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Sa, 17:58 Uhr
16.12.2000

Die zauberhafte Geschichte der "Angelika" aus Nordhausen

Nordhausen (nnz). Mehr als elf Jahre ist es her, da sich das Volk in der damaligen DDR aufmachte, die herrschenden Betonköpfe hinwegzufegen. Was in den folgenden Monaten vor allem über das MfS das Licht der nunmehr demokratischen Welt erblickte, lässt uns auch heute noch erschaudern. Vieles ist vergessen, der Zahn der Zeit hat es in Archiven verstauben lassen. Mitunter ist Stasi doch vielleicht nur noch die Gauck-Behörde, sind es aktuell die Kohl-Akten. nnz-Autor Patrick Grabe hat einen Fall recherchiert, der sich mitten in Nordhausen abspielte. Die Geschichte von IM "Angelika" und seinem Opfer ist nicht derart brisant, dass sie vielleicht einmal im "Spiegel" auftauchen wird, sie war eben das Spiegelbild der "alltäglichen Arbeit" der Krake namens Stasi.

"Er steht gern im Mittelpunkt und ist redegewandt. Seine Fingerfertigkeiten als Zauberer sind gut entwickelt und in der operativen Arbeit zu beachten. Desweiteren ist er in der Lage, Schriften, Zahlen, die auf dem Kopf stehen, aus größerer Entfernung wahrzunehmen und in das richtige Verhältnis zu setzen". Diese erstaunlichen Fähigkeiten bescheinigt 1982 die Stasi ihrem Nordhäuser IM "Angelika" - alias Günter R., war zu DDR-Zeiten Zauberkünstler ("Magie humorvoll serviert"). Das Opfer von "Angelika" war der ehemalige Dozent für Marxismus-Leninismus und spätere Dissident und Schriftsteller Rolf Schilling aus Bielen.
Dokumentiert sind der Fall Schilling und der Eifer von "Angelika" im Buch "Opposition und Verweigerung in Nordthüringen 1976-1989", des Historikers Dietmar Remy, Duderstadt 1999.
Dietmar Remy dokumentiert, dass Führungsoffizier Gerhard Stürmer R. Anfang der 80er Jahre beauftragte, ein Vertrauensverhältnis zu Schilling aufzubauen, dessen Persönlichkeit aufzuklären und Material zu beschaffen, um Schilling eine Straftat nachzuweisen. R. - "... zeigt Eigeninitiative, geistig beweglich," (Hauptmann Stürmer über seinen IM) - kassiert in den 80er Jahren rund 8000 Mark von der Stasi für seine Dienste, darüber hinaus einen Kasten Radeberger, einen Kasten Angerbräu und zwei Kästen Erfurter.
R. will in den engen Freundeskreis seines Opfers eindringen und gibt sich dazu bei einem Besuch in Bielen als Kritiker der DDR aus und schimpft über die schlechte Versorgungslage. Er verspricht den Schilling-Kindern, für sie zu zaubern und leiht sich einige Gedichte seines Opfers, um sie natürlich sofort seinem Führungsoffizier vorzulegen. R. ist stolz darauf, sein Opfer "gesellschaftskritisch provoziert" zu haben und muss von seinem Offizier sogar gebremst werden: IM "Angelika" wird informiert, sich derart zu verhalten, dass er sich selber nicht belaste. Die Gedichte, die R. erschleicht, landen bei der Stasi in Erfurt. Ein Mitarbeiter - vermutlich Literaturwissenschaftler - begutachtet die Werke und bescheinigt Schilling "überdurchschnittlich hohes Können". "Angelika" allerdings hielt persönlich nicht viel von Schilling, bezeichnete Schillings Gespräche als "Gefasele": "Es werden Worte gebraucht, die kein normaler Mensch versteht".
