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Mo, 07:01 Uhr
21.09.2009

NNZ-SERIE „WENDE-ZEITEN“ (Teil 11)

Die nnz setzt ihre Serie fort, die an die friedliche Revolution in der damaligen DDR und damit auch in Nordhausen vor 20 Jahren erinnern soll. nnz-Autor Hans-Georg Backhaus beschreibt in diesem Teil die Geburt des Runden Tisches...

Wende-Zeiten (Foto: Stadtarchiv) Wende-Zeiten (Foto: Stadtarchiv)

Die Jubel- und Aufbruchstimmung in Folge der überraschenden Grenzöffnung barg aber die Gefahr des Kippens des in Gang gekommenen revolutionären Prozesses in sich. Völlig zurecht riefen daher führende Köpfe der Oppositionsgruppen zur Wachsamkeit auf und warnten davor, sich nicht einlullen zu lassen von der „großen westlichen Freiheit“, nun für jedermann erlebbar war. Demonstrationen und Kundgebungen verzeichneten nämlich deutliche abnehmende Teilnehmerzahlen.

All jene, die noch immer kamen, vernahmen um so eindringlicher den Ruf: Wir sind noch längst nicht am Ziel. Haltet durch, unsere friedliche Revolution muss zu Ende gebracht werden! Doch Verfechter der alten Ordnung verknüpften mit dem vorübergehenden Abflauen des Revolutionsprozesses die Hoffnung auf Erhalt bzw. Wiedererlangung ihres Machteinflusses.

Wie sehr die alten Machtstrukturen im Kreis Nordhausen noch funktionierten, bekamen die Oppositionsgruppen während einer bedeutenden Kreistagssitzung am 25. November 1989 zu spüren. Zunächst nahm der Vorsitzende des Rates des Kreises Nordhausen, Klaus Hummitzsch, schonungslos und äußerst kritisch zur wirtschaftlichen und politischen Situation im Kreis Nordhausen Stellung. Er schlug den Volksvertretern die Bildung einer zeitweiligen Kommission aus Vertretern aller Mandatsträger und des Neuen Forums vor.

Sie sollte Amtsmissbrauch und Korruption untersuchen und die Ergebnisse den Kreistag vorlegen. Der Vorschlag fand einhellige Zustimmung. In dieser Sitzung traten die Abgeordneten der CDU erstmals als Fraktion auf. Als ihr Vorsitzender fungierte fortan Dr. Manfred Schröter, der zu den herausragenden Reformkräften der christlichen Demokraten des Kreises Nordhausen zählte.

Und es war auch das erste Mal, dass den Bürgerbewegungen Rederecht im Kreistag gewährt wurde. Holger Wengler sprach als Vertreter der neuen Gruppierungen und hatte gerade mal fünf Minuten, um den Abgeordneten die Sichtweisen und Forderungen der Bürgerbewegungen vorzutragen. Während die Sprecher aller Parteien und Massenorganisationen für ihre Ausführungen mit reichlichem Beifall bedacht wurden, war nach Wenglers Rede nur Raunen zu vernehmen. In dieser Sitzung erhielt er als einziger Redner keinen Beifall. Die Gründe dafür lagen in seinen vorgetragenen Forderungen nach Rücktritt der gewählten Vertreter des Stadt- und Kreisparlamente sowie die Feststellung der Unrechtmäßigkeit der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989. Das ging den Abgeordneten zu weit. Einzig sie fühlten sich legitimiert, die Interessen der Menschen in Stadt und Kreis zu vertreten.

In der aufgeheizten Atmosphäre dieser Kreistagssitzung gab es erfreulicherweise auch Momente der Besinnung. So ergriff u.a. das CDU-Mitglied Herbert Gerhardt das Wort und brachte seine Sorge zum Ausdruck, dass sich die Dinge nun umkehren könnten. Bisher habe die SED immer mit eiserner Hand regiert. Nun bestehe die Gefahr, die Bürgerbewegungen könnten mit gleicher Münze zurück zahlen. Er mahnte aus seinem christlichen Verständnis heraus zu Gewaltlosigkeit und tolerantem Umgang miteinander.

Wende-Zeiten (Foto: Stadtarchiv) Wende-Zeiten (Foto: Stadtarchiv) Derlei aufrüttelnde Worte und Mahnungen waren von unterschiedlichen Personen während des revolutionären Prozesses oft zu hören. Und sie waren auch angebracht, denn die Gefahr gewaltsamer Ausschreitungen von welcher Seite auch immer war nie gänzlich gebannt. Das Kräftespiel setzte sich auch in der Folgezeit noch fort. Erst unter Vermittlung der evangelischen und katholischen Kirche entspannte sich die Situation allmählich und beide Lager signalisierten schließlich wieder Gesprächsbereitschaft.

