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Sa, 10:43 Uhr
08.01.2011

Schwäche gezeigt?

Warum die erwartungsfrohen Zuschauer gestern Abend beim Gastspiel des Rudolstädter Schauspielensembles im Stadttheater einen „Augenblick der Schwäche“ sahen und sich trotzdem daran begeisterten, das weiß unser Rezensent Olaf Schulze zu berichten.


Da sitzen sie nun auf den gepackten Umzugskartons und den Trümmern einer zwei Jahrzehnte währenden Ehe. Sie trinken ganz friedlich Kaffee. Audrey und Tony bereiten ihr Landhaus zum Verkauf vor und teilen die Habseligkeiten. Natürlich werden dabei die alten Gräben wieder aufgerissen, wird genussvoll in den Schwächen des Ex herumgepult wie in einer offenen Wunde, wird beleidigt, verdächtigt und beschuldigt. Dabei ist das einstige Paar krampfhaft bemüht, die Fassade eines jetzt doch ach so glücklichen Lebens aufrecht zu erhalten.

So ein Stück kann nur schreiben, wer es selbst erlebt hat oder aber ein verdammt guter Beobachter ist. Der Brite Donald Churchill tat das im Jahre 2003 und das Rudolstädter Theater brachte „Augenblick der Schwäche“ zur deutschen Erstaufführung. Das Stück ist so gut, dass es nur noch zweier Vollblutmimen bedarf, um einen schönen Bühnenerfolg zu erzielen.

theater (Foto: scholz) theater (Foto: scholz)

Und die haben die Rudolstädter mit Hans Burkia als freischaffendem Kameramann Tony und einer überragenden Ute Schmidt als seine Frau Audrey. Die beiden sind in ihren Rollen so brillant, dass wir im Zuschauerraum schnell vergessen, „nur“ einer Theateraufführung beizuwohnen und lustvolle Voyeure werden. Da stimmt jede Geste, jeder Blick, jedes angespannte tiefe Einatmen, jedes halbherzige Zurücknehmen der eben geführten Attacke und – es sitzt jede Pointe.

Einfach großartig wie die Schmidt ein Diktiergerät abhören will, die Bedienknöpfe nicht erkennt, den Arm mit dem corpus delicti so weit von sich streckt, wie es ihr nur möglich ist, um dann letztendlich doch frustriert in den Tiefen ihrer Handtasche nach der Lesebrille zu graben.

In kleinen Schritten seziert Churchill die aufgesetzten Masken seiner Helden und schält die zur Schau getragene Zufriedenheit wie die Häute einer Zwiebel herunter. Immer neue Facetten treten zu Tage und am Ende nimmt die Geschichte der beiden Unentschlossenen dann doch eine der zwei möglichen Wendungen. Befördert wird das durch den Auftritt der gemeinsamen erwachsenen Tochter Lucy (Ewa Rataj).

Aber mein Gott! Wer hat die arme junge Frau angezogen? Wie kann sie mit ihrer Mutter über das Kleid streiten, das sie zur bevorstehenden Hochzeit tragen wird und dabei diese lila Kniestrumpfungeheuer tragen? Ich gebe zu, es hat mich einige Repliken der Dialoge gekostet, bis ich mich an den scheußlichen Anblick gewöhnt hatte und mich beschäftigte die Frage, ob die Handlung nicht doch in den USA spielt.

Das Nordhäuser Publikum dankte gestern Abend geschlossen und mit langem, freundlichen Applaus für zwei Stunden kurzweiliges Theaterspiel auf hohem Niveau. Scheinbar gefällt das Stück also nicht nur der immer größer werdenden Gruppe vom gleichen Schicksal Betroffener wie Audrey und Tony.
Olaf Schulze
Autor: nnz

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