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Do, 19:40 Uhr
10.06.2010

Post von Luisa (28)

Luisa Schäfer, eine junge Frau aus Niedersachswerfen, schreibt in der nnz ein ungewöhnliches Tagebuch über ihre Erlebnisse am anderen Ende der Welt. Auf dieser Tagebuchseite erzählt von der Armut in Argentinien, wie sie sie jeden Tag erlebt...


Die Armut hier ist schwer zu fassen, zu definieren und erst recht schwer zu verstehen. Daher habe ich dieses Thema auch für einen späteren Bericht aufgehoben. Doch als ich anfangen wollte, einen zusammenhängenden Text zu schreiben, blieb die Seite leer. Es ist einfach so schwer die verschiedenen Ursachen, Auswirkungen, Ebenen und Folgen der Armut zusammen zu bringen. Diesem Anspruch möchte ich auch entgehen. Daher sind nun mehrere kleinere Texte zum Thema entstanden. Da mir dann aber, einmal angefangen, zu viele Gedanken gekommen sind, werde ich meinen nächsten Bericht ebenfalls diesem Thema widmen. Nun allerdings erst mal dieser:

Meine Welt, eure Welt, unsere Welt?!

In dritte und erste Welt zu unterscheiden ist heutzutage nicht gut angesehen. Begründet wird das damit, dass wir alle auf demselben Planeten zusammenleben und man dies auch sprachlich so ausdrücken sollte. Diese Argumentation kann ich nachvollziehen. Was allerdings bleibt sind die Unterschiede.

Jeden Tag aufs Neue wird mir bewusst wie gut es mir geht und wie dankbar ich für die Chancen und Möglichkeiten sein kann, die mir geboten werden. Vieles was ich als selbstverständlich ansehe, gilt hier als besonders. Noch immer wird der Blick auf Europa gerichtet, mittlerweile hat das schon jahrhundertelange Tradition. Vor kurzem, am 25. Mai, feierte Argentinien den 200. Geburtstag in Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft. Nationalstolz ist auf jeden Fall zu spüren und dank unzähliger Flaggen auch zu sehen.

Gerade aber auch in den ärmeren Gegenden eine Achtung uns Freiwilligen in unserer Rolle als Deutsche und/oder Europäern gegenüber, die wir uns gefühlsmäßig eigentlich erst erarbeiten müssten. Wir werden aber sofort als etwas Besonderes angesehen. Hier in der Gegend noch viel mehr. Denn hier sieht man den Menschen ihren indianischen Ursprung, anders als in den meisten anderen Provinzen in Argentinien deutlich an. Da fällt helle Haut und helles Haar schon auf. Mit all seinen Vor- und Nachteilen. Durch die Medien wird nämlich schon ein ziemlich deutliches Bild von den „gringos“ (Weißen) gezeichnet.

Ihr Anteil in den Zeitungen und Fernsehsendung entspricht keineswegs ihren tatsächlichen Vorkommen. Daher ist es auch zu erklären, dass die Kinder sofort allen Ausmalfiguren blonde Haare und helle Haut verpassen und das auch viel schöner finden. Wir wurden auch schon öfter gefragt, in welchen Kinofilmen wir schon so mitgespielt haben. Helle Haut ist für viele hier mit Berühmtheit verknüpft. Und nicht nur damit. Man hat schon so gegen einige Klischees anzukämpfen. So schauen die Kinder uns immer noch sehr verwunder an, wenn wir meinen, dass wir mal nicht schnell eben eine neue Spielkollektion kaufen können. Wir wären doch reich heißt es dann, alle Weißen haben viel Geld. Mehr als sie jedenfalls, da haben sie Recht.

Ein Blick auf die Straße

Das Zentrum der Stadt in der ich wohne ist nicht gerade schön anzusehen. Aber immerhin sorgen einige alte und prächtige Kolonialbauten doch ab und zu mal dafür, dass sich einige Touristen hierher verirren. Was sie dann aber nicht zu sehen bekommen, ist das andere Gesicht der Stadt, die Armenviertel. Dort sorgen keine Farben
dafür, dass das Auge an etwas Fröhlichem hängenbleibt und etwas Freude ausgestrahlt wird. Dort ist es grau. Alles ist grau. Die Straßen aus Schotter und Dreck, welche sich im Regen zu Matsch auflösen und dann erst einige Tage später durch Bagger wieder in ihre eigentliche Form gebracht werden. Die Häuser, welche man eher als Hütten bezeichnen sollte, welche aus Wellblechdächern und Betonklötzen erbaut sind.

Alles grau in grau

Für Abwechslung sorgen nur die Müllhaufen die sich an den Straßenrändern anhäufen. Werden diese zu groß, werden sie einfach verbrannt. Sauber sieht es aber nie aus. Regnet es, sammelt sich in Pfützen, aber auch in alten Plastikbehältern und Autoreifen das Brackwasser. In der Mischung mit dem Abwasser, was zum Teil auf die Straßen geleitet wird, entsteht gerade zu ein Paradies für Krankheitserreger. Diese werden aber auch auf anderem Weg übertragen.

