Do, 07:09 Uhr
20.11.2008
Können das Menschen machen?
Sie sind wohl die eindringlichste Form der Geschichtsvermittlung – die Zeitzeugen. Kein Buchstabe, kein Buch kann Erlebtes erlebbarer machen als der Mensch mit seinen Erinnerungen, seinen Gefühlen, zu denen Hass und Dankbarkeit gleichermaßen gehören. Etwa 40 – vorwiegend junge Menschen – hörten am Abend erlebten Geschichte.
Franz Rosenbach, 1927 in Deutschland geboren, in Österreich aufgewachsen, ist Sinti. Diese Art paßte damals der arischen Rasse, den angeblichen Übermenschen nicht. Der junge Franz wollte bei der Reichbahn lernen, vielleicht Lokführer werden – so viele Jungen damals und heute. Los geht es jedoch im Gleisbau. Mitten in der Arbeit wurde er von der Gestapo abgeholt, im Polizeigefängnis wartete schon seine Familie, sechs Kinder, drei Erwachsene. Zusammengepfercht in einer kleinen Zelle.
Dann der erste Transport, die erste Begegnung mit dem Tod. Im Wiener Polizeigefängnis muß er, der damals 15jährige, einen Korb voller abgeschlagener Köpfe tragen. Weniger Tage später der nächste Transport nach Auschwitz, Birkenau – die Todesfabrik wurde gerade aufgebaut. Seinen Onkel, seine Mutter die sechs Geschwister sieht er nie wieder. Er kommt nach Weimar, muß die Straße zum Ettersberg hinauf mitbauen. Hier – bei der Arbeit in einem Steinbruch - gibt es wenigstens was zu essen: Ein Stück Brot, ein Würfel Margarine – das Himmelreich.
Das Grausame, das Unmenschliche, der Tod, das Sterben in Auschwitz, jetzt in Weimar und immer die Frage: Das können Menschen doch nicht mit Menschen machen? Doch, sie können, sie machen. Von Weimar geht es weiter nach Nordhausen. In die Hölle Dora. Franz Rosenbach erzählt den jungen Menschen vom Stollen, von den Sprengungen, die umherfliegenden Steine, vom Sterben im Kohnstein, von den Toten unter dem Geröll.
Er erzählt auch von Wernher von Braun, wie der Raketenbauer die Häftlinge anschrie, sie demütigte, er erzählte von den Schlägen und Tritten der zivilen Ingenieure, nur weil er einen Bohrhammer abgebrochen hatte. Dora war ein strenges Lager, aber es gab auch gute Menschen, gute Kapos. Auch im benachbarten Harzungen. Dort waren die Unterkünfte der Häftlinge, dort erlebte Rosenbach die ersten Angriffe von Tieffliegern. Wußten er und seine Kameraden vom nahenden Ende des Krieges? Nein! Es war den Meisten egal, sie kämpften ums Überleben, jeden Tag, manchmal auch gegeneinander.
Dann der Marsch ins Ungewisse, das Lager in Harzungen wurde aufgegeben. Hunger, Kälte, Tod, jeden Tag, jede Nacht. Irgendwann kamen die wenigen Überlebenden in der Nähe von Dessau an. Lange verstecken sich Franz und sein Schwager im Wald, dann suchten sie Eßbares, auf einem Feldweg kam ihnen ein alter Mann entgegen: Der Krieg ist vorbei! Die erste Kartoffelsuppe, ein Stück Brot, Freiheit. Doch wohin? Franz wollte zurück nach Österreich, dort gehörte er doch hin.
Der 81jährige hat all das überlebt, er hat nicht vergessen. Kann das ein Mensch jemals vergessen? Nein, Franz Rosenbach hat es gestern Abend im Museum der Gedenkstätte Mittelbau Dora weitergegeben. Er war schon oft hier. In Dora. In der von ihm er- und durchlebten Hölle. Er will der Jugend vermitteln, will sie mit sanften Worten wachrütteln. Rosenbach denkt, Menschlichkeit kommt von innen, genauso wie Unmenschlichkeit.
