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Di, 07:12 Uhr
10.02.2009

Auf dem Weg zurück

Es war ein Unfall, der das Leben von Thomas Krug veränderte. Die Liste der Verletzung ist lang und brutal in ihrer Nüchternheit. In Sülzhayn wird versucht, den jungen Mann in sein normales Leben zu begleiten. Es könnte gelingen...

Zurück ins Leben (Foto: KMG) Zurück ins Leben (Foto: KMG)

Gezielt setzt Jana Gruschka ihre Fingerspitzen auf Thomas Krugs Gesicht. Sie drückt und zieht an den Wangen, um die Augen und an der Stirn des jungen Mannes. So stimuliert die Logopädin seine Gesichtsmuskulatur. „Jetzt lächeln“, sagt Jana Gruschka und einen kurzen Moment später: „Und wieder locker lassen.“ Thomas Krug entspannt seine Gesichtszüge. „Vorher bin ich ins Fitnessstudio gegangen. Jetzt ist das hier mein Fitnessstudio“, sagt der gut aussehende 24-Jährige und malt mit dem Zeigefinger ein Viereck um seine linke Augenpartie. Sein linkes Auge zwinkert häufig. Am Anfang ging es überhaupt nicht von allein zu. Wenn Thomas Krug schlafen wollte, klebten es die Pfleger zu. Künstliche Tränen verhinderten, dass das Auge zu sehr austrocknete. Eine Folge des Autounfalls, den Thomas Krug Mitte Oktober vergangenen Jahres hatte.

Wer Thomas Krug heute sieht, kann nicht glauben, dass die Liste der Verletzungen wirklich ihm widerfahren ist: Genick, Schädelbasis und Jochbein gebrochen, Hirnblutung, eine halbseitige Gesichtslähmung – an der er heute mit Jana Gruschka arbeitet. In seinem Hals stecken ein dicker Bolzen und eine Platte aus Platin, die nun für den Rest seines Lebens die Wirbelsäule stabilisieren. Eine Narbe am Hals zeugt noch von der Trachealkanüle, die am Anfang verhinderte, dass etwas in die Luftröhre gelangte. Schlucken musste Thomas Krug erst wieder lernen.

Obwohl der Autounfall erst drei Monate her ist, ist von den weit reichenden Folgen auf den ersten Blick nichts mehr zu sehen. „Das es so schnell ging, ist schon außergewöhnlich. Das liegt auch an Thomas Ehrgeiz und seiner Familie, die am Anfang mit hier war“, sagt Gisa Czieschnek. „Hier“ ist das KMG Rehabilitationszentrum in Sülzhayn, wo er bereits neun Tage nach dem Unfall hinkam. „Es war gut, dass meine Freundin und meine Tochter mit hier waren. Sie haben mir ganz viel Kraft gegeben“ erinnert sich Thomas Krug. Tochter Lotta war zum Zeitpunkt des Unfalls erst zwei Monate alt und Chefärztin Gisa Czieschnek hatte anfangs schon ein mulmiges Gefühl, als ihr schwer verletzter Patient das Baby auf den Arm nahm.

Doch Lotta und ihre Mutter Kathrin bauten Thomas auf und sind wohl der Hauptgrund für seine Motivation und Ausdauer, so hart an sich zu arbeiten. „Das ist wie beim Bizeps. Viel machen bringt auch viel. Ich bin so dankbar für die Hilfe, die ich hier bekomme“, sagt der 24-Jährige aus Aschersleben. Und der Erfolg gibt ihm Recht, auch wenn noch längst nicht alles so funktioniert wie vor dem Unfall. „Ich neige auch schnell zur Selbstüberschätzung. Aber wenn ich dann mal für ein verlängertes Wochenende nach Hause fahre, holt mich das schnell auf den Boden der Tatsachen zurück und ich sehe, was noch nicht so gut klappt im Alltag.“

Zurück ins Leben (Foto: KMG) Zurück ins Leben (Foto: KMG)
Chefärztin Gisa Czieschnek im Gespräch mit Verwaltungsdirektor Christian Rettberg

Den Alltag lernen die Patienten im KMG Reha-Zentrum Sülzhayn wieder neu. Die Klinik hat sich auf Kinder, Jugendliche und Heranwachsende bis 27 Jahren spezialisiert. „In dieser Altersgruppe gibt es die größten Heilungschancen. Bei jungen Menschen lassen sich Gehirnareale noch umtrainieren“, sagt Chefärztin Gisa Czieschnek. „Unsere Erfolgsquote liegt bei 75 bis 80 Prozent“, ergänzt Verwaltungsdirektor Christian Rettberg, der das Rehabilitationszentrum seit einem halben Jahr leitet. Viele Kinder und Jugendliche, die nach Sülzhayn kommen, hatten einen Unfall.

