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Mo, 06:21 Uhr
11.11.2002

nnz-Rückspiegel: 11. November 2001

Nordhausen (nnz). Sie wollen wissen, was sich im Landkreis Nordhausen vor exakt einem Jahr ereignet hat? Kein Problem! Die nnz hat für Sie im Archiv geblättert. Heute:
Interview: Abschied eines GMD


Im nnz-Interview: GMD Peter Stangel
Am Wochenende lädt das Nordhäuser Theater zum Familienkonzert nach Nordhausen und Sondershausen ein. Die Moldau dirigierte Generalmusikdirektor Peter Stangel. Über die jetzige Situation und seine Zukunftspläne hat die nnz ein Interview mit Stangel geführt.


nnz: Die Spielzeit geht auf Weinachten zu, die Situation der Theater in Thüringen ist weiterhin ungeklärt, aber der Generalmusikdirektor wurde bisher im Operngraben nicht gesehen. Auch die nächste Premiere wird nicht von Ihnen geleitet. Nur im Konzert konnten wir Sie zu Beginn der Spielzeit einige Male zu Gesicht bekommen. Machen Sie sich jetzt rar?

Stangel: Nein, keinesfalls. Auch ich bin über die lange Abwesenheit von der Oper nicht glücklich, sie entspricht in keiner Weise meinem Wunsch. Die Verteilung der Operndirigate liegt aber bei der Intendantin. Mehr muß ich wohl dazu nicht sagen.

nnz: Wann können wir denn wieder mit Ihnen in einer Operaufführung rechnen?

Stangel: Es wird tatsächlich noch eine Weile dauern, in diesem Jahr nicht mehr. Aber ich hoffe, dass sich das Warten gelohnt hat, denn mit Verdis „Nabucco“, der am 1. Februar Premiere hat, kann ich den Nordhäusern ein wirkliches Operereignis versprechen. Diese Einstudierung wird mein Abschiedsgeschenk an die Nordhäuser Operfreunde, wir werden noch einmal alle Register ziehen.

nnz: Das Orchester habe, so hört man, soeben einen CD ohne Sie produziert. Sie haben sich geweigert, an den Aufnahmen teilzunehmen, wird kolportiert?

Stangel: Das ist so nicht richtig. Tatsächlich hat das Orchester Aufnahmen gemacht, und sie fanden ohne mich statt. Allerdings ist der Hergang doch ein wenig anders, als es die Aussage suggerieren will. Bereits in der zurückliegenden Spielzeit hatte ich selbst alles in die Wege geleitet, mit dem Loh-Orchester eine repräsentative CD zu produzieren, die das Orchester, besonders angesichts der augenblicklichen Lage, dringend benötigt. Der Orchestervorstand und ich hatten uns über das Programm verständigt, die Intendantin war einverstanden, der Förderverein in Sondershausen bereit, die gesamten Kosten von über 15.000 Mark zu übernehmen. Tonmeister waren angefragt und im Oktober hatten wir einen ganze Woche reserviert, um mit aller Sorgfalt aufnehmen zu können. Es waren also alle Vorarbeiten erledigt und das Signal stand auf Start.

nnz: Trotzdem kam aber alles anders?

Stangel: Kurz vor der Sommerpause befand Frau Pirklbauer dann plötzlich, dass eine solche CD doch nicht produziert werden solle. Warum, wurde nicht ganz klar, die Argumentation war sehr bunt, aber eigentlich für niemanden recht nachvollziehbar. Die nnz hatte ja darüber berichtet. Der Förderverein erhielt einige so unhöfliche Briefe, dass er schließlich sein Angebot zur Finanzierung zurückzog, während das Orchester und ich weiter im Ungewissen blieben. Selbst zu Spielzeitbeginn war nichts geklärt. Schließlich beschied die Intendantin dann im September, was für eine ordentliche Vorbereitung bereits viel zu spät war, es werde eine CD mit Walzern und Operetten aufgenommen und zwar mit allen Dirigenten des Hauses. Das war an den ursprünglichen Absichten so völlig vorbei, dass das Orchester sich geschlossen gegen eine solche CD aussprach: Sie sei ein falsches Signal und in keiner Weise repräsentativ – weder für das Orchester noch für die Arbeit der letzten beiden Jahre. Diese Meinung teile ich und deshalb habe ich erklärt, an der Aufnahme nicht teilnehmen zu wollen.

nnz: Inwiefern ein falsches Signal?