Für den 1. Dezember 1989 lud das Neue Forum Vertreter der Oppositionsgruppen, der Kirchen, des Rates der Stadt und des Kreises in die Nordhäuser Frauenberg-Kirche ein. Anfänglich mokierten sich die Vertreter der Blockparteien nicht ganz unberechtigt über die Art und Weise der Einladung. Sie fühlten sich „vorgeladen“. Doch schließlich konnten die Gespräche beginnen und alsbald erzielte man Einigung darüber, ein gemeinsames Arbeitsgremium zu bilden. Das Fundament für die Etablierung des Runden Tisches im Kreis Nordhausen war somit gelegt. Jede Partei und Gruppierung hatte unabhängig von der Zahl ihrer Mitglieder bzw. Anhänger eine Stimme.

Die Mitglieder des Runden Tisches waren nicht gewählt, doch sahen sie sich von den Menschen des Kreises, die eine Veränderung des politischen und wirtschaftlichen Lebens erreichen wollten, vorübergehend für diese Aufgabe legitimiert. Dem Gremium gehörten Vertreter von SDP in der DDR, CDU, LDP, SED-PDS, DBD, FDGB, DFD, DA, NF sowie der evangelischen und katholischen Kirche an. Zudem saßen als Vertreter der Exekutive der Ratsvorsitzende Klaus Hummitzsch, der amtierende Bürgermeister von Nordhausen, Olaf Dittmann, und seitens der Schutzorgane der amtierende Leiter des VPKA Nordhausen, Major Franz Eichler, mit am Tisch.

Wende-Zeiten (Foto: Stadtarchiv) Wende-Zeiten (Foto: Stadtarchiv)

Und wenn es sich erforderlich machte, wurden Leiter von Fachabteilungen aus den Verwaltungsbereichen hinzugezogen. Aufgabe des Gremiums war es u. a, Lageberichte der Volkspolizei entgegenzunehmen, aktuelle Fragen der Wohnungs- und Versorgungssituation sowie des Gesundheits- und Bildungswesens zu klären und Vorbereitungen für erste freie Wahlen zu treffen.

Mit bewundernswertem Geschick und dem erforderlichen Einfühlungsvermögen moderierte Propst Joachim Jaeger ab der 3. Sitzung dieses Forum. Die angespannte politische und wirtschaftliche Situation im gesamten Kreis brachte es mit sich, dass der Austausch von Meinungen und Standpunkten und das Ringen nach Lösungen in der Regel sehr kontrovers verliefen. Dass sich trotz dieser Umstände alsbald eine Kultur des Streites entwickelte, war unbestritten das Verdienst des evangelischen Geistlichen. Für die Menschen am Runden Tisch war die Arbeit in diesem Gremium zweifellos auch ein Stück Unterricht im Erlernen demokratischer Spielregeln. Es setzte sich alsbald die Erkenntnis durch, dass gelebte Demokratie durchaus auch Freude machen kann und es nur fair ist, auch und vor allem dem politischen Gegner mit Respekt zu begegnen.

Der Runde Tisch des Kreises Nordhausen existierte fünf Monate. Am 9. Mai 1990 kamen seine Mitglieder zur 21. und letzten Sitzung zusammen. In seiner Abschlussrede forderte Joachim Jaeger die Vertreter aller Parteien und Organisationen auf, „den Bürgerbewegungen Raum zu geben, damit sie sich entfalten und der Demokratie verändernde Impulse zufließen lassen können“.

Dr. Manfred Schröter wird Bürgermeister

Das Ergebnis der ersten freien Kommunalwahlen vom 18. Mai 1990 in Stadt und Kreis Nordhausen ähnelte dem Ausgang der Volkskammerwahl vom 6. März 1990. Klarer Sieger wurde abermals die CDU (56,1 %). Ihr folgten die SPD (20,84 %), die PDS (9,85 %), die Liberalen (4,8 %), DA (1,7 %) und schließlich Bündnis 90 (1,6 %).

Alsbald begannen Koalitionsverhandlungen auf Stadt- und Kreisebene. In der neuen Volksvertretung der Rolandstadt hatte die CDU 29 von insgesamt 65 Mandaten erlangt. Während der konstituierenden Sitzung der Nordhäuser Stadtverordnetenversammlung am 31. Mai 1990 wurde Dr. Manfred Schröter (CDU), der von seiner Partei zunächst als Landratskandidat im Gespräch gewesen war, mit nur einer Gegenstimme erwartungsgemäß zum neuen Bürgermeister der Rolandstadt gewählt. Es gab keinen Gegenkandidaten.

Angesichts der Größe der zu lösenden Aufgaben hatte Schröter im Vorfeld eine breite Koalition zwischen CDU, SPD, DA und Liberalen verabredet. Präsident der neuen Stadtverordnetenversammlung wurde zunächst Reinhold Weidemann. Gesundheitliche Probleme zwangen ihn schon bald zur Aufgabe des Amtes, das dann Dr. Götz Ehrhardt übernahm.
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnz

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