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So, 13:40 Uhr
08.09.2002

Briefe aus Bad Füssing (8)

Bad Füssing/Nordhausen (nnz). Es ist ein schöner Tag hier in Niederbayern. Die Sonne lacht, die Menschen bummeln, sie reden miteinander: Vielleicht über Fußball, auf jeden Fall über das Duell...


Heute gilt es für Kanzler und Kandidat, sich noch einmal vor Millionen von Zuschauern zu präsentieren. Neuigkeiten wird es kaum geben. Die Inhalte sind bekannt, es kommt jetzt nur noch auf die Verpackung an. Wird es dem Medienkanzler gelingen, noch einmal das Ruder herumzureißen? Heute bietet sich dazu die vielleicht allerletzte Chance. Ansonsten ist der Wahlkampf doch gelaufen, hier in Bad Füssing genau so wie im heimischen Nordhausen.

Zwar werden auf den Straßen im Landkreis Nordhausen, vor allem aber vor der Südharz-Galerie noch einmal die Parteienstände aufgebaut, wird der eine oder andere Flyer verteilt, doch ob das etwas ändern wird, sei dahingestellt. Ob SPD oder Union - sie wollen die Unschlüssigen erreichen, hier sehen beide das größte Reservoir für einen Sieg. Vielleicht sollten sich beide Lager aber jetzt schon fragen, warum der Anteil der Unentschlossenen gerade in diesen Tagen, Wochen oder Monaten so hoch ist?

Die Antwort ist ganz einfach: Sie, die Wähler sind von der Politik enttäuscht. Sie hat ihnen weder Antworten geben können, noch konnten politische Einflüsse etwas ausrichten, wenn es um das Thema Arbeit ging. Sicher, der Kanzler hatte sich vor vier Jahren etwas weit aus dem Politshow-Fenster gewagt mit seiner Arbeitslosen-Prognose. Doch erinnern wir uns an das Jahr 1998. Da ging es mit der Wirtschaft zaghaft nach oben ­ auch im alltäglichen Nordthüringer Leben. Die New-Economy war gerade erst geboren und wurde aufgepäppelt. An ihr klammerten sich Politiker, Wirtschaftsgelehrte und der Otto-Normal-Bürger.

Der wurde zum Beispiel Aktionär. Und mal ehrlich, so schnell wurde nicht einmal Rockefeller Millionär: Wer sich Ende 1997 200 Aktien eines bis dahin weitgehend unbekannten Unternehmens EM-TV kaufte, der war Ende 1999 Millionär. Die Beispiele ließen sich fortsetzen.

Doch es kam alles anders. In den USA kühlte sich die wirtschaftliche Atmosphäre ab, unternehmerische Blasen platzten in den Staaten, später auch in Deutschland. Die New Economy - einst von Analysten hoch gejubelt, wurde nur wenige Jahre später von den gleichen Experten kaputtanalysiert.

Das alles wäre auch geschehen, wenn in Deutschland nicht SPD und Grüne, sondern CDU/CSU und Liberale das Sagen gehabt hätten. Der 11. September und seine Folgen - unter „schwarz-gelb“ - wären die gleichen gewesen. Vielleicht hätte man nur einmal an die Zyklen des Kapitalismus denken sollen. Einer Konjunktur folgte immer eine Rezession. Die Talsohle der Wirtschaft ist vielleicht durchschritten, irgendwann geht es nach oben. Auf der Strecke sind jedoch viele Unternehmen geblieben, Unternehmen der alten und neuen Ökonomie! Hätten Sie vielleicht gedacht, dass ein Gigant wie Mannesmann einfach feindlich übernommen und damit aus der deutschen Wirtschaftsgeschichte ausradiert wird? Hätten Sie es glauben können, dass ein Bau-Imperium wie Holzmann einfach abgewickelt wird?

Hätten die Banken in den zurückliegenden Jahren etwa nicht Zehntausende Mitarbeiter entlassen bei einer anderen Regierung? Wäre die Baubranche nicht den Bach runtergegangen, wenn Helmuth Kohl weitere vier Jahre regiert hätte?

Wie aber sind die Versprechen der Parteien für die kommenden vier Jahre? Genaue Zahlen fallen weder dem Jetzt-Kanzler, noch seinem Widersacher ein. Man verspricht also, allerdings keine blühenden Landschaften mehr. Wohlwissend, dass einzig und allein die Wirtschaft die Szenerie in und vielleicht auch um Deutschland herum bestimmen wird. Kapital geht dorthin, wo es sich besser vermehren lässt. Die Möglichkeiten dazu sind durch das neue Europa besser geworden. Doch profitieren davon auch die Menschen?

Wie erging es dem Einzelnen in den zurückliegenden vier Jahren? Wie wird es ihm in den kommenden vier Jahren ergehen? Wer wird diese Fragen nicht nur beantworten, sondern wer wird Garantien geben? Keine Partei - so die Einschätzung des Wahlvolkes. Sollte nach der jetzigen wirtschaftlichen Talsohle, wieder das zaghafte Pflänzchen der Konjunktur den Boden durchstoßen, dann weder, weil Links oder Rechts an der Macht ist. Vielleicht ist diese Tatsache den Menschen auch in Nordhausen bewusst geworden, nicht direkt, wohl aber durch das eigene Erleben.

Den Managern des Wahlkampfes ist sie bewusst. Und so wird auch Stunden vor diesem TV-Duell nicht mehr auf Inhalte, sondern auf Formen gesetzt. Nicht die Antworten werden interessieren, sondern die Art und Weise, wie sich Schröder und Stoiber präsentieren. Vielleicht wird der eine oder andere Unentschlossene in eine Richtung gelenkt, die Masse der heutigen Zuschauer will einfach unterhalten werden. Ob allerdings ein SPD-Kreisverband in der Nähe von Köln immer noch Wetten auf die Zahl der Stoiberschen „Äähs“ annimmt, das mag ich zu bezweifeln. Und mal ehrlich, wenn in den kommenden vier Jahren Tausende Arbeitsplätze geschaffen werden, dann ist es mir egal, ob ein Kanzler hundert Mal „Ääh“ sagt, oder sich vielleicht die Haare färben lässt.

Trotzdem wünsche ich Ihnen einen angenehmen Sonntag, einen erlebnisreichen Duell-Abend mit Eddie und Gerhard und verbleibe

mit vielen Grüßen ­ Ihr Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

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