutsche Atomkraftwerke seien sicher. Warum werden dann denn jetzt innerhalb kürzester Frist mehrere dieser tickenden Zeitbomben abgeschaltet?
Möglicherweise liegt die Antwort wenigstens zum Teil in der deutschen Erdbebenkarte begründet. Ausgerechnet am Rande der aktivsten Zone in Südwest-Deutschland ist die Meilerdichte besonders groß. Eventuell haben es Merkel, Mappus und Co. einfach nur mit der Angst bekommen, wenn sie sehen müssen, wie armselig ein Politiker dastehen kann, wenn sich die Kettenreaktion in Uran-Brennstäben allen menschlichen Kontrollen entzieht.
Doch ich möchte den Bogen noch weiter spannen: Wir alle haben am Boom der Atomkraft einen hohen Anteil. Wird uns nicht suggeriert, dass wir aller paar Jahre neue Möbel, Fernseher und PCs brauchen um glücklich zu sein? Haben sich nicht viele Zeitgenossen daran gewöhnt, im Winter Himbeeren und Rosen in den Auslagen vorzufinden? Benötigt nicht all dies riesige Mengen Energie? Die Frage, ob die 17 deutschen AKWs und die Dutzenden in ganz Europa, die uns bedrohen, alle abgeschaltet, und zeitnahe durch alternative Formen der Energiegewinnung ersetzt werden könnten, ohne den lieb gewonnenen materiellen Wohlstand der Bevölkerung nachhaltig zu beeinträchtigen, kann hier nicht stichhaltig beantwortet werden.
Weiter: Trotz Tschernobyl und trotz der Nachbarschaft zu AKW wie Neckarwestheim, Biblis A und B, Brokdorf und Unterweser, und trotz der Vorkommnisse in Japan schieben junge Frauen ihre Babys durch die Straßen oder sie freuen sich auf ihren Nachwuchs. Eigentlich müssten sie sich zusammenschließen und ihre Kinderwagen zu Hunderten vor dem Kanzleramt und vor den Amtssitzen von Mappus, Seehofer & Co. und vor den Eurokratenzentralen in Brüssel und Genf postieren.
Mit ihren Säuglingen müssten sie sich auf die Treppenstufen der Krawattenträger setzen und ihre Kinder an die Brust mit Cäsium-137-armer Muttermilch nehmen. Und sie dürften erst dann abziehen, wenn sie von den Regierenden die Zusage haben, dass alle europäischen AKWs so schnell wie möglich und nach einem unumstößlichen Plan abgeschaltet werden.
Dass sich so viele Menschen mit der permanenten Gefahr arrangiert haben, dass zu viele den Politikern Glauben schenken, das halte ich für die größte Gefahr, die uns durch die Kernkraft droht. Wenn in Kürze vielleicht 35 Mio. Tokioter strahlend in Panik geraten, dann wissen wir abermals, dass es für sie besser gewesen wäre, sich schon etwas früher Gedanken zu machen. Aber auch bei uns tun das angesichts eines zweifelhaften und stets von der Politik gehätschelten Sicherheitsgefühles nur wenige Menschen.
Die Unwahrheit auf dem Gebiet der Umweltpolitik zu sagen, ist für Politiker ein leichtes Spiel: Das Hintergrundwissen der meisten Menschen zu den Bedrohungen durch Bevölkerungsexplosion, Chemikalien in der Umwelt, Artensterben, Klimawandel und Erdbeben ist gering und wird durch eine oberflächliche Medienwelt zudem flach gehalten. Zudem sitzen die herrschenden Damen und Herren stets nur für einige Jahre in ihren Amtsstuben. Veränderungen der Biosphäre aber vollziehen sich über längere Zeiträume, als die von Aktienkursen. In diesem Dilemma sehe ich ein großes Problem für die Zukunft. Die Unwissenheit und die Bequemlichkeit breiter Bevölkerungsschichten wird von jeher durch die Mächtigen für ihre Zwecke genutzt. Heinrich Heine ist aktueller denn je.
Und was hat Fukushima mit Nordhausen zu tun? Auch dazu finde ich etwas. Ein Beispiel: Unsere Oberbürgermeisterin wird bei jeder passenden Gelegenheit nicht müde, zu betonen, wie sehr ihr der Schutz unserer artenreichen Südharzlandschaft mit all den Orchideen am Herzen liegt. Dass der Verlust von Standorten gerade letzterer durch fehlende Bewirtschaftung seit der Wende im Landkreis so groß ist, wie während der ganzen DDR-Zeit nicht, verschweigt sie.