Zum Beispiel durch die tausenden streunenden Hunde, die man überall antrifft. Obwohl teilweise von stattlicher Größe, ist es nicht notwendig Angst vor ihnen zu haben. Die haben eher Angst vor den Menschen. Denn die Bewohner gehen nicht gerade in zarter Weise mit ihnen um. Aber alle haben sich daran gewöhnt, so ist nun mal das Leben auf der Straße.

Hungert hier jemand?

Argentinien ist nicht eines der Länder mit denen man Bilder von hungernden Kleinkindern verbindet. Und doch sind in den letzten Jahren immer mal wieder gerade solche in den Medien aufgetaucht. Denn manchmal reicht es eben doch nicht. Und das in einem Land, in dem die Spitzengehälter der Manager durchaus mit dem europäischen Standard mithalten können, wenn nicht diesen sogar überbieten und das Exportgeschäft gerade im Bereich der Lebensmittel blüht.

Hier vor Ort ist es glücklicherweise nicht so, dass ich erlebe, dass jemand hungert. Der Grundbedarf scheint gedeckt. Ab und zu kommt es jedoch schon vor, dass Projektkinder oder bettelnde Kinder auf der Straße fragen, ob man ihnen nicht etwas Geld für etwas Essen geben könnte. Denn wenn es mal keine Versorgung durch die Fundacion (das Kinder- und Jugendzentrum) gibt, wird es in einigen Fällen knapp. Das liegt dann bei manchen sicherlich eher an dem Desinteresse, welches manche Eltern für ihre Kinder und deren Versorgung aufweisen.

So ist es durch aus üblich, dass die Mahlzeiten am Wochenende nur aus Chips und Süßigkeiten bestehen. Es wird einfach nicht hingeguckt. Teilweise fehlen aber tatsächlich die finanziellen Mittel für ordentliche Mahlzeiten am Tag. Und ohne die geringe, finanzielle staatliche Unterstützung sähe die Situation noch viel drastischer aus.

Kinder kriegen auf argentinisch

Auch nach einer ziemlich langen Zeit in den Projekten ist es schwierig, die Familienkonstellationen vollständig zu durchschauen. Immer wieder entdeckt man Geschwisterpaare, Cousinen und Cousins die man bisher gar nicht miteinander in Verbindung gebracht hat. Kein Wunder, denn die meisten Kinder haben hier eine größere Zahl an Geschwistern und Verwandten zu bieten. Die großen Familien sind eigentlich auch keine schlechte Sache. Man hält zusammen und insgesamt ist die Gesellschaft im Gegensatz zu unserer ergrauten europäischen Gemeinschaft sehr jung, von Nachwuchsmangel keine Spur.

Doch wie so oft gibt es auch keine andere Seite der Medaille zu betrachten. Gerade wenn man in die Armenviertel kommt, fragt man sich schon, wie es sein kann, dass Familien die schon mit ihren acht Kindern mehr schlecht als recht über die Runden kommen, auch noch ein neuntes bekommen. Wäre es nicht besser für alle Beteiligten, wenn man die Kinderanzahl reduzieren würde? Könnten dann nicht die Töchter und Söhne mehr profitieren, als wenn kaum etwas zu essen für alle da ist?

Machen sich die Eltern da keine Gedanken darüber? Die Antworten auf diese Fragen scheinen leicht zu finden zu sein. Sicher wäre es besser, wenn alle weniger Kinder hätten. Das würde die Not sicher ein wenig lindern. Fragt man hier Leute vor Ort sind sie auch fest davon überzeugt, dass man in dieser Sache etwas tun sollte. Manche gehen so weit, dass sie Sterilisation der Frauen in den Armenvierteln als Lösung sehen. So etwas klingt für unsere geschichtlich stark belasteten Ohren unzumutbar. Mir wurde aber auch erklärt, dass genau dies sich viele betroffene Frauen wünschen würden.

Denn nicht immer hätten sie auch tatsächlich gern so viele Kinder. Da Verhütungsmethoden zum Großteil kostenlos vom Staat zur Verfügung gestellt werden, könnte man eigentlich meinen, dass diese auch genutzt
werden. Doch gerade in den Armenvierteln sträuben sich wohl gerade die Männer dagegen. Sie meinen, dass alle glauben würden, sie wären nicht potent, wenn ihre Frau nur wenige Kinder zur Welt bringen würde. Daher
erlauben sie es ihnen nicht, die Pille oder sonstige Dinge anzuwenden.

Ich denke jedoch, dass Sterilisation ein viel zu radikaler Weg ist und man andere Lösungen für das Problem finden sollte. Schon die, gerade durch die Kirche eingeschränkte Aufklärung leistet ihren Teil dazu bei, dass viele junge Mädchen völlig überfordert mit der Situation sind. Zu Hause wird über diese Themen auch nicht gesprochen. Daher muss die Schule ihren Teil leisten, den Kindern und Jugendlichen die nötigen Informationen zu vermitteln. Es kann nicht sein, dass, wie ich gehört habe, es vorkommt, dass Paare sich darüber beschweren, dass die Antibabypille die sie sich verordnen lassen haben, nicht gewirkt hat, obwohl der Mann sie doch immer regelmäßig genommen hätte. Weiterhin denke ich, wäre es wichtig, das Bildungssystem zu verbessern. Es gibt so viele Kinder und Jugendliche die hier die Schule ohne Abschluss abbrechen, teilweise schon mit elf, zwölf Jahren. Deren Möglichkeiten sehen für die Zukunft eher düster aus.

