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Do, 09:15 Uhr
08.04.2010

Zeitzeugen im Mittelpunkt

Mit zahlreichen Veranstaltungen wird ab Sonntag dem 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau Dora bei Nordhausen gedacht. Über ein Projekt des Vereins Jugend für Dora hatte nnz heute bereits berichtet. Jetzt wollen wir einen Überblick über die weiteren Veranstaltungen vermitteln...


Vor 65 Jahren wurde das Konzentrationslager Mittelbau-Dora von amerikanischen Truppen befreit. Mit verschiedenen Veranstaltungen wird an dieses Ereignis erinnert. Zahlreiche ehemalige Häftlinge sowie Angehörigen und Hinterbliebene der KZ-Gefangenen aus West- und Osteuropa, aus den USA und Kanada sowie aus Australien und Israel werden dazu erwartet. Die Gedenkstätte lädt zur Teilnahme ein.


Die zentrale Gedenkveranstaltung am Montag (12. April), ab 11.00 Uhr in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora steht ganz im Zeichen der Erinnerung an die Opfer des Konzentrationslagers. Auf dem Platz vor dem ehemaligen Krematorium findet die Kranzniederlegung statt. Ein Grußwort spricht der Justizminister des Freistaates Thüringen Dr. Holger Poppenhäger.

Die Gedenkreden halten zwei ehemalige Häftlinge des KZ Mittelbau, die für unterschiedliche Hafterfahrungen im Lagerkomplex Mittelbau-Dora stehen: Avraham Lavi (New York) wurde 1945 als junger jüdischer Häftling bei der Räumung des KZ Auschwitz nach Nordhausen verschleppt; der Schriftsteller Boris Pahor (Triest) war als Angehöriger des slowenischen Widerstands gegen deutsche Besatzer verhaftet und unter anderem in den Mittelbau-Lagern Dora und Harzungen inhaftiert worden.

Avraham Lavi, 1931 im ungarischen Vásárosnamény geboren, wurde 1944 mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Unmittelbar nach der Ankunft wurden seine Mutter und die beiden jüngeren Schwestern ermordet. Der 13-jährige Lavi entkam der Selektion, weil er sich als älter ausgab. Gemeinsam mit dem Vater und dem älteren Bruder musste er in Auschwitz-Monowitz Zwangsarbeit für die IG Farben leisten.

Bei der Räumung des Lagerkomplexes in Auschwitz trieb die SS die drei im Januar 1945 auf einen Fußmarsch nach Gleiwitz; von dort brachte sie ein zweiwöchiger, mörderischer Bahntransport nach Nordhausen in das KZ-Außenlager Boelcke-Kaserne. Beim Luftangriff Anfang April 1945 gelang Lavi und einem gleichaltrigen Mithäftling nur kurzzeitig die Flucht – Vater und Bruder sah er nie wieder. Er selbst wurde wieder in Haft genommen und auf den Todesmarsch getrieben. Erst Tage später brachten anrückende US-Truppen bei Güsten endgültig die Freiheit.

Nach Ungarn zurückgekehrt, fand Lavi nur wenige Familienangehörige, die überlebt hatten. Er kam in ein jüdisches Waisenhaus in Budapest, wanderte 1949 nach Israel aus und trat in die Armee ein. 1960 heiratete er. In die USA kam er zunächst als Verbindungsoffizier der israelischen Luftwaffe. Nach dem Abschied vom Militär übersiedelte er 1980 auf Wunsch seiner drei Kinder ganz dorthin. Lavi lebt im New Yorker Stadtteil Queens, seit 1999 ist er im Ruhestand.

Boris Pahor zählt zu den bedeutendsten slowenischen Schriftstellern der Gegenwart, er gilt neben Primo Levi, Jorge Semprún oder Imre Kertész als wichtiger Vertreter literarischer Zeugenschaft der KZ-Verbrechen – und war bereits mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert. Geboren 1913 in Triest, gehörte Pahor der slowenischen Minderheit an, die im faschistischen Italien Repressalien ausgesetzt war. Ein Studium an einer italienischen Universität war so jahrelang nicht möglich, da ein slowenischer Schulabschluss nicht anerkannt wurde.

Zum italienischen Militärdienst wurde Pahor gleichwohl eingezogen; ab 1940 diente er in Libyen, später in Italien als Dolmetscher für gefangene jugoslawischen Offiziere. Nach dem Sturz Mussolinis 1943 kehrte Pahor nach Triest zurück und schloss sich der slowenischen Befreiungsfront an. Im Januar 1944 verhaftet, wurde er zunächst in die KZ Dachau und Natzweiler gebracht. Im Dezember 1944 verschleppte ihn die SS in den Südharzer Lagerkomplex. Pahor überlebte auch deshalb, weil er aufgrund umfangreicher Fremdsprachenkenntnisse als Häftlingspfleger herangezogen wurde. Im Zuge der Räumung des Außenlagers Harzungen kam er nach Bergen-Belsen, das im April 1945 von der britischen Armee befreit wurde.

Zurück in Italien promovierte Pahor 1947 mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit an der Universität Padua, war als freier Schriftsteller und – nach zunächst nicht anerkannter Unterrichtserlaubnis – von 1953 bis zur vorzeitigen Pensionierung 1975 als Gymnasiallehrer in Triest tätig. Parallel dazu blieb Pahor publizistisch und politisch engagiert (u.a. als Herausgeber einer Zeitschrift). Sein bekanntester Roman „Nekropoplis“ – eine reflektionsstarke Auseinandersetzung mit den Erinnerungen an das Überleben und Sterben im
Konzentrationslager – erschien zuerst 1967 in Maribor (auf Deutsch erst 2001).