Der Naturpark hingegen wird über alle Maßen als Errungenschaft gelobt, obwohl noch nicht einmal die Pflegerichtlinien für die seit Jahren bestehenden Naturschutzgebiete, geschweige denn die EU-Richtlinien für die FFH-Gebiete in Thüringen flächendeckend eingehalten werden. Frau Rinke hält eine flammende Rede zur Ausweisung des Naturparks und trifft sich etwa während derselben Tage mit dem den Orchideen arg zusetzenden, und den Alten Stolberg zerstörenden Gipsabbauer Knauf zum Neujahresempfang.
Kein Mensch wird wegen alldem, wie in Japan eher sterben: Nein, das tun erst einmal andere Arten. - Das Grundprinzip, das Ausnutzen von Unwissenheit und das opportunistische Jonglieren ist Dasselbe. Beides aber bringt unseren Planeten global gesehen in immer größere Gefahr, wie wir in Japan gerade sehen können.
Wir als Bevölkerung haben es also in der Hand, Entwicklungen wie in Fukushima in Europa zu verhindern. Lassen wir uns also nicht von Merkels Taktik überrumpeln. Gehen wir nicht zur Tagesordnung über. Oder um mit Brecht zu sprechen: Wer A sagt, muss nicht B sagen, wenn er erkennt, dass B verkehrt ist. Seien wir nicht nur in diesen Tagen Japaner.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnzIch sehe sie im Geiste vor mir: Die 50 Todeskandidaten, die verzweifelt versuchen, die glühenden Brennstäbe der Atomreaktoren des Kernkraftwerkes Fukushima 1 zu kühlen, um 35 Millionen Menschen im Großraum Tokio vor jahrzehntelangem Siechtum zu bewahren. Hollywood wird einen Film über sie machen, der eine Milliarde Dollar einspielen wird, und gewiss wird sie der japanische Kaiser posthum ehren. Sie tragen ihre sicher nicht sonderlich gut bezahlte Haut, wie einst die armen russischen Soldaten in Tschernobyl zu Markte, während sich Tepco-Mitarbeiter und der japanische Premierminister von einer Halbwahrheit und einer Beschwichtigung zu den nächsten Lügen über die wahre Situation und vor allem über die wahren Gefahren hangeln.
Das Wort abstrus mit dem unser zu Guttenberg zunächst auf die Vorwürfe reagierte, seine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist diesen japanischen Herren mit Krawatte in Bezug auf die Gefahren der explodierenden Reaktorgebäude von Fukushima zwar nicht über die Lippen gekommen, aber sie erdreisten sich bis jetzt, die Menschen bei 400 Millisievert pro Stunde im gleichen Atemzug und schamlos unermüdlich mit den Worten zu beruhigen, eine unmittelbare gesundheitliche Gefahr drohe ihnen nicht. Angesichts derartiger lebensgefährlicher Lügen, möchte man die Politbürokraten aus Tokio am liebsten zwangsweise zu den möglicherweise todgeweihten Arbeitern nach Fukushima schaffen, die ihren eventuellen Tod in Kauf nehmen, um auch das Leben der Konzernbosse und des Regierungsklans zu retten.
Ich würde natürlich niemals so weit gehen, zu behaupten, die japanische Reaktortragödie wurde durch unmittelbares menschliches Versagen verursacht. Ein solcher Vorwurf wäre ja auch, um mit zu Guttenberg zu sprechen, reichlich abstrus. Schließlich können sich die Politiker und die Tepco-Chefs ja damit herausreden, die Meiler wären für maximal 7 Meter hohe Tsunamiwellen und für Bebenstärken bis 7,5 auf der Richterskala gebaut worden, nicht aber für zehn Meter hohe Wellen und für Bebenstärken von 9,0, die nunmal eintrafen. Ja, sie können mit den Schultern zucken und der Weltöffentlichkeit offen in die Augen schauen und sagen, uns trifft (wie immer) keine Schuld. Es seien halt nur die besonderen Umstände gewesen….. Niemand könne ja schließlich solche Erdbeben erahnen oder gar vorhersehen.
Wirklich nicht? –
Es gab bereits vier Beben auf dieser Welt, die ebenfalls eine Stärke von 9 oder darüber hatten. Das letzte übrigens erst vor sieben Jahren, am 26.12.2004 vor der Provinz Aceh, Sumatra, mit 230.000 Toten in ganz Südostasien. – Wieder also nur eine jener Halbwahrheiten, mit denen die Machteliten weltweit gewohnt sind, sich der Verantwortung zu entziehen. Spätestens damals hätte den Japanern ein Licht aufgehen müssen, dass ihre nach Dutzenden zählenden Meiler, angeblich die sichersten der Welt, nicht wirklich sicher sind und das damit auch der Ballungsraum Tokio mit seinen 35 Millionen Menschen nicht sicher ist, wenn das Unerwartete trotz allen einschläfernden Papiers doch eintritt: - Ein Gau also oder ein Super-Gau, der von integeren Kernkraftprofessoren einst für alle 25.000 Jahre prognostiziert wurde, den wir aber entgegen dieser möglicherweise gut bezahlten Verlautbarungen nun schon zweimal in 25 Jahren zu verkraften haben.
