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Mo, 14:11 Uhr
14.01.2002

JS-Special: Milde Gaben unerwünscht (2)

Nordhausen (nnz). Im ersten Teil wurde unter diesem Titel die Problematik dargestellt, die hier gesammelte und in Entwicklungsländer exportierte Altkleider für die dortige Wirtschaft mit sich bringt. Welche Zusammenhänge aber in Deutschland mit dem Sammeln von Altkleidern bestehen, wird nachfolgend geschildert.


Nicht selten finden Bürger in ihren Briefkästen klein gefaltete Plastiksäcke mit der Bitte, sie für gebrauchte Kleidung zu verwenden, die man spenden möge. In jeder größeren Stadt stehen an geeigneter Stelle Container, die für Kleiderspenden bereit gehalten werden und gelegentlich hörte man schon, dass sich soziale oder karitative Organisationen bestohlen fühlen, wenn da irgendwo ein fremdes Auto auftauchte, um bereitgestellte Kleiderpakete einzusammeln, um die die eine oder andere Organisation anlässlich einer Sonderaktion geworben hatte. Und es soll auch noch Leute geben, die da meinen, die von ihnen gespendeten Kleider würden mehr oder weniger unmittelbar bedürftigen Menschen hier oder andernorts ebenso kostenlos zugute kommen.

Weit gefehlt. Es soll zwar nicht bestritten werden, dass solche Kleidung in dem einen oder anderen Falle wirklich armen Menschen hilft, ihrem diesbezüglichen Mangel abzuhelfen, im großen und ganzen aber ernähren sie eine ganze Gewerbebranche, für die diese gespendeten Altkleider ganz einfach eine Ware ist, die nach feststehenden Regeln einem Abhol-, Sortier- und Bereitstellungsprozess durchläuft, um schließlich kommerziell verwertet zu werden. Um es klar abzugrenzen: wer hiesigen Obdachlosen oder wirklich Hilfsbedürftigen Kleider zugute kommen lassen will, sollte sich damit an die nächstgelegene Kleiderkammer (DRK) oder an das zuständige Sozialamt oder allenfalls an einen Second-Hand-Shop wenden.

Ganz nüchtern betrachtet werden alte Klamotten als reines Wirtschaftsgut betrachtet und behandelt. Spezialisierte Firmen sortieren das Material nach Art Qualität, Stoff, Farbe und anderen Kriterien. Die Branche lebt davon, einen möglichst hohen Anteil wieder in den Wirtschaftsprozess einfließen zu lassen. Dabei verfügen etablierte Firmen über fast weltweite Verbindungen. Dass am meisten arme Volkswirtschaften bedient werden, liegt dabei in der Natur der Sache. Besonders lukrativ ist es, das gesammelte Material in Niedriglohnländern auswerten zu lassen.

Ein Bruchteil von ein bis drei Prozent der eingesammelten Ware ist so gut erhalten, dass sich hiesige Geschäfte dafür interessieren. Das gilt als besonders einträgliches Geschäft. Ähnlich hohe Einnahmen bringt der Export von weiteren knapp 40 Prozent weniger hochwertiger, aber noch brauchbarer Kleidung ­ vor allem nach Afrika und nach Mittel- und Osteuropa. Diese Praxis wiederum stört dort die Märkte und verdrängt einheimische Hersteller (siehe erste Beitragsfolge). Sie stößt auf heftige Kritik in den Empfängerländern, weil sie den karitativen Absichten der Spender nicht entspricht. Und diese würden vermutlich zurückhaltender sein in ihrer Spendenbereitschaft wenn sie wüssten, was mit den gespendeten Sachen geschieht.

Der nicht mehr zu gebrauchende Rest wird schließlich zu Putzlumpen verarbeitet oder aufgetrennt, um wieder als Rohstoff Verwendung zu finden. Ein Zehntel des gesamten Aufkommens gilt als Müll, der entsorgt werden muss. Laut Angaben des Fachverbandes ist nur der Handel mit alten Kleidern selbst profitabel, Entsorgung hingegen ist kostenaufwendig. Außer Frage steht, dass die Unternehmen unmittelbar mit Hilfsorganisationen verwoben sind. Im Gegenzug brauchen Malteser, Rotes Kreuz und Co. die Abnehmerfirmen. An die 400.000 bis 600.000 Tonnen beträgt das jährliche Aufkommen. Die Hilfswerke wollen dafür Geld, um es für notwendige eigene Zwecke investieren zu können. Und deren gibt es viele. Demgegenüber bedarf es des Exports jener Wirtschaftsgüter, denn ohne Ausfuhr ließe sich vieles der getragenen Kleidung hier kaum versilbern.

Der Handel vollzieht sich nach festen Regeln: eine Tonne unsortierter Altkleider kostet im Lande derzeit zwischen 150 und 350 Euro. Der Handelswert richtet sich dabei nach der Region: In reichen Großstädten wie Hamburg oder München springt mehr heraus als etwa in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg. Laut Frithjof Schepke, Geschäftsführer und Inhaber der Firma FWS in Bremen, herrscht derzeit Mangel an Nachschub, folglich ziehen die Preise an. Er hofft aber auf Nachschub nach dem Winter und dann wieder mit fallenden Preisen.

Es geht also insgesamt gesehen nicht um ein paar Hemden, sondern um Massenware. Der Fachverband schätzt das Gewicht der schließlich noch verwendbaren Gebrauchttextilien in Deutschland auf jährlich 400.000 Tonnen, die wieder in den Wirtschaftsprozess fließen. Verlässlich sind die Zahlen allerdings nicht, denn verbandsmäßig erfasst sind von etwa 90 Firmen nur 60 hiesige und 26 ausländische Unternehmen. Und über deren Gepflogenheiten lesen sie in der 3. Folge mehr.
Autor: nnz

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