90 Minuten erzählt der Mann, man hätte ein Papiertaschentuch zu Boden fallen hören. Die Geschichte des Franz Rosenbach war bedrückend und ermutigend zugleich. Sie erzählte vom Kampf des Menschlichen gegen das Unmenschliche. Dieser Kampf hatte letztlich einen Sieger, aber eben auch Millionen von Opfern. Und genau das darf sich nicht wiederholen.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnzFranz Rosenbach, 1927 in Deutschland geboren, in Österreich aufgewachsen, ist Sinti. Diese Art paßte damals der arischen Rasse, den angeblichen Übermenschen nicht. Der junge Franz wollte bei der Reichbahn lernen, vielleicht Lokführer werden – so viele Jungen damals und heute. Los geht es jedoch im Gleisbau. Mitten in der Arbeit wurde er von der Gestapo abgeholt, im Polizeigefängnis wartete schon seine Familie, sechs Kinder, drei Erwachsene. Zusammengepfercht in einer kleinen Zelle.
Dann der erste Transport, die erste Begegnung mit dem Tod. Im Wiener Polizeigefängnis muß er, der damals 15jährige, einen Korb voller abgeschlagener Köpfe tragen. Weniger Tage später der nächste Transport nach Auschwitz, Birkenau – die Todesfabrik wurde gerade aufgebaut. Seinen Onkel, seine Mutter die sechs Geschwister sieht er nie wieder. Er kommt nach Weimar, muß die Straße zum Ettersberg hinauf mitbauen. Hier – bei der Arbeit in einem Steinbruch - gibt es wenigstens was zu essen: Ein Stück Brot, ein Würfel Margarine – das Himmelreich.
Das Grausame, das Unmenschliche, der Tod, das Sterben in Auschwitz, jetzt in Weimar und immer die Frage: Das können Menschen doch nicht mit Menschen machen? Doch, sie können, sie machen. Von Weimar geht es weiter nach Nordhausen. In die Hölle Dora. Franz Rosenbach erzählt den jungen Menschen vom Stollen, von den Sprengungen, die umherfliegenden Steine, vom Sterben im Kohnstein, von den Toten unter dem Geröll.
Er erzählt auch von Wernher von Braun, wie der Raketenbauer die Häftlinge anschrie, sie demütigte, er erzählte von den Schlägen und Tritten der zivilen Ingenieure, nur weil er einen Bohrhammer abgebrochen hatte. Dora war ein strenges Lager, aber es gab auch gute Menschen, gute Kapos. Auch im benachbarten Harzungen. Dort waren die Unterkünfte der Häftlinge, dort erlebte Rosenbach die ersten Angriffe von Tieffliegern. Wußten er und seine Kameraden vom nahenden Ende des Krieges? Nein! Es war den Meisten egal, sie kämpften ums Überleben, jeden Tag, manchmal auch gegeneinander.
Dann der Marsch ins Ungewisse, das Lager in Harzungen wurde aufgegeben. Hunger, Kälte, Tod, jeden Tag, jede Nacht. Irgendwann kamen die wenigen Überlebenden in der Nähe von Dessau an. Lange verstecken sich Franz und sein Schwager im Wald, dann suchten sie Eßbares, auf einem Feldweg kam ihnen ein alter Mann entgegen: Der Krieg ist vorbei! Die erste Kartoffelsuppe, ein Stück Brot, Freiheit. Doch wohin? Franz wollte zurück nach Österreich, dort gehörte er doch hin.
Der 81jährige hat all das überlebt, er hat nicht vergessen. Kann das ein Mensch jemals vergessen? Nein, Franz Rosenbach hat es gestern Abend im Museum der Gedenkstätte Mittelbau Dora weitergegeben. Er war schon oft hier. In Dora. In der von ihm er- und durchlebten Hölle. Er will der Jugend vermitteln, will sie mit sanften Worten wachrütteln. Rosenbach denkt, Menschlichkeit kommt von innen, genauso wie Unmenschlichkeit.
90 Minuten erzählt der Mann, man hätte ein Papiertaschentuch zu Boden fallen hören. Die Geschichte des Franz Rosenbach war bedrückend und ermutigend zugleich. Sie erzählte vom Kampf des Menschlichen gegen das Unmenschliche. Dieser Kampf hatte letztlich einen Sieger, aber eben auch Millionen von Opfern. Und genau das darf sich nicht wiederholen.
Peter-Stefan Greiner