Pahor veröffentlichte eine Reihe weiterer, auch autobiographisch angelegter Romane und literarische Essays. Sein Werk ist mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen bedacht worden. Ende April 2010 wird ihm das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen.

Eine neue Sonderausstellung der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora wird gegen 13.00 Uhr (im Anschluss an die Kranzniederlegung) in der ehemaligen Feuerwache des Lagers eröffnet. Gezeigt werden Gipsfresken, die französische Häftlinge 1944 in einer Häftlingsunterkunft des KZ-Außenlagers Ellrich-Juliushütte gestaltet haben.

Zur Einführung spricht der Leiter der Gedenkstätte, Dr. Jens-Christian Wagner über Entstehungskontext und Überlieferungsgeschichte der Wandbilder, die eine Leihgabe des Deutschen Historischen Museums (Berlin) sind.

Zu einem Gedenkkonzert mit Empfang lädt die Stadt Nordhausen am Montag, dem 12. April 2010, um 19.30 ins Theater Nordhausen ein. Im Rahmen der Veranstaltung übergibt die KZ-Gedenkstätte dem Häftlingsbeirat das soeben fertiggestellte Gedenkbuch des KZ Mittelbau-Dora. Dieses Verzeichnis von über 10 000 Toten des Südharzer Lagerkomplexes, die namentlich ermittelt werden konnten, ist in den letzten Jahren in der KZ-Gedenkstätte erarbeitet worden. Recherchen in einer Vielzahl verschiedener Quellenbestände bilden die Grundlage für das „gedruckte Denkmal“.

Musikalisch wird der Abend gestaltet von der Musikschule und dem Chor des Humboldt- Gymnasiums. Mitglieder des Jungen Theaters tragen Passagen aus Erinnerungsberichten ehemaliger Häftlinge vor.

Auf dem ehemaligen Appellplatz des KZ-Außenlagers Ellrich-Juliushütte (am Bahnhof Ellrich) findet am Dienstag, dem 13. April 2010, ab 16.30 Uhr eine Gedenkstunde mit Kranzniederlegung statt. Dazu laden die Stadt Ellrich und die Samtgemeinde Walkenried gemeinsam ein. Zur Begrüßung sprechen die beiden Bürgermeister, Matthias Ehrhold und Frank Uhlenhaut. Die Gedenkansprache hält der ehemalige Häftling Louis Garnier (Paris).

Beim anschließenden Rundgang werden die neuen Informationstafeln vorgestellt, die das ehemalige Lagergelände für künftige Besucher besser erschließen. Die Neugestaltung der Beschilderung wurde ermöglicht durch das Engagement der Ellricher Stadtverwaltung und nicht zuletzt durch großzügige Spenden ehemaliger Häftlinge aus Frankreich.

Die Wirkungs- und Repräsentationsgeschichte des KZ Mittelbau-Dora wird auf der Fachtagung „Dora nach 1945“ zum Thema gemacht. Die Konferenz am 13./14. April 2010 wird von der Gedenkstätte in Kooperation mit der Association Française Buchenwald Dora et Kommandos, der Commission Dora-Ellrich und der Fondation pour la Mémoire de la Déportation (alle Paris) veranstaltet.

Die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit der Nachgeschichte geht der Frage nach, welchen Einflüssen und Wandlungen die öffentliche Wahrnehmung der Lagergeschichte in den vergangenen 65 Jahren unterworfen war. Im Einzelnen geht es dabei etwa um den Umgang mit den befreiten Lagern und den Überlebenden, um die Lebenswege von Tätern
und Profiteuren oder um die wechselvolle Erinnerung an die NS-Verbrechen.
Autor: nnz

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Kommentare
Real Human
08.04.2010, 15:03 Uhr
Wer müsste sich Asche aufs Haupt streuen?
In den letzter Zeit haben sich etliche Artikel mit der Bombardierung Nordhausens und dem KZ Dora beschäftigt. Es ist gut, dass es Bürger gibt, die solche wenig erbaulichen Themen nicht einfach verdrängen – auch bei dem schönen Wetter nicht.

Doch reicht es, sich kollektiv zu erinnern oder sich gar „Asche aufs Haupt“ zu streuen? Erinnern ist gut und notwendig, aber werden daraus die richtigen Schlussfolgerungen gezogen? Um zu tieferem Nachdenken zu provozieren, wage ich mal folgende Hypothese:

Man stelle sich vor, auf dem deutschen Territorium hätten im Jahr 1900 französischsprechende Menschen mit „gallischen Genen“ gewohnt. (Welche Rolle spielen Gene eigentlich für die Kultur?) Auf dem Gebiet von Frankreich würden umgekehrt „Germanen“ wohnen.

Ich behaupte: Die Geschichte wäre fast genauso verlaufen – nur eben spiegelbildlich. Und was lernen wir daraus?

Die Katastrophen haben viele Väter, auch heute! Nur bekennen sich die Verursacher nicht gern zu dem, was auch sie mit zu verantworten haben. Oft sind es gerade unsere Sonntagsprediger aus den Bundestagsparteien, die alltags „gezwungenermaßen“ die gleichen Fehler machen, die 1933 mit zu der verhängnisvollen Weichenstellung geführt haben.

Ein konkretes Beispiel: Wer wie in den Zwanziger Jahren das einfache Volk das ausbaden lässt, was die „Eliten“ verbockt haben, braucht sich nicht zu wundern, wenn – wie immer in Krisenzeiten – aus diesem Volk alsbald der Ruf nach einem „Messias“ erschallt.

(Siehe dazu auch aktuell: „Mehr Druck auf Beschäftigte“ von 13:53 Uhr!)
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