„Alle, die wegen eines Fahrradunfalls hier sind, hatten keinen Helm auf“, stellt Gisa Czieschnek klar. Die Fachärztin für Kinderchirurgie zählt Entzündungen am Gehirn oder der Gehirnhaut, Schädelhirntraumata und Hirnblutungen als weitere beispielhafte Gründe für einen Aufenthalt in Sülzhayn auf. Auch Brandverletzte und Kinder mit neurologisch-orthopädischen Fehlbildungen wie Klumpfüßen oder Hüftfehlstellungen behandeln die 140 Mitarbeiter (Ärzte, Pfleger und Therapeuten). „Wir setzen unseren Schwerpunkt in der Neurologie. Wir wollen die neurologische Frührehabilitation für Kinder und Jugendliche weiter ausbauen und unseren Einzugsbereich vergrößern“, benennt Klinikchef Christian Rettberg die Ziele für die kommenden Monate.

1994 hat die KMG Kliniken AG mit Hauptsitz in Bad Wilsnack das Rehabilitationszentrum in Sülzhayn übernommen und im Jahr 2002 erfolgte ein Umzug ins Klinikgebäude am Haidberg. Neben dem Therapiebereich, in dem die Patienten bis zu eineinhalb Jahre bleiben, leben im Wohn- und Werkstattbereich rund 60 Menschen mit Behinderung, die eine dauerhafte Pflege brauchen. Christian Rettberg ist es wichtig, die Klinik zu öffnen. „Mein Ziel ist es, dass wir hier nicht separat oben am Waldrand sitzen, sondern uns in die Region einbringen.“ Der Sülzhayner Förderverein für Menschen mit Behinderungen wird im Frühling den Spielplatz vor der Klinik erweitern. Geplant sind auch die ersten zwei Bahnen einer Minigolfanlage. Außerdem sollen ein Dutzend Schafe zu den Ziegen in das Gehege direkt vor der Klinik einziehen. All das soll die Einwohner, vor allem die Kinder zur Klinik ziehen, um die Distanz zu den Patienten zu überwinden.

Vor dem gläsernen Klinikeingang stehen große Holzschlitten. Die Therapeuten nutzen den Schnee am Hang direkt vor ihrer Haustür aus. Einen Schlitten zu ziehen erfordert schließlich ein unglaubliches Zusammenspiel von Sinnen, Gehirn und Muskeln. Bewegung ist ein wichtiges Instrument. In der Physiotherapie reiten und schwimmen die Patienten, erklimmen eine Kletterwand und trainieren im Fitnessraum. Aber wichtig sind auch ganz kleine Bewegungen. Zum Beispiel in der Ergotherapie: Patienten befühlen verschiedene Materialien, um ihren Tastsinn wieder zu schärfen.

„Ganz wichtig ist auch die Musiktherapie, denn dabei gewinnen wir viel, obwohl der Therapeut etwas gibt“, sagt Gisa Czieschnek. Durch den gezielten Einsatz von Musik wird in dieser Therapie eine therapeutische Wirkung erzielt (z. B. Krankheitsbewältigung, soziale Integration, ICH-Störung). Das genannte Spektrum spiegelt nur einen kleinen Aspekt des umfassenden Therapieprogramms wider, an dem die Patienten in Einzelsitzungen teilnehmen. Trainiert werden auch das Gedächtnis, die Konzentration oder die Wahrnehmung. Alltägliche Abläufe wie sich selbst waschen, Tisch decken oder aufräumen, aber auch soziale Fähigkeiten üben die Therapeuten, die alle eine Spezialausbildung haben, wieder mit ihren Patienten ein. Denn oft verändern Hirnverletzungen vorübergehend den Charakter.

„Sehr wichtig ist auch der Pflegebereich. Gerade in der Frühreha, wo viele Patienten gelagert und gewickelt werden. So werden beispielsweise Patienten, die sehr aktiv und unruhig sind, beruhigend gewaschen. Oft ist die Pflege sehr aufwändig, so dass zwei Pfleger einen Patienten betreuen“, erzählt Gisa Czieschnek. „Ich bin wirklich beeindruckt von den Mitarbeitern. Nicht nur von ihrer Qualifikation, sondern auch davon, wie sie den Belastungen standhalten“, spricht Christian Rettberg die körperlichen und vor allem auch die emotionalen Herausforderungen in Sülzhayn an – gerade bei den kleinen Patienten.

Ganz am Ende der Reha kommt einer der wichtigsten Tests für die Patienten: In einer Phase von mehreren Wochen testen sie den Alltag in ihrer alten Schule bzw. am Arbeitsplatz. Das hat auch Thomas Krug noch vor sich. Der Elektroinstallateur wird im Produktionsbereich seiner Firma wieder einstiegen. Danach kommt er noch einmal nach Sülzhayn und schaut gemeinsam mit seinen Ärzten und Therapeuten, ob er den Belastungen im Berufsalltag schon wieder gewachsen ist.

Verläuft alles gut, erfüllt sich auch Thomas Krugs größter Wunsch: „Ich will wieder nach Hause.“ Das wird der junge Vater quasi in Rekordzeit auch schaffen - fast so gesund wie vor seinem Unfall.
Autor: nnz

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