Findet man einen Weg ihnen Motivation und eine Perspektive zu geben, sähe die Sache sicher anders aus. Denn je höher der Bildungsgrad, desto überlegter auch die Familienplanung. Bisher sieht es nämlich wohl er so aus, dass die Kinder auch als eine Art Absicherung für das Alter angesehen werden. Denn bei der Arbeitssituation sieht es bei den meisten wohl eher nach wenig oder keiner Rente aus.

Nicht zu Letzt muss meiner Meinung nach auch die Abtreibung legalisiert werden. Natürlich sollte diese nicht als „Verhütungsmöglichkeit“ angesehen werden. Was meiner Meinung nach, sowie so kaum eine Frau tut. Aber es kann nicht sein, dass immer noch jeden Tag zwei Frauen allein in Argentinien an den Folgen einer illegalen Abtreibung sterben. Diese Zahl betrifft vor allen Frauen aus den armen Regionen, an denen unglaubliche Methoden zur Abtötung des Fötus angewendet werden. So werden zum Teil Autoantennen, Säuremittel oder Stricknadeln verwendet.

Da jedoch die amtierende Präsidentin Kirchner auch öffentlich Stellung gegen die Legalisation bezieht und die Stellung der Kirche im Land noch sehr stark ist, sieht es nicht so aus als würde sich an dieser Situation in der nächsten Zeit viel ändern. Doch der Druck durch die Abtreibungsbefürworter wächst, irgendwann werden sich auch die Regierung Lateinamerikas nicht mehr gegen das Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Frauen stellen
können.

Der weite Weg ins Krankenhaus

Kranksein ist nie schön. Gut ist es aber zu wissen, dass man sich im Fall der Fälle keine Sorgen zu machen braucht. Jedenfalls nicht darüber, ob man behandelt wird und wie man das bezahlen kann. Diese Gedanken bleiben den meisten Deutschen erspart. Krankenversicherung als Pflicht hat seine Vorteile. Hier liegt es in der eigenen Hand vorzusorgen. Bei weitem nicht alle haben die nötigen finanziellen Mittel dafür. Daher findet man in den meisten Vierteln so genannten Gesundheitszentren vor. Diese werden aus staatlichen Mitteln finanziert und es entstehen daher keine oder nur geringe Kosten für die Patienten. Doch nicht immer ist dieses System ausreichend. So haben wir schon persönlich miterlebt, dass in ernsteren Fällen, bei denen sicher Kosten entstehen, alles getan wird, dass zu verhindern.

Wir, meine Mitfreiwilligen und ich, sind im Wartezimmer eines Anwalts einer älteren Dame begegnet, welche unter sichtlich starken Schmerzen litt. Ihre Töchter konnten oder wollten sie nicht ins Krankenhaus bringen, auch wenn wir schon beinah den Eindruck hatten, dass da bald einiges mehr als nur ein Arzt nötig gewesen wäre. In dieser Situation fühlt man sich sehr hilflos. Wir konnten nichts weiter unternehmen, als mit den Töchtern zu sprechen. Wie das Leiden der alten Dame schlussendlich ausgegangen ist kann ich nicht sagen. Nur, dass es sehr schwer ist, so etwas mit anzusehen, wenn einem die Hände gebunden sind. Eine Erneuerung und Verbesserung des Gesundheitssystems hätte dieses Land auf jeden Fall nötig.

Vom Supermarkteinkauf über Handy und Klamotten bis zum Auto: Es lebe
der Ratenkauf! Mein Gefühl ist, dass es für viele Menschen hier auch schwer ist, das wenige Geld was sie haben, gut zu verwalten. So werden in besseren
Zeiten die paar Pesos, die mal da sind, gleich umgesetzt. Dies passiert allerdings nicht sehr geplant oder überlegt. Wenn man die erste Rate für den DVD- Player bezahlen kann, wird er auch gekauft. Dass dann aber noch viele weitere Raten plus Zinsen abgezahlt werden müssen, daran denken die wenigsten. So kann es durchaus sein, dass das tolle Gerät nach ein paar Wochen wieder weg ist. Die Läden und Geschäfte, in denen fast allen der Ratenkauf üblich ist, haben schon ihre Methoden ihre Schulden wieder einzutreiben.

Nun ist doch so einiges zusammen gekommen. Und es bleibt doch noch so viel ungesagt. Der Inhalt des nächsten Berichtes steht daher auch schon im Groben. Auffallend bei diesem Thema ist, dass sich einiges sehr gut berichten lässt. Andere Dinge wiederrum sind so schwer mit Worten auszudrücken. Aber ich tue mein bestes und hoffe einen realistischen Einblick in das Leben mit all seinen Facetten geben zu können.
Autor: nnz

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