R. berichtet dem Geheimdienst über Schillings Briefwechsel mit dem westdeutschen Schriftsteller Ernst Jünger. Durch Jüngers Vermittlung konnte Rolf Schilling im "Rheinischen Merkur" einen ersten Essay veröffentlichen. Dafür erhielt er - wie "Angelika" wusste und weitermeldete - 700 DM. Allerdings war "Angelika" Schilling durchaus auch nützlich. Schilling hatte keine Fahrerlaubnis, und R. kutschierte ihn deshalb immer an das gewünschte Ziel. Unter anderem auch in die CSSR, wo sich Schilling mit Freunden aus dem Westen traf. Auf der Rückfahrt von einer solchen Reise gelingt es R., die Westbücher von Schilling, die der in der CSSR bekommen hatte, durch die Kontrollen zu schmuggeln. Der Dichter ernannte R. daraufhin zu seinem "ersten Wagenlenker". "Angelika" machte sich seinem Opfer auch erbötig, dessen Pakete aus dem Westen an die Adresse des Zauberkünstlers schicken zu lassen. So sollten sie unkontrolliert ihr Ziel erreichen. Schilling lehnte allerdings ab und nutzte dafür unter anderem Stephan Hermlin, bei dem die Bücher von Ernst Jünger eintrafen und der sie an Schilling weitersandte.
Die Stasi hielt an IM "Angelika" sogar fest, als sich dieser gegenüber einer Vorgesetzten dekonspiriert, weil er mit seiner Geheimdiensttätigkeit prahlt: R. sah sich an seiner neuen Arbeitstelle im Kultur- und Freizeitzentrum Erfurt nämlich zum Kaffeekochen und Geschirrwaschen mißbraucht. Eine IM (seine Vorgesetzte) berichtete über ihren Spitzelkollegen "Angelika" an die Stasi: "In einem vertraulichen Gespräch ... teilte er mit, Verbindungen zur 'Stasi' zu haben und für diese zu arbeiten." R. begründete 1985 einen Antrag auf Arbeitsbefreiung gegenüber seinem Arbeitgeber mit einem Stasiauftrag. R. wies bei diesem Gespräch darauf hin, dass er absolutes Vertrauen zu seiner Vorgesetzten habe.
Parallel zu R. war übrigens auch der IM "Asker" auf Schilling angesetzt. "Asker" war der Nordhäuser Kinder- und Jugendbuchautor Alexander J. (Selbst über diesen IM-Kollegen hatte "Angelika" etwas zu sagen). Ebenfalls mit dem Fall Schilling beschäftigt war IM "Hummel" vom Amt für Arbeit in Nordhausen. Er sollte für die Eingliederung Schillings in ein Arbeitsverhältnis sorgen.
Wie Dietmar Remy dokumentiert, lobte die Stasi ihre IM: Oberstleutnant Herbert Kurzbach und Major Heinz Lemmer "schätzten ein", dass die IM ein Vertrauensverhältnis zu Schilling hergestellt hätten, ohne, dass ein Abhängigkeitsverhältnis entstanden sei und ohne sich gegenseitig zu dekonspirieren. Die Stasi kam zur Überzeugung, dass Schillings Material der DDR nicht schade. Schilling habe "keine wesentliche Einflusssphäre". Als Erfolg ihres Einwirkens verbuchte die Stasi, dass der Schriftsteller aus Bielen keinen Ausreiseantrag gestellt habe und dass verhindert wurde, dass Schilling mit "negativ-dekadenten Kräften eine Plattform bilden konnte". In Bezug auf eine staatsfeindliche Tätigkeit gab es keine Ergebnisse. Die Stasi stellte den Operativen Vorgang 1987 ein.
Wer mehr über die krankhafte Arbeit der Stasi und ihrer willigen Helfershelfer wissen will, der kann sich eingehend in dem erwähnten Buch "Opposition und Verweigerung in Nordthüringen 1976-1989" informieren. Das Buch, in dem auch andere Nordhäuser Personen und Persönlichkeiten zu Wort kommen, ist in der Buchandlung Rose in Nordhausen erhältlich.
Patrick Grabe
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