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Do, 13:48 Uhr
21.02.2002

Die "documenta" in Nordhausen?

Nordhausen (nnz). Die Landesgartenschau in Nordhausen wirft ihre Schatten voraus. Vieles änderte und ändert sich in der Rolandstadt. Während die Offiziellen von Erfolgen sprechen, sind viele Bürger misstrauisch. nnz mit dem Versuch einer Bestandsaufnahme.


Glaubt man des Volkes Meinung, dann haben die ersten Projekte im Zusammenhang mit der Landesgartenschau nicht unbedingt das Vertrauen in die Leistungen der Planer befördert. Der Bahnhofsvorplatz wird da schon mal salopp als „Steinwüste“ deklariert, ein ähnliches „Stimmungsbild“ zeichnet sich für den Theatervorplatz als Markenzeichen einer „Landesgranitschau“ ab. Natürlich gibt es auch die Kritik von Architekten und Planungsbüros. Die äußerten sich bislang eher zurückhaltend oder anonym. So wurde unter anderem ein „Frauenstammtisch“ der Altstadt vorgeschoben, um Frust loszuwerden. Der verpuffte jedoch nicht nur wegen seiner Anonymität, vor allem wegen der nicht gerade gelungenen Argumentationslinie. Auch führen bestimmte Formulierungen immer wieder zu „Fachleuten“. Handelt es sich dabei wirklich nur um die bei „Aufträgen zu kurz Gekommenen“?

Einer, der in der vergangenen Legislaturperiode im Stadtrat saß und für die LGS in Nordhausen eintrat, ist Detlef Kiel. Er ist kein Architekt, vielmehr „nur“ Bauingenieur. Doch wie bei vielen seiner Kollegen ist die einstige Hoffnung hinsichtlich der positiven Wirkungen der LGS in den zurückliegenden Monaten vielmehr einer Sorge und persönlichen Enttäuschung gewichen.

Mit dem, was bisher realisiert, aber auch mit dem, was in den nächsten Jahren fertiggestellt wird, bestehe die Gefahr, daß eine große Chance verpasst werde. Die Suche nach der „eigenen Identität“ dieser Stadt sei ins Leere gelaufen, die gesuchte Identität wurde (bislang) nicht gefunden, meinte Kiel gegenüber der nnz. Vielmehr setze die Stadtverwaltung ihre „Tradition“ der Missachtung einheimischer Architektenbüros unvermindert fort. Die Wurzeln der Missachtung seien bereits in der Altstadtsanierung zu finden. Bevorzugt wurden und werden „ausgewählte“ Büros, das letztlich schafft einen ungeheuren Frust in der Branche. Inoffiziell hört man dann aus dem Rathaus, dass die „Einheimischen“ nicht gut genug wären.

Dafür planen die „Auswärtigen“ vor allem bei den Großprojekten zur LGS an den Wünschen, Erfordernissen und Bedürfnissen der Nordhäuser vorbei. Das Ergebnis fasst Kiel etwas herb zusammen: „Die Nordhäuser stehen schon jetzt verständnislos vor einem Kunstwerk.“ Auswärtige Planungsbüros, so die Einschätzung der nnz nach der „Info-Rundreise“, würden ihre auswärtigen Ideen verwirklichen, würden ihre „Achsen-Träume“ in Nordhausen realisieren, dann - nach 2004 - zieht die Karawane weiter. Zurückbleiben werden die Nordhäuser mit ihrer „neuen Mitte in einer neuen Stadt“. Wenn in einer Stadt wie Nordhausen „Jahrhundert-Veränderungen“ geplant werden, dann müssen sich die verantwortlichen Planer „in die Stadt hineinversetzen“, müssen Atmosphäre aufnehmen, vielleicht auch mal an einem Stammtisch sitzen.

Die Chance dazu ist vermutlich vertan, aus den anfänglich atmosphärischen Störungen zwischen Stadtverwaltung und LGS auf der einen und den Architektur- und Planungsbüros auf der anderen Seite ist eine offene Eskalation entstanden. Als Beispiele seien hier nur der Königshof und die Tiefgarage am Petersberg angerissen. Insider reden da mitunter auch schon von einer deftigen „Reihenfolge der Verarsch...“.

Fazit: Die Ergebnisse der bisherigen Projekte zur Landesgartenschau sind eher ernüchternd, eine Einschätzung der Profis wie des „Otto-Normal-Bürgers“. Hier scheinen sich Architekten und Landschaftsplaner auf einer Art Selbstverwirklichungstrip zu bewegen. Sie sind dabei ungestört. Die Motive dieses Handelns, das ist das Außergewöhnliche, sind (noch?) nicht auszumachen. Sie werden auch nicht oder nicht mehr hinterfragt, wie zum Beispiel im Nordhäuser Stadtrat. Vielleicht hat man all diese konstruktive Kritik auch schon aufgegeben, vielleicht war sie auch nie vorhanden? Anonyme Kritik wie von einem Frauenstammtisch der Altstadt ist dabei ebenso wenig hilfreich, wie das Ausleben persönlicher Animositäten. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, vielleicht sollte der abgerissene Gesprächsfaden zwischen den Fachleuten innerhalb und außerhalb des Rathauses wieder aufgenommen werden? Dafür plädiert auf jeden Fall der Vorsitzende der Architektenkammergruppe Nordthüringen, Michael Becke: „Viele Bürgergespräche sind bei einer solch komplexen Problematik nicht das Allheilmittel und sind schon gar keine Legitimation für Politik und Verwaltung. Die Planungen und deren Ergebnisse muß nicht erst die nächste Generation verstehen!“ Ist es also wirklich schon zu spät?
Autor: psg

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