Stangel: Wenn ein Orchester von der Größe und Qualität des Loh-Orchesters eine CD herausbringt, die ein wesentlich kleineres und weniger gute Orchester ebenso einspielen könnte, halte ich das in der derzeitigen Theater-Situation für fatal. Dieses Orchester repräsentiert eine gewachsene Tradition und spielt so manchen anderen Klangkörper „an die Wand“. Wir haben die letzten beiden Jahre intensiv an der Klangqualität und an der stilistischen Differenzierung gearbeitet, denken Sie nur an die Bruckner-Sinfonie oder an das Verdi-Requiem. Das müsste auf einer CD dokumentiert werden, die Vielseitigkeit und das Niveau des Orchesters, und nicht irgend ein Potpurri-Programm, das jede bessere Kurkapelle spielen kann.

nnz: Sie sagen, das Orchester hat einen Beschluß gegen dieses Programm gefasst. Wie ging die Produktion dann vonstatten?

Stangel: Das ist keine Problem: So etwas wird von der Intendanz einfach angeordnet, fertig. Dienstvorschrift. Ob es allerdings sinnvoll ist, und was die Resultate einer solch gewaltsamen Aktion anbelangt, bin ich sehr im Zweifel.

nnz: Und wer bezahlt die Produktion nun, nachdem der Förderverein sich zurückgezogen hat?

Stangel: Keine Ahnung. Es scheint ja Geld genug da zu sein.

nnz: Herr Stangel, Sie werden zum Ende der Saison Nordhausen verlassen – zwar auf eigenen Wunsch, aber doch nicht ganz freiwillig. Gehen Sie im Zorn?

Stangel: Ja und nein. Nicht wirklich. Natürlich war und bin ich sehr verärgert über gewisse Vorkommnisse und Missstände, vor allem über die vollständige Passivität der Verantwortlichen, diesen Missständen ein Ende zu bereiten. Insofern ist der Abschied auch befreiend. Aber noch mehr bin ich enttäuscht und traurig, dass eine so wunderbare Einrichtung wie ein eigenes Theater und solch ein Orchester nicht den Stellenwert und die Anerkennung bekommen, der ihnen zusteht. Ich bin in großer Sorge für den Theaterstandort Nordhausen. Allerdings fürchte ich, dass vieles von der Misere hausgemacht ist.

nnz: Wie hausgemacht?

Stangel: Ich höre in der Debatte um die Strukturreform immer, was irgendjemand muß: Die Intendantin sagt, das Publikum muß. Der Aufsichtsrat sagt, die Landesregierung muß. Ständig muß irgendjemand. Offensichtlich haben alle Beteiligten nicht begriffen, dass niemand, einfach niemand zu irgendetwas verpflichtet ist. Weder muß das Publikum ins Theater gehen noch muß das Land oder muß die Stadt Geld geben. Die einzige Legitimation für ein Theater ist der Zuspruch des Publikums. Um das Publikum muß man werben, man muß es locken, verführen. Man muß dem Zuschauer ein gutes Argument geben, warum er seinen freien Abend ausgerechnet im Theater verbringen soll. Alles andere empfinde ich als arrogant und völlig an der Realität vorbei. Dann, und nur dann wird das Theater auch so getragen sein von der Bevölkerung, dass es überlebt. Dazu ist es aber notwendig, das Publikum auch zu erreichen, da spielt die Öffentlichkeitsarbeit eine Schlüsselrolle und die ist bei uns ja praktisch nicht vorhanden. Daß es grundsätzlich möglich ist, mehr Publikum heranzuziehen, sehen wir ja an unseren Konzerten. Die zogen trotz ungewöhnlicher Programme immer mehr Besucher an. Aber insgesamt sehe ich ziemlich schwarz.

nnz: Peter Stangel, wohin führt Sie Ihr Weg, wenn Sie Nordhausen verlassen?

Stangel: Ich möchte in den nächsten drei, vier Jahren freischaffend arbeiten, dass heißt, nur als Gastdirigent auftreten, um mehr Zeit zum Komponieren zu haben. Ich habe einige Projekte in der Schublade, unter anderem ein Theaterstück für und mit Gloria Feidmann, die möchte ich fertig stellen. Dann habe ich schon seit längerer Zeit vor, ein eigenes Ensemble zu gründen und ich bin in Gesprächen über die Leitung eines neuen Festivals in der Nähe von Neapel.

nnz: Und die Leitung eines eigenen Hauses?

Stangel: Ich muß mich erst ein bisschen von diesem erholen. Doch, sicher, die Arbeit selbst macht mir ja viel Freude. Es sind jedoch die Umstände, die es einem vergällen. Mittelfristig, in einigen Jahren, werde ich sicher wieder die Leitung eines eigenen Hauses übernehmen, mit allem, was dazugehört. Mir geht nichts über kontinuierliche Aufbauarbeit, und die Reaktionen von Ensemble, Publikum und Presse waren in dieser Hinsicht ja sehr positiv. Wo erlebt man denn so etwas: Während der „Polizeiaktion“ im letzten Winter habe ich Briefe und Blumen vom Publikum erhalten. Das hat mich sehr berührt. Und dafür bin ich sehr dankbar.

nnz: Vielen Dank für das Gespräch.
Autor: nnz

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