Glaubhaft wären die japanischen Macht- und Wirtschjaftseliten gewesen, wenn sie ihre Atomkraftwerke 2004 nach dem 230.000-fachen Sterben in Südost-Asien sämtlich vom Netz genommen hätten – eben weil Erdbeben mit 9,0 zwar ungewöhnlich, aber eben doch nicht auszuschließen sind:
Das russische Kamtschatka ist nur wenige 100 km entfernt von Fukushima: Am 4. November 1952 erreichte ein Beben vor dessen Küste eine Stärke ebenfalls von 9,0 . - So viel zur Verantwortung der japanischen Politikerkaste und der dortigen Wirtschaftsbosse in einem Land, das seine mit größte Meilerdichte der Welt ausgerechnet am Vulkanausbruch – und erdbebengefährlichen asiatischen Feuerring etabliert hat.
Was aber hat Fukushima noch mit zu Guttenberg und mit uns als kleine Erdenbürger zu tun?
Ganz einfach: Zunächst einmal war Guttenbergs Lügerei vollkommen harmlos und ohne größere Auswirkung auf das Leben und auf die Gesundheit von uns Bürgern. Denn auch beim Wahrheitsgehalt von Politikeraussagen könnte man eine Richterskala entwerfen. Zu Guttenberg würde ich die Stufe 1 geben, Blüms Rentenlüge wegen ihrer möglicherweise existentiellen Auswirkungen auf Millionen Gutgläubige bereits die 6, den japanischen Fukushima-Verantwortlichen hingegen, wie dem dortigen Erdbeben die 9. –
Es gibt aber weitere Gemeinsamkeiten: Die Vergesslichkeit, die Bequemlichkeit, das trügerische Sicherheitsempfinden und das Verdrängen der Menschen: Zu Guttenberg geht ein paar Monate auf Tauchstation und wird schon jetzt wieder sehnsüchtig vom Boulevard erwartet. Sein unschuldiges Lächeln fehlt den Kameras. Und die technikbegeisterten Japaner werden, sofern das Cäsium 137, das sie dann in sich tragen, sie nicht so sehr beeinträchtigt, sich wieder an ihren singenden Kaffeemaschinen und sprechenden Zimmerpflanzen mit Strom aus den AKWs erfreuen. Man wird auf die Vergesslichkeit und auf das fehlende Wissen der Massen setzen, um zur Tagesordnung überzugehen.
Auch Kanzlerin Merkel wird das in Deutschland tun, wenn die Wahlen in Baden Württemberg und Sachsen-Anhalt und ihr Moratorium zum Aussetzen der Laufzeitverlängerung gelaufen sind. Ihr Aktionismus wird Mappus möglicherweise die Stimmen bringen, die er braucht, um seinen Sessel trotz seines bisher vehementen Eintretens für die Atomkraft zu verteidigen. Ein Geschmäckle hat Angies Wandlung vom Saulus zum Paulus auch aus einem anderen Grund: Nie wurden sie und andere Politiker müde, zu behaupten, deutsche Atomkraftwerke seien sicher. Warum werden dann denn jetzt innerhalb kürzester Frist mehrere dieser tickenden Zeitbomben abgeschaltet?
Möglicherweise liegt die Antwort wenigstens zum Teil in der deutschen Erdbebenkarte begründet. Ausgerechnet am Rande der aktivsten Zone in Südwest-Deutschland ist die Meilerdichte besonders groß. Eventuell haben es Merkel, Mappus und Co. einfach nur mit der Angst bekommen, wenn sie sehen müssen, wie armselig ein Politiker dastehen kann, wenn sich die Kettenreaktion in Uran-Brennstäben allen menschlichen Kontrollen entzieht.
Doch ich möchte den Bogen noch weiter spannen: Wir alle haben am Boom der Atomkraft einen hohen Anteil. Wird uns nicht suggeriert, dass wir aller paar Jahre neue Möbel, Fernseher und PCs brauchen um glücklich zu sein? Haben sich nicht viele Zeitgenossen daran gewöhnt, im Winter Himbeeren und Rosen in den Auslagen vorzufinden? Benötigt nicht all dies riesige Mengen Energie? Die Frage, ob die 17 deutschen AKWs und die Dutzenden in ganz Europa, die uns bedrohen, alle abgeschaltet, und zeitnahe durch alternative Formen der Energiegewinnung ersetzt werden könnten, ohne den lieb gewonnenen materiellen Wohlstand der Bevölkerung nachhaltig zu beeinträchtigen, kann hier nicht stichhaltig beantwortet werden.
