So, 15:11 Uhr
04.02.2007
Faust im Goethesaal
Nordhausen (nnz). Ein riesiger Wassertropfen platscht auf der Nase eines Theaterbesuchers und zerspringt in viele kleine Tröpfchen.
Was für den Intendanten eines jeden Theaters der absolute Albtraum wäre, das ist in Deutschlands tiefster Bühne allgegenwärtig und wiederholt sich ständig. Aus unzähligen Stalaktiten tropft es munter weiter. Der Besucher zieht sich seine Decke fester über die Knie und schaut gebannt nach vorn.
Wir befinden uns in der Baumannshöhle in Rübeland im Harz. Genau genommen im Goethesaal. Der heißt so, weil es sich der Geheimrat zu Lebzeiten nicht nehmen ließ, insgesamt dreimal diese außergewöhnliche Höhle zu besuchen. Heute besuchen die Höhle Menschen, die sich sein Meisterwerk Faust I ansehen wollen. In der Inszenierung von Hubert Eckart bewältigen ganze sieben Darsteller dieses Großstück deutscher Dramatik.
Bühnenbild ist die malerische Höhle mit dem künstlich angelegten See in der Mitte, Video- und computeranimierte Installationen zaubern Effekte auf die nackten Tropfsteine, überall tauchen die Engel, Dämonen und Hexen auf und wieder unter. Bespielt wird alles, was dieser natürliche Saal zu bieten hat.
Eckart lässt seine Höhlenfassung gleich in der Faustschen Studierstube beginnen und verzichtet auf den geschwätzigen Prolog im Himmel. Ihm geht es um die Geschichte, nicht um die metaphysischen Zweifel eines ach so faustähnlichen Weimarer Geheimrats.
Ein alter, des ewig gleichförmigen und unerfüllten Lebens müder Faust ist drauf und dran, seinem Leiden von eigener Hand ein Ende zu setzen. Da hört er die himmlischen Heerscharen singen und überlegt es sich anders. Klaus Heydenbluth verleiht dem alten Faust einen Sarkasmus und Nihilismus, der unter die Haut geht. Er balanciert die Worte aus, wägt sie ab, lässt sie verächtlich fallen, pickt sich hier und da eines heraus, um sich humorlos darüber zu amüsieren.
Wagner der Famulus kommt, ein aufgeblasener Gockel voller Selbstzufriedenheit und greifbarer Arroganz. Werner Schwarz balanciert die Worte auch, aber ganz anders. Er will überall da noch Bedeutung hineinlegen, wo Faust längst nichts als Verzweiflung spürt. Davon merkt der Famulus nichts.
Der schwarze Pudel, der sich als Mephisto entpuppt, macht einen genervten, müden Eindruck. Routiniert spult er sein Programm ab und fragt sich innerlich, was dieser alte frustrierte Pauker wohl von ihm will? Als Faust ihm den Austritt aus seiner Kammer verweigert, wird der Teufel endlich munter. Robin Weinem ist ein jugendlicher Mephisto, der plötzlich gefährlich aufbrausen kann, um in derselben Sekunde wieder in seine aufreizende Trägheit zurück zu verfallen.
Er muss dem inzwischen verjüngten und von der Weisheit verlassenen Doktor Faust das Gretchen beschaffen. Heydenbluth überzeugt auch hier als ungeduldiger Lebemann, dem es in nichts schnell genug gehen kann.
Anne Scherliess spielt das naive Mädchen, das kurzzeitig hofft, mit diesem gebildeten Mann ein neues Leben beginnen zu können. Wunderbar verliebt ist sie und merkt nicht, wie sie zum Spielball zwischen den beiden Paktierern Faust und Mephisto wird.
Christiane Wascher-Jantosch ist eine brillante Frau Marthe, die den Teufel bei den Hörnern und fast noch anderswo packt. Aber da macht sich der Höllensohn lieber aus dem Staube. Die Wascher-Jantosch vollbringt in ihren fünf Rollen genau solche Heldentaten wie ihre Kollegen, die sich hinter den Naturkulissen in gefechtsalarmähnlicher Manier im Stockdunkeln umziehen, umschminken und zurechtfinden müssen. Kerstin Dathe und Mario Jantosch ergänzen die schnelle Einsatztruppe Faust und übernehmen gemeinsam mit Werner Schwarz alle anderen Rollen (Hexen, Studenten in Auerbachs Keller, Geister, Mädchen am Brunnen, Valentin usw.)
Es gibt hier auch keine Souffleuse. Deren Flüstern würde durch die beeindruckende Akustik der Höhle wahrscheinlich von jedem Zuschauer gehört, nicht aber von den Darstellern inmitten der felsigen Bühne, welche sich über fünfzig Meter Breite und zehn Meter Tiefe erstreckt. Eine Souffleuse wüsste auch gar nicht, wo sie sich dort postieren sollte.
Herausgekommen ist bei Hubert Eckarts Bemühungen eine faszinierende Aufführung mit sehr guten Schauspielern, die in ihrer Schlichtheit und wohltuenden Kürze (bei konstant 8°C in der Höhle!) das Stück auf das Ursprüngliche zurückführt. Die Reduktion auf das Wesentliche in Text, Handlung, Bühnenbild und Kostümen (Hanne Eckart) übt im Ambiente dieses einzigartigen Naturtheaters einen ganz eigenen Reiz aus, wirft ein ganz neues Licht auf den viel gespielten und oft missbrauchten Faust. Ein Lehrstück über die menschlichen Süchte und Begierden allemal, hier aber auch der Extrakt einer zutiefst anrührenden Geschichte von gebrochenen Versprechen und Herzen.
Weitere Infos und Aufführungstermine finden Sie unter www.harzer-bergtheater.de