Weiter: Trotz Tschernobyl und trotz der Nachbarschaft zu AKW wie Neckarwestheim, Biblis A und B, Brokdorf und Unterweser, und trotz der Vorkommnisse in Japan schieben junge Frauen ihre Babys durch die Straßen oder sie freuen sich auf ihren Nachwuchs. Eigentlich müssten sie sich zusammenschließen und ihre Kinderwagen zu Hunderten vor dem Kanzleramt und vor den Amtssitzen von Mappus, Seehofer & Co. und vor den Eurokratenzentralen in Brüssel und Genf postieren.
Mit ihren Säuglingen müssten sie sich auf die Treppenstufen der Krawattenträger setzen und ihre Kinder an die Brust mit Cäsium-137-armer Muttermilch nehmen. Und sie dürften erst dann abziehen, wenn sie von den Regierenden die Zusage haben, dass alle europäischen AKWs so schnell wie möglich und nach einem unumstößlichen Plan abgeschaltet werden.
Dass sich so viele Menschen mit der permanenten Gefahr arrangiert haben, dass zu viele den Politikern Glauben schenken, das halte ich für die größte Gefahr, die uns durch die Kernkraft droht. Wenn in Kürze vielleicht 35 Mio. Tokioter strahlend in Panik geraten, dann wissen wir abermals, dass es für sie besser gewesen wäre, sich schon etwas früher Gedanken zu machen. Aber auch bei uns tun das angesichts eines zweifelhaften und stets von der Politik gehätschelten Sicherheitsgefühles nur wenige Menschen.
Die Unwahrheit auf dem Gebiet der Umweltpolitik zu sagen, ist für Politiker ein leichtes Spiel: Das Hintergrundwissen der meisten Menschen zu den Bedrohungen durch Bevölkerungsexplosion, Chemikalien in der Umwelt, Artensterben, Klimawandel und Erdbeben ist gering und wird durch eine oberflächliche Medienwelt zudem flach gehalten. Zudem sitzen die herrschenden Damen und Herren stets nur für einige Jahre in ihren Amtsstuben. Veränderungen der Biosphäre aber vollziehen sich über längere Zeiträume, als die von Aktienkursen. In diesem Dilemma sehe ich ein großes Problem für die Zukunft. Die Unwissenheit und die Bequemlichkeit breiter Bevölkerungsschichten wird von jeher durch die Mächtigen für ihre Zwecke genutzt. Heinrich Heine ist aktueller denn je.
Und was hat Fukushima mit Nordhausen zu tun? Auch dazu finde ich etwas. Ein Beispiel: Unsere Oberbürgermeisterin wird bei jeder passenden Gelegenheit nicht müde, zu betonen, wie sehr ihr der Schutz unserer artenreichen Südharzlandschaft mit all den Orchideen am Herzen liegt. Dass der Verlust von Standorten gerade letzterer durch fehlende Bewirtschaftung seit der Wende im Landkreis so groß ist, wie während der ganzen DDR-Zeit nicht, verschweigt sie.
Der Naturpark hingegen wird über alle Maßen als Errungenschaft gelobt, obwohl noch nicht einmal die Pflegerichtlinien für die seit Jahren bestehenden Naturschutzgebiete, geschweige denn die EU-Richtlinien für die FFH-Gebiete in Thüringen flächendeckend eingehalten werden. Frau Rinke hält eine flammende Rede zur Ausweisung des Naturparks und trifft sich etwa während derselben Tage mit dem den Orchideen arg zusetzenden, und den Alten Stolberg zerstörenden Gipsabbauer Knauf zum Neujahresempfang.
Kein Mensch wird wegen alldem, wie in Japan eher sterben: Nein, das tun erst einmal andere Arten. - Das Grundprinzip, das Ausnutzen von Unwissenheit und das opportunistische Jonglieren ist Dasselbe. Beides aber bringt unseren Planeten global gesehen in immer größere Gefahr, wie wir in Japan gerade sehen können.
Wir als Bevölkerung haben es also in der Hand, Entwicklungen wie in Fukushima in Europa zu verhindern. Lassen wir uns also nicht von Merkels Taktik überrumpeln. Gehen wir nicht zur Tagesordnung über. Oder um mit Brecht zu sprechen: Wer A sagt, muss nicht B sagen, wenn er erkennt, dass B verkehrt ist. Seien wir nicht nur in diesen Tagen Japaner.
Bodo Schwarzberg
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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